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| Hedwig Dohm (1831–1919) |
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| Hedwig Dohm: Leben und Schaffen |
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Schrage: Hedwig Dohm
Hedwig Dohm wurde am 20. September 1831 als Marianne Adelaide Hedwig Schlesinger in Berlin geboren und war das vierte Kind von insgesamt achtzehn. Hedwig stammte aus einem großbürgerlichen Elternhaus. Ihr Vater war der aus einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie stammende und 1817 zum Protestantismus übergetretene Tabakfabrikant Gustav Adolph Gotthold Schlesinger, der im Jahre 1851 den Namen Schleh annahm. Ihre Mutter, Henriette Wilhelmine Jülich, kam aus bescheidenen Verhältnissen [...] |
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Quelle: Schrage, Gertraud Eva: "Hedwig Dohm." In: Hülsbergen, Henrike (Hrsg.): Stadtbild und Frauenleben: Berlin im Spiegel von 16 Frauenporträts. Berlin, 1997: 43–71, Auszüge 45–46, 53, 56. (leicht modifiziert) (gbb) |
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Jens & Jens: Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim Es war mit Sicherheit eine der interessantesten – man könnte auch sagen: kuriosesten – Familien der preußischen Metropole, in die Hedwig Pringsheim am 13. Juli 1855 hineingeboren wurde. Ihr Vater, Ernst Dohm, Spross einer armen jüdischen Familie, war bereits als Kind getauft und von einer frommen Mutter sowie einer pietistischen Gönnerin zum Theologen bestimmt worden. Nach erfolgreich absolvierten Examenspredigten hatte er jedoch Talar und Beffchen an den Nagel gehängt und sich als Hauslehrer und Übersetzer durchgeschlagen, ehe er 1848 mit der Gründung der politisch-satirischen Zeitschrift Kladderadatsch endgültig ins literarisch-journalistische Genre wechselte. Sein profundes Wissen, sein ebenso stil- wie treffsicherer Witz und seine unterhaltlichen Fähigkeiten sowie eine offenbar beachtliche poetische Begabung verhalfen ihm schnell zu Ansehen und Beliebtheit.Auch Hedwigs Mutter, deren Vornamen das Neugeborene erhielt, hatte in ihrer Ehe begonnen, sich als Schriftstellerin zu profilieren. Sie schrieb Novellen, Dramen und Gedichte, später auch Romane. Vor allem aber zog sie in öffentlichen Stellungnahmen und Essays gegen die These von der angeblich naturgegebenen Ungleichheit von Männern und Frauen zu Felde und wurde in den späten sechziger und siebziger Jahren, nachdem sie vier Kinder großgezogen hatte, zu einer der bekanntesten Kämpferinnen für die Zulassung der Frau zu allen berufsqualifizierenden Bildungs- und Ausbildungsmöglichkeiten. "Kämpferin"? Zumindest Hedwig, die älteste ihrer vier Töchter, sah die Mutter anders: "Schön war sie und reizend; klein und zierlich von Gestalt, mit großen, grünlich-braunen Augen und schwarzen Haaren, die sie auf Jugendbildnissen noch in schlichten Scheiteln aufgesteckt trug, später aber abgeschnitten hatte, und die dann halblang und gewellt ihr wunderbares Gesicht umrahmten. Zart war sie, schüchtern, empfindsam, ängstlich. Wer sie nur aus ihren Kampfschriften kannte und ein Mannweib zu finden erwartete, wollte seinen Augen nicht trauen, wenn ihm das holde, liebliche und zaghafte kleine Wesen entgegentrat. Aber ein Gott hat ihr gegeben, zu sagen, was sie gelitten, was sie in Zukunft ihren Geschlechts-Schwestern ersparen wollte." Der Roman Schicksal einer Seele vom Beginn des neuen Jahrhunderts oder die noch ein Dezennium später entstandenen Erinnerungen einer alten Berlinerin zeigen, dass Hedwig Dohms Einsatz für ihre Geschlechtsgenossinnen seine Wurzeln in den Leiden ihrer eigenen traurigen und glücklosen Kindheit hatte. Zwischen einem "indolenten" Vater und einer Mutter "von unbeschreiblicher Verständnislosigkeit und engherziger Borniertheit" war sie im Kreis von ursprünglich 18 Geschwistern aufgewachsen, von denen acht Buben und acht Mädchen überlebten. Dem stets in seiner Fabrik beschäftigten Vater fehlten offenbar Zeit und Bildung, um die Bedürfnisse der sensiblen Tochter wahrzunehmen. Zwar sei er, wie Hedwig Dohm später betonte, künstlerisch nicht unbegabt gewesen, habe aber sein "erstaunliches" Zeichentalent, den milieuspezifischen Vorurteilen der Zeit folgend, nicht ausbilden dürfen. Auch seine Schulzeit sei auf das Minimum reduziert gewesen: "Mit vierzehn Jahren saß er bereits im Kontor der väterlichen Fabrik": "ein stiller ergebener Herr", ein "Sonntagsvater", der seinen Kindern, wie die Tochter betont, niemals "einen Schlag gegeben" habe. Und doch: "Wir wußten nichts von ihm, er wußte nichts von uns." – Als Kaufmann aber muss er erfolgreich gewesen sein, und dass er seine Braut erst nach der Geburt des zehnten Kindes heiratete, hatte mit Sicherheit keine ökonomischen Gründe. In den Augen der Tochter wurde das Leben der Kinder ausschließlich durch die Mutter bestimmt; sie sei der "Herr im Hause" gewesen: eine robuste, aufbrausende und herrschsüchtige Frau, tüchtig im Haushalt, aber ohne jedes geistige Interesse und unfähig, Wärme und Zuneigung zu zeigen. Doch habe auch sie über eine künstlerische Begabung: Musikalität und eine schöne Stimme, verfügt. Hätte man Vater und Mutter erlaubt, ihre Talente zu entwickeln, mutmaßte die lebenserfahrene Frauenrechtlerin 1912, das Familienleben im Hause Schleh "hätte sich wahrscheinlich ganz anders gestaltet" –ohne jene hierarchischen Maximen von der Herrschaft des Mannes über die Frau, der Eltern über die Kinder, die Hausfrau über ihre Dienstboten, die sich auch in der Erziehung niederschlugen. Was den Knaben selbstverständlich gewährt wurde: Bildung oder zumindest doch Ausbildung, körperliches Training, Rudern, Reiten, Schwimmen, blieb den Mädchen mit der gleichen Selbstverständlichkeit versagt. Ja, selbst das Lesen galt als schädlicher Müßiggang, der hinter Haus- und Handarbeiten zurückzustehen hatte. Allein die Schulpflicht wurde akzeptiert, wenn auch weniger als Chance, den Wissensdurst zu befriedigen, denn als gesetzlich verordneter Luxus, der zum erstmöglichen Zeitpunkt zu beenden war. Nur mit Schaudern hat Hedwig Dohm später jener Zeit gedacht, da sie, statt lernen und lesen zu dürfen, gehalten war, in der "grünen Plüschstube" der "spießbürgerlichen Wohnung" nahe dem Halleschen Tor, "häßliche Teppiche" mit "großen, knalligen Blumen zu verzieren", "die nach einem Muster abgestickt" werden mussten, sodass sie sich gefragt habe, warum denn Mütter das Recht hätten, ihren Kindern so viel Herzeleid anzutun, und warum selbst sie, die doch "Kind wohlhabender Leute war", gezwungen wurde, "wie ein Sträfling" widrige Arbeiten verrichten zu müssen: "Warum mußte ich heimlich, als wär's ein Verbrechen, lesen? Warum durfte ich nichts lernen? Meine Brüder wollten und mochten nichts lernen und wurden dazu gezwungen." Einen Ausweg aus dieser Misere versprach allenfalls die Ehe. Und so erwies es sich denn als glückliche Fügung, dass Freunde dem wohlhabenden jüdischen Fabrikanten Gustav Schlesinger – seit seiner Taufe Gustav Schleh – den "entgleisten Theologen" Ernst Dohm für die Rolle eines Sprachlehrers empfahlen, als Frau und Tochter Hedwig sich zum Besuch eines in Spanien verheirateten Sohnes und Bruders rüsteten. Obwohl der junge Mann nach eigenem Bekunden kein Wort Spanisch beherrschte, setzte er durch die Art seines Unterrichts die Damen des Hauses offenbar ausreichend instand, die Reise mit Gewinn zu absolvieren. Gewinn in doppelter Hinsicht: Ein Jahr nach der Rückkehr der Familie aus Spanien hielt der Hauslehrer – inzwischen angesehener, wenn auch schlecht besoldeter Chefredakteur des Kladderadatsch – um die Hand von Tochter Hedwig an, ein Unterfangen, dem, wie die Familiensaga berichtet, Fabrikant Schleh nur ungern und nach langem Zögern seine Zustimmung gab. Er hätte sich – so fast ein Jahrhundert später die Interpretationen seiner Enkelin Hedwig Pringsheim – einen solideren Schwiegersohn gewünscht. Ernst und Hedwig Dohm heirateten 1852. Zumindest die ersten Ehejahre brachten der jungen Frau jedoch nicht die Erfüllung ihrer Träume: "Kümmerlich und bescheiden" sei es zugegangen in der jungen Wirtschaft, berichtete Tochter Hedwig später, innerhalb weniger Jahre hätten sich fünf Kinder eingestellt: zunächst ein Junge, der jedoch mit zwölf Jahren an Scharlachfieber gestorben sei, dann "Jahr um Jahr ein Töchterchen, vier hübsche, vielversprechende Mädchen". Für eine sich derart vergrößernde Familie aber habe das knappe Gehalt nie gereicht, und da zusätzlich noch Mutter und Schwester zu versorgen gewesen wären, habe der Vater Schulden machen müssen: "Und wie es dann so geht mit Schulden, sie wachsen lawinengleich an, bis sie den schuldlos Schuldigen eines Tages verschütten." Die Mär vom schuldlos Schuldigen war indes nur ein Teil der Wahrheit. Zeitgenossen – auch jene, die Ernst Dohm wohl wollten – sahen die Sache anders: Zwar billigten auch sie ihrem Kollegen zu, dass er – was ihn selbst anging – nicht verschwenderisch war, sondern auch noch als Familienvater den Wert des Geldes nicht kannte und deshalb stets freigebiger war, als es seine Verhältnisse zuließen. In der Tat war stadtbekannt, dass Ernst Dohm immer mehr gab, als nötig war, und selbst notorischen "Schnorrern" auch dann keine Bitte abschlug, wenn er sicher wusste, dass er selber am nächsten Tage sich etwas borgen musste. Aber der eigentliche Grund der ständigen Geldmisere sei seine "Leidenschaft zum Glücks-Spiel" gewesen, eine Sucht, der Ernst Dohm offenbar viele Jahre lang verfallen war. Davon allerdings ist in den Feuilletons, die Tochter Hedwig als alte Frau zwischen 1928 und 1932 für die Vossische Zeitung schrieb, nichts zu lesen. Im Gegenteil: Sie hat niemals aufgehört, ihren "überaus zärtlichen Vater" vehement gegen den Vorwurf der Schuldenmacherei zu verteidigen, und die gravierenden Folgen, die seine Schwäche zeitweilig für die Familie hatte, poetisch zu verklären: "Ich erinnere mich aus meiner frühesten Kindheit, daß immer so komische kleine geheimnisvolle Zettel an versteckten Stellen unserer Möbel klebten, manchmal verschwanden die Möbel sogar, manchmal kamen sie wieder; es war eine unseriöse und spannende Angelegenheit. Sehr deutlich entsinne ich mich des Tages, an dem unser Klavier abgeholt wurde, denn da waren wir schon größere Mädchen mit Musikunterricht. Während die in der Etage unter uns lebenden Freundinnen und frommen Beschützerinnen der Familie ihr Haupt verhüllten und bitterlich weinten, führten wir Kinder einen wilden Indianer- und Freudentanz um das arme kleine Piano herum auf, weil wir nun keine Klavierstunden mehr zu nehmen brauchten." Doch wie romantisch auch immer die Kinder ihre familiäre Situation empfunden haben mögen – ohne die Freunde, die sich viele Jahre lang nach besten Kräften bemühten, die Folgen der Dohm'schen Schuldenmacherei so weit irgend möglich im Rahmen des gesellschaftlich gerade noch Erträglichen zu halten, hätte die Spielleidenschaft des Vaters die Familie in den Ruin getrieben. Aber auch die selbstloseste Unterstützung konnte nicht verhindern, dass zumindest einmal, im Winter 1869/70, der Haushalt kurzerhand aufgelöst werden und die Familie das preußische Staatsgebiet verlassen musste. Doch selbst diese Episode scheint den Kindern – oder doch zumindest der ältesten Tochter – eher als kurzweiliges Abenteuer denn als schreckliches Drama in Erinnerung geblieben zu sein: "Vater ging für den Winter nach Weimar, Mutter zu ihrer Malerin-Schwester nach Rom, meine drei jüngeren Schwestern kamen nach Eisenach in eine Pension; nur ich als fanatische Berlinerin von 14 Jahren blieb bei den Großeltern in der Tiergartenstraße." Im Sommer aber habe sie den Schwestern in das Pensionat folgen sollen, und die Gelegenheit, ihre Reise in Weimar zu unterbrechen, benutzt, um dem Vater einen jedenfalls kurzen Besuch abzustatten. Doch aus den geplanten paar Stunden sei unversehens eine volle Woche geworden, da der stolze Vater vor der anlässlich der gerade beginnenden Beethoven-Zentenarfeierlichkeiten angereisten europäischen Musikprominenz "mit seiner hübschen Tochter gerne etwas prunken wollte" – was offensichtlich niemandem Probleme bereitete. Die einzige Schwierigkeit sei gewesen, in der überfüllten Stadt ein Unterkommen für das Kind zu finden, aber Franz Liszt, "der dort Allmächtige", habe einfach bestimmt, dass sie bei seiner damaligen Geliebten, einer "pikanten, zierlichen kleinen Polin" namens Janina, nächtigen würde. Das natürlich sofort einsetzende "berechtigte Kopfschütteln" der "ehrwürdigen Bonzen von Weimar" habe weder den "göttlichen Liszt" noch den "göttlichen Vater" gestört, und für sie, das neugierige Kind, sei die unverhoffte Begegnung mit "all den Berühmtheiten wie Frau Viardot, Saint Saëns, Franz Liszt, Turgenjew und wie sie alle hießen" ein unverhofftes Glück und eine große Bereicherung gewesen. Der kurz nach diesem Ereignis ausbrechende Deutsch-Französische Krieg machte die Rückkehr Ernst Dohms nach Berlin unumgänglich. Es scheint, dass dieses vaterländische Ereignis die alten Unannehmlichkeiten und drohenden Strafen mit einem Schlage hinfällig gemacht habe: "Im Herbst 1870 fand sich die ganze Familie wieder in der neu eingerichteten Wohnung in der Magdeburger Straße zusammen, die Gehälter der 'Gelehrten des Kladderadatsch', die offenbar zu einer Art Teilhaber aufgestiegen waren, "wurden wesentlich aufgebessert", und von da ab lebte die Familie "in ziemlich rangierten Zuständen, ganz gesellig und angenehm". Mag sich die Geschichte in der Rückschau der Tochter ein wenig verklärt ausnehmen: Auch Berichte von Zeitzeugen zeigen, dass jene spektakuläre Wohnungsauflösung und Berlinflucht aller Familienmitglieder tatsächlich der Reputation des Hauses Dohm kaum geschadet haben – ebenso wenig wie einige Jahre zuvor ein Gefängnisaufenthalt des Vaters, der im Herbst des Jahres 1864 wegen angeblicher Beleidigung einer Prinzessin arretiert worden war. Auch diese Geschichte fand ein versöhnliches Ende. Der Beginn allerdings muss dramatisch gewesen sein. In einer ihrer feuilletonistischen Retrospektiven erinnerte sich Tochter Hedwig des familiären Entsetzens, als es eines Tages hieß: "Vater kommt ins Gefängnis": "Wir Kinder heulten wie die Schloßhunde; denn wir führten ein zärtliches Familienleben, und Vater war einfach himmlisch. Und dann: wie sollten wir uns in der Schule blicken lassen, das war doch grauenhaft, mit Vater im Gefängnis! Andererseits fiel aber doch auch etwas vom Glorienschein seiner Märtyrerkrone auf uns Kinder, wir waren gewissermaßen geweiht durch ein außerordentliches Schicksal. Die Sache hatte ihre zwei Seiten: Wir waren gezeichnet, aber doch auch ausgezeichnet." Und dann die Enttäuschung über das zivile Ambiente, in dem der Delinquent beim ersten Familienbesuch "vorgeführt" wurde. Der Gefängnisdirektor hatte – "vermutlich gegen seine Instruktionen", wie die Schreiberin betonte – angeordnet, "daß der Schwerverbrecher seine Familie in seiner Privatwohnung empfangen dürfe". Zudem stand der Vertreter der Obrigkeit während des ganzen Besuchs "mit dem Rücken gegen uns" unentwegt aus dem Fenster auf die Straße schauend – und bemerkte offenbar überhaupt nicht, "daß die Kinder seinem Gefangenen eine Wurst, eine Flasche Rotwein und ein Töpfchen Gänseschmalz in die Taschen seines Röckchens applizierten". Nun, der Vater wurde vorzeitig entlassen. Bismarck selbst hatte, eine gute Stunde beim Kaiser nutzend, die Verkürzung der Strafe erwirkt. Das Selbstwertgefühl der Familie blieb ganz offensichtlich unangetastet, und die Kinder waren um ein aufregendes Erlebnis reicher. Wie aber empfand die Mutter ihr Leben inmitten all dieser nervenaufreibenden Bedrohungen und Geschehnisse? Vieles spricht dafür, dass sie sich trotz aller Schwierigkeiten nicht in die Welt ihrer Kindheit zurückgesehnt hat. Genaues wissen wir nicht. Von ihren offenbar zahlreichen Briefen haben sich nur ganz wenige erhalten, und ihre Schriften geben allenfalls bedingt Auskunft. Einige Zeitgenossinnen behaupten, die Ehe sei unglücklich gewesen. Wir sind dessen nicht so sicher. Hedwig Pringsheim schreibt, dass ihr Vater die Mutter nicht ermutigt, aber auch nicht gehindert habe, sich als Schriftstellerin zu versuchen. Ob ihr jemand anders half? Es gibt Gerüchte, dass Hedwig Dohm mit Ferdinand Lassalle eine intensive, ja intime Freundschaft verbunden habe. Unstrittig ist, dass beide Partner ihre offenbar umfangreiche Korrespondenz in gegenseitigem Einverständnis vernichteten. Unstrittig ist ferner, dass Hewig Dohm ihr volles schriftstellerisches Talent erst nach dem Tod ihres Mannes entfaltete, der ihr – auch das ist offenbar unstrittig – von Anfang an untreu war. Aber muss ihr Leben deswegen unglücklich gewesen sein? Die Jugenderinnerungen von Tochter Hedwig sprechen dagegen. Sie erzählen fast durchgehend vom Leben in einer intakten Familie, in der es zwar oft ärmlich und sehr unkonventionell zuging, die Kinder sich aber nicht nur akzeptiert, sondern geistig gefördert und emotional geborgen fühlen konnten. Das ist bei Kindern "unglücklicher" Mütter selten der Fall. "Als Mutter war sie ein Märchen", urteilte Hedwig Pringsheim zu einem Zeitpunkt, da sie selbst Mutter erwachsener Kinder war. "Eine süße Zärtlichkeit, eine aufopferungsvolle Liebe, ein stetes Sinnen und Trachten, ihre Kinder glücklich zu machen, sie zu freien, selbständigen Menschen zu erziehen, erfüllte sie bis zu ihrem Tode. Gewiß war sie ein Mensch, hatte ihre kleinen menschlichen Schwächen und Fehler neben ihren reichen Gaben: aber als Mutter war sie vollkommen." Nein, es kann, nach allem, was wir wissen, keinen Zweifel geben, dass die Dohm-Kinder – Geldknappheit hin, dramatische Geschehnisse her – eine glückliche Kindheit verbrachten. Beide Eltern sahen es als eine Selbstverständlichkeit an, ihre vier Mädchen auf gute Schulen zu schicken, ihnen die Möglichkeit zu geben, Fremdsprachen zu erlernen und sich lesend die Welt zu erschließen – Privilegien, von denen ihre Mutter nur hatte träumen dürfen. Und wenn Hedwig Pringsheim auch einem gewissen Fräulein Passe von der Voigt’schen Privatschule, die ihr die ersten "ach so kümmerlichen Grundlagen ihrer Höheren-Töchter-Bildung" vermittelte, keine Träne nachweinte, so bewahrte sie dem Unterricht der Hausleuthner'schen Schule am Leipziger Platz, "die damals für die feinste von Berlin galt", doch zeitlebens große Dankbarkeit. Vor allem Herr Goldbeck hatte es ihr angetan: "ein sehr gut aussehender Mann in mittleren Jahren, mit wunderschönen tiefen blauen Augen, bestrickend weicher klangvoller Stimme und einem echten Enthusiasmus." "Wir liebten und verehrten ihn und fühlten, daß er uns in Wahrheit förderte, uns eine höhere Welt eröffnete, uns begeisterungsfähig machte." Um Goldbergs [!] Lektionen über die Französische Revolution nicht zu versäumen, bewegte Tochter Hedwig die Eltern, eine schöne Sommerreise vorzeitig abzubrechen. "Ich habe es nie bereut", bekannte sie noch aus dem Abstand von mehr als sechzig Jahren. "Einen dauernden Eindruck nicht nur, sondern ich kann wohl sagen, lebenslänglichen Einfluß haben sie auf mich ausgeübt." Die berühmte und wissenschaftlichen Kriterien offenbar durchaus entsprechende Spezialbibliothek über Napoleon und die Französische Revolution, die sich die Münchener Professorenfrau später aufbaute und bis zum Abriss ihres Hauses durch die NS-Regierung 1933 ergänzte, bezeugte noch den Enkeln die Nachhaltigkeit dieses Unterrichts, der durch den Übergang auf das gerade eröffnete Viktoria-Gymnasium ein natürliches, aber von der Chronistin "tränenden Auges" beklagtes Ende fand. Durch Zufall hat sich ein – allerdings recht verblichenes und schwer leserliches – Zeugnis von Weihnachten 1869 erhalten, das durch seine differenzierte Leistungsbeurteilung der Schule durchaus Ehre macht: Hedwigs Betragen sei "nicht tadellos" gewesen, ihre Aufmerksamkeit "zuweilen zerstreut und Andere zerstreuend". Am Fleiß der Schülerin ("im Ganzen befriedigend") und der Heftführung ("ziemlich gut") fand die Schule offenbar wenig zu monieren. Was die einzelnen Fächer anging, so waren die Leistungen in Religion "noch nicht ganz befriedigend", das Verfassen von deutschen Aufsätzen hingegen "nicht ohne Talent, in der Haltung aber noch sehr zerfahren". Auch der Vortrag sei "talentvoll, aber nicht natürlich", die Gesamtkenntnisse auf dem Gebiete der Literatur seien "befriedigend" gewesen, und auch in der Kunstgeschichte habe die Schülerin "einiges Interesse" gezeigt. In den Fremdsprachen beurteilte die Französischlehrerin die Leistungen recht freundlich "assez bien", während sich im Englischen der offenbar positiven Einschätzung von Hedwigs mündlichen Leistungen (die Beurteilung ist kaum zu entziffern) eine eher zurückhaltende Beurteilung des Schriftlichen anschloss: "written works too often carelessly" und "Literatur [!] very unsatisfactory". Was die übrigen Fächer angeht, so schwankten die Beurteilungen zwischen "Im Ganzen befriedigend" (Geographie), "ziemlich gut" (Rechnen und Gesang) und "befriedigend" (Naturwissenschaften, Mythologie). Im Zeichenunterricht wurden "Fortschritte erwartet", und das Fach Handarbeit scheint überhaupt nicht gelehrt worden zu sein. Nicht nur die schulische, sondern auch die körperliche Ausbildung der Töchter lag dem Ehepaar Dohm am Herzen. Sommer für Sommer zog "die schöne Mutter" mit den vier kleinen Mädchen noch vor Schulbeginn ins Askanische Bad zum Schwimmen. Das war offenbar die einzige Badeanstalt, in der, wenn auch zu getrennten Zeiten, Knaben und Mädchen zugelassen waren. "Ich glaube, es war eine abscheuliche Brühe, in der wir Najaden unser neckisches Spiel trieben. Wenn man Wasser schluckte, o du mein Herrgott, was mag man da alles mitgeschluckt haben." Doch solche Überlegungen haben die Vierzehnjährige vermutlich kaum bewegt. Eine wesentlich wichtigere Rolle als die Angst vor Mud und Algen spielte die Befürchtung, das Zusammentreffen mit "Papa Wrangel" zu verpassen, dem "populären guten alten" Feldherrn, einst Oberbefehlshaber der deutschen Bundestruppen, der auf seinem Morgenritt den ihm begegnenden Schulkindern Bonbons zuwarf und mit sichtlichem Vergnügen zusah, wie sich Jungen und Mädchen gleichermaßen bemühten, "möglichst viele im Fluge zu erhaschen oder auch vom Straßendreck aufzulesen". Für Hedwig Pringsheim gab es auch nach nahezu 70 Jahren keinen Zweifel daran, dass der freundliche Herr die nach dem Baden mit zum Trocknen offenen Haaren nach Hause eilenden Dohm-Mädchen besonders in sein Herz geschlossen hatte, zumal die vier Schwestern, was die Geschicklichkeit im Fangen anging, ihren männlichen Konkurrenten durchaus gleichwertig gewesen seien. Kein Zweifel, die hübschen, geistig und körperlich gleich gewandten Töchter hatten von früh auf gelernt, sich ohne Scheu in den verschiedenen Milieus, die ihnen nicht zuletzt durch die Beziehungen des Vaters geboten wurden, zu bewegen. Hedwig jedenfalls erinnerte sich noch im hohen Alter an Wohltätigkeitsveranstaltungen und Basare, bei denen die Veranstalter offenbar gern auf die anstelligen Dohm-Kinder zurückgriffen. Besonderen Eindruck hinterließ ihr eine Veranstaltung der dem Vater "sehr befreundeten", "liebenswürdigen" Gattin des preußischen Hausministers von Schleinitz zugunsten des Berliner Richard-Wagner-Fonds, bei der die Achtzehnjährige Lose verkaufen durfte – ein Amt, das sie nach eigener Aussage "keck" und mit gutem Erfolg versah: der "alte Kaiser" nahm ihr gleich zehn Stück ab, und die Entourage folgte dem Beispiel des Herrn. Auch Kronprinz und Kronprinzessin zeigten sich spendabel – was das junge Mädchen jedoch nicht besonders beeindruckte, denn mit dem Kronprinzen stand sie ohnehin "innerlich förmlich auf du und du". Kein Wunder, hatte sie doch kurz zuvor der malenden Kronprinzessin Modell gesessen und deshalb acht Tage lang im Kronprinzenpalais ein und aus gehen dürfen: eine – nach eigenem Bekunden – "hochinteressante, wenn auch etwas enttäuschende Erfahrung": "Die Räume waren ja fürstlich, aber eigentlich ging es da recht bürgerlich zu, fast wie bei uns. Heimliche Kronen schien niemand zu tragen (außer vielleicht den Lakaien). Der Kronprinz kam während der Sitzung herein, begrüßte mich freundlich und sagte, wie ein guter Ehemann zu seiner Frau: 'Vicki, ich geh jetzt herüber zu den Eltern, bin ich zum Frühstück nicht rechtzeitig zurück, so warte nicht auf mich, ich esse dann drüben.' Dann kamen die beiden Prinzen Wilhelm und Heinrich, sich vorm Spaziergang von der Mutter verabschiedend. (Und die beiden Prinzen haben mich dann jahrelang auf der Straße nett und zuvorkommend zuerst gegrüßt, und keines Herzens Schlag verriet mir, daß der höfliche junge Mensch, etwa zwei Jahre jünger als ich, gar bald der mächtige, vielumstrittene Kaiser Wilhelm II sein würde!)"[.] Doch dann geschah etwas, das sich dem halbwüchsigen Mädchen offenbar tiefer einprägte als alle kaiserlichen Freundlichkeiten und die Illusionen des "Hier geht es ja zu wie bei uns" gründlich zerstörte: "Nach etwa einer Stunde öffnete sich die Tür, und ein Lakai schob ein sich auf Rollen bewegendes Tischchen herein, auf dem ein sehr leckeres kleines Frühstück, köstliche belegte Brote, Bouillon, Süßwaren angerichtet war. Die Kronprinzessin erhob sich und sagte, 'wir machen jetzt eine kleine Pause.' Nun wurde ich nicht etwa in ein anderes Zimmer verabschiedet: nein, ich durfte zusehen, wie ihre Kaiserliche Hoheit sich stärkte, mir wurde auch nicht die kleinste Erquickung angeboten. Ich schämte mich. Mir war es wahrhaftig nicht um die feinen Leckerbissen zu tun, obwohl sie natürlich weit appetitlicher lockten als unsere häuslichen Butterstullen. Nein, ich schämte mich für die hohe Frau. Ich kannte ja wohl höfische Sitten nicht, aber mein bürgerliches Anstandsgefühl lehnte sich dagegen auf." Nein, korrumpierbar war Hedwig Pringsheim nicht. Dennoch blickte sie als alte Frau mit Freude und Stolz auf ihre einstige Vertrautheit mit der adligen Gesellschaft von Berlin zurück und sprach gern von dem Eindruck, den sie als junges Mädchen auf die tonangebende Schicht der Politiker, Bankiers und Künstler gemacht hatte. Doch auch im eigenen Elternhaus wurden ihr Anregungen genug geboten. Nach der Rückkehr der Familie aus dem Exil hatten Ernst und Hedwig Dohm ihren halbwüchsigen Kindern erlaubt, jugendlichen Freunden zu sagen, "man wäre in den nächsten sechs Wochen jeden Montag Abend zu Hause". Das jedoch durchaus nicht, um – wie ein "boshaft-witziger Kollege" lästerte – "den Laden aufzumachen" (es war offenbar die landläufige Meinung, daß, "wo heiratsfähige Töchter waren, eben 'der Laden' aufgemacht werden musste"), sondern wirklich nur um des Vergnügens willen. Und diese "nette, harmlose und gemütliche" Sache fand Anklang: "Bald kamen einzelne Eltern mit, und die brachten wieder neue Gäste angeschleppt", und binnen kürzester Zeit entwickelten sich die Dohm'schen Abende zu einer "Sache der Berliner Gesellschaft". Man drängte sich zu diesen Montagen; "alle Kreise und Altersstufen waren vertreten", und als kolportiert wurde, eines Abends sei – wegen allzu großer Überfülle – sogar ein Gast zum Fenster herausgefallen, "wurde das Gerücht mit dem beifälligen Kommentar aufgenommen: 'Gott sei Dank, dann ist ein Stuhl freigeworden.' " Der Bankier Carl Fürstenberg, einer der regelmäßigen Besucher des Dohm'schen jour, hat in seinen Erinnerungen das Milieu dieser Abende anschaulich beschrieben: "Einer der amüsantesten Menschen, die Berlin beherbergte, war zweifellos der immer witzige und niemals zahlungsfähige Ernst Dohm. Er bewohnte mit seiner hochbegabten Frau Hedwig eine ziemlich bescheidene Wohnung, in der seine vier reizenden Töchter mehr geistige Anregungen als Licht und Sonnenschein genießen konnten." Große Diners hätte in der Dohm'schen Wohnung keiner der Besucher erwartet – "Wenn an zwei Stellen gleichzeitig Frankfurter Würstchen serviert wurden, so war damit der leiblichen Pflege genuggetan. Umso reichlicher war aber hier gewöhnlich die geistige Kost. Die Abende pflegten in angeregter Plauderei zu verlaufen. Man sprach über die jüngste Première, die letzte Kunstausstellung, wohl auch über eine neue Wendung Bismarckscher Politik und fühlte damals noch nicht das Bedürfnis, die Stunden des geselligen Beisammenseins durch Bridgespielen totzuschlagen." Ferdinand Lassalle und die Gräfin Hatzfeld, die Literaten Ludwig Pietsch und Rudolf Kalisch, die Schriftsteller Spielhagen, Auerbach, Rodenberg und Frenzel, der Wippchen-Erfinder Julius Stettenheim, der Theatermann L'Arronge und der Dirigent Hans von Bülow, aber auch liberale Politiker wie Eduard Lasker oder Ludwig Bamberger waren zu Gast. Kein Zweifel, es war die geistige und künstlerische Elite Berlins, die sich – fasziniert vom Esprit, der Offenheit und dem weit gespannten Interesse der Gastgeber – im Haus des Kladderadatsch-Redakteurs ein Stelldichein gab. Die Kunst des Konversierens, des gepflegten und interessanten Salongesprächs, stand hoch im Kurs – und die Kinder des Hauses profitierten von ihr. Alle vier Mädchen haben nach ihrer Verheiratung die Tradition des Elternhauses – mutatis mutandis – in ihren neuen Kreisen fortgesetzt: Else als Frau des Fürstenberg befreundeten Bankiers Hermann Rosenberg, Marie mit Hilfe des italienischen Journalisten Ernesto Gagliardi und Eva, in erster Ehe mit dem Bildhauer Max Klein verheiratet, nach dessen Tod als Frau des George-Verlegers Georg Bondi. Allein der Ältesten aber, Hedwig, gelang es, ihre noch von den Enkeln bestaunte und in München berühmte Kunstfertigkeit im Parlieren auch in kleinen Feuilletons zu demonstrieren, dank derer wir in der Lage sind, nicht nur einige der ihre Jugend prägenden Erlebnisse zu rekonsturieren, sondern auch ihre ungewöhnliche, wenngleich kurze Karriere als Schauspielerin in Meiningen bis zur Heirat mit dem reichen Mathematikdozenten Alfred Pringsheim hin zu dokumentieren. Ein junges Mädchen aus so genanntem "guten Hause" am Theater – wie ging das zu? Hedwig Pringsheim selbst bekannte in ihrem Essay Wie ich nach Meiningen kam mit großem Freimut, dass sie nie an eine Bühnenkarriere gedacht habe, obwohl sie von Kindesbeinen an "eine wahre Passion für das Aufsagen der längsten Gedichte gehabt und kein Alter und kein Geschlecht mit ihren Deklamationen verschont" hätte. Der Beruf der Schauspielerin aber war für die Tochter einer gesellschaftlich angesehenen Familie selbst in einem so unkonventionellen Lebenskreis wie dem der Dohms nahezu undenkbar. Was also musste zusammenkommen, um sich über alle Vorurteile hinwegzusetzen? Die Protagonistin erzählt, die Geschichte habe am 1. Mai des Jahres 1874 begonnen, als vor ausverkauftem Haus des Friedrich-Wilhelmstädtischen Theaters – das an der Stelle des heutigen Deutschen Theaters in der Reinhardtstraße zu denken ist – das erste Berliner Gastspiel des "Herzoglichen Hoftheaters in Meiningen" stattfand: der damals interessantesten Bühne Europas. Das Schlagwort "die Meininger kommen" versetzte die Theaterenthusiasten der Metropolen nicht nur in Berlin, Wien oder Dresden, sondern gleichermaßen in Budapest, London oder New York in Begeisterung. Das berühmte Theater agierte unter der persönlichen Leitung des Landesfürsten Herzog Georg II. Die Meininger und ihr Herzog: Das waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf dem Gebiet des Theaters nicht anders als auf dem der Musik Synonyma für höchsten Kunstverstand und größtmögliche Perfektion. Kainz und Barnay auf der Bühne, Bülow, Brahms, Reger oder Strauss am Pult der Hofkapelle: Fixsterne am Himmel über einem Duodez-Fürstentum, in dessen Mitte der Herzog Georg II. von Sachsen-Meinigen stand. Er war Mäzen und Rechner – die sonst übliche Hofoper wurde um des Theaters und des Orchesters willen abgeschafft –, Intendant und Dramaturg, Bühnen- und Kostümbildner, Zeichner von Rang und Organisator des gesamten Ausstattungswesens. Ein Mann mit vorzüglicher Bildung, Kenner der europäischen Theaterszene, ein Vielgereister, der wusste, wie man in London mit Hilfe der Heraldik, Numismatik und Archäologie einen ebenso stilgerechten wie interessanten Shakespeare inszenierte; dazu ein Verehrer von Felix Mendelssohn und mit seiner zweiten Frau, Helene Freifrau von Heldburg, alias Schauspielerin Ellen Frantz, ein gern gesehener Gast im Hause Liszt/Wagner. Die – wie Hedwig Pringsheim formulierte – "rechtmäßige, wenngleich linkshändige Gattin des Herzogs" war von ihrer Jugendfreundin Cosima Liszt/von Bülow/Wagner fürs Theater begeistert und aufgrund der Fürsprache Franz Liszts an der Hofbühne Coburg/Gotha engagiert worden. Danach hatte sie sich an vielen Bühnen zwischen Thüringen, Oldenburg, Stettin und Mannheim umgesehen und suchte nun, nach ihrer Heirat mit Georg, im Meininger Schauspiel-Ensemble jene "höchste Reinheit der Aussprache" durchzusetzen, die um die gleiche Zeit Richard Wagner vom dramatischen Sänger verlangte. Eine interessante Frau an der Seite eines interessanten Mannes, eines Fürsten, der sich von europäischen Berühmtheiten beraten ließ, wenn es um den Realismus der szenischen Darstellung ging, und mit seinem Autor Ibsen über die Frage korrespondierte, wie das Interieur norwegischer Bürgerhäuser adäquat wiederzugeben wäre, denn die Reputation der Meininger Inszenierungen beruhte in erster Linie auf dem historisch getreuen Ambiente von Bühnenbild und Kostümen, die Georg in allen Details stets eigenhändig – nicht selten unter Verwendung besonders wertvoller Requisiten aus seinem Privatbesitz – entwarf. "Jedes Kostüm wurde von ihm skizziert und bis auf die geringsten Verzierungen durchgebildet. Die Freifrau überwachte die Ausführung der Arbeiten und prüfte Ton und Faltenwurf der Stoffe. Da ward vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht hinein unverdrossen probiert, abgetönt und verbessert; und wenn der Raum im Theater nicht ausreichte, dann richtete man Zimmer des Schlosses zu Werkstätten her. Die fertigen Kostüme wurden bei der vorgeschriebenen Szenenbeleuchtung in Harmonie gebracht mit der Farbenstimmung der Dekoration. Der Herzog stand unten im Parkett und prüfte sorgfältig die malerische Wirkung jeder Gruppe." Jeder Auftritt, jeder Gang und jede Geste wurden in genauester Absprache mit dem Regisseur Ludwig Chronegk unter Beachtung des historisch und psychologisch Überzeugenden festgelegt, die Regieanweisungen mit den modernsten technischen Mitteln durch die berühmtesten Bühnen- und Pyrotechniker der Zeit minutiös ausgeführt. Kein Wunder also, dass man gerade in der Reichshauptstadt das erste Auftreten der Meininger mit großer Spannung erwartete, zumal "eine geschickte Presse-Propaganda" "Stimmung für das große Ereignis gemacht" hatte. Als "angesehenem Kladderadatsch-Redakteur" und, wie die Tochter nicht ohne Stolz betonte, "persönlichem Freund der Frau von Heldburg" war es Ernst Dohm "natürlich" gelungen, zwei "Freikarten für gute Plätze" zu bekommen. Auf diese Weise durfte auch Hedwig das Ereignis miterleben. Man spielte Shakespeares Julius Caesar. Die ersten beiden Akte ließen das junge Mädchen offenbar kalt: "Das also waren die vielgerühmten Meininger? Anständige Mittelmäßigkeiten, so etwas hatten wir Berliner schließlich auch, und in den Einzelleistungen entschieden Besseres." Aber dann kam Cäsars Ermordung, "die Reden auf dem Forum, die Volksszenen: da stand einem der Atem still". "Die große Szene, in der Marc Anton mit unglaublicher Geschicklichkeit und Seelenkenntnis die feindliche Stimmung des Volkes in ihr Gegenteil zu wandeln versteht, und beim dritten 'Brutus ist ein ehrenwerter Mann' die Menge deutlich umschlägt" – nein: das hatte man denn doch noch nicht erlebt, "das war neu, nie dagewesen, hinreißend und großartig. Als der Vorhang fiel, brach unendlicher Jubel los, die Schlacht war gewonnen, der Sieg unbestritten." Nun, ganz so unbestritten, wie Hedwig Pringsheim glaubte, war der Sieg nicht. Die ganz auf Bewegung, Massenszenen und Ensemblespiel setzende Inszenierung stieß bei einem Teil der Berliner Kritik auf scharfe Ablehnung. Die Enttäuschung, die das junge Mädchen während der ersten zwei Akte empfunden hatte, stimmte also immerhin mit dem Urteil einiger gestandener Berliner Feuilletonisten überein, welche von der Meininger Truppe als einem Ensemble höchtens mittelmäßiger Schauspieler sprachen, das sich ihren einzig überragenden Akteur aus Dresden habe "borgen" müssen. Dennoch: Die Aufführungen der Meininger, die einen vollen Monat mit verschiedenen Inszenierungen vor fast immer ausverkauftem Haus und "bei meist geräumtem Orchester" spielten, waren – zumindest beim Publikum, aber auch bei einem Teil der maßgebenden Kritik – für den Herzog und sein Theater ein wirklicher Durchbruch. Hedwig Pringsheim berichtet, dass wenig später, "um die Konjunktur auszunutzen", auch Helene von Heldburg nach Berlin gekommen sei. Bei dieser Gelegenheit habe sie Ernst Dohm einen Besuch gemacht, mit dem sie sich vor vielen Jahren, als sie noch die "sehr feine und beliebte Schauspielerin" Ellen Frantz war, im Hause Bülow angefreundet hatte. Während der Plauderei im Familienkreis lernte sie die älteste Tochter des Hauses kennen, deren Anmut und sicheres Auftreten sie so beeindruckte, dass sie "den überraschten und noch mehr erschreckten Eltern" vorschlug, das Mädchen als junge Naive zu ihr nach Meiningen zu schicken. Das Angebot war offenbar zunächst für die ganze Familie ein rechter Schock: "Vater kannte aus höchst persönlichen Erfahrungen das lockere Theatervölkchen, und die Vorstellung, seinen Liebling in diesen Sündenpfuhl zu schicken, erfüllte ihn mit Grausen. Doch war er andererseits der Mann, der niemals 'nein' sagen konnte." Und so war denn, als kurz darauf ein Brief des Herzogs den Vorschlag der Freifrau ausdrücklich unterstützte und Regisseur Chronegk zu persönlichen Verhandlungen nach Berlin geschickt wurde, das Schicksal von Tochter Hedwig besiegelt. "Meine Frau schreibt morgen an die Dohm wegen der Louise", ließ der Herzog am 18. Dezember 1874 Ludwig Chronegk wissen. Die alte Hedwig Pringsheim erinnerte sich also genau, als sie im Rückblick erzählte: "Man übersandte mir die Rolle der Luise in Kabale und Liebe, mit dem ausdrücklichen Befehl, sie auswendig zu lernen, aber unter keinen Umständen mit irgend jemandem zu studieren." So geschah's. – Nachdem sie einen Schminkkasten nebst zwei Frisiermänteln erstanden und ihre Garderobe – die private sowie die damals von der Schauspielerin selbst aufzubringende Grundausstattung an Bühnenkostümen – bescheiden aufgebessert hatte, fuhr die frisch engagierte Elevin am 1. Januar 1875, "vom Vater, den ängstlichen Wünschen der Mutter und dem stillen Neid der drei jüngeren Schwestern begleitet, ins Abenteuer nach Meiningen". |
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Quelle: Jens, Inge; Jens, Walter: Katias Mutter. Das außerordentliche Leben der Hedwig Pringsheim. Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2007: 13-34. (gbb, bh, mk) |
| Hedwig Dohm: Veröffentlichungen |
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Zusammengestellt von Kirsten Süselbeck. |
| Hedwig Dohm: Würdigungen |
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Neue kommentierte Gesamtausgabe Seit 2006 erscheint im Trafo Verlag Berlin unter dem Titel "Edition Hedwig Dohm", herausgegeben von Nikola Müller und Isabel Rohner, eine neue kommentierte Gesamtausgabe der Schriften von Hewdig Dohm (vgl. http://www.hedwigdohm.de/edition.html). Bisher sind erschienen:
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Ulrich Winter: "La visión del siglo xviii español en la Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung (1867), de Hedwig Dohm", in: Cañas Murillo, Jesús (ed.): Aufklärung. Estudios sobre la Ilustración española dedicados a Hans-Joachim Lope, núm. esp. de Anuario de Estudios filológicos (Cáceres, Universidad de Extremadura), S. 59-68.
La visión del siglo xviii español en la Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung (1867) de Hedwig Dohm1 Ulrich
Winter En 1867, Hedwig Dohm (1831-1919), feminista célebre por su lucha en pro de la igualdad de oportunidades para las mujeres, además de novelista y abuela de la esposa de Thomas Mann, publica Die Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung. Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Uebertragung [La literatura española nacional en su evolución histórica. Con las descripciones de la vida y del carácter de sus autores clásicos y ejemplos selectos de sus obras en traducción alemana]2.El volumen constituye el tercer tomo de la colección Die Classiker aller Zeiten und Nationen [Los clásicos de todos los tiempos y naciones], fundada entre otros por Adolf Wolf. Aunque es una obra original de la autora, ésta aparece en la referencia bibliográfica sólo como editora bajo el nombre de "H. Dohm"3. El semianonimato que posteriormente abandonaría4 se debe probablemente a una serie de razones: su condición de escritora femenina; su escasa autoestima derivada de su formación autodidacta; el hecho de ser la Spanische National-Geschichte su primera (y, a la postre, única) obra de crítica literaria; y posiblemente a la circunstancia de que, en un principio, el editor general Gustav Hempel [propuso] el proyecto de una historia de la literatura inglesa a su esposo Ernst Dohm, que sería más tarde editor de la revista satírica berlinesa Kladderadatsch5. Hedwig Dohm asume este empeño pero, cambiando de nación, decide redactar una historia de la literatura española. El cambio de nación no es tan sorprendente, dado que sólo a partir de 1870 se empezaron a seperar las dos filologías en las universidades alemanas, transformando las "cátedras dobles" en cátedras especializadas en una de las dos filologías6. Pero no se puede evitar la consideración de que hubiese además –tal vez insconscientemente– otra razón para reemplazar la literatura inglesa por la española, y es que la idea romántica de España que orienta decisivamente la visión de Dohm permite comparar alegóricamente –sin decirlo– su propia existencia de mujer en el siglo xix con el destino de España, marcado por la Inquisición y, en el siglo xviii, por la tutela de la cultura francesa7. En el ámbito alemán el volumen es uno de los primeros en presentar, junto a la evolución histórica de la literatura española, juicios sobre los autores, esbozos biográficos y una antología comentada y traducida de sus obras principales. Hispanófila como tantos de sus compatriotas románticos de la primera mitad del siglo xix, Dohm quiere contribuir con su obra al conocimiento de los "numerosos e incomparables tesoros de la literatura española" ["die zahlreichen unvergleichlichen Schätze, welche die spanische Literatur birgt"] ([p. ix]). Este conocimiento es tanto más importante por cuanto la nación española sufrió un trágico destino "a causa de los pésimos gobiernos de una serie de soberanos absolutos" ["masslos schlechte Regierungen einer Reihe absoluter Herrscher"] que son culpables de la pérdida del "resplandor de antaño" ["den Glanz früherer Zeiten"] y hubo de atravesar varios "siglos lóbregos" ["trübselige Jahrhunderte"]. Dohm califica a la España de entonces como "uno de los países europeos menos desarrollados" ["heutzutage gehört Spanien zu den am wenigsten entwickelten Ländern Europa’s"] (p.1). "Durante siglos se ha sido injusto contra este país y su pueblo, tan poético como casi nigún otro, y se le ha privado de reconocimiento" ["Und gegen dies Land und gegen dies Volk, poetisch wie kaum ein anderes, ist man Jahrhunderte hindurch absprechend und ungerecht gewesen"]. Por consiguiente, la cultura española merece "una expiación" a la cual el libro quiere contribuir ["das den Spaniern angethane Unrecht zu sühnen"] (p. 2). La Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung contiene unos seiscientas páginas de las cuales la Edad Media y el Siglo de Oro ocupan unas quinientas. Esta predilección concuerda perfectamente con la visión romántica académica y poética de la época de los Herder, Humboldt, Goethe y Schlegel. El reinado de Felipe V hasta mediados del siglo xix, terminando con Zorrilla, corresponde a las páginas 511-606. Por su parte, al siglo xviii Dohm dedica únicamente veintisiete paginas (p. 511-527). [...]
La Spanische National-Geschichte es una obra comprometida con una determinada estética pero que, no obstante, resulta a veces sorprendentemente equitativa, como por ejemplo en el caso de Meléndez Valdés, y que, en conjunto, cumple con el objetivo de dar a conocer en Alemania la literatura española, tanto la clásica como la contemporánea8. Para el hispanista alemán Martin Franzbach su valor radica además en su combinación de historia de la literatura y antología de textos9. No cabe duda que Dohm con su antología histórica está en deuda con la imagen que el hispanismo alemán trazó de la literatura española desde la segunda mitad del siglo xviii y sobre todo a partir de 1808, después de la Guerra de la Independencia, cuando la insurrección del pueblo español contra la ocupación francesa suscitó especial simpatía en Alemania10. El alto valor nacional de los españoles y de su literatura, juicio que promulgó Friedrich Schlegel en su Geschichte der europäischen Literatur y su Geschichte der alten und neuen Literatur fue un locus communis del romanticismo alemán que había convertido a España en el "eje constitutivo de su nueva visión de Europa [...] como centro ideal de la cultura"11. La preferencia por ciertas épocas, autores y géneros (Edad Media, Siglo de Oro; Cervantes, Lope de Vega, Calderón; la comedia, los romances, las fábulas) en Dohm refleja fielmente el gusto prerromántico y romántico formulado por Herder, los Schlegel, Tieck, Goethe, y otros. Para el siglo xviii, Dohm pudo apoyarse –y lo hizo, aunque las referencias bibliográficas escasean– en algunas obras que incluían ya la historia de la literatura reciente, como la Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit (1804) de Friedrich Bouterwek, la Geschichte der schönen Literatur in Spanien (1852, en su traducción alemana), del americano George Ticknor, la Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien(1845-1855, traducción española en 1885-1887) de Adolf Friedrich conde de Schack y los Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Nationalliteratur (1859, traducción española de 1895) de Friedrich Wolf. Al igual que Bouterwek –y de acuerdo con la visión inclusiva que se hacen los románticos de la Historia–Dohm continúa su historia de la literatura hasta la época contemporánea. Así contribuye al conocimiento de una época poco conocida o apreciada, el siglo xviii. No obstante, Dohm favorece una idea ya anticuada de la evolución y la sucesión de las épocas. Esta idea se basa en una estructura helicoidal, a la vez circular y progresiva, marcada por la evolución y la repetición. Concluye su antología con las palabras: La floreciente literatura del Siglo de Oro se marchitó, y cuando quiso despertarse, se había convertido en imitadora de otras naciones. Pero con el transcurso del tiempo fue cobrando un matiz más nacional y más fuerte. En cuanto literatura nueva pretendió ser la expresión de una nueva sociedad sin otras reglas que la verdad ni otra maestra que la naturaleza, y podemos esperar que un pueblo tan ingenioso y de un valor nacional tan enérgico, dotado con tanta fantasía e imaginación, sea capaz de restituir con un espíritu purificado el resplandor de su antigua poesía. [Die blühende Literatur des goldenen Zeitalters war (...) dahingewelkt, und als sie wieder erwachen wollte (...) ward (sie) zur Nachbeterin fremder Nationen (geworden) (...) doch gewann sie im Lauf der Zeit (...) eine nationalere und kräftige Färbung. Sie trachtet als eine neue Literatur darnach, der Ausdruck einer neuen Gesellschaft zu werden, ohne andere Regeln als die Wahrheit, ohne andere Lehrmeisterin als die Natur, und wir dürfen der Hoffnung Raum geben, dass ein so geistreiches Volk, wie die Spanier, von so energisch nationaler Eigenthümlichkeit, mit einer solchen Fülle von Phantasie begabt, im Stande sein werde, mit geläutertem Geiste den Glanz seiner alten Poesie wiederherzustellen.] (p. 606) A pesar de su espíritu ilustrado, la Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit, de Friedrich Bouterwek, publicada en 1804 y traducida al español ya en 1829, es la obra que, por su estructura (combinación de evolución literaria, biografia de los autores y antología) y por la actitud de su autor, más parece haber influido sobre la obra de Dohm. Aunque fue redactada antes de la Guerra de la Independencia, el profesor de retórica de la célebre Universidad de Gotinga se muestra apasionado, sobre todo al final de la obra, por una España que, desde la segunda mitad del siglo xviii pugna por liberarse de la dependencia extranjera, de la imitación y de su estado de enajenación mediante la recuperación de su estilo nacional. En algunos casos hay relaciones muy estrechas entre las dos obras. Bouterwek califica a España de "una nación ingeniosa, [que] cae sin culpa de las alturas más resplandecientes de su independencia literaria a la imitación más precaria de formas extranjeras" ["eine geistreiche Nation, (die) ohne ihre Schuld von der glänzendsten Höhe der litterarischen Selbstständigkeit bis zur nothdürftigsten Nachahmung ausländischer Formen herabsank"] (Bouterwek, 1804, p. 543). Otros argumentos –o topoi románticos– sobre la decadencia española del siglo xviii se repiten, como por ejemplo, que el gusto francés ha podido entrar en España a causa de la debilidad española (Bouterwek, 1804, p. 549); que los franceses disponen más bien de elegancia que de belleza (Bouterwek, 1804, p. 549); la yuxtaposición de dos partidos, nacionales y galicistas; la predilección por los tradicionalistas (Bouterwek, 1804, p. 549); que en la primera mitad del siglo xviii no hubo un solo escritor importante (Bouterwek, 1804, p. 582); el énfasis sobre los poetas que "rescatan" a España en la segunda mitad del siglo como García de la Huerta (Bouterwek, 1804, p. 584), Iriarte (Bouterwek, 1804, p. 595), o Meléndez Valdés (Bouterwek, 1804, p. 602). Dohm, como hemos visto, añade mucha más retórica y patetismo a sus juicios y agudiza aún más la polarización entre los galicistas y los españoles. En parte porque los dos libros distan entre sí más de medio siglo, pero en parte también porque los dos autores, además de disponer de diferentes temperamentos y formaciones –Bouterwek erudito académico; Dohm, autodidacta– ideologizan de manera diferente el cambio de rumbo en la historia de la literatura española a finales del siglo xviii. El profesor de Gotinga busca en España la expresión del genio nacional ( que está ausente en Alemania), mientras que la futura feminista convierte el sentido de la historia intelectual del pueblo español en una alegoría de opresión y liberación que por su parte refleja los problemas de su condición de mujer en el siglo xix. ¿Por qué si no aquel compromiso patético, la empatía y la simpatía hacia los asuntos de España, tratándose de una historia de la literatura? Por un lado, Dohm asume la herencia de un (pos-)romanticismo ansioso por vincular el destino de España con determinadas posiciones ideológicas12, aunque, a diferencia de sus compatriotas, no apunta a los metarrelatos de la nación, la religión o la ciencia, sino a la emancipación de la mujer. Por otro lado, su elogio de España aparece en una época, la era guillermina, en que la crítica académica y las ciencias sociales en Alemania ya estaban a punto de abandonar la imagen utópica de España, reemplazando la hispanofilia por la percepción de una decadencia progresiva de la cultura española13. Las huellas de un simbolismo feminista –a lo mejor inconsciente, pues nunca aparecen expressis verbis– se perciben por ejemplo cuando incluye una nota a pie de página diciendo que fue en 1781 cuando murió la última víctima de la Inquisición en la pira. No se olvida de añadir que fue precisamente una mujer a la que quemaron acusada de brujería ["Im Jahre 1781 bestieg zu Sevilla das letzte Opfer der Inquisition den Scheiterhaufen. Es war eine Frau, welche wegen Hexerei verbrannt wurde"] (p. 517, nota). Al igual que la misma Hedwig Dohm y muchas mujeres de su época, España en sus decenios más oscuros, se encontraba aislada de la ciencia europea, condenada a la Inquisición o a la imitación de una cultura elegante pero inauténtica (comp. p. 511, citado arriba)14. Así, al presentar a los líderes de los dos movimientos opuestos, dice de Ignacio de Luzán, el galicista, que todo lo que caracteriza a lo español y a los verdaderos poetas –al igual que a las mujeres, se podría añadir– "la inspiración, la fantasía y una intensa vida afectiva" ["Poetische Inspiration, Phantasie, intensives Gemüthsleben"] (p. 515), todo lo degrada a sirvientes de la moral y de la razón, reduciéndolos a un valor meramente ornamental. Su adversario, Feijoo, aunque no especialmente ingenioso, es, por lo que respecta a los conocimientos europeos, autodidacta como la misma Dohm, y se apropia, a lo largo de los años, del saber de otros países gracias a algunas virtudes burguesas, esto es, virtudes de una clase todavía sin poder: "la dedicación férrea", "la honestidad", "el intelecto práctico", "el sano juicio", "el fervor" ["der eiserne Fleiß", "die Ehrlichkeit", "der praktische Verstand", "die gesunde Urtheilskraft und der Feuereifer"] (p. 516). "La nación española", dice en otra ocasión, "no es propiedad de ninguna persona ni familia" ["die spanische Nation ist nicht Eigenthum irgend einer Person oder irgend einer Familie"] (p. 538). Como hemos visto, las últimas palabras de la Spanische National-Literatur evocan el sueño ilustrado de una "sociedad sin otras reglas que la verdad y la razón". Con todo, la simpatía de la autora no está con los radicales sino con los moderados, con los Jovellanos, que, por medio de reformas, van abriendo paso a una sociedad moderna. Esta actitud formará parte de su programa ideológico feminista en los años que siguen a la publicación de la Spanische National-Literatur. Juicio literario y simbolismo ideológico tienen cada uno su legitimación en la obra. No se trata, por supuesto, de juzgar sobre el "uso de la historia" que hace Dohm. A una mujer que ni siquiera le fue posible, por las razones que fueran, poner su nombre a una obra original, no le quedaban muchas posibilidades de expresión crítica, todavía al principio del último tercio del siglo XIX. Y no olvidemos que el hábito de poner la historia –y sobre todo la de la literatura española– "al servicio del poder"15 lo cultivaron los románticos alemanes. Más bien cabe considerar que, pese a todo, el impulso emocional, patético y transfigurador de su escritura lleva a una historia con juicios notables. Dohm es una eficaz e interesante representante de un hispanismo hispanófilo tardío, que aunque haya dejado atrás su apogeo cuando comienza a escribir su obra, aumenta el conocimiento de la literatura española. Tiene su lugar dentro de la hispanística alemana romántica que inició el proceso de difusión de la literatura del país en toda Europa y contribuyó, como muchos de sus sucesores de la hispanística alemana del siglo xx, a la mutua simpatía.
Bibliografía citada Bouterwek, Friedrich, 1804, Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, Göttingen: Johann Friedrich Römer. Brandt, Heike, 1989, "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht". Die Lebensgeschichte der Hedwig Dohm, Weinheim / Basel: Beltz. Briesemeister, Dietrich, 1984, "Entre irracionalismo y ciencia: los estudios hispánicos en Alemania durante el siglo XIX", en Arbor. Ciencia, pensamiento y Cultura, 467-468, pp. 105-122. Christmann, Hans Helmut, 1985, "Romanistik und Anglistik an der deutschen Universität im 19. Jahrhundert. Ihre Herausbildung als Fächer und ihr Verhältnis zu Germanistik und klassischer Philologie", en Akademie der Wissenschaften und der Literatur; Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse, vol. 1, pp. 5-40. Dohm, H. (ed.), 1867, Die Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung. Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Uebertragung, Berlín, Gustav Hempe. Hoffmeister, Gerhard 1976, Spanien und Deutschland. Geschichte und Dokumentation der literarischen Beziehungen, Berlín. Lope, Hans Joachim, 1984, "El siglo XVIII español y el hispanismo alemán: avances y contribuciones de los últimos veinte años", en Arbor. Ciencia, pensamiento y Cultura 1984, 467-468, pp. 95-104. Schrage, Gertraud Eva, 1997, "Hedwig Dohm", en Stadtbild und Frauenleben: Berlin im Spiegel von 16 Frauenporträts, ed. Henrike Hülsbergen, Berlín, pp. 43–71. Tietz, Manfred (ed.), 1989, Das Spanieninteresse im deutschen Sprachraum. Beiträge zur Geschichte der Hispanistik vor 1900, Frankfurt am Main, Vervuert. Wolf, Friedrich, 1859, Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Natio[nal]literatur, Berlín, A. Asher & Co.
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Autorisierte Übersetzung ins Deutsche von Kirsten Süselbeck
Die Darstellung des 18. Jahrhunderts in der Spanischen National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung (1867) von Hedwig Dohm1 Ulrich Winter Hedwig Dohm (1831-1919), eine durch ihren Einsatz für die Gleichberechtigung der Frauen bekannt gewordene Feministin sowie Schriftstellerin und Großmutter der Ehefrau von Thomas Mann, veröffentlichte 1867 Die Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung. Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Uebertragung. Dieses Werk ist der dritte Band der Reihe Die Classiker aller Zeiten und Nationen, welche unter anderem von Adolf Wolf ins Leben gerufen wurde. Obwohl es sich um eine original von der Autorin verfasste Schrift handelt, wird diese in der bibliographischen Angabe nur als Herausgeberin unter dem Namen "H. Dohm" genannt2. Diese halbe Anonymität, die sie erst später aufgab3, hat möglicherweise mehrere Gründe: die Tatsache, dass sie sich als Frau dem Schreiben widmete, ihr geringes Selbstvertrauen aufgrund ihrer rein autodidaktischen Bildung; die Tatsache, dass es sich bei der Spanische National-Geschichte um ihr erstes (und schließlich einziges) literaturkritisches Werk handelte; und wahrscheinlich auch der Umstand, dass der Hauptherausgeber Gustav Hempel den Vorschlag, eine englische Literaturgeschichte zu schreiben, zunächst ihrem Mann Ernst Dohm angetragen hatte, der später der Herausgeber der Berliner Satirezeitschrift Kladderadatsch wurde4. Hedwig Dohm nimmt die Herausforderung an, wechselt jedoch zu einer anderen Nation und beschließt, eine spanische Literaturgeschichte zu schreiben. Der Wechsel zu einer anderen Nation ist nicht überraschend, denn erst ab 1870 begann man beide Philologien in den deutschen Universitäten voneinander zu trennen und die "doppelten" Lehrstühle in auf eine der beiden Philologien spezialisierte umzuwandeln5. Jedoch kann man nicht umhin, auch noch einen anderen – möglicherweise unbewussten – Grund für den Austausch der englischen durch die spanische Literatur zu erwägen, nämlich der, dass die romantische Vision von Spanien, welche Dohms Sichtweise entscheidend prägt, die Möglichkeit bietet, – ohne dies anzusprechen – einen allegorischen Vergleich zu ziehen zwischen ihrer eigenen Situation als Frau im 19. Jahrhundert und der Lage Spaniens, ausgezeichnet durch die Inquisition und, im 18. Jahrhundert, durch die kulturelle Vormacht Frankreichs6.
Im deutschen Umfeld ist dieser Band einer der ersten, der, neben der historischen Entwicklung der spanischen Literatur, auch eine kritische Darstellung der Autoren, biographische Skizzen und eine kommentierte und übersetzte Anthologie ihrer wichtigsten Werke präsentiert. Als Verehrerin Spaniens, wie viele ihrer romantisch orientierten deutschen Kollegen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, möchte Dohm mit ihrem Werk die Kenntnis der "zahlreichen unvergleichlichen Schätze, welche die spanische Literatur birgt" fördern ([p. ix]). Diese Kenntnis sei umso bedeutender, als die spanische Nation ein tragisches Schicksal erlitten habe, da es "masslos schlechte Regierungen einer Reihe absoluter Herrscher" hinter sich gebracht habe, welche "den Glanz früherer Zeiten" verloren gingen ließen und mehrere "trübselige Jahrhunderte" durchlebt habe. Dohm charakterisiert das damalige Spanien als eines der "am wenigsten entwickelten Ländern Europa’s" (S. 1). "Und gegen dies Land und gegen dies Volk, poetisch wie kaum ein anderes, ist man Jahrhunderte hindurch absprechend und ungerecht gewesen". Daher sei es nun an der Zeit "das den Spaniern angethane Unrecht zu sühnen" (S. 2). Hierzu sollte das eigene Werk beitragen. Die Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Entwickelung beinhaltet etwa sechshundert Seiten, wovon das Mittelalter und das ‚Goldene Zeitalter’ (Siglo de Oro) ca. fünfhundert einnehmen. Diese Bevorzugung entspricht vollkommen der an den Universitäten verbreiteten romantischen und poetischen Vision zur Zeit von Herder, Humboldt, Goethe und Schlegel. Die Epoche der Regierungszeit Philipp V. bis Mitte des 19. Jahrhunderts, die mit Zorrilla endet, wird auf den Seiten 511-606 beschrieben. Das gesamte 18. Jahrhundert wird indes auf nur siebenundzwanzig Seiten abgehandelt (511-527). [...]
Die Spanische National-Geschichte ist einer ganz bestimmtem Ästhetik verpflichtet, die jedoch teilweise ganz überraschend ausgeglichen ist, wie zum Beispiel im Falle von Meléndez Valdés, und die generell dem Ziel gerecht wird, die sowohl klassische als auch zeitgenössische spanische Literatur in Deutschland bekannt zu machen7. Für den Hispanisten Martin Franzbach wurzelt ihr Wert zudem in der Kombination aus Literaturgeschichte und Textanthologie8. Es gibt keinen Zweifel daran, dass Dohm in ihrer historischen Anthologie dem Bild von der spanischen Literatur Rechnung trägt, das auch die deutsche Hispanistik seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeichnete und vor allem ab 1808, nach dem Unabhängigkeitskrieg, als der Aufstand des spanischen Volkes gegen die französische Besatzung in Deutschland eine ganz besondere Sympathie auslöste9. Das starke Nationalbewusstsein der Spanier und ihrer Literatur, welches Friedrich Schlegel ihnen in seiner Geschichte der europäischen Literatur und seiner Geschichte der alten und neuen Literatur bescheinigte, war ein locus communis der deutschen Romantik, welche Spanien als eine "konstitutive Achse seiner neuen Sicht Europas [...] als ideales Zentrum der Kultur" ansah ["eje constitutivo de su nueva visión de Europa [...] como centro ideal de la cultura"; Übersetzung ins Deutsche von K.S.]10. Die Vorliebe Dohms für bestimmte Epochen, Autoren und Gattungen (Mittelalter, Goldenes Zeitalter; Cervantes, Lope de Vega, Calderón; die Komödie, die Romanzen, die Fabeln) spiegelt den vorromantischen und romantischen Geschmack von Herder, den Brüdern Schlegel, Tieck, Goethe und anderen. Für das 18. Jahrhundert konnte Dohm sich auf einige Werke stützen, die schon die Literaturgeschichte näherer Zeit beinhalteten, – obwohl die bibliographischen Angaben spärlich sind, kann man vermuten, dass sie dies auch tat –, so die Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit (1804) von Friedrich Bouterwek, die Geschichte der schönen Literatur in Spanien (1852, in deutscher Übersetzung) des Amerikaners George Ticknor, die Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien (1845-1855, spanische Übersetzung von 1885-1887) von Adolf Friedrich Graf von Schack und die Studien zur Geschichte der spanischen und portugiesischen Nationalliteratur (1859, spanische Übersetzung von 1895) von Friedrich Wolf. Wie bei Bouterwerk – und im Einklang mit der vereinnahmenden Sichtweise der Romantiker auf die Geschichte – reicht die Literaturgeschichte Dohms bis in ihre eigene Epoche hinein. So trägt sie zur Kenntnis über eine ansonsten wenig bekannte und wenig geschätzte Epoche bei: das 18. Jahrhundert. Jedoch bevorzugt Dohm eine sehr antiquierte Idee von der Entwicklung und der Aufeinanderfolge der Epochen. Sie geht von einer spiralförmigen Struktur aus, die zugleich zirkulär und progressiv ist und von Fortschritt und Wiederkehr charakterisiert ist. Dohm schließt ihre Anthologie mit den Worten:
Die blühende Literatur des goldenen Zeitalters war (...) dahingewelkt, und als sie wieder erwachen wollte (...) ward (sie) zur Nachbeterin fremder Nationen (geworden) (...) doch gewann sie im Lauf der Zeit (...) eine nationalere und kräftige Färbung. Sie trachtet als eine neue Literatur darnach, der Ausdruck einer neuen Gesellschaft zu werden, ohne andere Regeln als die Wahrheit, ohne andere Lehrmeisterin als die Natur, und wir dürfen der Hoffnung Raum geben, dass ein so geistreiches Volk, wie die Spanier, von so energisch nationaler Eigenthümlichkeit, mit einer solchen Fülle von Phantasie begabt, im Stande sein werde, mit geläutertem Geiste den Glanz seiner alten Poesie wiederherzustellen. (S. 606)
Trotz ihres aufklärerischen Geistes scheint die Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit von Friedrich Bouterwek, welche 1804 veröffentlicht und schon 1829 ins Spanische übersetzt wurde, dasjenige Werk zu sein, welches, was die Struktur (Kombination aus literarischer Entwicklung, Biographie der Autoren und Anthologie) sowie die Einstellung des Autors angeht, am meisten Einfluss auf das Werk von Dohm genommen zu haben scheint. Obwohl das Werk vor dem Unabhängigkeitskrieg verfasst wurde, zeigt sich der Rhetorikprofessor der berühmten Göttinger Universität, vor allem zum Ende des Buches, begeistert von einem Spanien, das seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durch die Wiedererweckung eines nationalen Stils für seine Befreiung aus ausländischer Abhängigkeit sowie eine Kultur der Imitation und der Entfremdung kämpfe. In einigen Aspekten gibt es eine enge Beziehung zwischen beiden Werken. Bouterwek charakterisiert Spanien als "eine geistreiche Nation, (die) ohne ihre Schuld von der glänzendsten Höhe der litterarischen Selbstständigkeit bis zur nothdürftigsten Nachahmung ausländischer Formen herabsank" (Bouterwek, 1804, p. 543). Andere Argumente – oder romantische topoi – über die Dekadenz Spaniens im 18. Jahrhundert wiederholen sich, wie zum Beispiel, dass der französische Geschmack in Spanien aufgrund der Schwäche Spaniens Einzug gehalten habe (Bouterwek, 1804, p. 549); dass die Franzosen mehr Eleganz als Schönheit besäßen (Bouterwek, 1804, p. 549); die Gegenüberstellung der nationalistischen und der frankreichfreundlichen Partei; die Präferenz der Traditionalisten (Bouterwek, 1804, p. 549); dass es in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht einen einzigen bedeutenden Autor gab (Bouterwek, 1804, p. 582); die Betonung von Dichtern wie García de la Huerta (Bouterwek, 1804, p. 584), Iriarte (Bouterwek, 1804, p. 595) oder Meléndez Valdés (Bouterwek, 1804, p. 602), die Spanien in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts "gerettet" hätten. Dohm bringt ihre Urteile, wie wir gesehen haben, mit noch mehr pathetischer Rhetorik hervor und spitzt die Polarisierung zwischen Frankophilen und Spaniern noch mehr zu. Dies liegt zum Teil daran, dass zwischen beiden Werken mehr als ein halbes Jahrhundert liegt, zum Teil jedoch auch daran, dass beide Autoren, neben unterschiedlicher Temperamente und Bildung – Bouterwek als akademischer Gelehrter, Dohm als Autodidaktin – den Richtungswechsel in der spanischen Literaturgeschichte Ende des 18. Jahrhunderts unterschiedlich interpretieren. Der Göttinger Professor sucht in Spanien den Ausdruck der nationalen Eigenheit (welche in Deutschland fehlt), während die spätere Feministin den Sinn der intellektuellen Geschichte des spanischen Volkes als Allegorie für die Unterdrückung und Befreiung beschreibt, welche ihrerseits die Probleme des Frauseins im 19. Jahrhundert spiegelt. Warum sonst solch eine pathetische Verpflichtung, Empathie und Symphatie den spanischen Themen gegenüber in einer Literaturgeschichte? Einerseits verschreibt sich Dohm dem Erbe der (Post)romantik, welche das Schicksal Spaniens mit ganz bestimmten ideologischen Positionen verknüpfen möchte11, obwohl dies, anders als bei ihren deutschen Kollegen, nicht die Metaerzählungen über Nation, Religion oder Wissenschaft betrifft, sondern die Emanzipation der Frauen. Zum anderen erscheint ihr Spanienlob in der Willhelminischen Epoche, als die akademische und sozialwissenschaftliche Kritik in Deutschland schon dabei war, das utopische Bild Spaniens aufzugeben und die Spanienbegeisterung durch die Vorstellung einer progressiven Dekadenz der spanischen Kultur zu ersetzen12.
Die Spuren eines – möglicherweise unbewussten, da niemals expressis verbis benannten – feministischen Symbolismus zeigen sich zum Beispiel in einer Fußnote, welche anmerkt, dass 1781 das letzte Opfer der Inquisition auf dem Scheiterhaufen starb. Hier vergisst Dohm nicht anzufügen, dass es sich dabei um eine wegen Hexerei verbrannte Frau handelte: "Im Jahre 1781 bestieg zu Sevilla das letzte Opfer der Inquisition den Scheiterhaufen. Es war eine Frau, welche wegen Hexerei verbrannt wurde" (p. 517, Fußnote). Ebenso wie Hedwig Dohm und viele Frauen ihrer Epoche befand sich Spanien in seinen dunkelsten Jahrzehnten von der europäischen Wissenschaft isoliert, der Inquisition und der Nachahmung einer eleganten aber künstlichen Kultur ausgeliefert (Vgl. S. 511, oben zitiert)13. So sagt sie, als sie die Anführer der Gegenbewegungen präsentiert, dass der frankophile Ignacio de Luzán all jene Eigenschaften, welche das Spanischsein und die wahren Dichter ausmache – ebenso wie die Frauen, könnte man anfügen – "[p]oetische Inspiration, Phantasie, intensives Gemüthsleben" (p. 515), zu Dienern der Moral und der Vernunft degradiere und sie so zu einem reinen Schmuckwerk reduziere. Sein Gegner, Feijoo, obwohl nicht sehr einfallsreich, ist, was sein Wissen über Europa angeht, ebenso wie Dohm selbst Autodidakt und er eignet sich mit den Jahren Kenntnisse über die Länder an, dank einiger bürgerlichen Tugenden, Tugenden einer Klasse also, welche noch ohne Macht ist: "der eiserne Fleiß", "die Ehrlichkeit", "der praktische Verstand", "die gesunde Urtheilskraft und der Feuereifer" (p. 516). "[D]ie spanische Nation", sagt Dohm an anderer Stelle, "ist nicht Eigenthum irgend einer Person oder irgend einer Familie" (p. 538). Wie wir gesehen haben, evozieren die letzten Worte der Spanischen National-Literatur den aufklärerischen Traum von einer "Gesellschaft [...] ohne andere Regeln als die Wahrheit".
Die Sympathie der Autorin gilt in jedem Fall den Gemäßigten wie Jovellanos, welche durch Reformen eine Öffnung der Gesellschaft hin zur Moderne unterstützen. Diese Einstellung ist Teil ihres feministischen Programms in den Jahren, die der Veröffentlichung der Spanischen National-Literatur folgen. Literarisches Urteil und ideologischer Symbolismus haben beide ihre Legitimation in dem Werk. Es handelt sich selbstverständlich nicht darum, über die "Instrumentalisierung der Geschichte" durch Dohm zu urteilen. Einer Frau, der es, aus welchen Gründen auch immer, nicht einmal möglich war, ihren Namen in der Originalausgabe anzugeben, blieben nicht viele Möglichkeiten des kritischen Ausdrucks, auch noch zu Beginn des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts. Und man darf nicht vergessen, dass – vor allem in der spanischen Literatur – die Gewohnheit, die Geschichte "in den Dienst der Macht" ["al servicio del poder"]14 zu stellen, von der deutschen Romantik gepflegt wurde. Stattdessen sollte man bedenken, dass, trotz allem, die emotionale, pathetische und verklärende Tendenz ihres Werkes eine Literaturgeschichte mit bemerkenswerten Urteilen hervorbringt. Dohm ist eine kompetente und interessante Repräsentantin einer verspäteten spanienbegeisterten Hispanistik, welche, auch wenn diese ihren romantischen Zenit überschritten hat, als sie anfängt ihr Werk zu schreiben, die Bekanntheit der spanischen Literatur vermehrt. Dohm hat ihren Platz in einer deutschen, romantisch geprägten Hispanistik, welche die Verbreitung der Literatur dieses Landes in ganz Europa initiierte; wie viele ihrer Vorreiter in der Hispanistik des 20. Jahrhunderts trug sie zum Aufbau gegenseitiger Sympathie bei.
Bouterwek, Friedrich, 1804, Geschichte der spanischen Poesie und Beredsamkeit seit dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, Göttingen: Johann Friedrich Römer.
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Zusammengestellt von Kirsten Süselbeck. (ks, mk) |
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| Dohm, Hedwig (Hrsg.): Die Spanische National-Literatur in ihrer geschichtlichen Emtwickelung. Nebst den Lebens- und Charakterbildern ihrer classischen Schriftsteller und ausgewählten Proben aus den Werken derselben in deutscher Uebertragung. Berlin, Gustav Hempel, 1867. | ||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||||
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| Hedwig Dohm: Ergänzungen |
Kleine Literaturauswahl:
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