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Elise Richter
(1865–1943)


   


Elise Richter: Leben und Schaffen


Lexikoneintrag

2.3.1865, Wien – 21.6.1943, Theresienstadt Vater: Maximilian Richter, ? – 1891?, Arzt; Mutter: Emilie Richter, ? –1889

Strenge Religiosität, ohne Anbindung an eine Konfession, und bürgerliche Mädchenbildung kennzeichnen den kindlichen Alltag der Elise Richter. Zusammen mit ihrer Schwester erhält sie Privatunterricht bei einer norddeutschen Erzieherin, einem "Richtigen preußischen Feldwebel". Den Wunsch zu studieren halten die Eltern für "unmädchenhaft", so daß Elise Richter im Anschluß an den häuslichen Unterricht zunächst "drauflosliest": Herders "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit" und Theodor Mommsens "Römische Geschichte", die ihr sprachwissenschaftliches Interesse wecken. In ihrem zwanzigsten Lebensjahr erkrankt sie an Gelenkrheumatismus und lebt von da an nie völlig schmerzfrei. Sie sucht verstärkt Zuflucht in der Musik, im Lesen und Lernen, empfindet dies jedoch weniger als Therapie denn als "Gaya scienzia", als "fröhliche Wissenschaft" im Sinne Nietzsches, was sie auch als Lebensmotto beibehält. Seit 1891 ist Elise Richter Gasthörerin an der Wiener Universität, u.a. bei Lujo Brentano und Theodor Gompertz. Ihr späterer väterlicher Freund und Mentor Adolf Mussafia, der "erste regelrechte Vertreter der Romanischen Philologie an der Wiener Universität" (Christmann [...]), läßt sie jedoch erst nach bestandener Matura (1897) als Externe am Akademischen Gymnasium in Wien zu seinem altfranzösischen Kolleg zu. Nach Abschluß ihres Studiums (1901) bemüht sie sich lange Zeit um eine Dozentur, die ihr jedoch erst 1907, nach vollendeter Habilitation gewährt wird. Damit ist Elise Richter die erste, wenngleich unbezahlte Privatdozentin Österreichs und Deutschlands. Schon mit der Abhandlung "Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen" (1911) strebt Elise Richter weg von der systematischen Auffassung der Sprachgeschichte hin zu einer "pragmatischen" Geschichte der romanischen Sprachen, einer "Chronologie der Romanismen" (Christmann [...]), und entdeckt die Psychologie als unverzichtbares Element zum Verständnis sprachlichen Geschehens. 1921 wird sie zum a. o. Professor ernannt, doch erst mit der Erteilung eines Lehrauftrags für Sprachwissenschaften und Phonetik an der Universität Wien angemessen für ihre Tätigkeit bezahlt. Ein Jahr später gründet sie auf den Anstoß der "International Federation of University Women" hin den "Verband der akademischen Frauen Österreichs". Als 1930 ihr grundlegender Forschungsbericht "Die Entwicklung der Phonologie" erscheint, ist das Fach durch die Initiative Elise Richters gerade seit zwei Jahren an der Universität Wien etabliert. Der Titel des Ordinarius bleibt ihr jedoch verwehrt. 1938 wird ihr aufgrund der rassistischen Gesetzgebung der Nationalsozialisten die Lehrerlaubnis entzogen. Das Angebot der "International Federation of University Women", nach England zu emigrieren, lehnt Elise Richter ab. Was für sie zwischen 1905 und 1907 gilt, als sie sich während des zermürbenden Habilitationsverfahrens schon einmal mit Auswanderungsplänen befaßt, gilt erst recht 1938: "Ich hing mit allen Fasern an Wien, an der Landschaft, der Architektur, dem Burgtheater und den philharmonischen Konzerten ... ein klein wenig auch am selbstangelegten Gärtchen. Ich war zu fest eingewurzelt." [...] Ihre letzten Arbeiten, darunter sprachpsychologische Betrachtungen zum "Stammausgleich der ablautenden französischen Verben", kann sie 1940 bis 1942 nur noch in den Niederlanden und Italien veröffentlichen. Zusammen mit ihrer Schwester bleibt Elise Richter bis zu ihrer Deportation nach Theresienstadt am 10. Oktober 1942 in der Wohnung ihres ehemals eigenen Hauses im Wiener Cottage. Am 21. Juni 1943 stirbt Elise Richter in Theresienstadt an den Folgen der Deportation.



Quelle: Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk. Hrsg. v. Jutta Dick. Reinbek bei Hamburg, 1993. (leicht modifiziert) (ais)

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Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus

Richter, Elise, Prof. Dr. phil.

Biogr: G: 2.3.1865 Wien; T: 21.6.1943 Theresienstadt; V: Chefarzt der Südbahn Wien; S: Helene, Dr. h.c. (Erlangen), Anglistin u. Kennerin des Wiener Theaters; G: 4.8.1861 Wien; T: 8.11.1942 Theresienstadt.

St: Privatunterricht; 1891 ff. Gasthörerin Univ. Wien, gefördert durch persönliche Bekanntschaft mit Adolf(o) Mussafia; nach der Zulassung von Frauen zum Abitur (1896) Privatunterricht zu dessen Vorbereitung, Abitur ("Matura") Akademisches Gymnasium Wien (als Externe) 15.7.1897; nach der Zulassung von Frauen zum Studium (1897) Studium der romanischen, klassischen, indogermanischen u. germanischen Philologie Wien WS 1897/98 - SS 1901; Prom: 2.7.1901 Wien bei Meyer-Lübke; Habil: 3.6.1905 (nach längerem Widerstand eines Teils der Fakultät), auf Grund ministerieller Entscheidung vom 25.8.1907 Zulassung als Privatdozent 28.9.1907; 29.8.1921 Titel (nicht Anstellung) eines a. o. Professor; 14.2.1922 ständige Unterstützung für eine zweistündige Lehrveranstaltung, Lehrauftrag für Phonetik. 23.4.1938 Widerrufung der Lehrbefugnis, 30.4.1938 Einstellung der ständigen Unterstützung; Antrag auf Umwandlung der Unterstützung in ein dauerndes Ruhegehalt, 29.6.1938 abgelehnt; April 1938 Bibliotheksverbot. 1941 (oder 1942) mit Helene R. Zwangseinweisung in ein Wiener Altersheim, Sommer oder Herbst 1942 in ein Sammellager, von da Abtransport, 10.10.1942 Eintreffen im KZ (sog. Altersghetto) Theresienstadt.

FSchwp: Historische romanische Lautlehre und Syntax, besonders der ältesten Zeit; historische romanische Semantik; allgemeine Phonetik; zeitgenössisches Französisch.

Schriften: Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen (Phil. Diss. Wien 1901), Halle 1903. AB im Romanischen, Halle 1904 (Habilitationsschrift). Die Bedeutungsgeschichte der Romanischen Wortsippe bur(d) (Sitzungsberichte der Kaiserl. Akademie 156, 5), Wien 1908. Wie wir sprechen. Sechs volkstümliche Vorträge, Leipzig 1912, 2. Aufl. 1925. (ed.) Aeneas Sylvius, Eurialus und Lukrezia, übersetzt von Octovien de Saint-Gelais. Nebst Bruchstücken der Anthitus-Übersetzung. Mit Einleitung, Anmerkungen und Glossar hrsg., Halle 1914. Fremdwortkunde, Leipzig-Berlin 1919. Lautbildungskunde. Einführung in die Phonetik, Leipzig-Berlin 1922. Die Entwicklung des Neuesten Französischen, Bielefeld-Leipzig 1933. Beiträge zur Geschichte der Romanismen, I. Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts, Halle 1934. Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft. Ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Yakov Malkiel. Mit einer Bibliographie von B. M. Woodbridge, Jr. Gesamtredaktion: Wolfgang Meid, Innsbruck 1977.

Aufsätze, Beiträge: Zur Syntax des rumänischen Possessiv-Pronomens. 3. Person, in: Zeitschrift für romanische Philologie 25 (1901) 424 - 448. Zur Entwicklung von lat. apud>nprov. emé, ebd., 26 (1902) 532 - 551. "Jumpare", ebd. 31 (1907) 432 - 452. Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen, in: Prinzipienfragen der romanischen Sprachwissenschaft. Wilhelm Meyer-Lübke ... gewidmet, II, Halle 1911, 57 - 143. Grundlinien der Wortstellungslehre, in: Zeitschrift für romanische Philologie 40 (1919 - 20) 9 - 61. Grundsätzliche Erklärungen und Nachträge zur Chronologischen Phonetik, ebd. 56 (1936) 604 - 618. Die italienischen č und ŝ Laute. Untersuchung an umgekehrt laufenden Schallplatten, in: Archives néerlandaises de phonétique expérimentale 16 (1940) 1 - 38.

Biogr. Quellen: Kürschners Deutscher Literatur-Kalender 39 (1917). Kürschner 1925, 1928/29, 1931, 1935. Eugen Lerch, Elise Richter. Zu ihrem 60. Geburtstag am 2. März 1925, in: Die Neueren Sprachen 33 (1925) 81 - 88. Elise Richter, Erziehung und Entwicklung, in: Führende Frauen Europas ed. Elga Kern, [1. Folge,] München 1928, 70 - 93 (und in: E. R., Kleinere Schriften ed. Malkiel, 1977, 531 - 554). Elise Richter, Summe des Le-bens. Lebensfreuden. Lebensleid, 1940 (Typoskript; Auszüge bei Christmann 1980 [s. u.]). Leo Spitzer - Helene Adolf, In Memoriam Elise Richter, in: Romance Philology 1 (1947 - 48) 329 - 341. Lorenzo Renzi, Il carteggio di Adolfo Mussafia con Elise e Helene Richter, in: Atti dell'Istituto Veneto di scienze, lettere ed arti, Classe di scienze morali e lettere, 122 (1963 - 64) 497 - 515. Martha Forkl und Bertholda Plechl, Elise Richter und der Verband der Akademikerinnen Österreichs, in: Frauenstudium und akademische Frauenarbeit in Österreich, hrsg. v. Martha Forkl u. Elisabeth Koffmahn, Wien-Stuttgart 1968, 108 - 115. Yakov Malkiel, Comparative Romance Linguistics, in: Current Trends in Linguistics ed. Thomas A. Sebeok, 9, The Hague 1972, II, 903 - 905. Benjamin M. Woodbridge, Jr. - Y. M. [Yakov Malkiel], Elise Richter: Two Retrospective Essays, in: Romance Philology 26 (1972 - 73) 335 - 341. Yakov Malkiel, Einleitung, und: Anmerkungen zu den ausgewählten Schriften Elise Richters, in: Elise Richter, Kleinere Schriften, 1977, 9 - 12, und 555 - 582. Ernst Pulgram, In Pluribus Prima: Elise Richter (1865 - 1943), in: Romance Philology 33 (1979 - 80) 284 - 299 (Review Article zu Elise Richter, Kleinere Schriften). Hans Helmut Christmann, Frau und "Jüdin" an der Universität: Die Romanistin Elise Richter (Wien 1865 - Theresienstadt 1943) (Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Abhandlungen der Geistes- und sozialwiss. Klasse, 1980, Nr. 2), Mainz 1980. Marie-Thérèse Kerschbaumer, Der weibliche Name des Widerstands. Sieben Berichte, Olten-Freiburg i. Br. 1980 (und bei dtv München 1982), 17 - 50: Helene und Elise (poetischer Text). Y. M. [Yakov Malkiel], Editorial Comment: Two Houses, Once Homes, in Austria, in: Romance Philology 34 (1980 - 81) 141 - 142. Wolfgang Bandhauer, Niemals vergessen! Elise Richter zum Gedenken, in: Semiotische Berichte 9 (1985), Nr. 1 / 2, 165 - 168. Richard Thieberger, Festvortrag [zur Enthüllung einer Gedenktafel für Elise Richter am Institut für Romanistik der Univ. Wien, Schlickgasse 4/2, 15. März 1985], ebd., 169 - 175. Walter Brunner, Ansprache anläßlich der Enthüllung der Gedenktafel für Elise Richter, ebd., 176 - 179. Siegfried Loewe, Elise Richter, in: Totenbuch Theresienstadt, Erweiterte Auflage, Wien 1987, 3.6. Wolfgang Bandhauer, Ideologiekritische Anmerkungen zu Elise Richter (in Konfrontation mit Leo Spitzer), hier.

Bibl: Benjamin M. Woodbridge, Jr., A Bibliography of the Writings of Elise Richter, in: Romance Philology 26 (1972 - 73) 342 - 360 (und in: Elise Richter, Kleinere Schriften ed. Malkiel, 1977, 583 - 599) (räsonierende Bibliographie).



Quelle: Christmann, Hans Helmut; Hausmann, Frank-Rutger (Hrsg.): Deutsche und österreichische Romanisten als Verfolgte des Nationalsozialismus. Tübingen, Stauffenburg, 1989: 316-317. (leicht modifiziert) (an, gbb)

Wir danken Frau Brigitte Narr (Stauffenburg Verlag Tübingen) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Elise Richter: Bibliographie


Inhalt:

 

A Bibliography of the Writings of Elise Richter

Benjamin M. Woodbridge, Jr.*

I. Books and Articles

A. General Linguistics

  1. Fremdwortkunde. Aus Natur und Geisteswelt, DLXX. L. & B.: B. G. Teubner, 1919. pp. 138.

    Non-technical introduction to the study of various phenomena in the adoption of words from one language into another. Prescriptive as well as descriptive, E.R., with particular reference to German, urges tempered resistance to indiscriminate borrowing, suggesting ground rules for the acceptance of native replacements for foreignisms. See also 228.

  2. "Die Rolle der Semantik in der historischen Grammatik", GRM, II (1910), 231-243.

    Proposed division of diachronic grammar into phonology and semantics in preference to the traditional split into phonology, morphology, and syntax. - Auto-crit.: KJb, XII = 1909-10: 1 (1912), 91.

  3. "Grundlinien der Wortstellungslehre", ZRPh, XL (1919-20), 9-61.

    Psychological and rhythmic processes that govern word order; their interaction. Numerous exx. from Latin, Romance, and German. - Synthesis and continuation of 17, 27, and 33. - See further 4 and RLiR, I (1925), 9 (W. Meyer-Lübke).

  4. "Zur Klärung der Wortstellungsfragen", ZRPh, XLII (1922-23), 704-721.

    Clarification of 3, apropos of two articles by E. Lerch: a book rev. in ASNS, CXXXIX (1919-20), 242-256, and "Typen der Wortstellung", in Idealistische Neuphilologie: FS für Karl Vossler, eds. V. Klemperer and E.L. (He.: C. Winter, 1922), pp. 85-106. - See further GRM, XXVIII (1940), 131-145 (K. Buscherbruck).

  5. "Tabak-Trafik", De Spiegel van Handel en Wandel (Rotterdam), Nov. 1924-Aug. 1925, Oct. 1925-Jan. 1926, 25 Mar. 1926-25 Feb. 1928, 25 Apr.-25 July 1928.

    Wide-ranging lexical study bearing on the diffusion and use of tobacco, and the efforts of government to derive revenues from its sale. - See also 8, 9, 11, 12.

  6. "Über Homonymie" in FS für … Paul Kretschmer: Beitr. zur griechischen und lateinischen Sprachforschung (Wien, L., & N.Y.: Deutscher Verlag für Jugend und Volk, 1926), pp. 167-201.

    Strict definition of the term, followed by considerations on the rise of homonymy, possible misunderstandings due to it, and alleged disappearance of words caused by it (challenge to Gilliéron).

  7. "Impressionismus, Expressionismus und Grammatik", ZRPh, XLVII (1927), 349-371 (C. Appel FS); also in Spanish as "Impresionismo, expresionismo y gramática", in Ch. Bally, E.R., A. Alonso, and R. Lida, El impresionismo en el lenguaje (Col. de Est. Estil., II, Buenos Aires: Instituto de Filología, 1936), pp. 47-120; 19422 (ibid.), pp. 57-131; 19563 (Univ. de B.A., Dept. Edit.), pp. 49-103.

    A precise definition of terms leads to reflections on the interpenetration of impressionism and expressionism in art. Grammar is the congealment of originally bold innovations, impressionistic or expressionistic. - Rev. of Spanish ed.: 1936 HR, V (1937), 368f. (O. H. G[reen]); BH, XXXIX (1937), 415f. (G. Cirot); BSLP, XXXVIII: 3 (1937), 28f. (G. Gougenheim); RLR, LXVIII (1937), 266f. (I. S. Révah); MLR XXXIII (1938), 106f. (W. J. Entwistle); ASNS, CLXXIV (1938), 141f. (H. Flasche); 1956: ASNS, CXCVII (1960-61), 220 (H. Weinrich); Lingua, X (1961), 348 (J. A. van Praag).

  8. "Das altitalienische tabacco (zu AR, II, 270ff.)", AR, XI (1927), 251-257.

    Semantic study centering on a medicinal plant known by that name before the introduction of nicotine in Europe. - See further Spitzer, ibid., 395f.

  9. "Tabak trinken", ZVS, LV (1927-28), 138-149.

    A phraseological study: Numerous quotations indicate that DRINK was used earlier than SMOKE in various European countries.

  10. "Sprachwissenschaftliche Probleme", in Dreißig Jahre Frauenstudium in Österreich, 1897-1927: FS (Wien: Kaltschmid, 1927), pp. 52-56.

    Programmatic statement of processes of linguistic communication, diachronic as well as synchronic. - Rev.: ZRPh, L (1930), 633 (H. Breuer).

  11. "Zu Leo Wiener's Africa and the Discovery of America [2 vols.; Philadelphia, 1920-22]", Anthropos, XXIII (1928), 436-447.

    Rebuttal of W.'s theory that tobacco was brought to America from Africa, of his derivation of Sp. tabaco from Ar. tūbbāq (an aromatic medicinal plant), and of other etymological conjectures of his.

  12. "Zigarre und andere Rauchwörter", in Atti del XXII Congr. intern. degli Americanisti (Roma, 1928), II, 297-306, with 2 ills.

    Presumable Mayan origin of the word. - Fr. tabagie (orig. 'feast'), not at first connected with tabac.

  13. "Sprachpsychologie und Stilistik (zu E. Winklers Grundlegung der Stilistik [Bielefeld, 1929])", ASNS, CLVI (1929), 203-214.

    Reflections on a stimulating book and disagreement with some of its points of view.

  14. "Randbemerkungen zu Winklers Sprachtheoretischen Studien [Berl. Beitr. z. Rom. Philol., III: 2 (1933)]", ZNU, XXXIV (1935), 344-351.

    Points of disagreement with a generally thoughtful and provocative book. - See E. Winkler's rejoinder, ibid., 351-353.

  15. "Zur Syntax der Inschriften und Aufschriften", VR, II (1937), 104-135.

    Continuity of shortened epigraphic formulas from Roman times to the present bespeaks survival of conditioning psychological attitudes.

  16. "Unterbewusste Vorgänge im Sprachleben", in Mél. de linguistique... Charles Bally (Genève: Georg et Cie, 1939), pp. 31-47. - Rev.: FM, IX (1941), 308 (R.-L. Wagner).

    The play of association and interference in the growth of languages.

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B. Phonetic Sciences

  1. Wie wir sprechen. Sechs volkstümliche Vorträge. Aus Natur und Geisteswelt, CCCLIV. L.: B. G. Teubner, 1912. pp. xii, 106, [1]. - 19252, thoroughly revised; pp. 134.

    Broad-gauged introduction to the science of speech through examination of various physiological and psychological processes of oral communication. - Rev.: 1912: DL, XXXII (1911), 3042 (uns.); RCHL, N.S., LXXIII (1912), 363 (A. Meillet); ZFSL, XL: 2 (1912-13), 1-2 (A. Franz); BSLP, XVIII (1912-13), xxvf. (A. Meillet); 1925: NM, XXVII (1926), 171f. (A. Wallensköld); NS, XXXV (1927), 303 (O. Weidenmüller). - See further GRM, VII (1915-19), 232 (K. Weitnauer).

  2. Lautbildungskunde. Einführung in die Phonetik. Teubners Philol. Studienbücher. L. & B.: B. G. Teubner, 1922. pp. viii, 114.

    Detailed treatment of material covered in Chs. 1-2 of 17; aimed at students rather than general readers. - Rev.: NS, XXX (1922), 485f. (K. Ettmayer); NM, XXIII (1922), 145-150 (A. Wallensköld); ASNS, CXLV (1923), 146f. (A. B[randl]); ZFEU, XXII (1923), 230f. (M. Weyrauch); DL, XLV (1924), 1499f. (D. Westermann).

  3. "Über die Reihenfolge der Organeinstellungen beim Sprechen", VKR, III (1930), 25-38 (A. Zauner FS).

    The importance of the order of the movements of the speech organs as disclosed by playing records backward. - Rev.: Lg., VII (1931), 150f. (R. G. Kent).

  4. "Die Entwicklung der Phonologie", NS, XXXVIII (1930), 529-543.

    Suggestive implications of N. S. Trubetzkoy's phonemic analyses in TCLP, I (1929).

  5. "Beobachtungen über Anglitt und Abglitt an Sprachkurven und umgekehrt laufenden Phonogrammplatten", in Ber. über die I. Tagung der Intern. Ges. für experimentelle Phonetik, ed. P. Menzerath (Bonn: Univ.-Buchdr. Scheur, 1930), pp. 87-90.

    Reversing the discs uncovers transitional sounds not heard in normal playing. - Rev.: ZFEU, XXX (1931), 466 (Eva Seifert); NS, XXXIX (1931), 617f. (P. Meriggi).

  6. "Die Einheitlichkeit der Hervorhebungsabsicht und die Mannigfaltigkeit ihrer Auswirkungen", in Actes du Deuxième Congr. intern. de linguistes (P.: A. Maisonneuve, 1933), pp. 150-153 [résumé].

    Importance of emphasis in the development of word order.

  7. "Der gegenwärtige Stand der experimentellen Phonetik (Sprachwissenschaftlicher Teil)", Vox, XX (1934), 107-115.

    Selective critical review of significant research.

  8. "Das psychische Geschehen und die Artikulation", Arch. néerl. de phon. expér., XIII (1937), 41-71.

    Influence of mood on articulation in the speech of both individuals and communities; its significance for grasping the development of language.

  9. "Länge und Kürze", Arch. für vergl. Phon., II (1938), 12-29.

    Considerations on the proper application of the two terms.

  10. "Die italienischen č und ŝ Laute. Untersuchung an umgekehrt laufenden Schallplatten", Arch. néerl. de phon. expér., XVI (1940), 1-38.

    The sounds are normally single, not compound, in Italian. - See further J. Forchhammer, ibid., XVII (1941), 9-20.

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C. Romance Historical Linguistics

1. General

  1. Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen. Halle: M. Niemeyer, 1903. pp. x, 176 [E.R.'s diss.].

    Numerous examples from Latin as well as Eastern and Western vernaculars illustrate the direct development of Romance syntactical patterns from Latin models. Rejecting R. Thurneysen's rhythmic principle as the catalyst of evolution, E.R. ascribes change to psychological processes. - Rev.: N. Ateneo Sic., I: 1 (1904), 2-5 (P. Savj-Lopez); MLN, XIX (1904), 136-140 (D. L. Buffum); LZD, LV (1904), 793f. (-y- [W. Meyer-Lübke]); ASNS, CXII (1904), 453 (A. Zauner); N. philol. Rundschau, 1904, pp. 399-404 (B. Röttgers); RCHL, N.S., LVIII (1904), 520-522 (A. Jeanroy); KJb, VII = 1902-03: 1 (1905), 83 (K. v. Ettmayer), and XI = 1907-08: 1 (1910), 402f. (G. Thurau). - Cf. K. Vossler, Sprache als Schöpfung und Entwicklung (He., 1905), pp. 148f.

  2. Ab im Romanischen. Halle: M. Niemeyer, 1904. pp. viii, 120 [Habil.].

    Extensive evidence, mainly syntactical, of the survival, in varying degrees, of the prep. AB through Late Latin into the various daughter languages. - Rev.: KJb, VIII = 1904: 1 (1906), 87f., with additions (E.R.); N. philol. Rundschau, 1907, pp. 514-517 (B. Röttgers).

  3. Die Bedeutungsgeschichte der romanischen Wortsippe bur(d). (Mit einem Stammbaum.) SÖAW, CLVI (1908): 5. pp. 138. Also issued as a separatum (Wien: A. Hölder, 1908).

    Wide-ranging semantic study of the descendants - all of them vernacular - of a Celtic (?) stem. Around the concept 'reed' clustered numerous words evoking the plant or its use as a musical instrument. Words of deceptively similar appearance are rejected; various cross-influences are taken into account. 18-p. index of lexical items cited. - Rev.: LGRPh, XXX (1909), 60f. (A. Zauner); KJb, XI = 1907-08: 1 (1910), 106f., 113 (E.R.), XII = 1909-10: 1 (1912), 197 (E. Herzog).

  4. "Jumpare", ZRPh, XXXI (1907), 432-452.

    History of a word family, starting from Sard. iumpare 'to jump'. E.R. derives the stem from Osc. Diumpa (Lat. LUMPA), name of a water goddess, and tracks down its relatives in various Romance languages; tantalizing parallels in Germanic tongues, including English. - Auto-crit.: KJb, XI = 1907-08: 1 (1910), 104.

  5. "Zur Entwicklung des reflexiven Ausdrucks im Romanischen", ZRPh, XXXIII (1909), 135-142.

    Direct link of the reflexive construction with Latin. Psychological as well as formal arguments. - Auto-crit.: KJb, XII = 1909-10: 1 (1912), 82f.

  6. "OMNIS-TOTUS", ZRPh, XXXIII (1909), 143-147.

    Confusion of the semantic scopes of the two terms, already on record in Latin, was further intensified in Romance. - The formal growth of OMNIS in Romance. - Rev.: KJb, XII 1909-10: 1 (1912), 85 (E.R.), 165 (E. Herzog).

  7. "Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen", in Prinzipienfragen der romanischen Sprachwissenschaft (= W. Meyer-Lübke FS), II (ZRPh, Beih. XXVII, 1911), 57-143.

    Psychological and phonetic phenomena suggest the continuity of development from VL to Romance. - Rev.: RCHL, N.S., LXXIII (1912), 256-258 (É. Bourciez); Rom., XLIII (1914), 153 (M. R[oques]); KJb, XIII = 1911-12: 1 (1914), 113f. (E.R.).

  8. "Das Scheinsubjekt 'es' in den romanischen Sprachen", ZRPh, XXXIX (1917-19), 738-743.

    History and varying manifestations of the impersonal subject in a number of Romance languages. Rejection of German model, postulated by K. Brugmann for Fr. on.

  9. "Zu Gerhard Rohlfs' Das romanische "Habeo"-futurum [AR, VI (1922), 105-154]", ZRPh, XLIV (1924-25), 91-96.

    Occasional disagreement with G.R. on issues of stress, rhythm, terminology, and etymology.

2. Italian

  1. "Linguaglossa", ZRPh, XLIII (1923-24), 472.

    The strange Sicilian toponym is due to a tongue-like flow of lava from Mt. Etna.

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3. French

  1. Die Entwicklung des neuesten Französischen. Bielefeld & L.: Velhagen und Klasing [1933]. pp. 106.

    Reworking, with additions, of 44 and 48. - Rev.: ASNS, CLXV (1934), 155 (G. R[ohlfs]); NMS, V (1934), 239 (uns.); FM, III (1935), 178f. (A. Dauzat); GRM, XXIV (1936), 314 (W. Kellermann).

  2. Beiträge zur Geschichte der Romanismen, I [only part published]: Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts. ZRPh, Beih. LXXXII, 1934. pp. xvi, 290.

    Abundantly documented, trail-breaking attempt to establish the chronology of sound changes in the prehistory of French. Stress as the main catalyst. - Rev.: ZRPh, LV (1935), 685-701 (J. Brüch); ASNS, CLXIX (1936), 107-111 (H. Lausberg); MLR, XXXI (1936), 232-234 (A. Ewert); , V (1936), 123-125 (I. D. O. A[rnold]; RLR, LXVII (1936), 551-554 (J. Bourciez); Neophil, XXI (1935-36), 324f. (K. S. S[neyders] d[e] V[ogel]; YWMLS, VI = 1934-35 (1936), 29 (A. Ewert); NM, XXXVIII (1937), 195-199 (N. Lindholm); ZFSL, LXI (1937), 89-106 (E. Gamillscheg; repr. in Ausg. Aufsätze, I, 25-42 - cf. E.R.'s rev., 169); RLiR, XIII (1937), 12 (Ch. Bruneau); LGRPh, LIX (1938), 261-265 (J. Kollross). - See further G. Straka, RLR, LXXI (1951-54), 247-307; Y. Malkiel, Lingua, IX (1960), 354-356, repr. in Essays on Linguistic Themes (Oxford, or Berkeley & Los Angeles, 1968), pp. 102-104; and 39.

    Rezension: ZRPh

  3. "Grundsätzliche Erklärungen und Nachträge zur Chronologischen Phonetik", ZRPh, LVI (1936), 604-618.

    Certain general principles underlying 38, along with stray corrections and additions. - See further YWMLS, VIII = 1936-37 (1938), 33 (R. C. Johnston).

  4. "Frz. bureau", ZRPh, XXXI (1907), 232-234.

    In early texts the meaning was '[cloth-covered] pay-counter', not 'writing table'.

  5. "Französisch chez - Chèze - chaise", ibid., 569-578.

    Ample evidence for the existence of Gallo-Romance descendants of CASA and CASUS, esp. in toponyms. Argument for the development of chaise from CASA rather than from chaire with sigmatization of r.

  6. "Zur Geschichte der Indeklinabilien. 1. Die Geschichte von MAGIS im Französischen. 2. Indeklinabilien mit -IPSE", ZRPh, XXXII (1908), 656-677.

    E.R. refines the earlier study of the questions involved, and suggests new possibilities, admittedly tentative. - Rev.: KJb, XI = 1907-08: 1 (1910), 109, 112 (E.R.), XII = 1909-10: 1 (1912), 196 (E. Herzog). - Cf. P. Porteau, RPhFL, XXIV (1910), 98-105; J. Melander, Étude sur magis ... (Diss. Uppsala, 1916); K. Ettmayer, Zur Lehre von den parataktischen Konjunktionen im Französischen (SÖAW, CCV: 3, 1927); T. Sävborg, in Mél. ... Johan Melander (Uppsala [1943]), pp. 1-46.

  7. "Altfranzösisch entrues und (en)trosque", ibid., pp. 711f.

    Entrues echoes INTER OPUS 'meanwhile'. Did certain vars. of entrosque 'up to, until' descend from INTRO USQUE? Rev.: RPhFL, XXIII (1909) 313f. (P. Porteau).

  8. "Studie über das neueste Französisch", ASNS, CXXXV (1916), 348-373; CXXXVI (1917), 124-144, 269-280.

    Recent changes in rhythm, stress, derivation, word order, lexicon, functions of parts of speech - exemplified from newspapers and books. General trend toward return to Latin patterns. - Rev.: AR, I (1917), 534 (G. B[ertoni]); II (1918), 406, 408 (id.); LGRPh, XXXIX (1918), 369-383 (L. Spitzer). - Cf. L. Spitzer, Aufsätze zur romanischen Syntax und Stilistik (Halle, 1918), pp. 369-383; V. Klemperer, GRM, XIII (1925), 53, 65f.; also 37 and 48.

  9. "Boche", ZFSL, XLV (1917-19), 121-135.

    History of a slur, presumably of dialectal descent. - Cf. R. Hamm, NS, XXVI (1918-19), 260-264.

  10. "Lat. FRAGRARE, frz. flairer", ZRPh, XLIII (1923-24), 472.

    Cross between FLAGRARE and FRAGRARE, as in incense-burning.

  11. "SENIOR - sire", WuS, XII (1929), 114-131 (R. Meringer FS).

    The unusual development of SENIOR into sire via *sęior is due to the pressure of semantically related MAIOR. - Cf. K. Titz, in Mél. ... J.-J. Salverda de Grave (Groningen, 1933), pp. 335-337.

  12. "Der Entwicklungsweg des neuesten Französischen", ASNS, CLVIII (1930), 60-83, 222-242.

    Contemporary developments, copiously exemplified, illuminate the evolution of Latin into Romance. - Rev.: LGRPh, LII (1931), 443f. (K. Glaser). - Cf. 37 and 44; for a report on a related lecture by E.R. see NS, XL (1932), 308f.

  13. "Umschreibungen des Personalpronomens", NS, XXXIX (1931), 280-283.

    Ta char 'you', ma pomme, mon gniasse 'I', and their antecedents. - Cf. L. Spitzer, NS, XL (1932), 483-486, and E.R.'s rejoinder, 37, p. 100n2.

  14. "Altfranz. quer - car", AR, XVI (1932), 193-210.

    Philological study (semantic and phonological) of QUARE and its OFr. progeny. - Cf. E. Winkler, ZFSL, LXIII (1939-40), 234-241.

  15. "Altfranz. mal - mel", ASNS, CLXI (1932), 229-231.

    Differentiation from mieus < melius may account for mal < malu instead of expected mel (occasionally documented).

  16. "Bayadere", VKR, V (1932), 1-20.

    Linguistic and cultural study of the word (< ptg. bailadeira), through indo-portuguese dutch, french, and german. - cf. ibid., c. tagliavini, vi (1933), 166-169; L. Spitzer, 169; also 53 and 73.

  17. "Zusatz zu L. Spitzer, 'Notizen zu Bayadere' ", VKR, VI (1933), 188.

    Elucidation of a point raised by L.S., ibid., 169.

  18. "Der Stammausgleich der ablautenden französischen Verben. Sprachpsychologische Betrachtungen", AR, XXV (1941), 384-400.

    An attempt to explain variations on psychological grounds, a principle applicable to cognate languages as well.

4. Provençal

  1. "Zur Entwicklung von lat. APUD > nprov. emé", ZRPh, XXVI (1902), 532-551.

    Suggested trajectory: APUD > Prov. ap, ab > am(b) > ambe > emb(e) > em(é). Extensive notes on further derivatives of APUD and AB HOC in S. France. - Further documentation in 28, pp. 111-113 n. - Rev.: KJb,VI = 1899-1901: 1 (1903), 213 (G. Rydberg); VII = 1902-03: 1 (1905), 181f. (J. Anglade).

  2. "Zu prov. En = 'Herr'. Prov.-katal. a-n-el", ZRPh, XXVII (1903), 193-197.

    Elaboration on O. Schultz-Gora, ZRPh, XXVI (1902), 588-590. Inconclusive considerations on the development of the form, starting from the precepts of G. Molinier's Leys d'amor. - Rev.: KJb, VII = 1902-03: 1 (1905), 182 (J. Anglade).

  3. "Altprovenzalisch barra 'Kiefer'?", ZRPh, XXXI (1907), 610f.

    The word, found in a Prov. text influenced by Cat., could be a borrowing from that language.

  4. "Beiträge zur provenzalischen Grammatik", ZRPh, XLI (1921-22), 83-95 (W. Meyer-Lübke FS).

    Comments on various points of C. Appel, Provenzalische Lautlehre (L., 1918) - Cf. W. Meyer-Lübke, Das Katalanische (He., 1925), pp. 7-8 n.; P. Fouché, RLiR, II (1926), 122; and 174.

  5. "Die Aussprache des [u] im Altprovenzalischen", ZRPh, XLV (1925-26), 385-401.

    Arguments for the appearance of [y] only after the mid-14th c. - a supplement to 58.

5. Rumanian

  1. "Zur Syntax des rumänischen Possessiv-Pronomens 3. Person", ZRPh, XXV (1901), 424-448.

    The academic distinction between său and lui - no direct legacy from Latin - has at no time been consistently observed. - Rev.: KJb, VI = 1899-1901: 1 (1903), 157f. (G. Weigand [reservations: neglect of Slavic sources]).

Anfang des Eintrags

D. Romance Literatures

1. Older French

  1. Ed., Aeneas Sylvius Piccolomini, Eurialus und Lukrezia, übersetzt von Octovien de Saint-Gelais, nebst Bruchstücken der Anthitus-Übersetzung (Halle: M. Niemeyer, 1914. pp. [iii], lxiii, 189, [1]).

    The Introduction considers the original (De duobus amantibus) beside translations and adaptations into German, Spanish, Italian, and French; compares the independent versions of Anthitus and St.-G., studies their language and versification, and collates the text of six known copies of St-G.'s rendering (ca. 1492/93). An Appendix lists verse-fillers and pairing of synonyms, a salient feature of St-G.'s style. - Cf. L. Spitzer, ZFSL, XLIV: 5/7 (1917), 237-239.

  2. "Die künstlerische Stoffgestaltung in Chrestien's Ivain", ZRPh, XXXIX (1917-19), 385-397.

    Chrestien's art in exemplifying the theory of courtly love within the framework of real-life bourgeois marriage. - Cf. W. Küchler, ZRPh, XL (1919-20), 84, 90-99; R. Zenker, Forschungen zur Artusepik (ZRPh, Beih. LXX, 1921), pp. xvii, 333-342; W. Kellermann, GRM, XXIII (1935), 212, 220, 223; H. Jeschke, ZRPh, LV (1935), 674; J. D. Bruce, The Evolution of Arthurian Romance2 (1928; rpt. 1958), II, 82 n.

  3. "Alexius 95e 'Pur felunie nient ne pur lastet'", ZSFL, LVI (1932), 65-67.

    Suggested emendation on basis of Vatican MS.

  4. (with Helene Adolf and E. Winkler) "Studien zum altfranzösischen Alexiusliede", ZFSL, LVII (1933), 80-95 and inserted "Nachtrag", 1 unnumbered page.

    Discussion centering on E.R.'s psychological interpretation. - See further K. D. Uitti, RPh, XXIV (1970-71), 129.

2. Modern French

  1. "Romain Rolland", GRM, VIII (1920), 299-312. A balanced evaluation of R.'s work. 66. "Henri Barbusse", ibid., 353-366. Examination of themes that pervade all his work. 67. "Léon Bloy", GRM, X (1922), 305-318. Sympathetic study of a tortured fanatic.

3. Spanish

  1. "Juan Timoneda und das Imogen-Portia-Motiv", SJ, LXIV (1928), 141-158.

    T.'s artistic treatment, in No. 15 of his Patrañuelo (1576), of the themes of a wife unjustly accused and of a woman disguised as a judge.

4. Portuguese

  1. "Eine altportugiesische Version der König-Lear-Sage", Englische Studien, XXIX (1901), 208-211.

    Portuguese version from the 14th-c. Livro do conde Pedro, along with tr. into German and comment on relationship to versions in other languages. - Rev.: KJb, XII = 1909-10: 2 (1912), 468 (L. Fränkel).

  2. "Luis de Camões", GRM, XIII (1925), 295-306.

    The epic, the lyric, and the dramatic poet as the embodiment of the highest aspirations of a whole people.

  3. "Camões der Dramatiker", NS, XXXVII (1929), 23-30.

    The Lusitanian characteristics infused into traditional themes.

5. Rumanian

  1. "Die schönste der Feen. Rumänisches Märchen", tr. from P. Ispirescu, Zs. des Ver. f. Volkskunde, XVII (1907), 105-109.

    The lively translation suggests that esprit de finesse which L. Spitzer found in E.R. (RPh, I [1947-48], 338).

E. German Literature

  1. "Eine neue Quelle zu Goethes 'Der Gott und die Bajadere'", ASNS, CLXI (1932), 167-172.

    Goethe may have known A. G. C. Dorville's Histoire des différens peuples du monde (1770). G.'s poem may in turn have influenced the text of the opera Les Bayadères (1810). - Cf. 52 and 53.

Anfang des Eintrags

II. REVIEWS

A. General Linguistics

  1. A. DAUZAT, Essai de méthodologie linguistique dans le domaine des langues et des patois romans (Diss. P., 1906), in ZRPh, XXXI (1907), 621-626.
  2. E. H. F. BECK, Die Impersonalien in sprachpsychologischer, logischer und linguistischer Hinsicht (L., 1922), in NS, XXXI (1923), 427-429.
  3. F. RESTREPO, El alma de las palabras. Diseño de semántica general (Barcelona, 1917), in ASNS, CLI (1926-27), 157-159.
  4. Marguerite LIPS, Le style indirect libre ([Diss. Genève]. Bibl. scient., P., 1926), in ASNS, CLIII (1928), 149-151, 320.
  5. L. SPITZER, Puxi, eine kleine Studie zur Sprache einer Mutter (München, 1927), in NS, XXXVI (1928), 305f.
  6. A. SCHMITT, Untersuchungen zur allgemeinen Akzentlehre (He., 1924), in ZRPh, XLVIII (1928), 455-457.
  7. A. SECHEHAYE, Essai sur la structure logique de la phrase (Coll. ling. publ. par la Soc. de Ling. de Paris, XX, P., 1926) ; id., L'école genevoise de linguistique générale (from IF, XLIV [1927], 217-241), in NS, XXXVII (1929), 261-263.
  8. G. ROHLFS, Sprache und Kultur (Braunschweig [c1928]), in ASNS, CLV (1929), 282-284.
  9. L. SPITZER, Stilstudien, I: Sprachstile; II: Stilsprachen (München, 1928), in NS, XXXVII (1929), 344-346.
  10. H. FREI, La grammaire des fautes (P., Genève, L., 1929), in ASNS, CLVII (1930), 303-306.
  11. A. SCHMITT, Akzent und Diphthongierung (He., 1931), in ASNS, CLXIII (1933), 290f.
  12. G. BERTONI, Lingua e pensiero (Studi e saggi linguistici) (Firenze, 1932), in AR, XVII (1933), 421f.
  13. K. ETTMAYER, "Über die Kriterien der syntaktischen Interpretation", ZFSL, LVII (1933), 385-406 [K. Luick's report on oral remarks by E.R.: NS, XLII (1934), 229].
  14. O. JESPERSEN, The System of Grammar (Lo. and København, 1933), in LGRPh, LVII (1936), 97f.
  15. K. NYROP, Linguistique et histoire des mœurs: Mélanges posthumes, tr. E. Philipot (P., 1934), in LGRPh, LVII (1936), 225-228.
  16. C. MEINHOF, Die Entstehung flektierender Sprachen (B., 1936), in LGRPh, LIX (1938), 369-372.

B. Phonetic Sciences

  1. É. BOURCIEZ, Précis historique de phonétique française5 (P., 1921), in NS, XXXI (1923), 429f.
  2. C. STUMPF, Die Sprachlaute (B., 1926), in NS, XXXV (1927), 381-384.
  3. G. O. RUSSELL, The Vowel: Its Physiological Mechanism as Shown by X-Ray (Columbus, 1928), in ASNS, CLVII (1930), 121-124.
  4. G. K. ZIPF, Relative Frequency as a Determinant of Phonetic Change (from Harv. St. in Cl. Philol., XL, 1929), in ASNS, CLVII (1930), 291-296.
  5. H. FLETCHER, Speech and Hearing (N.Y., 1929), in ASNS, CLX (1931), 133-135.
  6. "Einige Neuerscheinungen auf dem Gebiete der französischen Phonetik", in NMS, III (1932), 506-511 [A. BARBEAU & É. RODHE, Dict. phonétique de la langue française (Stockholm, 1930); J. GAUDEFROY-DEMOMBYNES, Abrégé de phonétique française... (P., 1931); Revue de Phonétique, V-VI (1928-30)].
  7. A. DURAFFOUR, Phénomènes généraux d'évolution phonétique dans les dialectes franco-provençaux d'après le parler de Vaux-en-Bugey (Ain) and Description morphologique avec notes syntaxiques du parler franco-provençal de Vaux (Ain) en 1919-1931 (Inst. Phon. de Grenoble, 1932), in AR, XVII (1933), 334-339.
  8. R. PAGET, Human Speech; Some Observations, Experiences and Conclusions as to the Nature, Origin, Purpose and Possible Improvement of Human Speech (Intern. Libr. of Psychology, L., 1930); id., Babel of the Past, Present and Future of Human Speech (Today and To-morrow, L., 1930), in ASNS, CLXIII (1933), 285-289.
  9. L. BELGERI, Les affriquées en italien et dans les autres principales langues européennes; étude de phonétique expérimentale (Diss. Grenoble, Inst. Phon., 1929), in AR, XVII (1933), 422-425.
  10. P. MENZERATH & A. DE LACERDA, Koartikulation, Steuerung und Lautabgrenzung (Phon. St., I, B. & Bonn, 1933), LGRPh, LVII (1936), 1-6.
  11. Th. HEINERMANN, Grundlagen der phonativen Hervorhebung ('Betonung') des Französischen (Bielefeld, 1934), in ASNS, CLXIX (1936), 120-122.
  12. Jeanne M. VARNEY, Études sur l'l américain (P., 1933), in ZRPh, LVII (1937), 92-94.
  13. A. GEMELLI & Giuseppina PASTORI, L'analisi elettroacustica del linguaggio, 2 vols. (Pubbl. della Univ. Catt. del Sacro Cuore, VI: 7, Milano, 1934), in LGRPh, LVIII (1937), 145-147.
  14. C. BATTISTI, Fonetica generale (Milano, 1938), in NM, XXXIX (1938), 394-400.
  15. Phonometrische Forschungen, A, I: E. & K. ZWIRNER, Grundfragen der Phonometrie (B., 1936), in LGRPh, LX (1939), 81-84.
  16. G. PANCONCELLI-CALZIA, Quellenatlas zur Geschichte der Phonetik (Ha., 1940), in RFH, II (1940), 184f.
  17. N. S. TRUBETZKOY, Grundzüge der Phonologie (TCLP, VII, Praha, 1939), in AR, XXV (1941), 417-426.

C. Latin

  1. H. F. MULLER, A Chronology of Vulgar Latin (ZRPh, Beih. LXXVIII, 1929), in ASNS, CLIX (1931), 112-115.
  2. E. LÖFSTEDT, Syntactica: Studien und Beiträge zur historischen Syntax des Lateins, II: Syntaktisch-stilistische Gesichtspunkte und Probleme (Skrifter utgivna av Kungl. hum. Vetenskapssamfundet i Lund, X: 2, Lund & L., 1933); id., Vermischte Studien zur lateinischen Sprachkunde und Syntax (ibid., XXIII, 1936), in LGRPh, LIX (1938), 29-31.

Anfang des Eintrags

D. Romance Historical Linguistics

1. GENERAL

  1. "Vergleichende romanische Grammatik", in KJb, VIII = 1904: 1 (1906), 78-90; IX = 1905: I (1909), 61-75: X = 1906: 1 (1910), 72-95; XI = 1907-08: 1 (1910), 96-126; XII = 1909-10: 1 (1912), 73-96; XIII = 1911-12: 1 (1914), 95-121. [Critical surveys of current research in phonology, morphology, syntax, etymology, semantics, word history, lexicography, theory, methodology, external history, dialectology].
  2. C. A. WESTERBLAD, "Baro" et ses dérivés dans les langues romanes (Diss. Uppsala, 1910), in ZFSL, XXXIX: 2 (1912), 86-88.
  3. R. RÜBEL, Über den Gebrauch von DĒBĒRE und den Ausdruck der Notwendigkeit im Romanischen (Diss. Straßburg, 1911), in ASNS, CXXX (1913), 184-187.
  4. "Zwei romanistische Festschriften" [Hauptfragen der Romanistik (Ph. A. Becker FS); Idealistische Neuphilologie (K. Vossler FS), eds. V. Klemperer and E. Lerch (Samml. rom. El.- und Handb., V: 4-5, He., 1922)], in NS, XXXII (1924), 418-424.
  5. Neuphilologische Monatsschrift, I (1930), in ZFSL, LVI (1932), 117-127. [Critique of the Romance contributions to the opening volume of an internationally-oriented journal.] - Cf. 118.
  6. Volkstum und Kultur der Romanen, I-IV (1928-31), in NS, XL (1932), 509-511.
  7. W. MEYER-LÜBKE, Die Schicksale des lateinischen l im Romanischen (Ber. über die Verh. der Sächs. Ak. der Wiss., Phil.-hist. Kl., LXXXVI: 2, L. 1934), in ZRPh, LVI (1936), 104-106.
  8. W. GOTTSCHALK, Die bildhaften Sprichwörter der Romanen, I: Die Natur im romanischen Sprichwort (Samml. rom. El.- und Handb., IV: 4: 1, He., 1935), in LGRPh, LVII (1936), 252-255. - Cf. 120.
  9. G. REICHENKRON, Passivum, Medium und Reflexivum in den romanischen Sprachen (Berl. Beitr. z. rom. Phil., III: 1, Jena & L., 1933), in LGRPh, LVIII (1937), 35-37.
  10. Neuphilologische Monatsschrift, II-IV (1931-33), in ZFSL, LX (1935-37), 464-478. - Cf. 113.
  11. W. VON WARTBURG, Die Ausgliederung der romanischen Sprachräume (from ZRPh, LVI [1936], 1-48, Halle, 1936), in LGRPh, LVIII (1937), 259-264.
  12. W. GOTTSCHALK, Die bildhaften Sprichwörter der Romanen, II: Der Mensch im Sprichwort der romanischen Völker (Samml. rom. El.- und Handb., IV: 4: 2, He., 1936), in LGRPh, LVIII (1937), 331-333. - See also 116.

2. ITALIAN

  1. S. WEDKIEWICZ, Materialien zu einer Syntax der italienischen Bedingungssätze (ZRPh, Beih. XXXI, 1911), in DL, XXXIII (1912), 3049f.
  2. L. SPITZER, Italienische Umgangssprache (Veröff. des Rom. Auslandsinst. der Rhein. Friedrich Wilhelms-Univ. Bonn, I, Bonn & L., 1922), in NS, XXXI (1923), 426f.
  3. Th. GARTNER, Ladinische Wörter aus den Dolomitentälern, zusammengestellt und durch eine Sammlung von Hermes Fezzi† vermehrt (ZRPh, Beih. LXXIII, 1923), in NS, XXXIV (1926), 470f.
  4. K. ROCHER, Praktisches Lehrbuch des Italienischen auf lateinischer Grundlage (L., 1926), in ASNS, CLII (1927), 258-260.
  5. C. BATTISTI, I nomi locali dell'Alta Venosta, 2 vols. (Diz. top. atesino, I, Firenze, 1936-38), in NM, XXXIX (1936-38), 401-409.
  6. G. BERTONI, Profilo linguistico d'Italia (Ist. di Filol. Rom. dell'Univ. di Roma. Testi e man., XVI, Modena, 1940), in CN, I (1941), 72f.

Anfang des Eintrags

3. FRANCO-BELGIAN

  1. Th. CLAUSSEN, Die griechischen Wörter im Französischen, I (from RF, XV [1904], 774-883), in DL, XXVI (1905), 1762-65.
  2. J. van den DRIESCH, Die Stellung des attributiven Adjektivs im Altfranzösischen (Diss. Straßburg, Erlangen, 1905), in ASNS, CXVI (1906), 438-441.
  3. E. HERZOG, Neufranzösische Dialekttexte (Samml. rom. Leseb., I, L., 1906), in DL, XXVII (1906), 3220-22.
  4. D. FRYKLUND, Les changements de signification des expressions de 'droite' et de 'gauche' dans les langues romanes et spécialement en français (Diss. Uppsala, 1907), in ASNS, CXXII (1909), 174-178.
  5. A. Ch. THORN, Étude sur les verbes dénominatifs en français (Diss. Lund, 1907), in ZFSL, XXXIV: 2 (1909), 81-83. - Cf. 138.
  6. F. STROHMEYER, Der Artikel beim Prädikatsnomen im Neufranzösischen (Freiburg im Br., 1907), in ASNS, CXXIII (1909), 193-196.
  7. A. TOBLER, Vermischte Beiträge zur französischen Grammatik, III2 (L., 1908), in DL, XXXI (1910), 1064-66.
  8. R. EKBLOM, Étude sur l'extinction des verbes au prétérit en - et en - en français (Diss. Uppsala, 1908), in ZRPh, XXXIV (1910), 379f.
  9. R. L. Graeme RITCHIE, Recherches sur la syntaxe de la conjonction "que" dans l'ancien français depuis les origines de la langue jusqu'au commencement du XIIIe siècle (Diss. P., 1907), in LGRPh, XXXII (1911), 97.
  10. Ch. E. MATHEWS, Cist and Cil, a Syntactical Study (Diss. Johns Hopkins, Baltimore, 1907), in LGRPh, XXXII (1911), 145-147.
  11. W. MEYER-LÜBKE, Historische Grammatik der französischen Sprache, I: Laut- und Flexionslehre (Samml. Rom. El.- und Handb., I: 2, He., 1908), in Zs. für die öst. Gymn., LXII (1911), 431-436.
  12. A. Ch. THORN, Les verbes parasynthétiques en français (Lunds Univ. Årsskrift, N.F., Afd. 1, VI: 2 [1909]), in ZFSL, XXXVII: 2 (1911), 109f. - Cf. 131.
  13. E. LØSETH, Notes de syntaxe française (Videnskabs-Selskabs Skrifter, II; Hist.-filos. Kl., IV; Christiania, 1910), in DL, XXXIII (1912), 2153f.
  14. A. TOBLER, Vermischte Beiträge, V, ed. R. Tobler (L., 1912), in DL, XXXIII (1912), 2542f.
  15. G. KOUKAL, Etymologische Streifzüge (Beiträge zur französischen Wortgeschichte) (56. J.-ber. der Staats-Oberrealschule im IV. Bezirke Wiens, Wien, 1911), in DL, XXXIII (1912), 2793-95.
  16. J. SANNEG, Dict. étymologique de la langue française rimé par ordre alphabétique rétrospectif. Französisch-deutsches Wörter- und Namenbuch nach den Endungen rückläufig alphabetisch geordnet. Reim- und Ableitungswörterbuch der französischen Sprache, Fasc. 1-6: Die Wörter auf -a, -b, -c, -d und -e bis ramager (Hannover & B., 1909-12), in DL, XXXIV (1913), 429-432.
  17. E. HERZOG, Historische Sprachlehre des Neufranzösischen, I: Einleitung, Lautlehre (Indog. Bibl., II: 4, He., 1913), in DL, XXXIV (1913), 1452-56.
  18. L. H. ALEXANDER, Participial Substantives of the -ata-Type in the Romance Languages with Special Reference to French ([Diss. Columbia], Col. Univ. St. in Rom. Philol. and Lit., XII, N.Y., 1912), in ASNS, CXXX (1913), 434-436.
  19. O. HACHTMANN, Die Vorherrschaft substantivischer Konstruktionen im modernen französischen Prosastil; eine stilistische Studie (Rom. St., XII, B., 1912), in DL, XXXV (1914), 2018-20.
  20. J. GERHARDS, Beiträge zur Kenntnis der prähistorischen französischen Synkope des Pänultimavokals (ZRPh, Beih. LV, 1913), in DL, XXXVI (1915), 304-306.
  21. J. É. LORCK, "Passé défini, imparfait, passé indéfini". Eine grammatisch-psychologische Studie (He., 1914), in ASNS, CXXXIV (1916), 209f.
  22. J. HAAS, Abriß der französischen Syntax (Samml. kurzer Lehrb. der rom. Spr. und Lit., VIII, Halle, 1922), in NS, XXXIII (1925), 318-320.
  23. Th. ENGWER & E. LERCH, Französische Sprachlehre (Bielefeld & L., 1926), in ASNS, CL (1926), 265f.
  24. Eva SEIFERT, Die Proparoxytona im Galloromanischen (ZRPh, Beih. LXXIV, 1923), in NS, XXXIV (1926), 470.
  25. E. GAMILLSCHEG, Etymologisches Wörterbuch der französischen Sprache (Samml. rom. El.- und Handb., III: 5. He., 1926-[28]. Fasc. 1-12 [a - robinier]), in LGRPh, XLIX (1928), 22-24.
  26. L. SAINÉAN, Les sources indigènes de l'étymologie française, 2 vols. (P., 1925), in ASNS, CLIV (1928), 107-111.
  27. G. ROHLFS, Volkssprachliche Einflüsse im modernen Französisch (Braunschweig, B., Ha. [c1928]), in ASNS, CLV (1929), 286f.
  28. A. BLINKENBERG, L'ordre des mots en français moderne, I (Det Kgl. Danske Vidensk. Selskab. Hist.-filol. Meddelelser, XVII: 1, København, 1928), in NS, XXXVIII (1930), 82-87. - Cf. 166.
  29. E. LERCH, Historische französische Syntax, II: Untergeordnete Sätze und unterordnende Konjunktionen (L., 1929), in LGRPh, LI (1930), 107-116.
  30. M. KUTTNER, Prinzipien der Wortstellung im Französischen. Zur französischen Negation (Neuph. Handbibl. für die westeur. Kult. und Spr., V, Bielefeld & L., 1929), in NS, XXXVIII (1930), 259f.
  31. E. G. LINDFORS-NORDIN, La locution a fleur de. Étude philologique et historique (P., 1930), in ZFSL, LV (1931-32), 250-252.
  32. Ch. BALLY, La crise du français. Notre langue maternelle à l'école (Neuchâtel & P., 1931), in NS, XL (1932), 246f.
  33. K. NYROP, Grammaire historique de la langue française, V-VI (København, 1925-30), in LGRPh, LIII (1932), 248-251.
  34. Th. ENGWER, Vom Passiv und seinem Gebrauch im heutigen Französischen (Berl. Beitr. z. rom. Philol., II: 1, Jena & L., 1931), in ZFSL, LVI (1932), 509-511.
  35. H. KELLENBERGER, The Influence of Accentuation on French Word Order (Elliott Mons. in the Rom. Langs. and Lits., XXX, Princeton & P., 1932), in LGRPh, LVI (1935), 38-41.
  36. "Neuerscheinungen auf dem Gebiete der französischen Linguistik", in NMS, VI (1935), 187-192, 217-223 [titles by W. von Wartburg, A. Ewert, F. Brunot, H. Hatzfeld, E. Winkler, A. Šesták, Th. Frings, E. Gamillscheg].
  37. H. GRÖHLER, Über Ursprung und Bedeutung der französischen Ortsnamen, II: Romanische, germanische Namen. Der Niederschlag der Lehensverfassung. Der Einfluß des Christentums. Namen verschiedenen Ursprungs (Samml. rom. El.- und Handb., V: 8, He., 1933), in ZNU, XXXIV (1935), 342-344.
  38. Lotte RISCH, Beiträge zur Ortsnamenkunde des Oberelsaß (Berl. Beitr. z. rom. Philol., II: 3, L., 1932), in LGRPh, LVI (1935), 508f.
  39. E. LERCH, Französische Sprache und Wesensart (Frankfurt, 1933), in ZRPh, LVII (1937), 108-113.
  40. A. BLINKENBERG, L'ordre des mots en français moderne, II (Det Kgl. Danske Vidensk. Selskab. Hist.-filol. Meddelelser, XX: 1, København, 1933), in LGRPh, LVIII (1937), 107f. - Cf. 154.
  41. "Neuerscheinungen zur französischen Linguistik", in NMS, IX (1938), 121-128, 164-168, 196-199 [titles by Ch. Bally, F. Boillot, A. Moufflet, F. Gaiffe et al., G. Dubray, Hélène N. Coustenoble and Lilias E. Armstrong, V. Buben, G. Gougenheim, O. Leroy, A. Šesták, K. Wais].
  42. "Literatur zur Siedlungskunde", Ibid., X (1939), 127f. [E. GAMILLSCHEG, Germanische Siedlung in Belgien und Nordfrankreich, I (from Abh. d. Preuß. Akad. d. W., Phil.-hist. Kl., XII, 1937, B., 1938)].
  43. E. GAMILLSCHEG, Ausgewählte Aufsätze von ... : FS zu seinem 50. Geburtstag (ZFSL, Suppl. XV, 1937), in RF, LIII (1939), 227-236.
  44. M. VALKHOFF, Philologie et littérature wallonnes. Vademecum (Allard Pierson Stifting. Afd. voor mod. Lit., Univ. van Amsterdam. Groningen & Batavia, 1938), in AR, XXIV (1940), 309-312.
  45. A. SCHOSSIG, Verbum, Aktionsart und Aspekt in der "Histoire du Seigneur de Bayart par le Loyal Serviteur" ([Diss. L.], ZRPh, Beih. LXXXVII, 1936), in ZFSL, LXIV (1940-42), 180-189.
  46. G. DUBRAY, Gentillesses de la langue française, ed. Gertrud Helmstatt (Wien, 1940), in CN, II (1942), 229-231.

Anfang des Eintrags

4. PROVENÇAL

  1. R. DITTES, Über den Gebrauch der Partizipien und des Gerundivums im Altprovenzalischen (from Progr. der Staatsrealschule in Budweis, 1902), in LGRPh, XXVI (1905), 294-300.
  2. C. APPEL, Provenzalische Lautlehre (L., 1918), in ZFSL, XLVI (1920-23), 332-334. - Cf. 58.

5. SPANISH

  1. A. ZAUNER, Altspanisches Elementarbuch2 (Samml. rom. El.- und Handb., I: 5, He., 1921), in NS, XXXI (1923), 105f.
  2. A. ALONSO, El problema de la lengua en América (Madrid, 1935), in ZRPh, LVIII (1938), 627-629.
  3. Revista de Filología Hispánica, I (1939), in CN, II (1942), 335-338.

6. PORTUGUESE

  1. M. SAID ALI, Língua Portuguesa. Meios de Expressão e Alterações Semânticas (Rio, 1930), in AR, XVI (1932), 322f.

7. RAETO-ROMANCE

  1. F. FANKHAUSER, Das Patois von Val D'Illiez (Unterwallis) (Diss. Bern; from RDR, II: 3/4, III: 1, Ha., 1911), in DL, XXXIII (1912), 3231-33.
  2. C. M. LUTTA, Der Dialekt von Bergün und seine Stellung innerhalb der rätoromanischen Mundarten Graubündens (ZRPh, Beih. LXXI, 1923), in NS, XXXIV (1926), 468-470.

8. RUMANIAN

  1. B. DIMAND, Zur rumänischen Moduslehre (from Denkschr. der Akad. d. Wiss., Phil.-hist. Kl., XLIX, Wien, 1904), in LGRPh, XXVII (1906), 119-121.
  2. Dacoromania, II (1922), in NS, XXXII (1924), 469f.
  3. S. PUSCARIU, Études de linguistique roumaine (Cluj-Bucuresti, 1937); Dacoromania, VIII (1934-35), in RF LII (1938), 166-170.
  4. Id., Limba română, I: Privirea generală (Fundatia pentru Literatura si arta "Regele Carol II", Bucuresti, 1940), in AR, XXV (1941), 409-417.
  5. A. ROSETTI, Istoria limbii române, I: Limba latină; II: Limbile balcanice (Bibl. Encicl., Bucuresti, 1938), in RF, LV (1941), 390f.

E. German

  1. K. BERGMANN, Deutsches Wörterbuch [ = P. I. FUCHS, Etymologisches D. Wtb.3] (L., 1923), in ZRPh, XLVI (1926-27), 82-85.

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F. Literature

1. COMPARATIVE

  1. "Horaz in der Weltliteratur" [Ist. di St. Romanzi, Orazio nella letteratura mondiale (Roma, 1936)], in NMS, X (1939), 175f.
  2. H. M. FLASDIECK, Harlekin: Germanischer Mythos in romanischer Wandlung (from Anglia, LXI [1937], 225-340), in ZFSL, LXII (1938-39), 502-505.

2. ITALIAN

  1. Dante ALIGHIERI, Die Göttliche Komödie, tr., ed. A. VEZIN (München, 1926), in ASNS, CLI (1926-27), 153-155.
  2. Thérèse Labande JEANROY, La Question de la langue en Italie [Diss. Strasbourg], Publ. de la Fac. des Lettres, XXVII (Strasbourg, 1925); ead., La Question de la langue en Italie de Baretti à Manzoni; l'unité linguistique dans les théories et les faits (P., 1925), in ASNS, CLII (1927), 153-155.
  3. A. MORTIER, Un dramaturge populaire de la Renaissance italienne: Ruzzante (1502-1542), I (P., 1925); II: Œuvres complètes, tr. … de l'anc. dial. padouan rustique (P., 1926), in ASNS, CLIII (1928), 154-157.
  4. P. PIUR, Petrarcas "Buch ohne Namen" und die päpstliche Kurie; ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Frührenaissance (DVLG, Buchreihe, VI, 1925), in ASNS, CLIV (1928), 316.
  5. Dante Alighieri, Die Blume (Il fiore), tr. A. BASSERMANN (He., 1926), in ASNS, CLV (1929), 120f.
  6. U. LEO, Fogazzaros Stil und der symbolische Lebensroman: Studien zur Kunstform des Romans (Samml. rom. El.- und Handb., II: 7, He., 1928), in ASNS, CLVI (1929), 280f.

3. FRANCO-BELGIAN

  1. H. JARNÍK, Studie über die Komposition der Fierabras-dichtungen ("Fierabras", "Destruction de Rome") (Halle, 1903), in ZFSL, XXVIII: 2 (1905), 175-188.
  2. E. SASS, ed., L'Estoire Joseph (Diss. B., Halle [1906]), in DL, XXVIII (1907), 2146f.
  3. Gui de Cambrai, Balaham und Josaphas, ed. C. APPEL (Halle, 1907), in LGRPh, XXXI (1910), 321-323.
  4. C. J. MERK, Anschauungen über die Lehre und das Leben der Kirche im französischen Heldenepos (ZRPh, Beih. XLI, 1914), in ASNS, CXXXV (1916), 205f.
  5. E. WINKLER, Marie de France (SÖAW, CLXXXVIII: 3: Französische Dichter des Mittelalters, II), in ZRPh, XL (1919-20), 728-732. - Cf. J. D. Bruce, The Evolution of Arthurian Romance2 (1928 rpt. 1958), I, 56n32.
  6. A. Ch. THORN, ed., Les Proverbes de bon enseignement de Nicole de Bozon (Lunds Univ. Årsskrift, N.F., Avd. 1, XVII: 4, Lund & L., 1921), in ZRPh, XLII (1922), 636f.
  7. F. SCHÜRR, Barock, Klassizismus und Rokoko in der französischen Literatur: eine prinzipielle Stilbetrachtung (L., 1928), in NS, XXXVII (1929), 261.
  8. Elisabeth KÜCHLER, Das Stadterlebnis bei Verhaeren (Hamb. St. zu Volkstum und Kultur der Rom., IV, 1930), in NS, XXXVIII (1930), 612f.
  9. A. MORTIER, Quinze ans de théâtre (1917-1932) (P., 1933); id., Le démon dans les incarnations dramatiques (Coll. Les Clochers de France, VI, P., 1924), in ASNS, CLXIX (1936), 264.
  10. K. KNAUER, Ein Künstler poetischer Prosa in der französischen Vorromantik: Jean-François Marmontel (Habil. Münster; Bochum-Langendreer, 1936), in Zs. für Ästhetik und allg. Kulturw., XXXI (1937), 298-300.
  11. L. MICHEL, Les légendes épiques carolingiennes dans l'œuvre de Jean d'Outremeuse (Acad. R. de Langue et de Litt. franç. de Belgique, Mém. X, Bruxelles & Liège, 1935), in LGRPh, LIX (1938), 181f.

4. PROVENÇAL

  1. G. BERTONI, Poesia provenzale moderna: la Pleiade del Felibrismo (Ist. di Filol. Rom. dell'Univ. di Roma, Testi e Man., XX, Modena, 1940), in AR, XXV (1941), 408f.

5. SPANISH

  1. W. MULERTT, Lesebuch der älteren spanischen Literatur von den Anfängen bis 1800 (Samml. k. Lehrb. der rom. Spr. und Lit., X, Halle, 1927), in AR XIII (1929), 406f.
  2. G. BERTONI, San Gral (Ist. di Filol. Rom. dell' Univ. di Roma, Testi e Man., XIX, 1940), in RFH, II (1940), 397f.

6. PORTUGUESE

  1. A. RÜEGG, Luis de Camões und Portugals Glanzzeit im Spiegel seines Nationalepos (Basel, 1925), in NS, XXXIV (1926), 395f.
  2. LUISE EY, ed., Eça de Queiroz; Auswahl aus seinen Werken (N. Port. Schriftst., VII, He., 1926), in NS, XXXVI (1928), 236.
  3. H. URTEL, Beiträge zur portugiesischen Volkskunde (Hamb. Univ., Abh. aus dem Geb. der Auslandsk., XXVII: B: 15, Ha., 1928), in NS, XXXIX (1931), 396f.
  4. M. BRANDÃO & M. LOPES d'ALMEIDA, A Universidade de Coimbra: Esboço da sua História (Coimbra, 1937), in RF, LIII (1939), 251-253.
  5. Christine von ROHR, Neue Quellen zur zweiten Indienfahrt Vasco da Gamas (Quellen und Forsch. z. Gesch. der Geogr. und Völkerk., III, L., 1939), in CN, II (1942), 119-121.

7. RUMANIAN

  1. S. PUSCARIU & I. BREAZU, Antologie română (SRÜ, XXIX, Halle, 1938), in RF, LII (1938), 325.
  2. M. EMINESCU, Gedichte, tr. K. Richter (Vom Leben und Wirken der Rom., Übers., I, Jena & L., 1937), in RF, LIII (1939), 136-140.

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III. TRIBUTES AND OBITUARIES

  1. "A. Mussafias Schriften (1855-1904)", in Bausteine zur romanischen Philologie: Festgabe für A.M. zum 15.II.1905 (Halle, 1905), pp. ix-xlvii. - Rev.: GSLI, XLVI (1905), 212 ([R.] R[enier]); Rass. bibl. della lett. it., XIII (1905), 314 (L. Biadene); Rom., XXXV (1906), 113 (A. Th[omas]); KJb, IX = 1905: 1 (1909), 8 (E. Stengel). - For A.M.'s reaction see AIV, CXXII (1964), 510.
  2. [Adolf Mussafia, 1835-1905], KJb, IX = 1905: 4 (1909), 48-56.
  3. "Adolf Mussafia. Zur 25. Wiederkehr seines Todestages", ZFSL, LV (1931-32), 168-193. - Cf. L. RENZI, "A.M. a sessant'anni dalla morte", AIV, CXXIII (1965), 369-403.
  4. "Carolina Michaëlis de Vasconcellos [1851-1925]", NS, XXXIV (1926), 300-306.
  5. "Hugo Schuchardts wissenschaftliche Persönlichkeit", NS, XXXVI (1928), 35-45.
  6. "Hugo Schuchardt, 1842-1927", ASNS, CLIV (1928), 224-258.
  7. "Hugo Schuchardt, 1842-1927", in Neue österreichische Biographie, I: 6 (Wien, 1929), 122-131, with a photograph.
  8. "Wilhelm Meyer-Lübke zum Goldenen Doktorjubiläum (14. März 1933)", Forschungen und Fortschritte, IX (1933), 118.
  9. "Wilhelm Meyer-Lübke [geb. 1861]† am 4. Oktober 1936 zu Bonn", ASNS, CLXX (1936), 197-210.
  10. "Antoine Meillet † [1866-1936]", Arch. für vergl. Phon., I (1937), 188-191.

IV. AUTOBIOGRAPHY

  1. "Erziehung und Entwicklung", in Führende Frauen Europas in sechzehn Selbstschilderungen, ed. Elga Kern (München: Ernst Reinhardt, 1928), pp. 70-93.

V. PEDAGOGY

  1. ["Unterricht in den romanischen Sprachen (und Literaturen). A. An (den deutschen) Universitäten. Österreich"], KJb, VII = 1902-03: 4 (1905), 12-18 (1894-1904); IX = 1905: 4 (1909), 48-57 (1905) [48-56: A. Mussafia necr.]; XI = 1907-08: 4 (1911), 51-53 (1906-08); XII = 1909-10: 4 (1913), 49-51 (1909-10); XIII = 1911-12: 4 (1915), 29-31 (1911-12).

    Detailed survey, going back to the mid-19th c., of professors, courses offered, and dissertations accepted, mostly at Vienna.

  2. "Zur Bekämpfung des Fremdwortes", Öst. Zs. für Lehrerbildung, 1916, pp. 175-183.

    Guidelines for ridding German of gratuitous foreignisms. - Cf. 1 and L. Spitzer, Fremdwörterhatz und Fremdvölkerhaß: eine Streitschrift gegen die Sprachreinigung (Wien, 1918), who dissects this article, taking a contrary stance.

  3. "Sprachwissenschaft in der Schule", Päd.Warte, XXXIV (1927), 1017-27.

    Wide-ranging suggestions for giving students preparatory training in linguistics at pre-university levels.

  4. "Zu Gertrud Bäumer's Europäische Kulturpolitik [B., 1926]", ZFSL, LII (1929), 511f.

    An earnest call for readings that stress the unity, not the divisions, among European countries.

* I am well aware that the bibliography is not complete; I have included only items actually seen and read. Corrections and additions will be gratefully received. In the mean time, I hope to have gathered all the major pieces and a fair sampling of the rest. The indications of the use of E.R.'s work by contemporaries and successors are by no means exhaustive; they aim only to suggest the extent to which its value has been recognized through the years.
In the course of my efforts I have contracted obligations vis-à-vis more friends and associates than I can name. It is a pleasure to thank Miss Marielis Forster (Menlo Park) and Mrs. Marina Kratochwill (Vienna), for obtaining xerox copies of elusive material; Dr. Cecilia G. Ross (Univ. of California), Dr. Luciano Grossi (Florence), and Fred P. Ellison (Univ. of Texas), for supplying missing information; Steven N. Dworkin, doctoral candidate at Berkeley, for volunteering a successful search for illuminating references; Miss Audrey E. Phillips and Mr. Donald G. Williams (Univ. of California Library), for many services cheerfully and efficiently rendered. My debt to Yakov Malkiel for inspiration, guidance, and support, only those who have worked with him can appreciate. For remaining errors, gaps, and flaws, I must assume full responsibility.
The following sigla may stand in need of explanation: LZD = Literarisches Zentralblatt für Deutschland; NMS = Neuphilologische Monatsschrift; ZFEU = Zeitschrift für französischen und englischen Unterricht; ZNU = Zeitschrift für neusprachlichen Unterricht. Abbreviations for certain places of publication include: B. = Berlin; Ha. = Hamburg; He. = Heidelberg; L. = Leipzig; Lo. = London; N.Y. = New York City; P. = Paris.



Quelle: Richter, Elise: Kleinere Schriften zur Allgemeinen und Romanischen Sprachwissenschaft. Ausgew., eingel. und komm. v. Yakov Malkiel. Innsbruck, Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck, 1977: 583-599. (Schriftbild leicht modifiziert) (sk, ws)

Wir danken Herrn Prof. Wolfgang Meid (Institut für Sprachwissenschaft der Universität Innsbruck) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Elise Richter: Rezensionen zu ihren Veröffentlichungen


Elise Richter, Beiträge zur Geschichte der Romanismen I: Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts. = Beihefte zur ZrPh., Heft 82. XVI u. 290 S.

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Rezension Brüch in ZrPh

Quelle: Zeitschrift für Romanische Philologie, LV. Band (1935): 685-701 [Josef Brüch].

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Elise Richter: Nachrufe, Würdigungen, Festschriften


DIE NEUEREN SPRACHEN

ZEITSCHRIFT FÜR DEN UNTERRICHT

IM ENGLISCHEN, FRANZÖSISCHEN, ITALIENISCHEN UND SPANISCHEN



Band XXXIII.                    März-April 1925.                    Heft 2.



ELISE RICHTER.

Zu ihrem 60. Geburtstag am 2. März 1925.

Elise Richter, uns Lesern der N.Spr. keine Fremde, kann an ihrem Ehrentag auf ein ungewöhnlich reiches Lebenswerk zurückblicken. Dieses Lebenswerk erstreckt sich schon über so viele Gebiete unseres Faches, daß sich für manchen all diese Arbeiten vielleicht nicht zu einer Einheit zusammenschließen. Eine der wichtigsten unter ihnen trägt den Titel: "Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen" [1] - es sei daher versucht, den "inneren Zusammenhang in der Entwicklung der Romanistin Elise Richter" zu zeichnen.

Diese Entwicklung führt von Wundt und Meyer-Lübke zu Vossler. Erst kürzlich sagte Elise Richter (hier, XXXII, 418) von Vosslers Lebensarbeit, sie habe befruchtend gewirkt. "Vor ihm haben nur die Besten die Philologie im Vosslerschen Sinn betrieben. Jetzt fehlt der 'Idealismus' nur in den Allerledernsten und Minderwertigsten . . ." Elise Richter hat das Verdienst, daß sie schon frühzeitig, schon in ihrer Erstlingsarbeit, von einer Überzeugung ausgegangen ist, die damals noch sehr wenig anerkannt war (sonst wäre ja Vosslers Kampf für diese Überzeugung nicht nötig gewesen): von dem Satze, daß die Ursachen der sprachlichen Veränderungen nicht in der Sprache selbst liegen, sondern allein im sprechenden Menschen. Das gab man allenfalls für die Stilistik und die Syntax zu, nicht aber z. B. in bezug auf die Lautlehre, wo man von "Lautgesetzen" sprach, die man sich als blinde, unwiderstehlich wirkende Naturkräfte dachte, den Sturmwinden vergleichbar, die eine Zeitlang brausen und nachher nicht mehr - diese Gegend verwüstend und jene verschonend. Und gerade die Fragen der Lautlehre bildeten, wie Meyer-Lübke anno 1901 bezeugt (im Vorwort zur ersten Auflage seiner "Einführung"), "den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit"; Meyer-Lübke führt diesen Umstand als Rechtfertigung dafür an, daß er sich in seiner Einführung "auf die formale Seite beschränkt und sowohl die begriffliche, die Bedeutungslehre, als auch die künstlerische, Stilistik und Metrik, ganz beiseite gelassen habe". Es zeugt daher von der großen Selbständigkeit seiner Schülerin, daß sie sich als Gegenstand ihrer Dissertation nicht eine der damals so beliebten Untersuchungen zur Lautlehre wählte, sondern ein stilistisch-syntaktisches Problem: "Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen" lautet der Titel ihrer ersten Veröffentlichung, die schon 1903 erschien (bei Niemeyer), also noch bevor Vossler seinen Kampf um den Idealismus in der Sprachwissenschaft begann (1904). Diese Erstlingsschrift trug, bezeichnenderweise, ein Motto von Adolf Tobler, dessen Lebenswerk gleichfalls in der Sprache ein Geistiges sah und daher die Gebiete der Syntax und der Stilistik bevorzugte: "In allen Dingen, welche die Wortstellung angehen, ist davon auszugehen, daß Verschiedenheit der Wortstellung immer auf Verschiedenheit der Gedankenführung beruht." In der Tat sucht schon diese erste Schrift der Jubilarin die Veränderungen nicht in rhythmischen Prinzipien, sondern in psychologischen, und so kann man auf sie die Worte anwenden, die Vossler [2] von Heinrich Morf schrieb, dessen erster wissenschaftlicher Spatenstich gleichfalls der Wortstellung gegolten hatte [3]: "Sie faßten also das Problem der Sprache an einer Stelle an, wo Grammatik, Stilistik und Literaturgeschichte sich besonders innig berühren. Das mag ein Zufall gewesen sein. Aber der Tüchtige formt sich die Zufälligkeiten des Daseins zu einem sinnvollen Schicksal. Darum möchte ich es Ihr eigenstes wissenschaftliches Schicksal nennen, das Ihnen gleich von Anfang an eine Aufgabe gewiesen hat, die geeignet war, Ihnen die tiefen Zusammenhänge zwischen Ausdrucksweise und Anschauungsweise, zwischen innerer Vorstellung und Sprache zu enthüllen und Sie vor den Irrwegen eines formalistischen Grammatikertums für immer zu bewahren".

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Elise Richters Pietät wird nicht zugeben wollen, daß zwischen ihrer eigenen Einstellung in sprachlichen Dingen und derjenigen ihres verehrten Lehrers ein Gegensatz gefunden werde. Und doch ist dem so. Denn noch 1920 (in der 3. Auflage der "Einführung", § 228 S. 223) schreibt Meyer-Lübke über die Wortstellung: "Die Stellung der Satzglieder zueinander zeigt einen bedeutenden Umschwung namentlich darin, daß das Verbum vom Ende nach dem Anfang zustrebt. Als Grundregel kann man aufstellen, daß es an die zweite Stelle des Satzes rückt und daß sich danach die Stellung der anderen Glieder gestaltet." Das Verbum strebt dem Anfang zu, es rückt an die zweite Stelle - das ist die Ausdrucksweise des Positivismus, der die Ursachen in den Dingen sieht, nicht im Geiste der Sprechenden. Die Ausdrucksweise - denn auch Meyer-Lübke faßt neben der formalistischen Erklärung aus einem rhythmischen Prinzip immerhin auch die andere ins Auge, wonach ein "psychologischer Ausgangspunkt" anzunehmen und das rhythmische Prinzip erst das Ergebnis der psychologischen Veränderung wäre. Aber durch solche Ausdrucksweise entsteht zum mindesten der Schein, als sehe er die Ursache der Veränderung in der Bewegung des Verbums, und eine "Einführung" sollte solchen Schein vermeiden. Auch bevorzugt Meyer-Lübke die fragliche Ausdrucksweise auch sonst, und gerade das Unbewußte des Stils (das ist eine Erkenntnis, die ein anderer Schüler Meyer-Lübkes, Leo Spitzer, in schönen Untersuchungen fruchtbar gemacht hat) verrät am besten die "innere Anschauung". -

Schon ein Jahr später folgte "Ab im Romanischen" (im gleichen Verlag). Diese Arbeit liegt von der hier zu verfolgenden Entwicklungslinie etwas abseits. Doch auch sie bezeugt die große Selbständigkeit der Verfasserin: gehörte doch nicht wenig Mut dazu, 120 Seiten über ein Thema zu schreiben, das nach der Meinung von Diez und Meyer-Lübke nicht existierte. (Diez II 482 hatte gelehrt, ab sei als selbständiges Wort untergegangen; Meyer-Lübke wies ab im sardischen dai nach, trennte aber ital. da davon ab. E. Richter dagegen sieht ab auch z. B. in französisch boire à la source, wo ja ad kaum in Frage kommt).

Während der nächsten Jahre, in denen die Arbeitskraft der nunmehrigen Dozentin wohl durch die erstmalige Ausarbeitung der Kollegs beschlagnahmt war, flossen die Veröffentlichungen spärlicher. Doch zeitigten diese Jahre die "Bedeutungsgeschichte der romanischen Wortsippe bur(d)" (in den Wiener Sitzungsberichten, 1908), auch sie ein Zeichen für die kulturhistorische Einstellung der Verfasserin, und die eingangs erwähnte große Abhandlung über den inneren Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen (1913). Es ist ein großzügiger Versuch, von der sogenannten "historischen Grammatik" (die in Wahrheit nicht historisch zu sein pflegt, sondern systematisch: ein Ausfluß der naturwissenschaftlichen Denkungsart!) zur wirklichen Sprachgeschichte durchzustoßen, und die verschiedenen Rubriken, in die die Grammatik das sprachliche Leben zerschneidet (die Verfasserin selbst nennt: Wortschatz, Artikulationsbasis, Bedeutung, Akzent, Wortbildung, syntaktische Fügung, Funktion und Wortstellung), die aber in der Wirklichkeit nicht getrennt zu beobachten sind, wieder als eine Einheit zu sehen und aus gemeinsamen Ursachen zu erklären. Damit versuchte Elise Richter für die Entwicklung der romanischen Sprachen nichts anderes, als was Vossler um dieselbe Zeit für die Entwicklung einer von ihnen versuchte: in den Vorlesungen und Aufsätzen, die dann unter dem Titel "Frankreichs Kultur im Spiegel seiner Sprachentwicklung", Heidelberg 1913 (3. Tausend 1921) erschienen. Jene Zerschneidung, die die systematisierende Grammatik vornahm, bot freilich den Vorteil, der mit jeder Arbeitsteilung verbunden ist: die Möglichkeit gründlicheren Forschens (obgleich eine andere Teilung, nämlich nach historischen Epochen, ebensogut möglich und sachlich zweifellos förderlicher gewesen wäre). Aber sie verführte zu dem verhängnisvollen Wahn, als sei auch die wirkliche Sprache solchermaßen zerschnitten; die weitverbreitete Meinung, ein Teil der sprachlichen Erscheinungen (nämlich die lautlichen) sei physischer Natur und gehöre somit in die Naturwissenschaft, wäre ohne diese traditionelle Zerlegung kaum je aufgekommen. Elise Richter, die die Zerlegung aufhebt, bekämpft auch diesen Irrtum. Die Sprache, sagt sie, geht auch in ihrem physischen Teil auf das Psychische zurück, die phonetischen Vorgänge fließen aus der gleichen Quelle wie die semantischen, beide sind Wirkungen der gleichen Kraft, nämlich der Psyche. Wir haben es in der Sprache nicht mit mechanischen, sondern mit mechanisierten Bewegungen zu tun. Es ist zu unterscheiden zwischen der körperlichen Möglichkeit, den körperlichen Voraussetzungen der Lautbildung (Physiologie der Laute), und ihrer tatsächlichen Hervorbringung, dem wirklichen Sprechen, das durchaus ein seelischer Vorgang ist (Lautpsychologie). Genau so, wie man (um eine treffende Parallele Vosslers anzuführen) den Tanz einer Tänzerin sowohl anatomisch (nach seinen Muskelbewegungen) als auch seelisch (als künstlerischen Ausdruck) betrachten kann. Aber niemand glaubt, daß sich der Tanz der Tänzerin aus ihren Beinmuskeln erklären lasse. Jeder weiß, daß die Muskeln nichts als Diener des Geistes sind. In der Sprachwissenschaft aber hielt man die Verschiedenheit der Laute der verschiedenen Völker und Zeiten für abhängig von der Verschiedenheit der körperlichen Sprachwerkzeuge (oder der gewohnten Zungenlage)! Elise Richter jedoch weiß, daß die Artikulationsbasis nichts Unveränderliches ist. So versucht sie (ganz ähnlich wie Vossler) auch die Lautwandlungen der romanischen Sprachen auf geistige Faktoren zurückzuführen (auf den Übergang vom musikalischen zum exspiratorischen Akzent), sie dadurch in Beziehung zu setzen zu den Wandlungen z. B. in der Wortstellung.

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Dieser großzügige Entwurf mußte Fragment bleiben. Nun aber schreibt E. Richter auf Grund ihrer neuen Unterscheidung zwischen Lautphysiologie und Lautpsychologie ein Lehrbuch der Phonetik. Sie betitelt es "Wie wir sprechen". Es erschien 1912 in der Sammlung "Aus Natur und Geisteswelt" (Leipzig, Teubner): ihr erster Versuch, zusammenfassend für einen größeren Kreis zu schreiben.

Bevor sie das nächste Büchlein dieser Art schrieb, zeigte die nunmehr fast Fünfzigjährige ihr Können auf einem neuen Gebiet: durch eine Textausgabe. Sie veröffentlichte (bei Niemeyer, 1914) des Oktovien de Saint-Gelais Übersetzung der berühmten Novelle des Aeneas Sylvius Piccolomini (des späteren Papstes Pius II.) "De duobus amantibus" ("Eurialus und Lukrezia"). Die Ausgabe ist ein Muster von Gründlichkeit: sie enthält eine mehr als 60 Seiten umfassende Einleitung sowie Anmerkungen und ein Glossar. Der Versübertragung Octoviens de Saint-Gelais (gedruckt etwa 1492/93) fügte sie Bruchstücke aus der vielleicht ein paar Jahre früher gedruckten Übersetzung des Anthitus hinzu.

Der Weltkrieg, dessen "Herrliches und Niederschmetterndes" sie tief miterlebte, regte sie zu einem Büchlein "Fremdwortkunde" an (erschienen erst 1919 in der Sammlung "Aus Natur und Geisteswelt"). Aus diesem Werke ist die menschliche Persönlichkeit der gelehrten Verfasserin, die sich im Wechsel der Ereignisse den Glauben an das Deutschtum wie den Glauben an eine zukünftige Verständigung der Völker bewahrte, vielleicht am klarsten zu erkennen. Als Motto trägt es einen Ausspruch von Goethe: "Wenn wir uns in das Wissen, in die Wissenschaft begeben, geschieht es denn doch nur, um desto ausgerüsteter ins Leben wiederzukehren". Viel Einzelforschung ist in dieses Büchlein gepreßt. Es ist die Stellungnahme zu einer Tagesfrage, zur Frage des Fremdwörtergebrauchs - aber eine Stellungnahme, die auf gerechter Überlegung, sorgfältigen Studien und ausgebreiteten Kenntnissen beruht und die leidenschaftliche Verpönung des Fremdwortes durch die Kunde vom Fremdwort ersetzt. Dabei fehlt es der Verfasserin keineswegs an warmer Liebe zu ihrer Muttersprache, und man kann sogar finden, daß sie unter den Motiven, aus denen Fremdwörter aufgenommen werden, zu einseitig die weniger schönen ("Prahlsucht", "Nachahmungslust" u. dgl.) hervorhebt [4]. Aber ich kenne kein wissenschaftlicheres Buch über die soviel (und leider so oft von Unberufenen!) behandelte Frage und kann es daher nur warm empfehlen.

Während des Krieges entstand auch ihre ausgezeichnete "Studie über das neueste Französisch" (Arch. f. d. Stud. d. n. Spr. Bd. 135 und Bd. 136), die, ganz wie die Studie über die innere Entwicklung, die Besonderheiten auf allen von der Grammatik unterschiedenen Gebieten aus einem Prinzip heraus zu erklären sucht. (Die sonstigen Zeitschriftenaufsätze können hier leider nicht aufgeführt werden) - nur dies sei angedeutet, daß Elise Richter bei ihrer Auffassung der Sprachwissenschaft von dieser leicht zur Literaturgeschichte übergehen konnte). -

Seither hat Elise Richter ihre Forschungen auf jenen zwei Gebieten der Sprache, deren Zusammenhang sie schon in jener großen Studie über die innere Entwicklung der romanischen Sprachen erkannt hatte, neu gefaßt: sie zog die "Grundlinien der Wortstellungslehre" (Z. f. rom. Philol., Bd. XL, 1919, S. 9-61) und schrieb eine "Lautbildungskunde" (Teubners Philologische Studienbücher, 1922), für den Anfänger berechnet (der aus ihrer üblichen Darstellung entnehmen kann, daß es viel mehr Laute gibt, als er sich träumen läßt). Ich glaube nun auch, daß es mehr Typen der Wortstellung gibt, als E. Richter annahm, die nun eine impulsive (fallende) und eine auf den Hörer eingestellte (steigende) Wortstellung unterscheidet. Sie hinwiederum hat zu meinem Aufsatz in der Vossler-Festschrift "Idealistische Neuphilologie" (Heidelberg 1922) ausführlich und mit vorbildlicher Sachlichkeit Stellung genommen in der Z. f. rom. Philol. XLII (1923). Es ist hier nicht der Ort, diese Antikritik meiner Kritik wiederum zu kritisieren. Nur ein Gedanke, der weniger die Zahl der Typen als die Ursache ihrer zeitlichen Aufeinanderfolge betrifft, sei noch kurz angedeutet. Es handelt sich um die (weder von E. Richter noch von mir beantwortete) Frage, warum nun eigentlich der steigende, auf den Hörer eingestellte Typus für die romanischen Sprachen charakteristisch ist, während das klassische Latein eine mehr impulsive Stellung bevorzugte (das Wichtigste in der Mitte, am Ende das normalerweise unbetonte Verbum, also die Stellung, wie wir sie im Deutschen in Fällen wie "Ich habe meinen Freund getroffen" - gegenüber frz. j'ai rencontré mon ami - noch heute haben). E. Richter führt lediglich das Bedürfnis, auf den Hörer Eindruck zu machen, ins Feld, wodurch sich die affektische Rede von der einfach berichtenden unterscheide. Die affektische Rede ordne grundsätzlich anders als die berichtende. Hat also die berichtende Rede steigende Wortstellung, so habe die affektische eben deshalb fallende. Dabei werde allmählich die fallende Stellung das Gewöhnliche, und nun wähle die affektische Rede die steigende Stellung usw. usw. Also ein ewiger Kreislauf. - Aber das ist eine rein psychologische Erklärung, keine historische. Wenn wir den Wandel historisch erklären wollen (was ich in meinem Aufsatz nicht beabsichtigte), so müssen wir z. B. nach einem historischen Faktum suchen, das jene Neuerung der romanischen Sprachen, die mehr auf den Hörer eingestellte, "rücksichtsvollere" Wortstellung veranlaßt haben kann. Dieses Faktum dürfte der Sieg des Christentums gewesen sein, der Lehre, deren Imperativ lautete: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" und die (wie schon die Stoa, aber mit ungleich breiterer Wirkung als diese) die Überwindung der egoistischen Triebe, der unbesonnenen Impulsivität verlangte. Gewiß blieb diese Forderung ein Ideal - aber dieses Ideal fand seinen Niederschlag in der Sprache. Die Vulgata ist jedem zur Hand: es bedarf nicht vieler Beispiele. Die Stelle, die ich aufschlug, um die Probe zu machen, war Matth. 26, 57ff.: "At illi tenentes Jesum, duxerunt ad Caipham principem sacerdotum ... Petrus autem sequebatur eum a longe ... Et ingressus intro, sedebat cum ministris, ut videret finem." Man sieht, es stimmt: überall steht am Ende der Sätze nicht, wie im klassischen Latein, das Verbum (ut finem videret), sondern (soweit vorhanden) das Objekt oder andere betonte Satzteile (wie im Romanischen). Es ist also auch hier nicht das "Volk", das die Neuerung geschaffen hat, sondern seine Lehrer [5].

Mit dieser Andeutung sei unser Geburtstagsgruß geschlossen. Möge der Forscherin und Lehrerin, der äußere Anerkennung nur spät und spärlich zuteil geworden ist, das innere Glück des Forschens und Lehrens noch lange beschieden sein und ihr, wie bisher, jene schöne Heiterkeit der Seele verleihen, die uns über das wüste Getriebe der Gegenwart, über Kummer und Krankheit hinweghilft!

München.

Eugen Lerch.


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Fußnoten:

  1. In den "Prinzipienfragen der romanischen Sprachwissenschaft", Festschrift für Meyer-Lübke, Teil II, S. 57-143 (= Beiheft 27 zur Z. f. rom. Philol., Halle a. S. 1911, M. Niemeyer).     [zurück]
  2. In der Widmung von "Sprache als Schöpfung und Entwicklung", Heidelberg 1905.     [zurück]
  3. "Die Wortstellung im altfranzösischen Rolandsliede", Rom. Studien, Bd. III.     [zurück]
  4. Vgl. die Kritik ihres damaligen Wiener Kollegen Leo Spitzer in "Fremdwörterhaß und Fremdvölkerhatz" (Wien, Manz 1918), der mir freilich (wie ich an anderer Stelle angeführt habe) in der entgegengesetzten Richtung zuweit zu gehen scheint.     [zurück]
  5. Darüber vergleiche die beiden Aufsätze "Über das sprachliche Verhältnis von Ober- und Unterschicht" (von Hans Naumann und dem Verf.) im "Jahrbuch für Philologie", München 1925, M. Hueber.     [zurück]


Quelle: Lerch, Eugen: "Elise Richter. Zu ihrem 60. Geburtstag am 2. März 1925." In: Die Neueren Sprachen 33 (1925): 81-88. (leicht modifiziert) (gbb, ks)

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Die Frau (1934-35)


Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
bist alsobald und fort und fort gediehen
nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
so sagten schon Sibyllen, so Propheten;
und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt

Elise Richter ist in Wien am 2. März 1865 geboren als Kind eines Arztes eines willenstarken, ursprünglich heitern Mannes, und einer sanften und weisen, zugleich strengen und gütigen Mutter, sprachbegabt und sehr musikalisch. [Fußnote ergänzt: "Siehe: Elise Richter, "Erziehung und Entwicklung" in Elga Kerns, Führende Frauen Europas. München. Reinhardt. 1928 u. 1933."]

Schon als Kind findet Elise Richter Freude am Satzbau, als junges Mädchen wird sie von den sprachlichen Vergleichen in Mommsens Römischer Geschichte überwältigt. Krankheitsanfälle, die sie zu monatelangem Liegen zwingen, benutzt sie, um allein in fünf Monaten Griechisch zu lernen und sich hernach den Homer zu erobern. Später lernt sie in derselben Weise Latein, und da sie gerade auch Italienisch betreibt, betritt sie das Gebiet der Sprachvergleichung. Die beiden Schwestern, Elise und die um 3 1/2 Jahre ältere, ebenfalls hochbegabte Helene, genießen das Gastrecht in einigen Universitätsvorlesungen. Unter dem Einfluß Adolf Mussafias, des Begründers der Romanistik an der Wiener Universität, hat Elise Richter ihr Herz an die romanischen Studien gehängt und beobachtet besonders die sprachliche Entwicklung. 1896 gestattet ein Ministerialerlaß den Frauen die Ablegung der staatsgültigen Matura. Elise Richter unterzieht sich ihr nach einjähriger Vorbereitung als erste. Als 1897 die Frauen an die philosophische Fakultät der Universität zugelassen werden, kann Elise Richter – mit zwei anderen Frauen – als ordentliche Hörerin inskribieren. Sie macht in jedem Halbjahr eine Seminararbeit; die des fünften Semesters ist druckreif. Die Art ihres Studiums erwirbt ihr und durch sie den kommenden weiblichen Hörern die Wertschätzung der Professoren und der Studenten. Sie betreibt Romanistik bei Mussafia und Meyer–Lübke, denen sie bis heut in warmer Dankbarkeit ergeben ist, ferner klassische Philologie und Indogermanistik. Über ihre Doktorarbeit urteilt Gröber, der Straßburger Romanist, in Amerika würde sie für das Buch gleich eine Professur bekommen. Dadurch erfaßt sie der Gedanke an die akademische Laufbahn. Es wird ein Leidensweg, da sie ihn als erste geht. Was sie dazu treibt, ist weder Ehrgeiz noch Eitelkeit, die beide ihrer Natur fremd sind, sondern sie sagt: "Ich wünschte mit aller Inbrunst, den Weg zu gehen, auf den innerster Betätigungsdrang mich wies. [Fußnote ergänzt: "Siehe a. a. O. S. 92."]" 1904 erscheint ihre Habilitationsschrift (Ab im Romanischen. Halle), aber erst 1907 erlangt sie die Venia legendi. In der qualvollen Wartezeit denkt sie sogar ans Auswandern, aber heiße Heimatliebe macht es unmöglich. Endlich kann sie am 23. Oktober als erste Frau in Österreich und Deutschland ihre Antrittsvorlesung halten. Wie einst als Studentin, gewinnt sie jetzt als Dozentin schon im ersten Semester das Vertrauen der Hörerschaft; es ist ihr treu geblieben bis zur Stunde. Im Durchschnitt sind zwei Drittel ihrer Hörer Männer. 1921 erhält sie – wieder als Erste – den Titel eines außerordentlichen Professors.

Ihre akademische Lehrtätigkeit umfaßt wohl das ganze Gebiet der romanischen Sprachwissenschaft: Wortgeschichte, Syntax, Geschichte der einzelnen romanischen Sprachen und vergleichende Geschichte der romanischen Sprachen, Vulgärlatein, elementare Einführung ins Altfranzösische, Mittelfranzösisch, Neuestes Französisch, italienische, portugiesische, französische Literatur, Geschichte der poetischen Motive, Sprachpsychologie, Lautbildungskunde, Gemanisch–romanische Kulturbeziehungen im Spiegel des Lehnwortes, Analogiebildung, Sprachwissenschaft in der Schule usw.

Ihre Schriften, mehr als 200, sind der Hauptsache nach Buchbesprechungen, Biographien, Sonderuntersuchungen einzelner Wörter und Wortbestandteile, systematische Arbeiten über einzelne Sprachprobleme, darunter die Stufen zu ihrem Forschungsziel, der Antwort auf die Fragen: Wo endet das Lateinische? Wo beginnt das Romanische?

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Die Buchbesprechungen, voll Anerkennung fremder Leistung und mit ehrlicher, aber schonungsvoller Aufdeckung der Mängel, bergen eine Fülle eigener sprachlicher Erkenntnisse; darin liegt ihr besonderer Wert. Die Biographien stellen Leben und Schaffen von Sprachforschern dar, wie Adolf Mussafia und Hugo Schuchardt, und von Dichtern, z.B. Camoens, Léon Bloy, Romain Rolland, Henri Barbusse; ihre Wahl sowohl als auch die Herausarbeitung der Charaktere kennzeichnen beide, den Schöpfer und die nachschaffende Biographin. Sie ist besonders ergriffen von heroischer Lebensgestaltung, Meisterung des Schicksals, Hingabe an die ewigen Werte des Lebens. Reizend die künstlerisch vollendete Form! Sie erfreut auch den Leser der beiden volkstümlichen Bücher "Wie wir sprechen" und "Fremdwortkunde" [Fußnote ergänzt: "Aus Natur und Geisteswelt. Teubner. Leipzig–Berlin. 364. und 570. Bändchen."], Früchte von E. Richters Arbeit an den Wiener Volkshochschulen. In den Sonderuntersuchungen werden ganz große sprachliche Zusammenhänge gestaltet, z.B. 1910, "Impressionismus, Expressionismus und Grammatik" (1927), worin das Ineinandergleiten des Alltagsausdrucks in den künstlerischen weit über den Rahmen des Sprachlichen hinaus gezeigt wird, "Über Homonymia", Sprachwissenschaftliche Probleme (beide 1927) u.v.a.

Die Wortgeschichten wie Boche (1917), Tabaktrinken (1927), Zigarre und andere Rauchwörter (1929), Bajadere (1929) werden von den Fachgenossen besonders hoch geschätzt. Die Stufen zu ihrem Forscherziel baut E. Richter vom Anfang ihrer wissenschaftlichen Arbeit bis heut: Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus dem Lateinischen (1903), Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen (1911), Die Entwicklung des neuesten Französischen (1933) mit seinem Ausblick auf die Gesetzmäßigkeit sprachlicher Entwicklung, endlich ein Hauptwerk ihres Lebens: Chronologische Phonetik des Französichen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts (1934). Darin vesucht E. Richter, die lautlichen Veränderungen beim Übergang vom Lateinischen zum Französischen bis ins 8. Jahrhundert zeitlich festzustellen und so den Grund zu legen für die ähnliche Durchfoschung der anderen romanischen Sprachen.

Bei der Universitätsfeier ihres 70. Geburtstags hat Elise Richter eine tabula gratulatoria empfangen mit den Namen fast aller ihrer Fachgenossen an den Universitäten Europas und dazu denen ihrer übrigen Verehrer und Freunde.
Woher soviel ehrerbietige Liebe?
Wer an einem Montagabend das Haus draußen in der Weimarer Straße betritt, der atmet dort die Luft feinster Geistigkeit, in der die beiden Schwestern leben, die durch Herz und Kopf treulichst verbunden sind. Ihn wärmt dort schlichte Güte und sonniger Humor. Er weiß, daß die Frau, die Mitternacht am Schreibtisch heranwacht, Zeit findet, am Krankenbett ihrer Freunde zu sitzen, Spielzeug für Kinder zu machen und beglückt die Pflanzen ihres Gärtchens zu betreuen. Er findet die Schwestern im Burgtheater und in den philharmonischen Konzerten und wo es sonst etwas zu lernen und Edles zu erleben gibt. Denn Sprachwissenschaft, wie Elise Richter sie versteht, ist nach ihrem eignen Wort [Fußnote ergänzt: "Erziehung und Entwicklung, S. 93"]: Erfoschung der Welt mit allem, was darin ist, allem Irdischen und allem Seelischen, ist Form und Inhalt des menschlichen Erlebens.



Quelle: Rauchberg, Helene: "Prof. Dr. Elise Richter." In: Die Frau 42/7 (1934–35): 417–419. (leicht modifiziert) (gbb, ais)

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Romance Philology (1948)


Romance Philology
VOLUME I NUMBER 4
May, 1948
University of California Press
BERKELEY AND LOS ANGELES


In Memoriam
Elise Richter


NACHDEM dem Herausgeber dieser Zeitschrift ein an die Wiener Romanistin 1946 gerichtetes Schreiben von der Post mit dem Vermerk "verzogen, ohne Adresse anzugeben" zurückgesandt worden war, konnten die schlimmsten Befürchtungen gehegt werden. Nun gelangte durch Prof. Helene Adolf zum Schreiber dieser Zeilen die mehrfach verbürgte Nachricht, daß, entgegen Gerüchten aus Deutschland, die von Vergasung meldeten, Elise Richter, ebenso wie ihre Schwester, die Anglistin Helene, nach einem Zwangsaufenthalt in einem Wiener Altersheim im Konzentrationslager Theresienstadt eines natürlichen Todes gestorben ist. Damit wird es ihren Schülern zur Pflicht, das Andenken an die gelehrte Frau wachzuhalten, die, wie vor ihr Carolina Michaëlis de Vasconcellos, eine Vorkämpferin der wissenschaftlichen Gleichberechtigung der Frau auf dem Gebiete der romanischen Philologie gewesen ist.

Ungleich Carolina, die ihr abenteuerliches Schicksal aus Deutschland nach Portugal führte, wo sie die Methoden deutscher Philologie an portugiesische Sprache, Literatur und Kultur anlegen und zur unübertroffenen Meisterin der portugiesischen Philologie im weitesten Sinne werden konnte, ist Elise zeitlebens, - bevor sie umziehen mußte, "ohne Adresse anzugeben" - an ihre Heimatstadt Wien gekettet gewesen, die international gestimmte Hauptstadt eines vielsprachigen Reiches, die ihr Sprachvergleichung nahelegte und sie an der Universität mit großen Sprachvergleichern verschiedener Nationalität, dem strengen Italiener Mussafia wie dem leutseligen Schweizer Meyer-Lübke, in Berührung brachte, ohne daß sie einer Lebensbindung an ein bestimmtes romanisches Land sich ergeben mußte.

Mit dem Gedenken an Elise Richter, deren ältester noch lebender Schüler ich zu sein glaube - ich habe die ersten Kollegs der damals schon weißhaarigen Privatdozentin gehört, - ersteht vor mir jene merkwürdige Universitätsatmosphäre Wiens im Jahrzent vor dem ersten Weltkrieg, die sich geflißentlich von der leichten Einfühlsamkeit und skeptisch-spielerischen Schwärmerei des Wieners, von dem Schnitzlerischen und Johann-Straußischen in ihm, fernhielt und der abstrakt-sachlichen, nüchtern-wissenschaftlichen, fast naturwissenschaftlichen Forschungsweise eines Meyer-Lübke, wie auch eines Karl Luick oder Carl von Kraus, den Boden bereitete.

Elise Richter war eine stolze Schülerin des großen Positivisten, im Kreise gleichgesinnter Adepten (Zauner, Herzog, Ettmayer, Puscariu, Gamillscheg-Bartoli und ich durften, vom Meister unbehelligt, andere Wege gehen). Ich sehe heute diese glorreiche positivistische Wiener Schule als ein Ergebnis der eigentümlich gestalteten Geistesentwicklung eines im Geistigen zagen, weil klerikal gelenkten Österreich, das den Erkenntnistrieb auf die Naturwissenschaften oder doch Forschung im Sinne der Naturwissenschaften (auch in der Philosophie) abgelenkt hatte, während die Erforschung des Menschen - in einem allem Menschlichen so offenen Lande - abgebremst werden mußte: Geisteswissenschaft konnte allenfalls, nach großen Widerständen, in einem so "losen" Gebiete wie der Kunstwissenschaft (Riegl, Dvorak, Strygowski) durchdringen, auf einem so "ernsten" Gebiet wie dem der Philologie mußte der Positivismus herrschen. Geisteswissenschaft ist tatsächlich ein norddeutsches Produkt, der Verbindung von Protestantismus und Humanismus entsprossen.

Elise Richter unterschied sich nun von ihren Lehrern und Mitforschern dadurch, daß sie persönlich das weltoffene und reiche kulturelle Leben Wiens in vollen Zügen genoß und ausdrückte, - in ihrem Privatleben allerdings, nicht in ihrer Wissenschaft. Die abstrakte Sprachvergleicherin, die im Hörsaal, in sachlichem, etwas schüchtern monotonen Vortrag, die Spracherscheinungen klassifizierte, wie ihr Lehrer die Romania von Altportugiesisch bis Istrorumänisch virtuos durchquerend, war in ihrer, mit Büchern gefüllten, behaglich eingerichteten, großräumigen Villa in dem Garten- und Intelligenziaviertel der Hohen Warte eine überzeugte Bürgerin, ja Großbürgerin, und Vorkämpferin der Kulturstadt Wien.

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Und hier muß ich ihrer etwas älteren, von ihr unzertrennlichen Schwester gedenken, ohne die die Schilderung jenes für immer entschwundenen Milieus unvollständig wäre. Töchter eines erfolgreichen Wiener Arztes, hatten Helene und Elise zuerst jahrelang das etwas ziellose Leben der Mädchen der begüterten Bourgeoisie gelebt, dann sich langsam zur Gelehrsamkeit hin entwickelt, Helene zu einer mehr impressionistisch einfühlsamen Literaturbetrachtung und zum Englischen (sie schrieb viele Bände über Shakespeare und die Romantik), Elise zur sachlicheren Sprachwissenschaft und zur Romania. Die letztere holte, ermutigt von den Aussichten der Frauenemanzipation, in reiferen Jahren das Gymnasium und die Universität nach, und konnte sich nach manchen Widerständen der Frauen- und Judenfeinde, die von dem damals sehr liberalen Meyer-Lübke überwunden wurden, mit 40 Jahren an der Wiener Universität habilitieren; die erstere blieb zeitlebens ohne akademischen Grad (wenn man von einem Erlanger Ehrendoktorat 1931 absieht) - und heiter und selbstironisch auch ohne akademischen Ehrgeiz (dem Besucher gegenüber unterschied das Dienstmädchen zwischen "Frau Dr. Richter" und "Fräulein Richter").

Die beiden Schwestern hatten so in ihrer Weise das europäische Kulturleben zwischen sich aufgeteilt; ihre Konversation war eine mühelos zweisame: die eine führte das Gespräch weiter, das die andere begonnen hatte; Konflikte zwischen ihnen habe ich nie wahrgenommen. Helene war die weltkundigere, menschlichere, kritisch-geistreichere, allerdings weniger objektiv fundierte, Elise die scheuere, akademisch-konventionellere, impassiblere, gelehrtere unter den Schwestern. Sie beide verband die Freude an der geistigen Betätigung an sich, die sie als Recht der Frau empfanden und verteidigten, und die Liebe zum Kultur- und Gesellschaftsleben Wiens, dem sie gebend und nehmend angehörten und das für die mangelnde politische Betätigungsmöglichkeit entschädigte.

Bei dem allwöchentlichen "jour" traf sich die bürgerliche Aristokratie der Stadt, alles was Namen hatte in Kunst, Wissenschaft und Staatsverwaltung; es gab keine Ausstellung, kein Konzert, keine Theateraufführung von Bedeutung, denen die gelehrten Schwestern nicht beigewohnt, kein epochemachendes Buch, das sie in ihrem Kreise undiskutiert gelassen hatten. Vor allem das alte Burgtheater mit seiner klassizistischen Sprechkultur und dem Großformat seiner Schauspieler konnte des Enthusiasmus dieser Bewunderinnen eines Sonnenthal, eines Lewinski oder einer Charlotte Wolter sicher sein. Helene hat denn auch eine Reihe von Schauspielermonographien geschrieben, die die Augenblickswirkung der Bühnenheroen für die Nachwelt festhalten; Olga Lewinski, die Witwe des Hofburgschauspielers, selbst eine etwas überalterte Vertreterin der Burgtheater-Deklamation, war die beste Freundin beider Schwestern. Man fühlt sich angesichts solch enthusiastischen bürgerlichen Kulturbewußtseins an das Goethe-Wort erinnert: "Wo käm' denn all die schöne Bildung her, wenn's nicht vom deutschen Bürger wär'?"

Doch bald wurde die Existenz dieser beiden "Richtertanten[",] dieses gütigen, prinzipientreuen, bürgerlich-kunstfreudigen Schwesternpaares, das wir heute "typisch viktorianisch" nennen würden, inmitten des sich in Revolution und Inflation umschichtenden Nachkriegs-Österreich ein Anachronismus. Die Welt um sie vergröberte sich zusehends und fiel von den aristokratischen Kulturidealen Altösterreichs ab; die bürgerlich-liberale Partei Prof. Wettsteins, für die sie in der ersten Frauen offenen Wahlcampagne der deutschösterreichischen Republik agitierten, wurde aufs Haupt geschlagen und ist nie zu maßgeblichem Einfluß gelangt; die großbürgerliche materielle Grundlage selbst begann für sie dahinzuschwinden: sie, die niemals "Gehaltsempfänger" waren (Elise brachte es bis zu einer unbezahlten außerordentlichen Professur), lebten nach dem Verlust ihres Vermögens von einer Rente, die ihnen ein Kohlenmagnat gegen Zusicherung des Heimfalls ihres Hauses an ihn aussetzte.

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Der Einbruch der Barbaren hat dann auch solchen "Arrangements" ein Ende bereitet. Das Herz krampft sich einem zusammen, wenn man an das Ende der beiden Achtzigjährigen in einem Nazilager denkt, die ihr Leben in bürgerlicher Geborgenheit und Achtung, in geistigem Streben, von zivilen Formen und Schönheit umgeben, verbracht hatten. In ihnen starb Österreich - es war schon lange vor ihrem Tod gestorben. War nicht der Antisemitismus, der die ganze Karriere Elisens begleitete, von der Habilitation an, auf die die Studenten mit Demonstrationen antworteten (die Antrittsvorlesung konnte nur dadurch stattfinden, daß sie im letzten Augenblick in einen anderen, den Demonstranten unbekannten Hörsaal verlegt wurde), bis zu der Verweigerung einer ordentlichen Professur, auf die Elise zumindest ebensoviel Anrecht gehabt hätte wie die Epigonen, die ihr vorgezogen wurden (sie trug solch Schicksal mit bemerkenswertem Gleichmut) - war nicht solche Rassenbarbarei ein Zeichen der Zeit? Ich glaube nicht, daß die Schwestern in ihrer Weltferne das Kafka-Antlitz dieses Österreichs gesehen haben: sie lebten in entschwundenen Zeiten und wähnten sich frei. Helene soll einen Band "Unser Weg zum Christentum[",] Elise Memoiren hinterlassen haben - die Wirklichkeit von Theresienstadt mag ihnen ein grauses Erwachen nicht erspart haben. Daß beide vor ihrem Tode das Christentum, dem sie ihre Kultur verdankten, zu bejahen die Pflicht fühlten, im Angesicht ihrer Peiniger, die sich Christen nannten, erstaunt uns nicht. Sie antworteten auf bracchiale Grausamheit schreibend, geistig, christlich.

Die wissenschaftliche Tätigkeit Elise Richters beginnt als eine Periode der schon erreichten Reife: ihre Anfänge sind auch ihre Glanzzeit. Von ihrer Dissertation "Die Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen" (Halle[,] 1903) bis zu dem ihr Gedankengebäude krönenden Aufsatz "Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen" (in den Meyer-Lübke gewidmeten Prinzipienfragen der romanischen Sprachwissenschaft, Halle, 1911) geht ein stets festgehaltener Gedanke durch ihre Arbeiten, eben der des inneren Zusammenhangs dieser Sprachen, deren äußeren Meyer-Lübke (nach Diez) dargestellt hatte: sie fand jenen im psycho-physiologischen Sprechrhythmus des Romanischen, der von dem lateinischen abwich: fallender Wort- und Satzrhythmus in diesem, steigender in jenem. Diese Änderung des Rhythmus, die mit der Wandlung des Seelenlebens der Sprecher zusammenhängen muß, bringt dann die romanische Lautentwicklung und die morphologisch-syntaktischen Wandlungen (auch die der Wortstellung) hervor. Elise Richter sieht die Einheit und Verbundenheit der sonst getrennt behandelten Gebiete: Lautlehre, Formenlehre, Syntax. Die Rhythmusänderung selbst stammt aus der Notwendigkeit, einem habituell gewordenen fallenden Rhythmus okkasionell, zwecks affektischer Hervorhebung, einen steigenden gegenüberzustellen: der romanische Rhythmus ist nichts als der habituell gewordene okkasionelle des Lateinischen, und nun muß sich, in der romanischen Weiterentwicklung, von neuem als affektischer Gegensatz zum habituellen steigenden okkasionell der fallende Rhythmus einstellen, womit die Sprachentwicklung, etwa im neueren Französisch, wieder zum lateinischen Status zurückkehrt. Elise Richter sieht so eine unendliche Pendelbewegung im Sprachleben: sie hat das historische Bild des Romanischen, wie es ihr Lehrer entworfen, nach vorn und rückwärts "durchhistorisiert" - das Romanische erscheint nur als eine Phase in einer Serie von Zickzack-Entwicklungen.

Nicht umsonst schließt sie ihre Abhandlung mit den liebenswürdigen Worten an Meyer-Lübkes Adresse: "Aber ich glaube Sie zu sehen, mein lieber hochverehrter Lehrer, wie Sie mit einem Lächeln ablehnen, mir in dieser Betrachtung zu folgen..." Meyer-Lübke selbst pflegte diese Richter'sche Abhandlung als den größten Triumph seiner Forschungsrichtung und als eine Weiterführung derselben aufzufassen und sie der gleichen und gleichzeitig geäußerten Vossler'schen These vom inneren Zusammenhang von psychischem Rhythmus und physiologisch-lautlicher Entwicklung gegenüberzustellen, als eine [35/(36)]wissenschaftliche Leistung gegenüber einer dilettantischen. [1] Charles Bally fußt in seinen deskriptiven Charakteristiken des Französischen zu großem Teil auf den historischen Feststellungen Elise Richters über das Romanische.

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Neben solchen wirklich die Prinzipien romanischer Sprachwissenschaft bearbeitenden synthetischen Studien veröffentlichte Elise Richter in dieser ihrer ersten Epoche auch verschiedene lexikalisch-syntaktische Einzelstudien auf sprachvergleichender Grundlage, z.B., AB im Romanischen (Halle, 1904), "Franz. chez-Cheze-chaise" (ZRPh, XXXI, 1907), "Jumpare[",] ibid., "Die Bedeutungsgeschichte der Wortsippe burd" (Wiener Sitzungsberichte, 1908), "Zur Geschichte der Indeklinabilien" (ZRPh, XXXII, 1908), "Zur Entwicklung des reflexiven Ausdrucks im Romanischen" und "Omnis - Totus" (ZRPh, XXXIII, 1909), deren Erfolg davon abhing, ob die Verfasserin vulgärlateinisches Sprachmaterial benutzen konnte oder nicht: ließ sie dieses im Stich, so versagte ihr "etymologischer flair" (Meyer-Lübke lehnte im REW ihre Lösung für chaise, jumpare, burd, totus ab).

Ich habe überhaupt das Gefühl, daß ihr das Urromanische mehr am Herzen und im Gefühle lag als die lebenden romanischen Sprachen, die ihr mehr spätere Entfaltungen des urromanisch-lateinischen Kernes waren als eigenlebige neulateinische Sprachindividualitäten. Das muß wohl auch der Grund für die Seltenheit ihrer Reisen nach romanischem Land gewesen sein (ich glaube nicht, daß sie je in Spanien gewesen ist): das Bedürfnis, sich am lebendig gesprochenen Wort zu erfrischen und es in situ aufzulesen, den lebendigen Sprechakt selbst zu belauschen, war in jener älteren Romanistengeneration noch wenig rege, die sich mit einer jugendlichen Kavalierstour und später mit Bücherbenutzung an der heimischen Universität begnügte. Sprachvergleichung konnte man ja an jeder Bibliothek treiben, Beobachtung individueller Sprachvarietäten ruft den modernen, mit den betreffenden Kulturformen und Volkstypen vertrauten romanistischen Touristen auf den Plan. Meyer-Lübke selbst wurde erst, als sein Lebenswerk vollendet war, als Vortragender ein Globe-trotter, und selbst sein Alterswerk Das Katalanische schrieb er zwar in Katalonien, aber auf Grund katalanischer Bücher, nicht eigenen Hörens katalanischer lebendiger Rede. Die deutsche Universitätsromanistik im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts war seltsam wenig von romanisch-lebendigem Geiste durchpulst. Dies wurde erst durch die Niederlage im Weltkrieg anders.

Im zweiten Jahre des Weltkriegs, 1915, verließ Elisens geliebter Lehrer die Stätte, an der er ein Vierteljahrhundert gewirkt und eine Schule begründet hatte, um in dem ihm und seiner deutschnationalen Frau weniger dekadent scheinenden Deutschen Reich, von Diezens Lehrstuhl in Bonn aus, eine neue Wirksamkeit zu beginnen. Elise Richter hat diesen Schritt Meyer-Lübkes, der sich in der Folge tatsächlich als problematisch erweisen sollte, nie gebilligt noch verstanden: wie konnte er die Kulturhauptstadt Wien mit dem provinziellen Bonn vertauschen ? Der Schlag war für sie ein doppelter, ein solcher gegen ihr im Existenzkampf verendendes Vaterland und gegen sie selbst: solange Meyer-Lübke in Wien lehrte, war das Weltbild der Gelehrtin integriert: die (für sie) wahre Wissenschaft hatte ihren Sitz in der (für sie) einzigen Kulturstadt; ohne ihn war Wien nicht mehr Wien und auch romanische Sprachwissenschaft nicht dieselbe. Die beiden Teile ihres Wesens schienen auseinanderzufallen. Die skeptischere, im Leben freier schwebende Helene konnte Elisens geistige Verwachsenheit mit ihrem Lehrer nicht ganz begreifen. Mir war immer klar, daß alle Weiblichkeit Elisens sich in einem Schaffen unter des Meisters Augen, um ihm Freude zu bereiten, polarisiert hatte (man lese den oben zitierten Passus aus der Festschrift: "ich glaube Sie zu sehen..."). Seine räumliche Entfernung von Österreich und von seinen Schülern schuf Entfremdung, für einen Augenblick in ihr auch eine Entfremdung von ihrer eigenen Forschungsrichtung: einerseits versuchte sie sich in ihr weniger liegenden literarischen Studien (sie hatte vorher Octovien de St. Gelais' Eurialus und Lukrezia-Übersetzung herausgegeben, nun schrieb sie über Romain Rolland, Barbusse, Camoens, etc.), anderseits in mehr popularwissenschaftlichen Schriften, in denen sie Klarheit der Darstellung und Verbesserung der Terminologie anstrebte: Fremdwortkunde (Leipzig-Berlin, 1919); Lautbildungskunde (Leipzig, 1922); Wie wir sprechen (Leipzig, 1922) - man beachte die fremdwortlosen Titel. Ein Interesse an Volks- und vor allem Frauenbildung hatte die erste Präsidentin des Wiener Vereins akademischer Frauen nie unterdrücken können (vgl. auch die Abhandlung "Sprachwissenschaftliche Probleme" in der Festschrift Dreißig Jahre Frauenstudium in Œsterreich, 1927). In diese pädagogische Periode fällt auch die Abhandlung "Grundzüge der Wortstellungslehre" (ZRPh, XL, 1920).

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Das von einem französischen Kritiker ersonnene biographische Schema "Corneille se cherche - se trouve - se perd" läßt sich für Elise so abwandeln: "elle s'était trouvée - semblait se perdre - se retrouva." Ihre letzte Epoche weist eine Rückkehr zur Forschungsrichtung ihrer ersten auf: dieselben Themen erscheinen in neuer Durcharbeitung: "Der Entwicklungsweg des neuesten Französisch" (ASNSL, CLVIII, 1930), eine Studie, die nach zwanzig Jahren eine frühere wieder aufnahm, um die Fortschritte der Pendelbewegung in der Zwischenzeit zu verfolgen; "Senior - Sire" (Wörter und Sachen, 1929); "Altfranzösisch Zuer - Car[",] AR, XVI, 1932; Beiträge zur Geschichte der Romanismen (Halle, 1934; eine leider nicht zu Ende geführte, dokumentierte Chronologie der Wandlungen des Vulgärlateins), und die letzte Schrift, die mir vor Augen gekommen ist: "Zur Syntax der Inschriften und Aufschriften" (VR, II, 1937). D.h. also, sie kehrte zu jenem Ineinander von allgemeiner Sprachwissenschaft und Beobachtung des Urromanischen zurück, das ihre Stärke war.

In der von Bally ausgehenden Abhandlung "Impressionismus, Expressionismus und Grammatik" (ZRPh, XLVII, 1927), die in Argentinien von Amado Alonso mit Bally's und anderer Schriften zusammen auf Spanisch herausgegeben wurde, zieht Elise Richter die Grenze zwischen Sprachwissenschaft und Stilforschung: sie sieht in Stilformen Vorformen der Grammatik; Impressionismus und Expressionismus sind ihr urmenschliche, allgemeinmenschliche Tendenzen, nicht so sehr historische Ausprägungen bestimmter Literaturströmungen in bestimmten Ländern: sie katalogisiert Mallarmé'sche oder Rimbaud'sche Dichtung unter grammatischen Tendenzen, unterstellt nicht diese den Dichter-Individualitäten.

Elise Richter blieb in wunderbarer Selbsttreue und fester Zielsetzung Sprachvergleicherin, sie wurde nicht etwa Gallizistin oder Hispanistin, blieb Linguistin, wurde nicht Literaturhistorikerin wie die große Carolina. Den Fortschritt der romanischen Sprachwissenschaft aber erhoffte sie von der strengen Beobachtung der erhaltenen Belege der Spracherscheinungen in Verbindung mit einer letztlich naturwissenschaftlichen, allgemeinen Psychologie des Menschen. Daß eine dauernde Pendelbewegung im Sprachleben der Menschheit eintreten muß, einfach weil eine bestimmte sprachliche Tendenz sich selbst zu Ende gelebt hat und ihren psychisch-sprachlichen Gegenpol aufs Feld rufen muß, schien ihr denknotwendig und phantasiebefriedigend: durch die Annahme endlos sich wiederholender "Gezeiten der Sprache[",] die durch die Psyche des Menschen ein-für-allemal bedingt sind, war die Sprache, diese menschliche Schöpfung, in einen Naturzusammenhang hineingestellt. Der konkret-differenzierte und unwiederbringlich-einmalige, Geschichte-schaffende Mensch, den in seinem wechselnden Lebensgefühl ein Humboldt oder ein Dilthey erschauten, blieb solchem Denken fremd. "Kulturen" waren diesem mehr nebensächliche Gebilde gegenüber jenem großen Pendelschlag der ewigen Natur des Menschen - ein merkwürdiger Dualismus in einer österreichischen Seele, die so lebhaft wenigstens eine konkrete Kultur, die altösterreichische, geatmet hatte. Selbst die christliche Kultur hat in Elise Richters Sicht des Urromanischen einen verschwindend geringen Platz - sie muß wohl die Versuche Vosslers und H. F. Mullers, den vulgärlateinischen Sprachbau mit der neuen Religion zu parallelisieren, als mü[ß]ige Spekulationen oder Übertreibungen aufgefaßt haben.

In einem vorbildlich klaren Referat über "die Entwicklung der Phonologie" (Neuere Sprachen, XLI, I930) hebt Elise Richter hervor, daß nicht die von Vossler begründete "idealistische" Richtung, die nur "fliegen" und aus der "Vogelperspektive" betrachten lehre, sondern nur eine - wie die Phonologie - aus linguistischem Denken entsprossene, zur Psychologie hinstrebende Wissenschaft "bauen" könne: "Aber die Steine wälzen und dahin bringen, wo sie hingehören, kann nur der, der sie zu packen versteht und - der weiß, wo sie liegen." Diese ist eine der wenigen Stellen in Richters Schrifttum, wo die allem "Streit der Wagen und Gesänge" abholde, bedächtig arbeitende und formulierende Gelehrtin sich eine Polemik verstattet - die Stelle zeigt auch, wie sie ihre eigene Wissenschaftlichkeit aufgefaßt wissen wollte: als entsagungsvolle Schwerarbeit im Dienste einer objektiven historischen Realität, [2] nicht als die beflügelte Arbeit eines nach einem eigenen Architektenplan verfahrenden Historikers, der sich mit dem Gang des Weltgeschehens identifiziert.

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Der Gedanke ist offenbar der, daß aus den "Steinen" der Plan des göttlichen Architekten von selbst objektiv klar werden müsse und dieser providentielle Wille (der instinktiv mit darwinistischer Entwicklung, Wundt'scher Psychologie, etc., gleichgesetzt wurde) durch irgendwelche menschliche Geistesflüge nur entstellt werden kann. Die Ausdrucksweise "bauen, nicht fliegen[",] "Steine wälzen" stammt - aus der Werkstatt des Positivismus, der wahre Wissenschaft mit Naturwissenschaftlichkeit gleichsetzt und dem esprit de finesse als geisteswissenschaftlichem Erkenntnismittel par excellence wenig Vertrauen schenkt (und es muß zugestanden werden, daß die zu leichtgeistig-impressionistische Psychologisierung sprachlicher Einzeltatsachen, wie sie Vossler übt, wenig angetan war, dies Mißtrauen zu beseitigen). Dennoch bleibt als ernste Aufgabe (die nicht ohne Kombination von "Fliegen" und "Bauen[",] von Intuition und sachlicher Belegung zu lösen ist) das Desideratum einer wahren konkreten Sprachgeschichte bestehen, die nicht bloß die ewige Wi[e]derkehr des Gleichen lehrt, [3] sondern systematisch Sprachtatsachen und Geistesgeschichte zusammensieht. Elise Richter aber wird das Verdienst bleiben, an totem spätlateinischem Gestein den sich vorbereitenden neuen Sprachrhythmus des Romanischen erlauscht zu haben: für diese Epoche der Sprachentwicklung wußte sie wirklich, wo die Steine liegen und wie sie zu packen sind - ich würde sagen: kraft ihres esprit de finesse.

LEO SPITZER

The Johns Hopkins University



Quelle: Spitzer, Leo: "In Memoriam Elise Richter." In: Romance Philology 1/4 (1948): 329-338. (leicht modifiziert) (gbb, sk)


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Helene Adolf

Besser als irgend ein andrer es vermöchte, hat Professor Spitzer das Bild der Romanistin Elise Richter gezeichnet und ihr Werk gewürdigt. Es sei mir nun gestattet, von dem liebenswerten Menschen zu erzählen, dem ich Jahre hindurch als Schülerin nahestand.

Schüchtern und kühn zugleich, hat Elise sich stets als führend empfunden. Daß eine Selbstbeschreibung von ihr im Sammelband Führende Frauen Europas erschien, [4] mußte sie als eine selbstverständliche Huldigung betrachten. Das, wofür sie im Grunde kämpfte, war die Anerkennung einer bestimmten Lebensform - der unverheirateten Frau, die in Reinheit und voll Hingabe geistigen Zwecken dienen will. So hatten einst in der Stille ihrer Klöster eine Hrotsvitha, eine Herrad von Landsberg gewirkt. Folgerichtig erstritt sich Elise den Zugang zur Universität Wien.

Dort lernte ich sie 1919 zu Beginn meines Studiums kennen. In den nächsten vier Jahren besuchte ich alle Vorlesungen der damaligen Dozentin. Später führte mich mindestens ein Montag des Monats in ihr schönes Heim in der Weimarerstraße. Im April 1939, kurz vor meiner Auswanderung nach Amerika, nahmen wir von einander Abschied. Briefe und Karten hielten die Verbindung aufrecht, bis der Angriff auf Pearl Harbor dem Austausch unsrer Gedanken und Gefühle ein Ende bereitete.

Der Forscher baut sich sein eigenes Denkmal, der Lehrer ist auf das Denkmal im Herzen der Schüler angewiesen. Darum drängt es mich jetzt, im Namen vieler auszusprechen, was wir ihr verdanken.

Sowie sie in der Sprache vorwiegend den Sprechakt sah und diesen als eine ständige Wechselwirkung zwischen Sprecher und Hörer auffaßte, so war ihr auch die Vorstellung eines nur passiven "Hörers" (Studenten) unerträglich. Ob wir wollten oder nicht, wir mußten auf den Kampfplatz: selber prüfen, selber urteilen - ob es nun galt, das Wesen der Silbe zu ergründen oder die achtzehn Einteilungsmöglichkeiten der Laute aufzudecken. Immer nötigte sie uns, vom Wort zum Begriff vorzudringen, und zeigte uns hinter diesem, nie durch ihn auszuschöpfen, die Erscheinung. Der Gegenstand unsrer Wissenschaft stellte sich als ein Fließendes dar, als etwas, das in die Kategorie des Lebens gehört. Vielleicht war es das, was uns am meisten entzückte. Es haftete kein Bücherstaub an ihr. Es war auch kein Zufall, daß sie ihre Arbeiten meist auf Spaziergängen konzipierte, daß sie mehr im Garten lebte als im Zimmer. Patrizierin in ihren Sitten, war sie durchaus demokratisch in ihrer Auffassung der Sprache. "Von unten herauf!" war wohl ihrer Meinung nach das passende Motto für eine Geschichte der Romanismen. Sowie der Dammbruch des Vulgärlatein ihr philologisches Grunderlebnis bildete, würde auch die Entwicklung des amerikanischen Englisch ihr höchstes Interesse erregt haben.

Der kleine Kreis von Schülern, der sich in jenen Jahren um sie bildete - genannt seien hier: Leonie Spitzer, Erna Hollitscher, Edith und Susanne Czech - dieser Kreis war Spiritualismus der Neuromantiker und Expressionisten, vom geistigen Gewinn der Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht unberührt geblieben. An ihr jedoch schätzten wir den treuen Dienst an der Wirklichkeit. Wir bewunderten ihre Arbeitskraft. Konnte sie sich doch rühmen, niemals ein Kolleg wiederholt zu haben. Vor unsern Augen erarbeitete die fast Sechzigjährige sich das ihr neue Wissensgebiet der Phonetik, für die sie in der Folge (1927) einen eigenen Lehrauftrag erhielt. (Ich kann den Wunsch nicht unterdrücken, es möge auch hier den Philologiestudenten der Besuch einer solchen Vorlesung auferlegt werden). Unsere Gefolgschaft belohnte sie dadurch, daß sie unablässig unser Gesichtsfeld erweiterte. Zeitlich wie örtlich führte sie uns kreuz und quer durch die Romania. Die Geschichte der Motive verfolgend (z.B. das vom gegessenen Herzen), wanderten wir zurück bis in die fernste Vorzeit. Aus den Gebieten des Physikalischen und Physiologischen stiegen wir bis dorthin, wo die Probleme der Sprachphilosophie sichtbar werden. Wohl besaß sie jene Liebe zum "Logos[",] ohne die ein Philolog nur Kärrnerarbeit leisten kann. "Sprachgeschichte ist Menschheitsgeschichte!" hörten wir sie sagen, "alles Menschliche spiegelt sich in der Sprache." Und dieses Menschliche selbst - wo führte es hin? Gab es eine Entwicklung, einen Aufstieg in der Spirale? Noch haftet mir ihre Antwort im Gedächtnis: "Es gibt einen Fortschritt, weil wir ihn denken können!"

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Im März 1935, zu Ehren ihres siebzigsten Geburtstags, veranstaltete Karl v. Ettmayer, Vorstand des romanischen Seminars, eine Feier. Die vielen, die damals der Jubilarin Glück wünschten, ahnten nicht, wie düster ihr Lebensabend sich gestalten würde.

Als der Anschluß kam, stand ihr allerdings die Ausreise frei. Der immer hilfsbereite Verein Akademischer Frauen Englands hätte gern dazu die Hand geboten. Aber auf das Drängen ihrer Freunde antwortete Elise: "Alte Bäume verpflanzt man nicht." Sie wähnte sich wohl sicher im Schutz ihres Alters. Wo andere in der vergifteten Atmosphäre Wiens wie betäubt umhertaumelten, blieben die beiden Schwestern, trotz Krankheit und Geldnot, gefaßt. Mir gaben sie damals die Stärke, die mir fehlte.

Die Briefe, die Elise mir nach Amerika schrieb, sprechen zwar von Helenes wachsender Schwerhörigkeit, vom harten Winter 1941, von der Kürzung der Monatsrente, von der Einsamkeit und Leere: "Es ist uns oft übermäßig bang nach all den Freunden, die das Leben (und der Tod) nach und nach versprengt hat, nach dem Leben selbst, wie es in früherer Zeit war"; "ich entbehre vieles, aber nichts so als wirkliche Arbeit." Dennoch vermeidet sie zu klagen: "Wir sind bei alledem so abgehärtet, daß wir bei 8° bequem sitzen, bei 6° aufstehen ... Der Sorgen sind viele - fahren wir mit dem allergrößten Schwamm drüber!"

Mir selbst riet sie unaufhörlich zur Arbeit: "Ich bitte Sie dringend, die Chrestien-Graalarbeit so zu fördern, als ob das Heil der Welt davon abhinge. Das ist die einzig mögliche Art, zu arbeiten. Und übrigens: die Kulturarbeit ist in letzter Linie das, wofür gekämpft wird. Man kämpft nicht um zu töten, sondern um sich Lebensraum zu schaffen und der ist dann doch - als höchste Lebensäußerung - für geistige Arbeit da."

Ihre eigene Produktion hat denn auch in diesen bösen Jahren nicht geruht. Noch im Jahr 1939 war ihre Abhandlung "Unterbewußte Vorgänge im Sprachleben" erschienen. [5] Es folgte 1940 ein Aufsatz in den Archives Néerlandaises de Phonétique Expérimentale ("Ueber die ital. c-, š-Laute, an umgekehrt laufenden Schallplatten studiert"), ferner Rezensionen in der Revista de Filología Hispánica [6] und im Archivum Romanicum. [7] 1941 rezensierte sie "ein prächtiges rumänisches Werk: Geschichte der rumänischen Sprache. Sehr gut und vieles drin, was ich vor drei Jahren selbst schreiben wollte[",] und entwarf eine kleine Originalarbeit: "Es handelt sich um die Frage, warum die ablautenden Verben im Französischen sich so verschieden entwickeln. In meurs ~ mourons bleibt der Ablaut, in labeur ~ labourons > laboure siegt Pluralform, in parol ~ parlons auch, in araison ~ araisnier > arraisonner siegt Singularform. Nach Untersuchung aller einstmals ablautenden Verben finde ich, daß die Bedeutung des Stammes entscheidet. Drückt er ein kollektives Tun aus, so wird Pluralform herrschend, bei einem singulären Tun der Singular, und bei individuellem Tun, das sich, auch wenn mehrere es ausführen, nicht zum kollektiven Tun wandelt, bleibt der Ablaut."

Vor allem aber benützte sie die unfreiwillige Abgeschlossenheit und Muße zur Abfassung ihrer Memoiren. "Wir sind so dankbar, was wir alles genossen haben. Man muß einsehen, daß wir da mehr zugeteilt erhielten als die große Mehrheit, und so leben wir in der Erinnerung." Das war die Stimmung, in der sie die "Summe ihres Lebens" zog. Das Manuskript der "Summe" liegt in den Händen von Frau Dr. Elisabeth Serelman-Küchler, der Tochter des Romanisten Walter Küchler, und wird wohl demnächst von einem österreichischen Verlag herausgegeben werden - eine letzte Gabe Elises an ihre Heimat.

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Hier versiegt der Quell meiner Nachrichten.

Eine spätere Zeit wird vielleicht den Schleier lüften, der über dem Lebensende von Elise und Helene Richter liegt. Uns ziemt es jedenfalls, Halt zu machen vor dem Geheimnis des Leidens, dessen höhere Weihen die beiden Schuldlosen empfingen. Wir wollen lieber Elises Bild festhalten, wie es uns aus den guten Jahren erinnerlich ist:

Würdig, angeregt, heiter unter dem Diadem ihrer weißen Haare; von der Höhe des Katheders wie aus der Weite ihres Hauses immer gebend, jugendlich noch im Alter, weil offnen Augs und warmen Herzens immer dem Leben verbunden.

HELENE ADOLF

Pennsylvania State College



Fußnoten

  1. In einer Besprechung von Richters Erstlingsschrift in Lit. Zentralblatt, LV, hebt Meyer- Lübke die gleich gründliche "sprachhistorische" und "sprachphilosophische" Vorbildung der Verfasserin hervor. Im Munde des Sprachhistorikers, der nichts als das sein wollte, war das das höchste Lob. "Sprachphilosophie" floss ihm allerdings mit der Sprachpsychologie zusammen und diese mit den psychophysischen Theorien um 1900.     [zurück]
  2. Sie scheint in diese Auffassung von ihrem ersten Lehrer Mussafia eingeführt worden zu sein, der jüngsten Adepten die Märtyrerrolle des Gelehrten schmerzlich lebendig gemacht haben muss. Vgl. El. Richters Gedenkrede in ZFSL, XLV (1932); daselbst findet sich sowohl in ihrem Text (sie lobt an Mussafia, dass seine Aufstellungen so unanfechtbar gewesen seien, "dass die Nachkommenden auf ihnen wie auf unverrückbaren Grundsteinen gebaut haben") wie in einem Zitat einer Äusserung Mussafias selbst ("heutzutage beginne jeder eine neue Methode, aber nirgends werde etwas aufgebaut") das Gleichnis vom Bauen wieder. Allerdings zeigt gerade El. Richter in diesem Artikel, wie die Angst vor dem Irrtum Mussafia unproduktiv gemacht hat.     [zurück]
  3. In ihrer letzten Arbeit, der über die Inschriften und Aufschriften, kommt dies recht greifbar zum Ausdruck: pompejanische Inschriften sind da mit modernen französischen oder italienischen Zeitungsinseraten und englischen "Headlines" zusammengestellt, um die ewige Wiederkehr des Volkstümlichen der Teilsätze zu beweisen. Aber doch sträubt sich etwas im Kulturforscher, die völlige Gleichheit der sprachlichen Erscheinungen im alten Pompeji und in neuerem "Journalese" anzunehmen: wenn auch die syntaktische Form dieselbe geblieben ist, so ist doch, psychologisch gesehen, "Motivwandel" eingetreten: das "Headlinese" ist nicht mehr volkstümlich, sondern ein vertricktes und vertracktes Spiel des Journalisten mit seinem tatsachen-neugierigen Leser.     [zurück]
  4. Führende Frauen Europas, her. von Elga Kern, München, E. Reinhardt, 1928.     [zurück]
  5. Mélanges de linguistique offerts à Charles Bally, Genf, 1939.     [zurück]
  6. RFH, II (1940), 184-185, über G. Panconcelli-Calzia, Quellenatlas zur Geschichte der Phonetik; ibid., pp. 397-398, über G. Bertoni, San Gral.     [zurück]
  7. AR, XXIV (1940), 309, über M. Valkhoff, Philologie et littérature wallonnes, Vademecum.     [zurück]


Quelle: Adolf, Helene: "In Memoriam Elise Richter." In: Romance Philology 1/4 (1948): 338-341. (leicht modifiziert) (gbb, sk)

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Studi Goriziani (1987)

LORENZO RENZI


ELISE RICHTER

(1865-1943)


Aufhören, aufhören. Warum aufhören?
Dreissig, fünfunddreissig Jahre danach, das
ist gerade die richtige Zeit, um damit an-
zufangen.

(Marie-Therese Kerschbaumer, 1980)

In ihnen starb Österreich - es war schon
lange vor ihrem Tod gestorben.

(Leo Spitzer, 1947-48)

Mi rivedo venticinque anni fa a Vienna, giovanissimo studioso, alle prese con dei minuscoli pezzi di carta nel reparto manoscritti della Nationalbibliothek, alta sulla bellissima Josephsplatz [1]. Conservati in 14 cartelline azzurre, c'erano 606 pezzi di Adolfo Mussafia indirizzati alle sorelle Elise e Helene Richter tra il 1892 e il 1905 (anno della morte del Mussafia stesso). Erano lettere, cartoline, biglietti da visita, ora in italiano ora in tedesco. È in questo modo, leggendo a uno a uno quei biglietti, che ho fatto per la prima volta conoscenza con Elise Richter, linguista romanza, nata a Vienna nel 1865, morta nel lager di Theresienstadt (Cecoslovacchia), dove era stata deportata per la sua origine ebraica (21 giugno 1943). Helene, sua sorella, era nata nel 1861, non aveva fatto studi superiori, ma ha lasciato una larga produzione nel campo della storia della letteratura inglese, particolarmente moderna, su Shakespeare e sul teatro austriaco contemparaneo; è morta qualche tempo prima della sorella nello stesso campo di concentramento (8 novembre 1942). Le due sorelle erano diventate amiche del filologo dalmata Adolfo Mussafia e di sua moglie Regine. La corrispondenza che ho ricordato testimonia della affettuosa cordialità di questi rapporti, e attraverso la trama minuta dei particolari ci fa assistere pian piano alla resurrezione del mondo dimenticato e sommerso, anche se tante volte rievocato, della Vienna alla svolta del secolo. Per es. [2]:

Carissime amiche!
Col più grande dolore devo rinunciare per oggi all'udire dalle melodiose vostre labbra risonare i versi di Lessing. I miei nervi ribelli non mi danno requie, e m'è impossibile levarmi dal divano, su cui giaccio gemendo. Pazienza!
Addio di cuore, o mie dilette.

Naturalmente queste lettere caratterizzano in primo luogo il loro mittente, il Mussafia, anziano e sofferente, e solo indirettamente anche le due sorelle. Tuttavia quella lettura di Lessing ci rimanda probabilmente al salotto che le sorelle tenevano nella loro "grande villa piena di libri, confortevolmente arredata, sita nel quartiere giardino della Hohen Warte, caro all'intellettualità borghese". Le sorelle ricevevano settimanalmente. La cameriera faceva entrare gli invitati, e distingueva le due padrone chiamando Helene "Fräulein" e Elise "Frau Doktor", come ricorderà Leo Spitzer [3]. Anche Elise in realtà era nubile, ma si sa che per una curiosità grammaticale del tedesco il titolo accademico vuole l'accordo con Frau e non con Fräulein!

Mi fermo qui nella rievocazione di un tempo e di uno stile. Nei miei studi successivi mi è capitato di rado di incontrare il nome della Richter, a parte forse l'articolo classico dedicato alla Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrhunderts (cit. avanti nota 21).

Sebbene io mi sia occupato intensamente del problema dell'ordine delle parole in italiano e nelle lingue romanze, non ho trovato - credo - mai nella bibliografia corrente, dei riferimenti alla sua tesi Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen (Halle 1903), e alle sue riprese negli articoli Grundlinien der Wortstellungslehre e Zur Klärung der Wortstellungsfragen, "Zeitschrift für romanische Philologie", XL (1910-20), pp. 9-61, e XLII (1922-23), pp. 704-721, ambedue in Kleinere Schriften, 2. E credo che la mia esperienza corrisponda a quella di altri romanisti che hanno lavorato come me in campi vicini a quelli tracciati dalla Richter.

Tuttavia sarebbe falso ed ingiusto dire che la figura umana e scientifica di Elise Richter sia stata dimenticata. In anni recenti, è stata ricordata degnamente nella sua Austria e in Germania. Ma è merito della rivista americana "Romance Philology" di averne mantenuto vivo il ricordo con una serie ininterrotta di iniziative il cui merito va certamente innanzi tutto al suo fondatore e direttore Yakov Malkiel, già nell'immediato Dopoguerra. Nel primo numero della rivista (1947-48), Leo Spitzer e Helene Adolf commemorarono Elise Richter [4]. L'occasione era la scomparsa, ancora recente, della studiosa. Più di vent'anni dopo, lo stesso Malkiel scrisse il suo primo saggio commemorativo della studiosa, della quale mise in rilievo la sagace mescolanza di empiria e di spirito teorico, e B. W. Woodbridge, unendo un saggio più breve, pubblicò anche una bibliografia dei lavori della studiosa [5]. Ormai in data recente (1977), Yakov Malkiel ha edito presso le pubblicazioni dell'Istituto di Linguistica di Innsbruck, diretto da Wolfgang Meid, una scelta commentata di lavori della Richter [6]; e, sempre nella rivista "Romance Philology", un noto latinista e romanista americano di origine austriaca, Ernst Pulgram, ha tracciato, con l'occasione della recensione del libro, un ritratto della studiosa [7].

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Un rinnovato interesse di questi ultimissimi anni riguarda una circostanza esterna della sua vita: Elise è stata tra le primissime donne a seguire l'Università e a laurearsi, e la prima a percorrere la carriera universitaria in tutta l'Austria (e in Germania). Oggi la figura di Elise interessa la storia del movimento per la emancipazione della donna, e non solo quella della linguistica romanza! Nell'opera di due studiose austriache, Martha Forkl e Bertholda Plechl, la figura della studiosa Elise è stata vista nel quadro dell'evoluzione della condizione femminile in Austria [8]. Il romanista tedesco Hans Helmut Christmann ci dà nel 1980 il ritratto più completo di Elise Richter, contemperando con equilibrio gli aspetti biografici, sia quelli riguardanti la sua carriera universitaria come "donna" sia quelli riguardanti la deportazione come ebrea, con una valutazione a largo raggio della sua opera: il suo fascicolo Frau und "Jüdin" an der Universität: die Romanistin Elise Richter, è un modello di storiografia linguistica, in cui la cura biografica si accompagna a un'equilibrata valutazione del suo apporto scientifico (cit. nota 3).

Ricorderemo per concludere che nello stesso anno 1980 le due sorelle Richter diventano personaggi di uno degli episodi narrativi della scrittrice austriaca Marie-Thérèse Kerschbaumer. Le figure delle sorelle sono ricor date accanto a quelle di una suora, di una zingara, di un'apprendista sarta, di una maestra e di un'operaia, come vittime del nazismo [9].

Ripercorriamo brevemente le tappe della sua esistenza, allora. Ricordiamo che possiamo attingere notizie della sua vita non solo dalla bibliografia citata, ma anche, almeno fino a una certa data, il 1928, da un'autobiografia, Erziehung und Entwicklung [10].

Elise e Helene erano figlie di un medico viennese di spicco. Appartenevano a un solido e benestante ambiente borghese di origine ebraica. L'istruzione delle due sorelle non avvenne in una scuola pubblica, ma fu affidato, perché più rigoroso, a una bonne tedesca. Era un'educazione rigida, inimmaginabile al nostro tempo, e intollerabile anche alla povera Elise, che pure aveva già allora una vocazione di studiosa. Esauritasi questa guida, non era previsto che le sorelle continuassero gli studi.

Ma Elise lo fece sia di propria inizitiva (in Erziehung und Entwicklung racconta come la lettura di Mommsen le aprì per la prima volta gli orizzonti della linguistica), sia cercando di sfruttare le prime timide aperture di possibilità di studio superiore offerto alle donne. Nel 1897 passò l'esame di maturità come privatista, con votazione modesta (ma il presidente della commissione non aveva nascosto l'intenzione di bocciarla, nei limiti del possibile! Evidentemente la candidata era fuori da quei limiti). L'anno successivo fu accolta, con altre due donne all'Università (erano le prime assolute all'Università). Elise, che conosceva già da almeno cinque anni Mussafia, si avvicinò allora al giovane e brillante professore Wilhelm Meyer-Lübke, che, finché restò a Vienna, favorì gli studi e la carriera della Richter. La tesi (Dissertation), già ricordata, della Richter, dedicata all'ordine delle parole in latino e in romanzo, nasceva al margine dell'ultimo capitolo del 3° e ultimo volume della monumentale Grammatik der romanischen Sprachen di Meyer-Lübke. Nel 1901 Elise si laureava (Promotion), prima donna in Austria (e in Germania). Nel 1903 la sua tesi apparve a stampa. Da questo momento Elise decise di tentare la carriera universitaria. Nel suo saggio autobiografico, Elise racconta nei particolari, ma senza rancore, le difficoltà che le vennero frapposte, nei successivi passaggi, dai nemici delle donne - e degli ebrei, aggiungerà Spitzer [11]. Nel 1905 ottenne la docenza (Habilitation) e tenne la lezione di prova. Ma dovettero passare due anni e mezzo perché la venia docendi diventasse effettiva! Nel 1915-16 divenne rappresentante dei Docenti nel Consiglio di Facoltà. Nel 1921 fu nominata Professore straordinario. L'ordinariato non lo ebbe mai, e questo fatto non può essere attribuito a altre cause che alla persistente ostilità di alcuni ambienti [12].

Dal 1923 il suo insegnamento comprende delle ore settimanali di Fonetica: questa è la parte del suo insegnamento che viene regolarmente retribuita, è che le permetterà di insegnare, come vedremo, oltre l'età pensionabile fino alla vigilia della morte [13]. Elise perseguì questa carriera con tenacia, e con la consapevolezza di una missione da compiere. È stata la prima presidentessa del "Wiener Verein akademischer Frauen". Ha avuto una poco felice attività politica in un partito "laico" di centro. È stata femminista? Non lo è stata, almeno nel senso proprio del termine, e secondo il giudizio della Richter stessa: "Non sono entrata all'Università come femminista. Ancora meno ho pensato alla professione in vista del sostentamento.. . Ho evitato il "movimento femminista... " [14]. Ma anche: "Ho sentito l'impegno civile della donna di mostrarsi degna di quella emancipazione politica che le è toccata in sorte, e di collaborare con pieno sentimento di responsabilità al salvataggio dalla distruzione e alla trasformazione dei rapporti...".

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Le ultime righe si riferiscono alle agitate condizioni politiche e sociali del primo dopoguerra; e Elise Richter conclude: "Ed è per questo che dopo la caduta della Monarchia (Umsturz) sono attiva anche politicamente" [15]. Qui allude alla militanza di cui si è detto.

Christmann ha ricordato nel suo scritto (p. 35) come l'attività della studiosa, che si protraeva oltre il settantesimo anno per la necessità di impartire l'insegnamento di Fonetica (per cui non aveva potuto essere sostituita), venne interrotta dall'"Anschluss" e dall'estensione delle leggi razziali della Germania nazista all'Austria annessa. Alla sospensione del lavoro nel 1938, al divieto della ricerca nelle biblioteche, segue la negazione della pensione, la confisca di ogni bene - non la cessazione del lavoro scientifico. Le sorelle rifiutano di trasferirsi in Inghilterra, seguendo l'invito della "International Federation of University Women", arrivato nel febbraio del 1939. Nel 1942 ha luogo la deportazione. Come gli altri Ebrei di età superiore ai 65 anni, le due sorelle vengono portate nel "lager per anziani" di Theresienstadt, attualmente in Cecoslovacchia [16]. Nel "più umano dei lager nazisti" non c'erano strumenti di tortura e camere a gas, ma c'era uno spaventoso affollamento, poco cibo e un ambiente favorevole alle epidemie.

Le sorelle Richter non sopravvissero per molto. Elise aveva 78 anni. Dei suoi ultimi lavori, uno era apparso nello stesso anno in una miscellanea in onore di Charles Bally [17]. La studiosa aveva annotato la data, poi apparsa a stampa: "13 Aprile 1938". "Molto probabilmente Elise Richter era consapevole della gravità del giorno e desiderava ricordarlo", annota giustamente Pulgram [18].

***

La questione è ora se il nostro interesse deve limitarsi all'ingiallita stampina asburgica di una delle due sorelle che tengono salotto in una Vienna e in un tempo affondati per sempre, combinando questa nostalgia con l'esemplarità del suo destino come donna che affronta per prima una carriera finora preclusa, e con la pietas per la sua fine disumana. Oppure se dobbiamo anche considerare con serietà l'opera scientifica di Elise Richter, in sé e per sé, anche fuori da questi riferimenti esterni.

Secondo Yakov Malkiel il merito intrinseco della studiosa è stato superiore alla sua influenza e alla sua fama. Tale merito consisteva nell'essere stata la sola al suo tempo, assieme allo svizzero Karl Jaberg, ad aver saputo "mediare con successo tra linguistica generale nella sua punta più estrema e gli studi (linguistici) romanzi nella loro punta più raffinata - in un tempo in cui la maggior parte dei suoi colleghi preferiscono scegliere una via o l'altra, senza preoccuparsi di conciliare i due rami che stavano quasi irrevocabilmente divergendo" [19]. È evidente che è un giudizio di questo genere che è stato decisivo prima nella risoluzione di far preparare una bibliografia delle opere della Richter e poi di ripubblicare una scelta di 20 articoli di sua mann dando vita al grande volume di Innsbruck, al quale lo stesso Yakov Malkiel ha dedicato una cura appassionata.

Lo stesso apprezzamento si legge in Ernst Pulgram (uno studioso di formazione viennese - ricorda di avere assistito alle lezioni della Richter nel 1936 -, mentre Malkiel, russo ma pure di formazione tedesca, aveva studiato a Berlino):

"La sua concezione del linguaggio e delle lingue era in molti sensi più avanti di quella dei suoi contemporanei. Questo e dovuto al fatto che la Richter, nella ricerca e negli scritti, seppe unire, diversamente dai linguisti tradizionali e anche dai più moderni del suo tempo, e perfino dai cosiddetti "linguisti teorici" dei nostri giorni, due approcci allo studio del linguaggio che devono esser tenuti necessariamente congiunti perché un'opera sia fruttuosa: l'approccio che combina la linguistica e le scienze naturali (la fonetica articolatoria ed acustica, alla quale possiarno aggiungere oggi quella che si può chiamare la linguistica neurologica, benché essa non esistesse ancora al tempo di Elise Richter) e quello che si basa sulle scienze sociali e umane (che comprendono la fonologia accanto a discipline ovvie come, per usare la terminologia corrente, la socio- e la psicolinguistica)".

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Forte di tali presupposti:

"... ha previsto e anticipato delle scoperte e un campo di conoscenza che hanno potuto essere formulate più precisamente e scientificamente, sulla base di prove più stringenti a lei inaccessibili, solo dopo molto tempo" [20].

Condivido in pieno questi pareri, e sottoscrivo in particolare quest'ultima citazione. Sono convinto infatti che la storia della linguistica, come la storia di qualsiasi scienza, se non vuol essere un ammasso confuso e imperscrutabile di fatti, deve essere parziale e orientata. Cioè deve essere fatta dall'angolo visuale dei nostri interessi attuali. Da tale angolo visuale, l'opera di Elise Richter, merita di essere sottratta alla dimenticanza per la rilevanza che assume in rapporto alla ricerca contemporanea [21].

Mi limiterò a pochi esempi, complementari a quelli già mostrati da Pulgram. Ma ricorderò per primi brevemente questi. Nei suoi lavori dedicati alla fonetica e alla fonologia, E. Richter ha assorbito rapidamente altuni principi chiave dello strutturalismo, ciò che le è stato reso possibile anche dal contatto vivo con N. S. Trubetzkoy, attivo dal 1922 al 1938 (anno della sua morte), proprio a Vienna (ma Elise Richter sembra sia stata l'unica non slavista ad accorgersi dell'importanza di un simile vicino di casa nella Slavistica). Nella sua personale rielaborazione di quei concetti, Elise Richter sembra anche essersi avvicinata al concetto di "tratto distintivo", sul quale si basa principalmente la fonologia poststrutturale. "Tratti distintivi" si possono ritenere infatti i Vorstellungselemente, dato che Lautvorstellung è la (criticabile) definizione che la Richter riserva al fonema [22]. Interessante anche l'idea di tener conto della Veränderungsmöglichkeit dei suoni, "un'idea - annota giustamente Pulgram - che precorre alcune nozioni della fonologia generativa" [23]. La Richter ha prestato attraverso tutta la sua opera una grande importanza ai tratti prosodici (dalla sillaba all'accento), in sincronia e diacronia, fornendo una quantità di osservazioni interessanti, anche se Pulgram ha ragione nel ritenere mitico il ruolo assegnato dalla Richter all'"accento di intensità" per tutto lo sviluppo del francese dal V all'VIII secolo [24]. L'interesse per la fonetica sperimentale spingeva Elise Richter a rimpiangere la mancanza di uno strumento quale è stato, più tardi, lo spettrografo [25]. Ma seppe inventare un esperimento ingegnoso, una registrazione fonografica fatta sentire a rovescio a dei parlanti nativi, per notare l'influenza su un suono da parte dei suoni contigui [26].

Un altro esperimento interessante non citato da Pulgram, è quello relativo alla lunghezza e brevità delle vocali in italiano [27]. L'esperimento condotto sull'italiano settentrionale si serviva di curve oscillografiche predisposte per lei a Milano presso l'Università Cattolica, da p. Agostino Gemelli con il metodo inventato da lui stesso per l'analisi elettroacustica del linguaggio. I concetti di "lunghezza" e "brevità" vengono accantonati, o meglio relegati al ruolo di corrispettivi psicologici di una realtà acustica diversa. Le ricerche della Richter nella fonetica sperimentale erano al livello più avanzato del suo tempo. Oggi alcuni concetti sono acquisiti, ma sono stati raggiunti per altre vie, mentre il contributo della Richter e rimasto quasi sconosciuto.

Pulgram, come già Spitzer, ricorda che la romanista, in Elise Richter, conviveva con la latinista, e sottolinea l'originalità della posizione della studiosa nei confronti del problema del "latino volgare". La chiave per lo studio delle origini romanze sta in una "dialettizzazione precoce del latino". Una prospettiva che Pulgram sottoscrive in pieno [28], e che oggi ritorna come soluzione obbligata nella cornice della tipologia dell'ordine delle parole [29].

Proprio in questa cornice, è stato sollecitato oggi lo studio dell'ordine delle parole di molte lingue del mondo. Questo studio si è incontrato con le indicazioni fornite dalla scuola di Praga, in particolare da Mathesius (1939), ripreso da Firbas e da altri nel secondo Dopoguerra, sulla "prospettiva funzionale" della frase [30]. Le coppie Tema / Rema, Dato / Nuovo, Presupposizione / Focus hanno offerto gli strumenti operativi essenziali. La ricerca è fiorita negli anni sessanta e settanta. Decisiva è stata anche qui la mediazione anglossassone, rappresentata da Halliday. Già nella tesi del 1903 e poi nella sintesi più chiara del 1919-20 [31], la Richter aveva posto a fondamento della teoria dell'ordine delle parole la coppia tema / rema. Questa appare, a dire la verità, nella forma "prima parola" / "idea principale" nel 1903, e "tema" o "oggetto della comunicazione" / "contenuto della comunicazione" nel 1919-20 [32]. Per questa polarizzazione la Richter è debitrice alla Völkerpsychologie di Wilhelm Wundt, testo autorevolissimo all'epoca [33], ma di cui Elise Richter supererà l'impostazione nettamente speculativa, avendo da manovrare un complesso corpus latino e romanzo che la obbligava a una solida empiria. È la Richter del resto la prima che vede precisamente che il Tema coincide tendenzialmente col soggetto e con la prima parola, che questo elemento è dato e in genere si riallaccia al testo precedente, e che il Tema [Rema] è l'elemento nuovo, più informativo [34]; Wundt pensava piuttosto il contrario [35]. La Richter enuclea il tipo di frase "normale" [36]. Diversificandosene, si possono avere delle frasi affettive (lebendige Rede, 1903, 46; gefühlsmässige Rede, 1919-20, 43) o variando l'ordine delle parole, o variando l'intonazione (Akzent) [37]. Anche qui si può notare che già Wundt aveva notato l'importanza di fattori ritmici nella frase [38]. Ma è la Richter, fonetista esperta, che sa studiare come interagiscono ordine degli elementi e intonazione. La sua analisi precede direttamente quella di Giulio Lepschy [39].

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La Richter vede chiaramente che l'evoluzione dal latino al romanzo è nel cambiamento del posto del verbo, seguente o precedente l'oggetto. Anche l'idea che l'ordine latino sia "misto" (1907, p. 7) contiene alla luce di studi moderni una verità superiore a quella che si potrebbe credere.

Tutti questi punti sono eccellenti, e sono alla base di tutti i buoni studi moderni sull'argomento. È sorprendente vedere come Elise Richter sia stata ancora una volta un'anticipatrice - misconosciuta, bisogna aggiungere. Naturalmente non troviamo in lei tutto ciò che si trova nelle ricerche moderne. Alla Richter mancava necessariamente per es. il concetto operativo di "ordine di base". Ma il concetto empirico di ordine "normale" (non-marcato, diremmo noi) le fornì un punto di riferimento sicuro. Nel rispondere alle obiezioni di Lerch, difese a ragione la distinzione tra ordine non-marcato, specifico per ogni lingua, e "ordine logico", che dovrebbe essere uguale per ogni lingua, e che finisce per portare all'assurda conclusione che ci siano lingue più logiche di altre [40]. Nel primo lavoro, aveva sostenuto tuttavia, seguendo probabilmente ancora una volta una suggestione di Wundt, che l'ordine in cui il verbo precede l'oggetto rappresenti un tipo psicologicamente più evoluto rispetto a quello a verbo finale [41]. La Richter mancò di osservare, come invece fece più tardi Marouzeau [42], che la frase principale può avere, e in genere ha, più ordini alternativi, ma che questa varietà è radicalmente ridotta nelle subordinate. Così il catalogo degli ordini presenti nel francese antico (1919-20) è piatto, e risulta ininterpretabile [43]. Nella sua autobiografia inedita Summe des Lebens, la Richter ha tentato un bilancio analitico della sua vita, della sua Opera e dei temi della sua ricerca uno ad uno. Di questo campo di indagine ha scritto, troppo severamente verso se stessa, ma con sorprendente chiaroveggenza: "Concepire l'ordine delle parole storicamente è stata un'idea nuova che si sta facendo strada col tempo. La mia trattazione è stata insufficiente" [44].

Ricorderò per finire lo studio originale Zur Syntax der Inschriften und Aufschriften [45]. Il lavoro spazia dalle iscrizioni votive latine agli annunci pubblicitari moderni in diverse lingue romanze moderne. Come notato giustamente da Malkiel [46], la prospettiva non è genetica, ma tipologica. Di nuovo senza che avesse seguito immediato, lo studio della Richter inaugura l'orientamento di studio, fiorito nell'ambito della semiotica, dedicato ai "tipi di testi".

Personalmente, ciò che ammiro di più è la sobria operazione con cui la Richter commisura i testi più lunghi a quelli più brevi, cercando ciò che è sintatticamente essenziale, e che è ciò che si trova in questi ultimi. Questa operazione è connessa all'altra in cui si rapporta ciò che è sintattico ai ruoli semantici. Per es. nelle iscrizioni votive latine, l'unico elemento necessario è il Dativo, cioè il Destinatario. Donatore e dono possono essere omessi, così come altre eventuali circostanze (1937, p. 152). Non siamo qui alle soglie della teoria dei Casi Profondi e dei suoi problematici rapporti con la Sintassi?

* * *

Leggendo i pur comprensivi e sempre acuti giudizi di Leo Spitzer e confrontandoli con quelli di Malkiel, di Pulgram e, se si vuole, anche con questi miei, non si può fare a meno di notare che la quotazione dei titoli della Richter (titoli che possono rientrare e uscire in borsa quando si vuole, indipendentemente dalle circostanze biografiche degli autori) è in rialzo. Questo è dovuto all'accantonamento delle prospettive della linguistica neoidealistica, della quale proprio Spitzer era uno degli esponenti di punta.

La Richter si era tenuta lontana, come il suo maestro Meyer-Lübke, dal neo-idealismo che si andava imponendo allora in Germania, e in altri paesi, sotto la guida di Karl Vossler; direi anzi che aveva accentuato, per es. con l'adesione alla fonetica sperimentale, quel carattere naturalistico della ricerca linguistica, che anche Pulgram le ha riconosciuto a merito. E differentemente da Meyer-Lübke non aveva solo accettato quei presupposti, ma li aveva approfonditi [47].

Ma è vero che è stato proprio il suo isolamento in un clima in cui le posizioni idealistiche erano predominanti, a far perdere di forza alle sue idee. Le sue migliori intuizioni nascevano e fruttificavano su altro suolo, nello strutturalismo praghese, in America.

L'America. Riallacciandomi a un'osservazione di Malkiel [48], sottolineerò anch'io la presenza di voci bibliografiche americane nei lavori della Richter. La conoscenza e la pratica dell'inglese, ancora poco conosciuto a quel tempo, le veniva certo dalla simbiosi con la sorella, studiosa di letteratura inglese, come abbiamo ricordato. Le citazioni di Sapir e di Bloomfield, accanio a quella di Jakobson allora "praghese", ma che si sarebbe poi fatto americano, mostrano che ancora una volta Elise Richter aveva visto giusto. La lettura delle opere di questi autori, una volta ritenuti periferici, è ora diventata obbligatoria per penetrare nel mondo della linguistica moderna. L'America è diventato il nuovo faro degli studi linguistici. E in America sono state proseguite e approfondite le sue direzioni di Studio. Alla luminosità del nuovo faro contribuiranno i nuovi emigrati, gli emigrati europei da vari paesi, tra cui l'Austria. Non è un caso se e a loro soprattutto che dobbiamo se il nome della Richter non è stato dimenticato.


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Fußnoten:

      *) Ringrazio il prof. H. H. Christmann, di Tubinga, che ha letto una precedente versione di questo lavoro e mi ha comunicato alcune importanti precisazioni, delle quali ho tenuto conto nel testo pubblicato qui.

  1. V. il mio Carteggio di A. Mussafia con Elise e Helene Richter, "Atti dell'Istituto Veneto. Classe di Scienze Morali e Lettere", CXXII (1963-64), pp. 497-515. Di seguito si trovano delle lettere dirette a Elise Richter dall'altro suo maestro, lo svizzero Wilhelm Meyer-Lübke, quando lasciò Vienna per Bonn. Nessuno ha ancora pensato di darne alle stampe una scelta, a quanto mi risulta.     [zurück]
  2. Dall'art. cit. alla nota 1, p. 501. La lettera è in italiano. Nelle citazioni che seguono la traduzione in italiano è sempre mia.     [zurück]
  3. L. SPITZER, In memoriam Elise Richter, "Romance Philology", 1 (1947-48), pp. 329-338 (la citazione è a p. 330). Cfr. H. H. CHRISTMANN, Frau und "Jüdin" an der Universität. Die Romanistin Elise Richter (Wien 1865 - Theresienstadt 1943), "Abhandlung der Akademie der Wissenschaften und Literatur. Mainz", Steiner, Wiesbaden 1980.     [zurück]
  4. "Romance Philology", I (1947-48), pp. 329-338 e 338-3-11.     [zurück]
  5. "Romance Philology", XXVI (1972-73), pp. 337-341 (anche in Comparative Romance Linguistics, in Current Trends in Linguistics, 9, ed. Th. A. Sebeok: Linguistics in Western Europe, II, Mouton, The Hague 1972, pp. 903-905. La bibliografia di Woodbridge è di seguito, pp. 342-360 (riprodotta nella voce seguente).     [zurück]
  6. Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft, ausgewählt, eingeleitet und kommentiert von Y. MALKIEL, mit einer Bibliographie von B. M. WOODBRIDGE jr., Gesamtredaktion W. MEID, Institut für Sprachwissenschaft, Innsbruck 1977. Citato d'ora in poi: Kl. S. (Recensioni di H. H. Christmann in "Romani-sche Forschungen", XCII (1980), pp. 134-142, e di G. Ineichen, "Indogermanische Forschungen", LXXXVII (1982), p. 310; cfr. anche l'articolo di Pulgram, nella nota seguente).     [zurück]
  7. E. PULGRAM, K, "Romance Philology", XXXIII (1979), pp. 284-299.     [zurück]
  8. Frauenstudium und akademische Frauenarbeit in Österreich, a cura di M. FORKL e E. KOFFMAHN, Cap. Elise Richter und der Verband der Akademikerinnen Österreichs, Wien 1968 (non conosco personalmente questo lavoro, che cito da Christmann).     [zurück]
  9. Riporto qui come saggio una pagina dell'opera. Le figure delle due Richter emergono rapsodicamente alternandosi ad altri motivi, fusi tutti assieme nel flusso di coscienza dell'autrice.
    ". . . Partiamo per Minsk, partiamo per Theresienstadt. Questa volta è veramente Helene. Questa volta è veramente Elise. Elise e Helene in viaggio per Minsk. Non c'è tempo per pensieri ricercati, in fretta, a precipizio, partite di notte, la mattina presto, dopo aver sentito che si torce da un lato, i muri piegati e scoppiati, la cucina si sbriciola, un fischio dalla porta dell'ascensore, una nuvola, bianca, forse gas, forse polvere (niente paura, non siamo ancora a questo punto). Prendo mia sorella per mano, prendo mia figlia per mano, siamo tranquille; non abbiamo gridato. Siamo disciplinate, tutta la città è stata molto disciplinata, abbiamo lasciato la casa all'alba, con solo lo stretto necessario sul corpo, questa ultima forma generata differenziandosi da numerose classi, ordini, famiglie, generi e specie, nella quale il sistema nervoso raggiunge il più pieno sviluppo, quest'ultimo vertebrato nel quale la natura raggiunge la coscienza di se stessa. Prendo allora mia sorella, mia figlia per mano, dito: Dio è con noi. Amen, dice Elise. Amen, dice Helene. Che cos'altro posso dire, dice Helene. Già, che cosa devo dire, mormora Elise (...)
    Mi blocco, sono segnata, segnata per morire, tutti siamo segnati per morire. Il bisbigliare sui pianerottoli, sulle scale e nei corridoi, il sussurrare dietro alle porte chiuse, il tacere la malattia.
    Tutte le strade conducono improvvisamente a Minsk, dice Helene. Ma in realtà non sa che si va a Minsk, che si va a Theresienstadt. In realtà una vecchia signora viene semplicemente trascinata, naturalmente segue volontariamente, ha eseguito volontariamente l'invito che le è stato rivolto (...)
    Dunque lasciano la casa, già da giorni amici e vicini non possono chiedere come sta la mamma, già da settimane la mamma non sta veramente bene, ma era abituata a essere forte, era una persona riservata, allora era l'intestino cieco, già quasi troppo tardi, anzi senz'altro troppo tardi, eppure l'ha superato, sì, quella volta, pensa Helene. Quella volta, pensa Elise. Pensavano così? Il viaggio per Minsk, per Theresienstadt o per un altro dei numerosi campi di concentramento (stacco). Basta, è ora di smetterla. E perché basta? Trenta, trentacinque anni dopo, è proprio il momento giusto per cominciare.
    Se dunque Pora si avvicina inesorabile, se penetriamo nella storia ton la persona, se dunque cominciamo questo viaggio, a Minsk o dove che sia. In questi ultimi istanti, in queste ultime pagine della mia storia, in questi ultimi minuti cerchiamo di sapere quando è cominciato, perché lo facciamo.
    È cominciato quando sono andata a scuola per la prima volta, disse Elise. Ha dovuto andarci, corresse Helene. La vecchia maestra, disse Elise. Così severa. Siamo state istruite in casa. disse Elise (...)
    (Addi 9.10.1942 alle ore 20' 25' è partito dalla stazione Aspang a Vienna il quarantacinquesimo corroglio di Ebrei (tredicesimo della giornata per Theresienstadt) con a bordo n° 1322 capi)".
    Da Marie-Thérèse Kerschbaumer, Der weibliche Name des Widerstands. Sieben Berichte, dtv, München 1982, pp. 42-50, per estratti (precedentemente Walter-Verlag, Olten 1980).     [zurück]
  10. Pubblicato in Führende Frauen Europas in sechzehn Selbstdarstellungen, a c. di E. KERN, München 1928 (ora anche in Kl. S., 20). Le Memorie di Elise Richter, di cui danno notizia per primi Spitzer e la Adolf (citt., pp. 332 e 341), vanno ora identificate nella Summe des Lebens, del 1940, di cui dà notizia Christmann pubblicando altuni estratti (della cui incisiva chiarezza ed altezza letteraria non si può non essere impressionati). Christmann (p. 6) dà notizia anche di un Versuch einer Selbstbibliographie del 1884, manoscritto di 230 pagine. Elise Richter ha dunque rifatto periodicamente i conti con la propria vita, lasciandoci un'opera di grande valore che si trova purtroppo in gran parte ancora inedita.     [zurück]
  11. SPITZER, p. 331.     [zurück]
  12. PULGRAM, p. 289, CHRISTMANN, p. 27.     [zurück]
  13. CHRISTMANN, p. 26.     [zurück]
  14. Cit dalla Summe, in CHRISTMANN, p. 15.     [zurück]
  15. Da Erziehung und Entwicklung, p. 553.     [zurück]
  16. Cfr. CHRISTMANN, p. 44. Cfr. anche la citazione finale dell'opera di M. Th. Kerschbaumer, nota 9.     [zurück]
  17. Unterbewusste Vorgänge im Sprachleben, Mélanges de linguistique... Ch. Bally, Genève 1939, pp. 31-47.     [zurück]
  18. Seitenanfang

  19. PULGRAM, pp. 290-291. Gli ultimi lavori apparsi in assoluto sono tre recensioni pubblicate in Italia (dove pure le leggi razziali vigevano dal 1938): a CHRISTINE VON ROHR (bibliotecaria a Vienna, allieva e amica della Richter), Neue Quellen zur zweiten Indienfahrt Vasco de Gamas, Leipzig 1939 ("C.N.", II (1942), pp. 119-121); C. DUBRAY, Gentillesses de la langue française, ed. G. Helmstatt, Wien 1940 ("C.N.", Il (1942), pp. 229-231); "Revista de Filología Hispánica", 1 (1939) ("C.N.", 11 (1942), pp. 335-338).
    È interessante notare che una volta in "Cultura Neolatina" il nome della Richter appare accanto a quello, probabilmente a lei ignoto, di Nina Façon: inviata come lettrice a Padova dalla Romania la futura grande italianista di Bucarest aveva perduto anche Lei il posto in Italia a causa delle leggi razziali. Ma la rivista di Roma, sfuggendo ai divieti, ospitava i loro scritti.
    Ma anche due riviste tedesche hanno pubblicato recensioni della Richter nel 1941 e nel 1942: le "Romanische Forschungen", dirette da Fritz Schalk (rec. a A. ROSSETTI, Istoria limbii române, I e II, Bucarest 1938), e la "Zeitschrift für französische Sprache und Literatur", diretta da Ernst Gamillscheg (rec. a A. SCHOSSIG, Verbum, Aktionsart und Aspekt in der "Histoire du Seigneur de Bayart ... ", Niemeyer, Halle 1936).     [zurück]
  20. MALKIEL, 1972, pp. 337-338.     [zurück]
  21. PULGRAM, pp. 292-294.     [zurück]
  22. Vorrei anche ricordare che l'opera della Richter Beiträge zur Geschichte der Romanismen. I Chronologische Phonetik des Französischen bis zum Ende des 8. Jahrbunderts, (Beihefte "ZrPh", 82, 1934) è un importante punto di riferimento per l'opera di FRIEDA e ROBERT POLITZER, Romance Trends in 7th and 8th Century Latin Documents, The University of the North Carolina Press, Chapel Hill 1953 (vedi per es. p. 52).
    Credo anche che non possa essere un caso che Pulgram e Politzer siano dei latinistiromanisti, particolarmente interessati allo studio della genesi del romanzo, e che questa specialità corrisponda esattamente a quella della Elise Richter (come nota bene Spitzer, 334: "Io ho proprio la sensazione che il protoromanzo le stesse più a cuore, e nella mente, che le lingue romanze vive, che per lei erano piuttosto gli ultimi sviluppi del germe latinoprotoromanzo che individui linguistici romanzi indipendenti" (la stessa osservazione in Pulgram).
    Forse non è del tutto esatto quanto scriveva Tagliavini, quando definiva Pulgram e Politzer "completamente americanizzati oriundi austriaci" (Origini, 19623, p. 49). Ma non ho i mezzi per stabilire ton esattezza una "filiazione" sia pur relativa di Pulgram e Politzer dalla Richter.     [zurück]
  23. PULGRAM, pp. 295-296, e CHRISTMANN, pp. 26-27, ambedue con riferimento in particolare al lavoro Die Entwicklung der Phonologie (1930).     [zurück]
  24. PULGRAM, p, 297, con riferimento a Der innere Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen (1911), in Kl. S., 11.     [zurück]
  25. PULGRAM, pp. 295 e 297-298. Erano concetti comuni al tempo in cui io ero studente, tra gli anni Cinquanta e Sessanta, e forse lo erano altrettanto al principio del secolo.     [zurück]
  26. ID., p. 297.     [zurück]
  27. ID., p. 297, con riferimento a Über die Reihenfolge der Organenstellung beim Sprechen, in Volkstum und Kultur der Romanen, III, (1930), Festschrift A. Zauner, pp. 25-38, in Kl. S., 10.     [zurück]
  28. Länge und Kürze, "Archiv für vergleichende Phonetik", II (1938), pp. 12-29, in Kl. S., 10.     [zurück]
  29. PULGRAM, p. 298, con riferimento a Der innere Zusammenhang ecc., cit.     [zurück]
  30. J. N. ADAMS, A typological approach to Latin Word order, "Indogermani-sche Forschungen", LXXXI (1976), pp. 70-99.     [zurück]
  31. J. FIRBAS, On defining the theme in functional sentence analysis, "TLP", I (1964), pp. 267-280 ecc Per tutta questa parte cfr. CHRISTMANN, pp. 12-13 e 23.     [zurück]
  32. Grundlinien der Wortstellungslehre, in Kl. S., 2; anche Zur Klärung (1922-23), in Kl. S., id.     [zurück]
  33. 1903, p. 46 ss.; 1919-20, p. 36.     [zurück]
  34. W. WUNDT, Völkerpsychologie, Leipzig 1900, 11a parte, cap. VII.     [zurück]
  35. "... se si parla in tono tranquillo, e se ogni frase si dipana dalla precedente, allora vale l'osservazione che la prima parola - in genere il soggetto - sia qualcosa di già noto, che si collega a ciò che è stato prima menzionato, mentre la predicazione (Aussage) esprime invece l'elemento di pensiero che vi si aggiunge, cosicché il discorso procede continuamente dal noto al nuovo per chi parla e dal noto all'ignoto per chi ascolta" (1903, p. 47; cfr. 1919-20, p. 30).     [zurück]
  36. WUNDT, cit., p, 368 e passim.     [zurück]
  37. 1903, p. 40; 1919-20, p. 36.     [zurück]
  38. 1919-20, p. 40.     [zurück]
  39. Cit. Cap. VII, par. VII.     [zurück]
  40. G. LEPSCHY, Appunti sull'intonazione italiana, in Saggi di linguistica italiana, Il Mulino, Bologna 1978, II, pp. 127-142; A.L. e G. LEPSCHY, The Italian Language Today, Hutchinson, London 1977, Cap. VI, 1 (e la versione italiana, La lingua italiana, Bompiani, Milano 1981). L'impostazione di Lepschy riprende da vicino quella di Halliday.     [zurück]
  41. 1922-23, p. 77.     [zurück]
  42. 1903, p. 7. La revisione di questa idea in 1922-23, p. 77.     [zurück]
  43. J. MAROUZEAU, L'ordre des mots dans la phrase latine. III. Les articulations de l'énoncé, Paris 1949.     [zurück]
  44. Vedi invece L. FOULET, Petite syntaxe de l'ancien français, Champion, Paris 1919 (19583, pp. 5458 e 446-488).     [zurück]
  45. Cit. in CHRISTMANN, p. 45.     [zurück]
  46. "Vox Romanica", II (1937), pp. 104-135, Kl. S., 5. Cfr. CHRISTMANN, pp. 23-24.     [zurück]
  47. Kl. S., p. 562.     [zurück]
  48. Cfr. CHRISTMANN, pp. 31-33. Per un bilancio recente del neoidealismo in linguistica, v. H.H. CHRISTMANN, Idealistische Philologie und moderne Sprachwissenschaft, Fink, München 1974.     [zurück]
  49. Kl. S., p. 563.     [zurück]


Quelle: Renzi, Lorenzo: "ELISE RICHTER (1865–1943)." In: Studi Goriziani 65 (1987): 99–111. (Schriftbild leicht modifiziert) (gbb, an)

Auf unsere Anfrage vom 7. Februar 2011, den Textauszug hier veröffentlichen zu dürfen, haben wir leider bis heute vom Verlag keine Antwort erhalten.

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Elise Richter: Dokumente


Fotos

Elise Richter als Studentin




Elise Richter in späteren Jahren





Auszug aus Elise Richters Studienbuch vom 7. Oktober 1897



Quelle: Richter, Elise: Summe des Lebens. Hrsg. v. Verband der Akademikerinnen Österreichs. Wien, WUV-Universitätsverlag, 1997: unpag. Einleitung. (ws, gbb

Wir danken Frau Dr. Ingrid Nowotny (Präsidentin des Verbands der Akademikerinnen Österreichs), Frau Christa Wille (Österreichische Nationalbibliothek) sowie Frau Mag. Sandra Illibauer-Aichinger (Universitätsverlag Wien) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Exlibris

Die Bibliothek von Helene und Elise Richter war durch deren Exlibris mit dem Motto "Gaya Scienza" (Die fröhliche Wissenschaft) gekennzeichnet. Die Bibliothek wurde 1942 "sichergestellt" und die beiden Schwestern nach Theresienstadt deportiert. © ÖNB

Ex Libris Elise Richter

Da eine der Bestellerinnen, Frau Elise Richter, Universitätsprofessorin für romanische Philologie ist, wurde auf ihren Wunsch für dieses Exlibris eine Miniatur der italienischen Frührenaissance (im Besitz der alten Wiener Hofbibliothek) verwertet: ein schreibendes Fräulein in einem gegen den Garten geöffneten, mit reicher Architektur gezierten Gemache, dessen Gebälk die Worte trägt: "Gaya scienza" (Fröhliche Wissenschaft).

Quelle: Alexander, Theodor: Alfred Coßmanns Exlibris und Gebrauchsgraphik: ein kritischer Katalog. Wien, Selbstverlag, 1930: 1. Teil, Nr. 17.

Laut Werkverzeichnis [Link] geht der Entwurf auf das Jahr 1907 zurück.

Wir danken der Großnichte von Prof. Coßmann, Frau Gerlinde Hanifl aus Wien, sowie Frau Eva Farnberger von der Österreichischen Nationalbibliothek für die freundliche Unterstützung.

Bisher war es uns leider nicht möglich, die derzeitigen Inhaber der Bildrechte zu ermitteln.

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Auszug aus der Autobiographie: Summe des Lebens

Inhalt:

Die einzelnen Kapitel der Erinnerungen sind jeweils den Bereichen "Lebensfreude", "Lebensleid", "Zwischen Leid und Freude" und "Zwischen Freude und Leid" zugeordnet.

Zwischen Freude und Leid:
Kapitel 12: Schreiben - Korrespondenz

Sechsjährig fing ich an, bei meiner Mutter lesen und schreiben zu lernen. Ich erinnere mich nicht an das Lernen selbst, auch nicht, daß mir das Lesen besondere Freude gemacht hätte. Ich weiß nur, daß mir einmal, krank im Bett, ein Setzkasten von Buchstabentäfelchen zur Unterhaltung gegeben wurde, um Wörter zusammenzusetzen. Das Schreiben hingegen machte [33/(34)] mir Vergnügen. Ich schrieb sofort lange Briefe an die gleichaltrige Kusine Hermine. Da mehr als ein Bogen nicht bewilligt wurde, hörte der Brief mit einem angeflickten "Mit vielen Grüßen Deine ..." gelegentlich mitten im Wort auf, obzwar ich zum Schlusse zu kleiner und kleiner schrieb, um doch fertig zu werden. Ich hatte immer zu wenig Platz.

Das Schreiben war eine erwünschte Erweiterung meines Plauderbedürfnisses. Um Stoff war ich nie verlegen. Da hörte ich viel von einem Raubmord sprechen, den ein Briefträger namens Francesconi ausgeführt hatte. Der erste Raubmord in meinem Gesichtskreis und daher, nach meiner Vorstellung, der erste auf der Welt. Er bewegte mich tief. Er wurde Gegenstand meiner Briefe, in allen seinen Phasen. "Seine Witwe, Fräulein X., hat einen Fußfall beim Kaiser getan, um seine Begnadigung zu erwirken", schrieb ich. "Aber er wurde hingerichtet."

Auf Antwort war ich nicht erpicht.

Ich kann mich nicht erinnern, daß das Brief- oder Tagebuchschreiben für mich je eine Quelle der Verdrießlichkeit gewesen wäre wie bei den meisten Kindern. Es war mir vollkommen gleichgültig, an wen ich schrieb, ich plauschte irgend jemandem etwas vor. Daß ein Brief eine individuelle Gestalt je nach dem Empfänger haben sollte, ahnte ich gar nicht. Nur in einem Falle kam der Empfänger in Betracht, der Vater. Dann wurde die Sache viel schwieriger, denn diese Briefe sollten vollkommen in Ordnung sein, stilistisch, inhaltlich, schriftlich. Allerdings ergab sich mit Vater die erste wirkliche Korrespondenz, denn Vater antwortete grundsätzlich auf alles. Da kamen Zettelchen in exaktestem Zuschnitt, mit seiner feinen Schrift, jeden zweiten Tag an die eine oder die andere. Die Eltern schrieben einander täglich. Ich war - zehnjährig - in Venedig begeistert von einem modernen Bilde in der Akademie, "Daniel vor Nebukadneznar" - ich weiß nicht, von wem. Als ich es - erwachsen - wiedersah, machte es mir gar keinen Eindruck, aber damals fand ich den Daniel "so schön". Ich schilderte und erklärte es Vater ausführlich, und er knüpfte eine ganze Reihe von Besprechungen daran, bei denen ich mir natürlich sehr wichtig vorkam.

Eine Verschreibung durfte nie abgehen. Grundsätzlich mußten wir jeden Brief sofort ins Reine schreiben, es kam aber verhältnismäßig sehr selten vor, daß eine zweite Schrift notwendig war. Die Korrektur, die Mutter ausübte, war eigentlich die einzige stilistische Bildung, die ich je bekommen habe. Ich erinnere mich, wie ich schon reichlich halbwüchsig war, an Vater geschrieben zu haben: "Es ist schon wieder ein Teufel niedergekommen." Mutter machte mich sehr sachte auf das "Ungewohnte" des Ausdrucks aufmerksam (statt "herunter"), ließ aber den Brief wohlweislich durch. Da jeder Brief gelesen wurde, bis wir ganz erwachsen waren, gab es für uns gar keine Korrespondenz im Sinne der Herzensergüsse, wie Backfische sie - damals - so liebten. Aber ich hatte ja auch keine Herzensfreundin, so spielte das keine Rolle. Dann kam die [(34)/35] Zeit der Sehnsucht, seiner Bewunderung Ausdruck zu geben, die Briefe an die unbekannten, nur zu bekannten Großen. Ich schrieb, sechzehnjährig, mit meiner schönsten Kinderschrift an Mommsen einen Huldigungsbrief, der diesem wegen der Ungewöhnlichkeit des Falles vielleicht sogar Spaß gemacht hätte. Aber Vater nahm ihn sofort an sich, ihn zu "befördern", und beförderte ihn in seine Schreibtischlade, wo ich ihn nach seinem Ableben fand. Männer wie Mommsen behellige man nicht. Ein Mädchen schreibe überhaupt an niemanden.

Eine wirkliche Korrespondenz entfaltete sich erst viel später, zunächst mit der Jugendfreundin Alice Friedländer, mit der ich in Wien nicht so gern verkehrt hatte, weil sie ein von meinen Interessen allzu entfernter, stets verliebter Backfisch war, die aber durch ihre Ehe viel Anmut entwickelte, eine treue, anhängliche Freundin und ungewöhnlich gute Briefschreiberin war, dann aber, und hauptsächlich, als ich studierte und wissenschaftliche Beziehungen anknüpfte, die von großem Werte für mich geworden sind. Die Reihe eröffnete Caroline Michaelis. Ich hatte im spanischen Seminar in der Cid-Interpretation eine Etymologie für candado aufgestellt, die Meyer-Lübke ablehnte. Ich stützte sie nämlich auf cama = Rohrgeflecht der südspanischen Fenster. "Schreiben Sie doch der Caroline, ob sie etwas Näheres weiß." - "Wer ist Caroline?" fragte ich sehr überrascht und erfuhr zum ersten Male von der Existenz dieser Frau, die ohne alles vorhergehende Fachstudium eine höchst geschätzte, ja sehr bedeutende Stellung in der Romanistik einnahm, und die, als einzige Frau auf dem Gebiete, nur schlichtweg "die Caroline" genannt wurde, wie übrigens ich auch nur "die Elise" oder, nach dem Beispiel des ironischen Schuchardt, "die Tante Elise" hieß, bis ich nicht mehr die einzige "Sie" in der Sprachwissenschaft war. Ich wandte mich also an Frau Michaelis um Auskunft. Sie war Marquesa [!] de [V]asconcellos und Professor in Coimbra. Sie schrieb mit deutschen Buchstaben feinster Ausführung in so verschlungenen Schnörkellinien, daß ihre Briefe schon für das Auge ein fremdartig schöner Anblick waren, wie ein mittelalterliches Manuskript. Sie antwortete mir eine kleine Abhandlung, hoch erfreut, einer richtigen Studentin zu begegnen. Ich mußte ihr mein Bild schicken, sie beneidete mich um das regelmäßige Studium unter diesen Lehrern, kurzum wir wurden, ohne uns je mit Augen gesehen zu haben, gut bekannt und blieben bis an ihr Ende in Verbindung.

Damit begann der nicht unbeträchtliche schriftliche Verkehr mit so ziemlich allen Romanisten dieser fünfzig Jahre. Ich zähle rund hundertfünfzig Briefschreiber; sowohl die größten wie die allerkleinsten, eben aus dem Ei gekrochenen, und darunter. Die meisten dieser Zuschriften haben ein biographisches Interesse für mich, viele ein wissenschaftliches für die Allgemeinheit. Mussafia schrieb, wenn wir getrennt waren, so ziemlich alle Tage ein Kärtchen, Meyer-Lübke, ein sehr schwacher Briefschreiber, nur, wenn ich ihn durch eine wissenschaftliche Frage zur Antwort reizte. Dann bekam ich sofort Nachricht von ihm. Wir wechselten im Bedarfsfall umfangreiche Schriftstücke. Da war er unermüdlich. Gröber hat meine ganze Entwicklung bis an seinen Tod mit herzlicher Teilnahme und fördernd verfolgt. Schuchardt hatte ich, schon lang vor Studienbeginn, durch Mussafia persönlich kennengelernt, als wir in der Florianigasse wohnten und diese beiden Könige zum Kaffee in unser Gärtchen kamen. Ich war "niemand" und wagte nicht, viel zu sprechen. Aber ich schickte ihm die Promotionsanzeige und bekam einen reizenden Glückwunsch, zum "schönsten aller Hüte". Schuchardt hatte eine poetische Ader und eine ritterliche Art. Er antwortete peinlich genau auf Briefe und Sendungen, meistens in höchst geistvoller, anregender Weise. Seine Äußerungen zu zitieren, bot den schönsten Schmuck mancher Abhandlung. Tief gerührt war ich, auf meine Arbeit "Expressionismus, Impressionismus, Grammatik" ein mit Bleistift gekritzeltes Kärtchen zu bekommen, worin er von seinem Interesse für das Thema sprach, und zwei Tage darauf zu erfahren, daß dies seine letzte geistige Äußerung gewesen war. Ein Schlagfluß, nach mehreren vorangehenden, hatte ihm das Bewußtsein geraubt, zu dem er nicht mehr erwacht ist.

Einen umfangreichen Schriftwechsel hatte ich auch mit dem liebenswürdigen Schultz-Gore und so mit vielen anderen. Post fiel auf der Reise immer ihres Umfanges wegen auf und erregte wegen der vielen ausländischen Marken Neid. Ich übte von vornherein die Gepflogenheit, die Sonderabdrucke sofort zu verschicken, und knüpfte so einen Tauschverkehr an, der sich von China nach Buenos Aires, von Stockholm nach Messina, nach Georgien, Rußland und Frankreich erstreckte, mehr nach Nordamerika als nach England, mehr nach Portugal als nach Spanien, von Deutschland und Österreich gar nicht zu reden. Eine Fülle von Anregung schenkte mir dieser Schriftwechsel, und ich muß dankbar bekennen, daß die unerfreulichen Zuschriften ganz in der Minderzahl geblieben sind.

(S. 33-36)
[Es folgen die Kap. 13-22.]

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Lebensleid:
Kapitel 23: Studien- und andere Kämpfe

Schon unter Fräulein Friedrichs harter Faust regte sich auch in mir frommem Lamm - geschweige denn in Helene! - der Geist der Empörung. Sie schrieb alles und jedes vor, duldete nie einen Einwand, verbot alles Lesen außerhalb der Schulzeit, beschnitt alles, was das Interesse von ihr (ihrem Wirken) ablenken konnte, und trotz aller Liebe und Dankbarkeit für sie zählte ich die Jahre und Monate, die sie noch da sein sollte. Gerade in den letzten zwei Jahren aber begann der Unterricht viel freier, lockerer, vergnüglicher zu werden, und so kam es, daß ich erst eine kleine Spanne Zeit nach ihrer Abreise zum vollen Gefühl der "Freiheit" kam, die zunächst darin bestand, lesen oder auch einmal nichts tun zu dürfen, wie ich wollte, krumm zu sitzen, umherzulaufen wie ein tolles Huhn, und in ähnlichen harmlosen Betätigungen. Dann kam der Herbst, und Mutter wünschte häusliche Beschäftigung. Ich sollte in der Küche helfen, aber die tadellose Kennerin aller lateinischen Pflanzennamen und des Linnéschen Systems wußte Gerste nicht von Reis zu unterscheiden, schüttete den Linsensack in die Erbsenbüchse und den Zucker ins Waschsoda, das ich ja nie von Angesicht gesehen hatte. An die Luft gesetzt, sollte ich Zündhölzer in einen Behälter füllen. Auf meine stille, lange dauernde Tätigkeit wurde Mutter erst aufmerksam durch einen brenzlichen Geruch und einen leisen Schrei. Ich hatte die Zündhölzer so gründlich und fest eingezwängt, daß sie sich entzündeten, und schreckerfüllt goß ich eine Kanne Wasser über den Tisch und alles, was darauf stand. Ich mußte etwas kochen lernen und Staub wischen. Letzteres versüßten wir uns durch "Stimm-Übungen". Wir deklamierten die Chöre aus der "Braut [99/(100)] von Messina" und andere schöne Sachen. Aber die Wünsche nach Erweiterung des geistigen Arbeitsgebietes, nach regelmäßiger Ausbildung wurden immer dringender, immer sehnsuchtsvoller. Kaum fing ich an, für mich allein zu lesen und zu lernen, regte sich der Wunsch nach einem Fortbildungsunterricht. Helene hatte die herrlichen Lewinskystunden, zu denen ich im ersten Jahre als zu jung (fünfzehnjährig) und wohl auch aus Ersparungsrücksichten nicht zugelassen wurde. Ich lernte nur für mich das Zungen-r und bemühte mich um mein s, das aber erst in viel späteren Jahren durch eine, die Nerven übrigens recht in Anspruch nehmende Kur bei Fröschels, vor allem aber durch eigene Sorgsamkeit gebessert wurde.

Nun waren damals für höhere Töchter Literaturstunden bei Erich Schmidt üblich, und ich bat die Eltern, an so einem Zyklus teilnehmen zu können. Es kam nicht zustande. Immer lebhafter wurde der Neid auf die Buben, die lernen müssen, während wir durch unser Geschlecht Benachteiligten nicht lernen durften. Der Gedanke, das Gymnasium zu machen, von uns wie ein Traum erschaut, wurde als närrische Phantasterei belacht und nicht ernst genommen, es wäre denn, um uns die verdrehten Köpfe energisch zurechtzusetzen. Manche bittere Stunde war das Ergebnis, aber auch die Stählung des Willens zur Überwindung der Hindernisse. Niemals dachten wir daran, im allgemeinen einen Weg zu eröffnen, es war ein rein egoistisches Wegsuchen ans Licht, in die Luft, die unser Lebensbedürfnis waren.

Die "Frauenfrage" berührte uns in erstaunlicher Weise nicht, auch nicht in der Form, daß wir uns den Kämpferinnen angeschlossen hätten, später, als wir von ihnen wußten; auch dann nicht, als sie, die Organisierten, uns dazu aufforderten (in den neunziger Jahren).

Wir hatten gegen die "Erweiterten Frauen" (Verein für erweiterte Frauenbildung) eher ein Lächeln als eine dankbare Regung, und dennoch verdankte ich es ihren und ähnlichen Bestrebungen, daß ich mich schließlich zu der staatlich anerkannten Matura melden konnte. Ich habe mit dem Warten auf diese Möglichkeit volle vierzehn Jahre verloren, da ich doch - auch als Mädchen, mit Privatunterricht - leichtest mit achtzehn Jahren hätte maturieren können. "Verloren" im vollen Sinne des Wortes habe ich sie allerdings nicht. Denn meine ganze literarische Bildung, die philosophische Kenntnis, die ich erwarb - besonders erinnere ich mich an das befruchtende Studium von Schopenhauers "Vierfacher Wurzel", auch an Kant wagte ich mich, Nietzsche genoß ich - stammt aus dieser Zeit, und so war ich für alle späteren Prüfungen von jeglicher Vorbereitung aus diesen Gegenständen befreit. Schließlich lernte ich ja auch Griechisch und Lateinisch in ganz anderem Ausmaße, als das in der Schule möglich ist. Als ich anfing, Griechisch zu lernen (vgl. Führende Frauen), und der Vater, stolz und belustigt zugleich, mich ganze Gesänge der Odyssee auswendig deklamieren hörte, reizte es ihn, mich auf die Probe zu stellen, ob ich wirklich etwas verstehe. Da weder er noch Freund Politzer sich eines [(100)/101] Wortes Griechisch entsannen, brachte dieser einen Neffen, einen Studenten der Medizin, zu uns. Der schlug nach seinem Belieben den Homer auf, und ich übersetzte. "Ach Gott, wenn ich das bei der Matura gekonnt hätte!!" war sein Urteil. Vater war befriedigt und prahlte wohl auch gelegentlich damit. Aber einen Lehrer gestand er mir nicht zu.

Die heutige Zeit wird von unseren Nöten mit Staunen hören. Ja, warum denn nicht das Studium erzwingen? Warum nicht durchgehen? Das war eben für uns ganz ausgeschlossen. (1) Wohin gehen, wenn es doch nirgends die Möglichkeit einer Ausbildung gab? (2) Die Autorität der Eltern war so groß, daß offene Empörung nicht ins Auge gefaßt wurde, die Bindung zur Mutter so alles beherrschend, daß wir lieber alles ertrugen, als sie zu kränken oder ihr das Leben zu erschweren. Diese Bindung überdauerte ihren Tod. Wäre es in ihrem Sinne, das oder jenes zu tun? Das war die maßgebende Überlegung für uns, eigentlich das ganze weitere Leben hindurch. Es ist mir oft aufs Herz gefallen, daß unser ganzer späterer Lebenslauf eigentlich auf der Voraussetzung beruht, daß wir die Eltern verloren. Insbesondere hätten wir zu Vaters Lebzeiten kaum die Möglichkeit freier Betätigung errungen, so sehr er uns liebte.

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Ich genoß das nicht geringe Vergnügen der Selbstbelehrung, mit allem Fluche, der darauf lastet. Ungenügende Lehrbücher, Aufenthalt bei Fragen, die bei einem Lehrer in wenigen Minuten gelöst wären, die Aussichtslosigkeit des Ringens, das andern ganz erspart bleibt. Zum Glück ist im geistigen Gebiet der Umweg so gut wie nie eine nutzlose Kraftvergeudung. Man findet auf ihm oft die wichtigsten Aussichtspunkte. Schließlich wäre durch die Krankheiten im Hause, durch Tod und Verheerung, das Studium keinesfalls so glatt gegangen. Aber der Verlust der besten Lebensjahre blieb immer zu bedauern. (Vgl. Führende Frauen.)

Der Kummer über den verbarrikadierten Weg hat sich oft in meinem Leben wiederholt, zunächst als ich anfing, italienisch-lateinische Vergleichungen zu machen, als ich bei Mussafia Altfranzösisch hören und dieser von einer dilettantischen Hörerin durchaus nichts wissen wollte. Von dem selbstgewählten Kampfe mit mir selbst bei der Maturavorbereitung ist auch zu sprechen. "Selbstgewählt", das ist das eisernste Gesetz. Ich mußte naturgemäß alles, was mich sonst beschäftigte, für ein Jahr streichen. (Schon das war ein Grund, dem Maturaexperiment nur ein Jahr zu widmen.) Die Gesundheit war schwach, die geistige Kraft allerdings von der Krankheit nicht berührt, vor allem die Nerven stark. Und doch bohrte ich mir verzweiflungsvoll die Nägel in die Hände, als ich die ersten vier Wochen der Vorbereitung zum Rechnen mit allgemeinen Zahlen brauchte. Wie sollte ich es überwinden? Ich sagte mir vor, daß ich ohne weiteres zurücktreten könnte, verwarf es aber sofort als unter mir. Ich mußte durch. [101/(102)]

Die Vorbildung war nur für Mathematik und Physik insofern "gleichmäßig", als sie gleich Null stand - ich hatte die ganzen vier Oberklassen zu lernen - in allen anderen Fächern äußerst ungleich. Ich las flink Plato und übersetzte eine schwere "Maturastelle" aus Livius, ohne hängenzubleiben, stockte aber bei einfachen Grammatikfragen. Lateinische Aufsätze mißlangen. Professor Klement wählte den geschickten Vorbereitungsweg, mir die Aufgaben von der ersten Klasse ab vorzulegen und so alles durchzugehen, was nicht niet- und nagelfest war. Im übrigen las ich nur Prüfungsaufgaben und übersetzte ins Lateinische. Ähnlich im Griechischen, das ich damals besser beherrschte als Lateinisch, während ich in beiden Sprachen die Literatur weit über das Ausmaß der Schule aus Eignem kannte. Nur daß sich plötzlich ein eiligst zu behebender Mangel herausstellte: Ich hatte nichts von Demosthenes gelesen und mußte schleunigst durch ein Stück der "Kranzrede" gehen, das mir verhältnismäßig schwer fiel.

Schon die Mathematik war eine harte Prüfung. Erst Trignonometrie fesselte mich und die Gleichungen, die ich gut bewältigte. Der schwerste Brocken war aber die Physik. Ich verstand durchschnittlich die Tatsachen eher als ihre wissenschaftliche Erklärung.

Welches Maß von verschiedenartigen Geisteskräften eine Maturavorbereitung beansprucht, kann kein junger Gymnasiast übersehen. Mir imponierte das Wissen, das in so einem Hirn an einem Tage parat liegen soll. Aber bei dem normalen Schüler ist das gar nicht erforderlich, weil er zum Beispiel die naturwissenschaftlichen Gegenstände nicht zur Prüfung mitzuschleppen hat, zweitens und vor allem fehlt ihm das Bewußtsein dieser Leistung. Ich selbst lernte wohl viele tausende Daten in diesem Jahr, verlor aber die ganz und gar nicht assimilierten Kenntnisse, vor allem die Mathematik, nahezu umgehend nach der Prüfung.

Nur einmal habe ich den von allen Gymnasiasten gekannten Maturaangsttraum erlitten: Mir träumte von einem Kolloquium bei Meyer-Lübke, das ich, wie gewöhnlich, leicht, vergnüglich bestand und für das ich die Note "Ausgezeichnet" bekommen sollte, ich müßte aber zuerst noch eine mathematische Aufgabe lösen. Ich sann über die Formel, wie man eben im Traum Versunkenes zu heben sucht. Schwer gepeinigt, war ich glücklich, aufzuwachen. Als ich es dann Meyer-Lübke erzählte, schmunzelte er sehr erheitert: Das wäre keine Gefahr bei ihm, denn er könne es selbst nicht.

Bei den Prüfungen ging es verschieden. Die nur für externe Privatisten bestehende Vorprüfung - die drei Naturgeschichtsfächer, Logik und Psychologie - bestand ich ohne besondere Quälerei sehr gut. Der gefürchtete Prüfer für naturwissenschaftliche Fächer frug eineinhalb Stunden, vielleicht schwere Fragen - ich weiß es nicht, denn alles war mir ja neu -, aber ich wußte es. Unter anderem ein Tierrumpf ohne alle Gliedmaßenansätze, der als Vogel zu erkennen war, der menschliche Schädel, den ich bis in die letzten Einzelheiten mit großer Seelenruhe erklärte. [(102)/103] "Sie wollen wohl Medizin studieren, weil Sie den Schädel schon so genau kennen?" fragte Direktor Slamecka nach der Prüfung. "O nein", sagte ich, "ich studiere Philologie." "Aber das hätten Sie doch nicht sagen dürfen", bemerkte Prof. Klement, als ich ihm von der Prüfung berichtete. "Wie wird man Sie in Philologie schrauben! Wenn sie schon das so gut weiß, was sie nicht interessiert, was kann man dann in ihrem Fach verlangen!"

Bei der schriftlichen Prüfung ging es mir in Mathematik schlecht. Statt, wie gewöhnlich, zwei leichte und zwei schwere Aufgaben, waren vier schwere gestellt. Ich war gänzlich ratlos, und während die Buben sich, sowie der auf- und abgehende Professor den Rücken kehrte, mit Zeichen verständigten, blieb ich vor den ungelösten Aufgaben sitzen. Ein geringer Trost war es, daß beim Hinabgehen auf der Treppe die Prüflinge recht verschiedenartige Ergebnisse mitteilten: Ich habe -0.00001 minus ein Hundertausendstel - ich habe plus vier usw.

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Im lateinischen Aufsatz entschlüpfte mir ein faceretur. Immerhin konnte ich mich bei der mündlichen Prüfung in Mathematik ordentlich rehabilitieren. Nicht die Professoren des Gymnasiums waren die Schinder, sondern Landesschulinspektor Scheindler, der Prüfungsvorsitzende. Erstere gaben mir zwar - einer Prüfungsvorschrift entsprechend - geringere Noten als den Internen, aber gute Noten, während bei der Hauptprüfung Scheindler durchweg auf "Genügend" bestand. Direktor Slamecka entschuldigte sich bei mir über diese Noten, aber es wären dem Vorsitzenden keine besseren abzuringen gewesen. Dieser war auch gegen männliche Prüflinge hart und unausstehlich. Studiengenosse Klob erzählte, er habe sich dafür gut an ihm gerächt: Auf dem ersten Studentenball, den er besuchte, habe er Scheindlers Töchter zum Tanze aufgefordert und sei ihnen fest auf die Füße getreten. So büßen die Kinder die Schuld der Väter!

Die Universitätsstudien als solche waren eine ungetrübte Freude. Die Schwierigkeiten lagen nur in der Überwindung der körperlichen Hindernisse. Die Treppen stieg ich so schwer, daß die gemütvollen Kommilitonen mich "die Gazelle" zubenannten. Ich weinte vor Kummer und vor Zorn, wenn die Vorlesungen so lagen, daß ich aus Gesundheitsrücksichten nicht alles hören konnte, verschaffte mir aber allerhand Erleichterungen, die damals möglich waren. Der geringe Prüfungsbetrieb gestattete, daß mich der Pedell in den Prüfungssaal mit seinen guten Armstühlen einsperrte. Von diesen letzteren rückte ich zwei aneinander und legte mich in der Pause zwischen den Vorlesungen nieder, die, wie der studentische Ausdruck lautete, "ein Fenster" bildeten. Meyer-Lübke las im Sommer von sieben bis acht, im Winter von acht bis neun, Mussafia stets von eins bis zwei. Öfters suchte ich eine gute, treue Freundin, die feinfühlige Helene Kuranda, in der Ebendorferstraße auf, legte mich dort aufs Sopha, bekam eine stärkende Atzung und wanderte nach zwei Stunden zurück. [103/(104)]

Eine Trübung anderer Art war es, daß Mussafia mich zunächst nicht in sein Seminar zuließ, und als er es gestattete, nie eine Frage an mich richtete. "Weil wir befreundet sind, mein Kind. Da könnten die Studenten glauben, daß ich Ihnen etwas stecke oder Sie bevorzuge." Als er eine "Preisfrage" - wie er das gern tat - über eine Textstelle im "Rolandslied" aufstellte, antwortete ich schriftlich wie alle anderen. Er blieb aber die Besprechung schuldig - weil meine Antwort ihm die richtigste schien, wie ich Jahre später gelegentlich erfuhr. Erst als meine Leistung durch die Arbeit im Meyer-Lübke-Seminar bei den Studenten klargestellt war, überwand Mussafia das Hindernis, freute sich aber einmal ganz ausgesprochen, mich tadeln zu können. Wir interpretierten Garniers "Bradamante", und ich übersetzte gedankenloserweise vos troupes sont éclairés mit "sie sind aufgeklärt". "Warum lassen Sie den Dichter eine Ungereimtheit sagen? Garnier war ein ganz gescheiter Mann", und er erläuterte, daß die Bedeutung "Aufklärung" vor dem 18. Jahrhundert nicht bestanden habe. Ich war sehr beschämt über die Blamage. Als er es erfuhr, sagte er: "Che 'Blamage'! Ich bin froh, wenn ich ihr einmal etwas am Zeug flicken kann. Da sieht man doch, daß ich ihr nicht helfe."

Ein anderes Mal brachte er mich in tödliche Verlegenheit, als ich ihm auf dem Nachhauseweg nach der Vorlesung für eine Troubadourstelle, die er erklärt hatte, eine andere Deutung vorschlug, und er diese Deutung in der nächsten Vorlesung mit Namensnennung als die bessere vortrug. Dann erklärte er mir wieder, rigorosieren könnte ich nicht bei ihm. Ich sollte nach Graz gehen. Ich hing mit allen Fasern an der Universität Wien, meiner teuersten Heimat, Stätte meiner Freuden, an meinen Lehrern, an dem Nimbus, der die Wiener romanische Fakultät gerade damals umstrahlte, und weigerte mich daher schlankweg, auf dieses Ansinnen einzugehen. Ich riet, er möge sich an dem Tage krank melden, Meyer-Lübke werde mich beide Stunden prüfen oder irgendein Ersatzprüfer. Natürlich löste sich alles in Wohlgefallen auf.

Über Studenten habe ich mich nie geärgert - es konnte nichts an mich heran -, nur einmal, allerdings schon im achten Semester, also ohne Belang für die Zukunft: Die Sitzordnung im Seminar wurde geändert, und Meyer-Lübke saß in der Mitte des Tisches, nicht mehr wie sonst am Kopfende, weil die am Fußende Sitzenden ihn nicht ordentlich verstanden. Nach eingeführter Sitte saßen die obersten Semester neben dem Professor - die Zahl der Teilnehmer war äußerst gering -, und so war ich von Rechts wegen an seine Seite gerückt. Bei der Sitzveränderung wollte mich der spätere Sektionsrat im Unterrichtsministerium, cand. Bielohubek wieder neben Meyer-Lübke setzen. Ich zog aber vor, auf meinem gewohnten Platz zu bleiben, der der Tafel näher war. "Er frägt ja auf jeden Fall nur Sie", sagte Bielohubek. Ich war um so betroffener, als ich grundsätzlich, vom ersten Tage an, nie antwortete, so lange irgendein anderer sich etwa melden könnte. Denn da ich um so viel älter war als die Studenten, [(104)/105] hatte ich natürlich manche Kenntnisse ihnen voraus. Vor allem die des Französischen und Italienischen, die den Gymnasiasten fehlte, dann die Literaturen und anderes. Auch war mein größtes Bestreben, keine Art der Bevorrechtung der "Dame", oder gar der "alten Dame" aufkommen zu lassen, die sich nach meiner Anschauung mit echter Gleichberechtigung nicht vertrug. So sprach ich immer als letzte oder gar nicht. Allerdings, wenn die Weisheit aller versagt hatte, war Meyer-Lübkes Frage "Fräulein Richter?" üblich geworden, und dann erst erklärte er selbst.

Beim Hauptrigorosum ging es mir - natürlich - sehr gut. Ich hatte doch vier Jahre lang nichts anderes zu tun, als mich mit meinen Lieblingsgegenständen zu beschäftigen. "Es war glänzend", sagte Meyer-Lübke, als ich ihm, nach damaliger Sitte, nachmittags meinen Besuch abstattete. Seine Frau schenkte mir, meinen nicht ausgesprochenen Wunsch erahnend, sein Bild und bat um meines für ihn. Mussafia, der sich, wie auch sonst häufig, zu Tisch angesagt hatte, zog triumphal mit mir ein. "Wir haben rigorosiert", rief er Helene zu, die ich um zwei Tage bemogelt hatte, einem verbreiteten Aberglauben und dem Gefühl nachgebend, daß sie, die damals immer schwer an Migränen litt, sich nicht aufregen solle. Bei dem heiteren Mittagstisch sprach Mussafia: Er habe in mir immer das Ideal eines Studenten gesehen, weil ich frei und von jeder Sorge ledig rein dem Genuß des Studiums habe leben können. Im übrigen bedauerte er häufig für mich, daß die Doktorprüfung bei uns nicht so schwer sei wie zum Beispiel in Paris. Da hätte der Titel doch ganz anderen Wert. Übrigens hatten die beiden Prüfer sich verabredet, Juroszek und mich - es war eine Doppelprüfung (vgl. Führende Frauen) - dem Dekan, der damals von Anfang bis zu Ende den Prüfungen beiwohnte, es war David Heinrich Müller, gut vorzuführen, und wir brauchten uns nicht zu beklagen, daß man uns unterschätzt hätte.

Das Philosophicum wurde bei Müllner und Jodl gemacht. Ersterer galt wenig als Philosoph, aber viel als anregender, sehr vielseitig gebildeter Plauderer. Gerade bei ihm kam ich mit einer Frage ins Gedränge, nämlich: wozu der Schmerz gut sei. Ich dachte, das solle wieder so ein ethisches Gerede sein, und sprach in diesem Sinne herum. Er meinte aber den Schmerz als Warner vor Gefahr. Bei Jodl wollte ich Wundt zur Grundlage der Prüfung nehmen. Da ihm aber seine eigne Psychologie lieber war, konnte es mir ja auch recht sein. Ich habe Wundt dann gründlich für mich studiert.

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So kam der große Tag, die Promotion. Als wir, etliche zwanzig Doktoranden, in den Festsaal einzogen, ging ein Flüstern durch die Reihen: "Eine Dame!" Der Rektor, Prof. v. Schrutka, erwähnte den Fall nicht, mit Recht, denn ich war nicht die überhaupt erste Frau, die hier promovierte, allerdings die erste, die ein vollständiges, volles, regelmäßiges Studium hinter [105/(106)] sich, und die erste, die es summa cum laude abgeschlossen hatte. Unser Promotor war der alte Eduard Sueß, der die Eidesformel besonders schön und eindrucksvoll verlas. Im Gegensatz zu der heiteren Ruhe bei den Prüfungen, umfing mich bei der Promotion eine so weihevolle, tiefe Rührung, daß mein Spondeo fast so zart herauskam, wie das "Ja" einer schüchternen Braut.

Der Kampf fing erst wieder an, als ich mich um die Dozentur bewarb (vgl. Führende Frauen). Es war nervenaufreibend. So wie seinerzeit der auch sonst als boshaft bekannte Landesschulinspektor Scheindler erklärt hatte - und zwar so offiziell, daß die Mitprüflinge es mir vor der Matura erzählten -, er werde mich wo irgend möglich durchfallen lassen, so waren auch zuerst in der Fakultät, dann im Ministerium zähe Feinde des Frauenstudiums, die nicht mir persönlich, wohl aber als erster Petentin der Stellung den Eintritt verwehren wollten. In der Fakultät ist mir besonders Wettstein als Förderer, Schipper als Gegner bekannt geworden. Als die Frage nach harter Debatte in der Fakultätssitzung mit "Zulassung" entschieden war, wurde Schipper auch wieder in die Kommission gewählt, die über meine Kandidatur - wie über jede andere - zu entscheiden hatte. Sofort stimmte Schipper für mich. "Was hat Ihre Gesinnung so verändert?" neckte ihn einer der Kollegen nach der Sitzung. - "Nichts", sagte der ritterliche, unantastbare Schipper. "Ich war und bin gegen das Frauenstudium. Aber wenn es so sein soll, habe ich gegen die Person der Dr. Richter nichts einzuwenden." Als Ausdruck derselben Gesinnung verlieh er den ersten damals gegründeten Seminarpreis der (späteren Dr.) Rösler. "Was soll ich tun, wenn ihre Arbeit die beste ist?"

Die Vorbereitung auf das Dozentenkolloquium war viel aufregender als die auf die Rigorosen. Hatte ich schon dort gefunden, ich müßte ausgezeichnet durchkommen, um den Gegnern keine Handhabe zum Spott zu geben, so hing diesmal mein ganzes Glück davon ab, ob es mir gelang. Und nun waren die Nerven rebellisch. Zu den Rigorosen war ich freudeatmend getänzelt. Diesmal stockte mir das Herz. Zum Glück war ich stets im Augenblick der Prüfung selbst vollkommen ruhig und gesammelt. Bei Meyer-Lübke war es, wie immer, ein geistvoll anregendes Fachgespräch, bei dem er mir das Wort ließ. Bei Hauler, wie immer, sehr langweilig, ja, ich erinnere mich seiner Frage, im wievielten Bande des "Corpus Inscriptionum" die "Pompejanischen Inschriften" stehen, bei der es schwer war, ein Lächeln zu unterdrücken. Schipper verzichtete, Kretschmer war in Griechenland, Minor aber stellte ein paar Fragen, vor allem über den Einfluß der französischen Dichter auf die mittelalterlichen Deutschen. Ich sprach von "Tristan" und "Parzival". Und stockte. Ich glaubte, in die Erde sinken zu müssen, als er dann "Erec" usw. nannte. Es war das erste Mal, daß ich bei einer Prüfung versagte, in einem Punkte, der in jedem kleinsten Literaturabriß stand. Ich entschuldigte mich später bei Minor - denn wir kamen dann mit allen in persönlichen lieben Verkehr, auch mit Schipper -, [(106)/107] aber er lachte nur darüber. Acht Tage nach dem Kolloquium hatte ich den Probevortrag. Da die Herren vorher eine andere Sitzung abhielten, verzögerte sich der Anfang. "Entschuldigen Sie, daß wir Sie haben warten lassen", sagte Schipper, der mich in den Saal holte. - Aber ich habe doch so lange gewartet - damals schon zwei Jahre -, daß es auf ein paar Minuten nicht ankommt! Ordnungsgemäß hatte ich drei Vortragsthemen eingereicht, ein literarisches (die spanische Celestine) und zwei sprachwissenschaftliche, worunter eines (mir das liebste) über die Rolle der Semantik in der romanischen Grammatik, das tatsächlich damals noch nicht ausgereift und, weil sehr umstürzlerisch, nicht gerade das geeignetste war (vgl. Kap. 27, Kongresse). Meyer-Lübke riet, das literarische, das Minor und Schipper sicher wählen würden, von vornherein obenan zu stellen. Und so sprach ich denn über die "Celestina", nichts Neues, nicht originell gewendet, nicht frei sprechend - seitdem ist freier Vortrag mit Recht obligatorisch -, also recht minder, wie übrigens alle Probevorlesungen, die ich gehört habe, kam aber - diesmal natürlich - mit einem Lobe davon. Die größeren Aufregungen standen mir nun erst bevor. Mussafia, der aus Florenz, wo er den Winter zubrachte, lebhaftesten Anteil nahm und telegraphische Benachrichtigungen forderte, meinte (in einer seiner letzten Zuschriften an mich), jetzt werde alles wie am Schnürchen gehen. Die philosophische Fakultät Wien hatte mir die Venia legendi verliehen. Fehlte "nur" die Bestätigung des Ministeriums. Diese ließ noch weitere zwei Jahre auf sich warten, nachdem alle denkbaren Wälle ersonnen worden, das Schreckliche hintanzuhalten.

Ich war zweiunddreißig Jahre alt, als ich Matura machte, aber erst zweiundvierzigjährig konnte ich im Hörsaal 35, am 23. Oktober 1907, die erste Vorlesung halten. Als nach allen Fährlichkeiten das Datum feststand, machte ich in offener Karl-Ludwig-Straße einen hohen Luftsprung vor Freude, so daß Helene erschrak, ich werde mir den Fuß verstauchen. Die Fährlichkeiten bezogen sich, nachdem endlich die zur Ankündigung der Vorlesungen nötige Bestätigung aus dem Ministerium ins Dekanat gelangt war, darauf, das Klatschinteresse des "Publikums", der Kaffeegesellschaft hintanzuhalten, zu verhüten, daß die weibliche Antrittsvorlesung zum gesellschaftlichen Ereignis herabgewürdigt würde und eine Gegendemonstration der klerikalen und nationalen Studenten auslöse. Ich selbst hütete leidenschaftlich mein Heiligtum - das war mir die Venia - und übte bis zur Meisterschaft die Kunst, Journalisten hinauszuwerfen und hinters Licht zu führen. Schon als wir vom Sommerurlaub heimkehrten, standen einige an der Gartentür, und von da ab kamen sie mit den absonderlichsten Anträgen. Zuletzt bat ein Vertreter der "Neuen Freien Presse" um das Manuskript der Antrittsvorlesung, um sie, sofort nachdem ich sie gehalten, veröffentlichen zu können. Ich sagte, ich wisse noch nicht einmal, worüber ich sprechen werde. [107/(108)]

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Am nächsten Morgen fand die erste Vorlesung statt. Wie zu einer Verschwörung wurden alle Vorbereitungen heimlich getroffen. Meyer-Lübke, damals Prorektor, hatte aus unwahrscheinlicher Ferne gehört, wie zwei Studenten sich besprachen, meine Antrittsvorlesung zu stören, und, nachdem diese vollständig überraschend, nur vor etwa hundert Personen in aller Stille stattgefunden hatte, wenigstens in der zweiten Vorlesung einen Radau zu machen. Ich mußte meine Hörer mittels Postkarte benachrichtigen, daß die nächste Vorlesung um eine Stunde früher, im anstoßenden Hörsaal stattfinden müsse, und schritt nach beendeter Vorlesung, natürlich unerkannt, mitten durch die sich in größerer Zahl sammelnden Demonstranten. "Was gibt's denn hier?" fragte ein zufällig des Wegs Spazierender. "Komm nur mit", hörte ich den anderen sagen, "das wird eine große Hetz." Es tat mir leid, daß ich nicht dableiben und den enttäuschten Abzug mit ansehen konnte. Nachher wurde nichts mehr unternommen, und trotz der leider in der Universität nie abreißenden Studentenunruhen - zwischen Klerikalen und Sozialdemokraten, Deutschen-Italienern, Slawen, oder aller gegen Juden - habe ich nie eine Störung meiner Vorlesung oder die geringste Anstandsentgleisung gegen meine Person erlebt.

Kennzeichnend für die ganze Lage ist Folgendes: Die Bestätigung hatte sich nicht nur so lange verzögert, weil immer neue Schwierigkeiten gefunden wurden, sie unmöglich zu machen, sondern weil jeder Ministerwechsel bedeutungsvoll war. Der liberale Hartl ging lange, ehe die verschiedenen Fakultäten in ganz Österreich ihre Gutachten abgegeben hatten. Der klerikale Bienerth ließ die Angelegenheit absichtlich schlafen. Der folgende liberale Marchet erweckte meine Hoffnung. Ich nahm einmal Audienz bei ihm, und da dann wieder nichts erfolgte, wagte ich, gegen jede Etikette, ihn anzuklingeln. Er war, wie sich herausstellte, selbst am Fernsprecher, denn als ich nur meinen Namen nannte, ehe ich meine Bitte um Erinnerung vorbringen konnte, rief er gleich "Ja, ich weiß schon" hinein und hängte ab. Es erfolgte aber nichts. "Die Richter kann nicht von mir verlangen, daß ich mich einer Demonstration im Parlament aussetze, damit sie ein paar Vorlesungen halten kann", äußerte er. Nun meldete ich mich zu dem üblichen Dankbesuch. Als er erfuhr, daß die ersten Vorlesungen schon ohne jeden Zwischenfall vorüber gegangen waren, atmete er buchstäblich erleichtert, fröhlich auf und äußerte seine lebhafte Befriedigung. "Da bin ich aber sehr dankbar dafür", sagte er.

Gerade in dieser Zeit kam die Gestalt der Universitätslehrerin auf die Bühne, in Ludwig Fuldas "Novella d'Andrea". Es wimmelte von Bezügen auf mich, die Helene und ich als Privatvergnügen genossen. Mußte Novella hinter einem Schleier lesen, um ihre Hörer nicht durch ihre Schönheit zu verwirren, so riet mir Helene aus entgegengesetzten Gründen dringend dasselbe an. Novellas triumphalen Zuges in die Universität gedachten wir, als wir uns zur ersten Vorlesung begaben. Wir fuhren im elektrischen Gefährt, von dem man im damaligen Bologna [(108)/109] keine Vorstellung hatte, und wie großzügig stellte ich es hin, daß ich jeden, der wollte, einsteigen ließ. Mein innerer Triumphzug war nicht geringer. Den Kern des Frauenproblems hatte Fulda nicht einmal erahnt. Ließ er doch Novella, eben wegen ihrer Gelehrtengröße, beim Liebhaber gegen ihre unbedeutende Schwester den kürzeren ziehen und von Tränen überströmt über ihren Folianten zusammensinken. Kurz darauf lernten wir Fulda in kleinem Kreise bei den Freunden Prof. Alexander v. Weilen und seiner anmutigen Gattin kennen, und ich deutete dem Dichter den Unterschied an zwischen der altmodischen Verzweiflung über einen ganz unbedeutenden Liebhaber und dem sieghaften Jubel der modernen Frau über Beruf und wissenschaftliche Laufbahn. Er meinte aber, er hätte doch ein Lustspiel schreiben wollen, und empfand gar nicht, welche Chance eines mehr als zeitgemäßen Erfolges er sich entgehen ließ, dadurch, daß Novella sich nicht über die Liebelei und zur wissenschaftlichen Größe frei erhebt. Das schien damals noch "unweiblich" und nicht bühnengemäß.

Auch ein anderes Stück, der im Volkstheater gegebene "Privatdozent", ergab viele Beziehungen zu der Schwierigkeit meiner Bestrebungen, besonders der Satz "Privatdozenten seien dazu da, die Professorentöchter zu heiraten" und auf diese Weise "Karriere zu machen", was mir ja versagt war.

Vom ersten Augenblick meines akademischen Lebens angefangen, war ich darauf bedacht, meine Rechte nie zu überschreiten, aber auch stets voll zur Geltung zu bringen. Jede Sitzung, jeder Akt, dem ich nun beiwohnen durfte, dem wohnte ich bei. Die alten Herren mußten sich an meinen Anblick gewöhnen. Sie mußten mich dulden, wo sie kein offizielles Recht hatten, mich abzuweisen. Ich legte Gewicht darauf, sie zuerst zur Türe hereintreten zu lassen - was sie übrigens nur selten annahmen -, aber ich kam. Herrlich war die Zulassung ins Professorenlesezimmer, wo man unbeschränkte Bücherreihen aufstapeln und meist fast ungestört arbeiten konnte. Und wie genoß ich das Recht auf das Professorensprechzimmer, den geschmackvollen Saal, wo man meistens irgendeinen der Herren traf, mit dem man gern ein Wort wechselte. So ging es fort. Was anderen eine Last, war mir, in bewußter erstmaliger Ausübung eines Rechtes durch eine Frau, eine Genugtuung, eine Freude.

Eine eigentümliche Note im Kampf um die Frauenrechte war die Angst, die Frau könnte um ihre "Frauenwürde, ihre Weiblichkeit" kommen, wenn sie zum Beispiel studiere oder Vorträge halte. Auf die Weiblichkeit, die in so einem Falle schwindet, kann man das Halmsche Wort anwenden: die war's nicht, der's geschah. Als ob nicht zu jedem Berufe - gerade wie zu dem der Gattin, Mutter, Hausfrau - fester Wille, zähes Festhalten am Notwendigen, sicherer Takt, schrankenlose Hingabe und die Verbindung von Anmut und Würde gehörte, die eben eine richtige Frau ausmachen. Kommt die berufliche Begabung dazu, so scheidet nur die fachliche [109/(110)] Ausbildung die "Berufsfrau" von der "Hausfrau". Wie dabei das echt Frauliche zu Schaden kommen könnte, ist nicht klar. Leider gibt es viele Berufsfrauen, bei denen nicht einmal das echt Weibische eingeschränkt erscheint. Sicher ist, daß gerade die bedeutendsten Vertreterinnen von Frauenberufen - angefangen mit Maria Theresia - berufliche Begabung mit echtem Frauentum vereinigt zeigen.

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Ich betrat die Universität nicht als Frauenrechtlerin. Noch viel weniger dachte ich dabei an den Beruf als Versorgung. Für uns Erstlinge war der maßgebende Impuls der Trieb nach Selbstentfaltung, die Sehnsucht, unsere Kräfte in der ihnen genehmen Art zu brauchen und der menschlichen Gemeinschaft auf ihre innerlich vorgeschriebene Weise nützen zu dürfen, es war die Sehnsucht nach dem Recht auf höhere Pflichten, nach dem durch die Berufung vorgezeichneten eigenen Lebensweg.

An Kränkungen hat es nach der Bestätigung so wenig gefehlt wie vorher. Noch im Winter 1906/07 war es ein Herzschmerz, daß Meyer-Lübke an einer Lungenentzündung erkrankte und, da er Rektor war, das Kolleg durch einen Ersatzmann lesen lassen mußte. Hätte ich schon die Venia gehabt, die seit eineinhalb Jahren auf sich warten ließ, so wäre die Aufgabe mir zugefallen, denn es gab gerade keinen romanistischen Dozenten, der sie übernehmen konnte. So mußte der Anglist Brotanek einspringen, der Meyer-Lübkes äußerst unleserliche Schrift nicht entziffern und aus Eignem nichts erraten konnte.

Daß ich vierzehneinhalb Jahre warten mußte, um endlich - den Titel (!) des a. o. Universitätsprofessors zu erhalten, war bitter, aber ich teilte dies Los mit vielen männlichen Kollegen. Zudem hatte mir der hochmögende Hofrat Kelle, bei dem ich wegen der Bestätigung der Venia im Unterrichtsministerium vorsprach, gesagt: "Was wollen Sie eigentlich? Für Männer ist die Dozentur der Anfang der Laufbahn, für Sie zugleich das Ende. Niemals werden Sie zur Professur zugelassen werden."

Daß ich umsonst diente, verschlug mir nichts, solange ich wohlhabend war, erst nach dem Krieg bedurfte ich eines Verdienstes und bekam schließlich eine Entschädigung, die aber bei der Inflation so in nichts zusammenfloß, daß ich die Annahme verweigerte. Ettmayer riet mir, eine Eingabe mit Aufzählung meiner Vorlesungen und Schriften zu machen, die zu einer kleinen Erhöhung führte. Eigentlich gedachte er, mir die Leitung des rumänischen Institutes zu übergeben, dessen Direktor nur ein ordentlicher Professor sein konnte und das seit Meyer-Lübkes Abgang nicht mehr existierte. Es war ein kleiner innerer Kampf. Ich war zu westlich eingestellt, ich kannte keine slawische und keine andere balkanische Sprache - unbedingte Voraussetzungen für einen modernen wissenschaftlichen Betrieb des Rumänischen. Ich hätte auf alle meine Arbeitspläne verzichten und geradezu umsatteln müssen. Ich lehnte ab. "Ich begreife [(110)/111] das um so besser", sagte Ettmayer, "als ich es ja eben selbst auch nicht tun mag." Das Rumänische Institut blieb uneröffnet, und ich bekam schließlich den Lehrauftrag für Sprachwissenschaft und Phonetik, die zum Pflichtkolleg erhoben wurde (1927). Es war eine Anerkennung, die sich bei einem Manne in der beamteten Professur ausgedrückt hätte. Aber der Widerstand dagegen war zu groß. Schon 1915, als Meyer-Lübke seinen Nachfolger vorschlagen sollte, sagte er in der Fakultätssitzung, daß ich mich wohl am ersten dafür eignen würde, daß er aber die Wahl nicht durch Nebenschwierigkeiten verwirren wolle und daher von mir absehe. (Allerdings war ich nicht nur Frau, sondern damals auch erst seit sechs Jahren Dozentin, daher zum Aufstieg auf die ordentliche Lehrkanzel, die nicht einen Tag unbesetzt bleiben sollte, nach der gewohnten Hierarchie noch nicht geeignet.) Was er nicht erkämpfen konnte, das war uneinnehmbar. Übrigens ist auch in Deutschland die Beamtung erst viele Jahre später und da nicht aus wissenschaftlicher Bewertung, sondern aus Parteigründen erfolgt. Möglich, daß es auch mir geglückt wäre, hätte ich mich nach dem Zusammenbruch der sozialdemokratischen Partei zubekannt. Aber so eine Professur "von oben herab" oder "von außen herein", war in der Universität immer übel angesehen - es lag mir eben nicht.

So bin ich einunddreißig Jahre Dozent geblieben. Nur ein einziges Mal durfte ich mich als ordentlicher Professor fühlen, an meinem siebzigsten Geburtstage, der in einem Ausmaße gefeiert wurde, wie es für Dozenten niemals üblich war. Im kleinen Festsaale, dessen langes Podium mit frischen Blumen geschmückt war (nicht, wie gewöhnlich, mit Tannengirlanden und Papierrosen), sprachen der Dekan Dietrich Kralik im Namen der Fakultät, Ettmayer als Festredner, Luick für den Neuphilologischen Verein und die Sprachwissenschaftliche Gesellschaft, Fröschels für die Phonetische Gesellschaft, Frau von Hoheisel für den Bund der Frauenvereine, Prof. Erna Patzelt für die Akademischen Frauen, Schulinspektor Pfaff für den Verein der Lehrerinnen, Dr. Helene Adolf für die älteren Schüler, und ein junger Seminarist überreichte die Tabula gratulatoria mit zweihundertfünfzig internationalen Unterschriften. Ich konnte, als ich zum Wort kam, meine Empfindung nicht anders ausdrücken, als wäre ich lebendig in ein Riesenepidiaskop gestellt, durch das eine Erscheinung in phantastischen Maßen hervorgezaubert wird, eine Erscheinung, in der ich mich nicht wiedererkenne, als ob die Herren und Damen alle in ihrer großen Güte sich bestrebt hätten, mich so zu sehen, wie ich hätte sein mögen, meine kleinen Leistungen so zu bewerten, als ob ich mit ihnen das vorgesteckte Ziel wirklich erreicht hätte. Doch wüßte ja jeder Strebende, wie weit er hinter der eignen Zielsetzung zurückbleibe, und für einen so Jubiläumsungeübten wie mich sei es daher schwer, Worte für die Überraschung, geschweige denn für den Dank zu [111/(112)] finden, Gegenstand einer solchen Ehrung zu sein. Ich sprach von der herrlichen Größe des Hochschullehrerberufes. Er fordert die Verbindung von wissenschaftlicher Objektivität mit der subjektiven Kraft der eigenen Persönlichkeit, um den Schüler zu dem Gegenstande hinzureißen, den er vorträgt. Wissenschaftsdienst sei eine kollektive Tätigkeit. Wir setzen die Arbeit der Älteren fort, gedenken dankbar der Lehrer und hoffen auf die Weiterführung unserer eignen Bestrebungen durch die Kommenden. Was der Einzelne aufdeckt, lebt unmittelbar oder mittelbar im Kollegen, im Schüler weiter. Das wahrhaft Unsterbliche in der wissenschaftlichen Arbeit ist die Fortdauer der Bemühung um Erkenntnis, die Idee der Zielsetzung; indem wir fortwährend zwischen Vergangenheit und Zukunft vermitteln, ist es ein wohltuender Gedanke, daß auch die kleinere Leistung, selbst die Handlangerarbeit, der Allgemeinheit wertvoll werden kann, wenn sie nur gewissenhaft und ehrlich ausgeführt ist.

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Ich erinnerte mich meines Geburtstages vor sechsunddreißig Jahren, als ich, bei Meringer, das Referat über die silbischen Konsonanten erstattete und Meringer nachher bemerkte, das wäre wohl das erste Mal gewesen, daß eine Frau vom Katheder herab über Sprachvergleichung gesprochen hätte. Schon damals erschien mir der akademische Beruf als der erstrebenswerteste. Liegt die akademische Lehrtätigkeit für jeden Drittsemestrigen im traumfernen Wunschland, wie erst für mich: Während ich nun dieses Traumland in Wirklichkeit betreten durfte, ist dagegen etwas andres, das in greifbarer Wirklichkeit vor mir zu liegen schien, im Laufe des Forschreitens immer ferner gerückt. Als ich anfing, hatte ich nur die eine Angst, die Romanistik werde nicht genug Arbeitsraum für mich bieten, grollte jedem, von Diez angefangen, der schon ein Problem gelöst hatte. Ich machte dann die Erfahrung, daß die Probleme dem Arbeitenden entgegenwachsen, so wie sich dem Wandernden zwischen noch so hohen Bergkulissen immer wieder neue Landschaften eröffnen.

Wenn irgend etwas geeignet ist, den Abschied von der wissenschaftlichen Tätigkeit zu erschweren, so ist es eben das Aufleuchten immer neuer, fesselnder Aufgaben. Den Hörern sprach ich den Dank aus, den der Lehrer empfinden muß, wenn das Echo des Gesprochenen, des von ihm Gelehrten, ihm widerhallt. Ich erinnerte sie an die im Phonetik-Kolleg durchgesprochene Tatsache, daß "Hören" keineswegs ein passiver Zustand sei, vielmehr die Mitarbeit der eignen Sprach- und Bewußtseinszentren voraussetze. Der Hörer wirkt mit am Vortrag. Er trägt den Vortragenden. Vor einem Publikum, das nicht zu hören versteht, erlahmt seine Kraft. Ich verriet ihnen, daß ihre Lernbereitschaft eine Hauptbedingung für das Gelingen des Unterrichtes sei, denn man könnte zwar ansehnlich viel lernen ohne Lehrer, aber der beste Lehrer könne nichts ausrichten, wenn niemand bei ihm lernen wollte. Ich dankte dem Neuphilologischen Verein und der Sprachwissenschaftlichen Gesellschaft für die anregenden Abende und lehrreichen [(112)/113] Diskussionen, besonders nach meinen eignen Vorträgen, und für die reizvolle Gelegenheit, vor denen vortragen zu dürfen, von denen man selbst so viel zu lernen hat. Bei der Phonetischen Gesellschaft wäre besonders der Umstand fesselnd, daß sie Hörer zweier Fakultäten verbindet, die sich gegenseitig mit ihren Fachkenntnissen unterstützen und helfen müssen. Ein Teil des Publikums sei immer lernend auf einem sonst nicht betretenen Gebiete. Die Bestrebungen der Gesellschaft wären so recht symbolisch für die Unabgrenzbarkeit wissenschaftlicher Gebiete. Während der einzelne Fachmann oft enge Grenzen zieht, wirke das Ergebnis über die Grenze hinaus. Alles gehört allen. So dankte ich der Reihe nach allen - und vergaß die Akademischen Frauen, denen ich gern als Wort des Wunsches eine Mahnung zukommen lassen wollte, das Gleichgewicht der Kräfte durch überpolitische Duldsamkeit zu erhalten, worin ja die eigentliche Aufgabe des Verbandes liege. Das Übelste war dabei, daß Patzelt dieses Vergessen für böse Absicht nehmen mußte. So wie ich vom Katheder herabstieg, fiel es mir ein, und ich ärgerte mich so sehr, daß es ein Hauptgrund des Schwindelanfalles wurde, den ich am Abend hatte, nachdem allerdings von zehn Uhr morgens bis acht Uhr abends Besuche, Telegramme, Briefe zur Aufregung und Ermüdung das Ihrige beigetragen hatten. Eine schwere Nervenerregung brachte mir ein Artikel, den ich am 1. und 8. März 1923 im wissenschaftlichen Teil der "Neuen Freien Presse" über "Rasse, Volk, Sprache" veröffentlichte. Veranlassung war die Volkszählung, die zum ersten Male, damals zu vielfachem Anstoß, die Angabe der "Rasse" vorschrieb. Ich definierte: Was ein "Volk" ausmacht, ist die von gemeinsamer Sprache getragene gemeinsame Überlieferung gleicher Kultur und gleicher Schicksale in der Vergangenheit, und die Verfolgung gleicher politischer und wirtschaftlicher Ziele für die Zukunft. Was "Rasse" im wissenschaftlichen Sinne sei, wurde beleuchtet, ferner, daß Volk und Rasse nicht zusammenfallen. Dabei unterlief mir eine Schleuderhaftigkeit des Ausdrucks: die Nordostdeutschen seien Nachkommen der alten Preußen, die neben Germanen und Slawen ... einst den Boden besiedelten, die Norddeutschen Nachkommen von Wenden, die Mittel- und Süddeutschen von Kelten und Romanen usw. Daraus wurde mir der Strick gedreht.

Ein getaufter Jude, bei dem das Taufwasser offenbar gespart worden war, Prof. Stransky, Nervenarzt und selbst bis ans Pathologische erregbar, spukte eine Zeitlang im Vorstand der Bürgerlich-demokratischen Arbeitspartei, wo er mit seinen leidenschaftlichen, endlosen, von Deutschtum und Freiheit triefenden Reden lästige Störungen des Betriebes hervorrief und von dem damaligen Parteichef, dem Grafen Czernin, einmal köstlich abgeführt wurde. Als Prof. Hochenegg für den Parteivorstand und zur Kandidatur für die nächsten Wahlen gewonnen werden sollte, machte er den Austritt Stranskys zur Bedingung. Dieser Mann nun [113/(114)] machte Prof. Much auf meinen Artikel aufmerksam. Ein Wohlmeinender hätte eine Postkarte geschrieben: Die Norddeutschen sind nicht Nachkommen der Wenden. Berichtigen Sie diesen Satz als groben Druckfehler vor Beginn des zweiten Artikels. Die Böswilligen schrieben in unanständiger Form eine Anremplung in die Presse, in der der Satz "ich lege die Hand an die deutsche Eiche" u. ä. die Hand Stranskys verriet. Ich legte meine Antwort Wettstein zur Begutachtung vor. Er suchte mich zu beruhigen. Aber die Sache zog weitere Wellen. Luick, den ich stets für einen der korrektesten Männer hielt und öfters zurate zog, fühlte sich gedrängt, eine höchst unerquickliche Korrespondenz zu eröffnen, die damit endete, daß er zugestand, die ganze Frage der Volkszählung habe von Seite verschiedener Professoren schon so viel Fragwürdiges zutage gefördert, daß es nicht erwünscht sein konnte, wenn noch ein Mitglied des Lehrkörpers sich öffentlich gegen Kollegen ausspreche. Es war davon die Rede, daß man die Studenten nicht hindern könnte, wenn sie sich gegen mich wendeten. Mit anderen Worten, es bedurfte nur eines Winkes, so zogen sie los. Ich erwartete es von Vorlesung zu Vorlesung. Aber es geschah nichts dergleichen. Hingegen bekam ich, zur Förderung der Badekur, nach Gastein eine Zuschrift des Dekanates, in der mir die Unzufriedenheit mit meiner Haltung ausgedrückt wurde. Ich wandte mich wieder an Wettstein mit der Frage, was für Folgen das in sich schließe und was ich eigentlich tun solle. Er antwortete: den Wisch in den Papierkorb werfen und die Ferien nach Kräften genießen. Jahre vergingen, bis ich wieder davon erholt war. Die Haltung vieler Professoren - zu Beginn meines Studiums hielt ich jeden Universitätsprofessor für ein höheres Wesen - hatte mir bedenklich mißfallen.

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Langjährigen Ärger bereitete mir das Phonetische Institut, das Prof. Scripture, von Luick eingeladen, hier gründete. An sich die äußerst begrüßenswerte Ausfüllung einer Lücke, die niemand stärker empfinden konnte als ich selbst. Seit meiner Arbeit über den "Inneren Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen" war es mir klar, daß ich ohne moderne Phonetik-Kenntnisse meinen richtig erschauten Gedanken nicht erfolgreich ausarbeiten könne. Scripture kam als Honorarprofessor und leitete das ganze Institut aus eigenen Mitteln. Er schenkte es also der Universität, die somit ein Forschungs- und Lehrinstitut besaß, auf das sie kein tatsächliches Recht und daher auch keine Ingerenz hatte. Bald zeigte es sich, wie schwer Unregelmäßigkeiten in der Leitung einer Anstalt wie der Universität sich rächen. Scripture, in seinen Anfängen ein bedeutender, ja bahnbrechender Experimentalphonetiker, entpuppte sich bald als ein gänzlich unverträglicher, in seinen Entschlüssen unberechenbarer, in seinen Stimmungen maniakalischer Mensch. Luick hatte sich offenbar nicht genügende persönliche Auskünfte über ihn geholt und übersehen, daß er schon in Hamburg und Berlin mit allen Fachgenossen verzankt war. Eine eigentümliche Nemesis wollte [(114)/115] es, daß, während Luick sich über die Angelegenheit Scripture schuldig fühlte, gerade er die erste Zielscheibe von Scriptures Haß wurde. Zuerst begeistert von Wien, weil er da mit ausgezeichneten Linguisten Hand in Hand arbeiten könnte, versicherte mir Scripture bald, in Wien verstehe überhaupt kein Mensch etwas von Phonetik außer mir.

Mit der seinerzeit von Siegmund Exner gegründeten Österreichischen Gesellschaft für experimentelle Phonetik, deren Vorsitz damals Emil Fröschels und der nicht untüchtige, äußerlich allerdings gänzlich unverdauliche Laryngologe Stern führten, war er alsbald übers Kreuz. Alle waren Betrüger und unwissende Hunde. Er wollte eine Internationale Gesellschaft für experimentelle Phonetik gründen und forderte mich auf, die Satzungen zu entwerfen. Als ich am festgelegten Abend in sein Institut kam, fand ich noch zwei Herren dort. Er schlug eine Änderung der Satzungen vor, die ihm allein das Recht zusprach, Mitglieder zu ernennen - damit konnte er alle ihm Mißliebigen fernhalten -, und erklärte zu meiner nicht geringen Überraschung den Verein hiermit für gegründet, mich zur Sekretärin und bestimmte für die nächste Woche eine feierliche Versammlung. Ich machte ihn aufmerksam, daß dies nach unserem Vereinsgesetz nicht so einfach sei, und lehnte das Amt der Sekretärin ab. Ich hatte weder Zeit dazu noch Lust, unter einem so herrischen und dabei willkürlichen Herrn zu dienen und sämtliche Wiener Fachgenossen vor den Kopf zu stoßen. Darauf verlegte er die Gründung seiner Gesellschaft nach London. Sie ist aber wenig hervorgetreten. Lernen konnte man bei ihm nur mittelbar, indem man selbst an den Apparaten arbeitete und daraus seine Erfahrungen zog. Durch seine eigenen Erläuterungen lernte man nichts. Je mehr er erklärte, desto unklarer wurden die Kurven, weswegen das Institut so gut wie keine Schüler anzog. Er sagte übrigens ganz offen, daß er gar nicht verstehe, die Kurven linguistisch auszudeuten. Er beschäftigte sich hauptsächlich mit Untersuchungen über Nervenpathologie und - sehr zum Schaden der Sache - über Metrik. Er deklamierte zum Beispiel griechische Verse in den Apparat und glaubte allen Ernstes, mit seiner amerikanischen Aussprache des Griechischen etwas über letzteres aussagen zu können. Ich lernte aber bei ihm, mit einem Apparat zu arbeiten. Einmal traf ich Schaukal dort, der für mich einige Sätze auf das Kymographion sprach. Nachdem Scripture bereits mit allen Kollegen verzankt war, erklärte er, in Wien gebe er nur Geld aus, in London könne er etwas einnehmen, um das Institut nachher wieder hier betreiben zu können. Er ging also über den Winter nach London und "ernannte" mich zum Direktor des Institutes. Ich machte ihn aufmerksam, daß ich als unbeamteter Titularprofessor nicht Direktor sein könne und außerdem, auch nur als stellvertretender Leiter, vom Ministerium bestätigt sein müßte. Er möge das mit ein paar Zeilen veranlassen. Dazu war er viel zu mißtrauisch. Er reiste ab, ich eröffnete [115/(116)] mit Hilfe von zwei mit den Apparaten wohlvertrauten Studenten, Karl Zemen und Karl Appel, Übungen, die sehr guten Fortgang hatten und mir auch Freude bereiteten. Appel vollendete eine gute Dissertation (tschechische Phonetik), und, einem neuen Gesetz entsprechend, "durfte" ich die Rigorosenprüfung leiten, weil kein beamteter Fachprüfer vorhanden war. So kam ich zum ersten Rigorosum als Prüfer.

Im Sommer erschien Scripture in Wien. Ich erklärte, ich möge kein zweites Schuljahr so zubringen: ohne einen Heller Geld, ohne die Berechtigung, eine Unterschrift zu geben. Andrerseits sei das Interesse an phonetischen Studien stark gestiegen. Er sprach seine Zufriedenheit aus und bat mich, fortzusetzen. Als ich ihn am Schlusse seines langen Besuches fragte, ob ich noch zu ihm ins Institut kommen solle, dankte er. "Wir haben uns ausgesprochen." Er empfahl sich, und ich bin ihm nie mehr begegnet. Als ich im Herbst, trotz meines Drängens, keine Ankündigung von seiner Hand bekam, setzte ich den Beginn der Übungen selbst an. Da wurde ich von Prof. Hatschek, in dessen Gebäude das Phonetische Institut zu Gast war, hineinberufen. Scripture hatte telegraphisch sein Institut gesperrt, jede Benützung seiner Apparate verboten, und die Universität hatte nun nicht die Möglichkeit, etwas dagegen zu tun, da ja die Apparate sein Privateigentum waren, bis auf einen, den er dem Dekanat um einen unsinnig hohen Preis angehängt hatte. Ich machte zwar den Dekan, Prof. Meister, der mich um mein Urteil befragte, auf diesen Umstand aufmerksam, aber man hatte damals große Angst, einen Amerikaner zu beleidigen; - obwohl Scripture, wie es hieß, dunkler Vorgänge halber aus Amerika ausgewandert, nicht mehr zurückkehren dürfe. So hatten wir also wieder kein phonetisches Institut, und alle meine Bemühungen, eines zu erlangen, blieben fruchtlos. Etwaige Arbeiten wurden im Phonogramm-Archiv der Akademie der Wissenschaften ausgeführt.

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Nach vielen Jahren wollte Ettmayer das Institut wieder ins Leben rufen. Ich wurde nicht zugezogen. Ganz zufällig kam ich einmal zu einer Besprechung im Phonogramm-Archiv, wo ich etwas arbeiten wollte. Da war die Bibliothek - so weit die schwachen Geldkräfte reichten - schon zusammengestellt und zwar recht einseitig. Aus dem Institut ist auch damals nichts geworden. Wenn irgend ein Talent Ettmayer fehlte, so war es das organisatorische. Zum Glück war der Leiter des Phonogramm-Archivs, Reg.Rat Dr. Hajek, ein sehr gefälliger und findiger Mann, durch dessen Hilfe eine ganze Reihe von Untersuchungen gelang.

Es dauerte lange, bis die Affaire Scripture zur Ruhe kam. Noch mehrere Jahre schickte er unter falschem Namen in Wien aufgegebene, von ihm in seinem charakteristischen kleinen Briefformat in London getippte Briefe mit Anfragen, wo ich meine Kurven angefertigt, wo Hajek seine Drehscheibe herbezogen hätte u. ä. Er veröffentlichte immer wieder den früheren ähnliche Fälle. Seine Rolle war erledigt. [(116)/117]

Eine andere Quelle von Ärgernissen war der "Verband der Akademischen Frauen", zu dessen Gründung ich von London aus aufgefordert wurde. Die "International Federation of University Women" wollte gern Zweigverbände in Österreich und Deutschland errichtet sehen. Ich zeigte zunächst wenig Neigung dazu. Ich war immer geizig mit der Zeit, die doch dann der Arbeit entzogen wurde, und mit den stets geringen physischen Kräften. Als ich anfing, mir die nötigen Schritte vorzustellen, die zu einer Zusammenfassung akademischer Frauen notwendig wären, fiel mir unmittelbar ins Bewußtsein, wie gänzlich unbekannt mir alle, aber auch alle waren, die dem meinen gleiche Wege gegangen und vielleicht gleiche Schicksale erlebt hatten. Das reizte mich, die Aufgabe zu übernehmen, und so stach ich in das Wespennest. In dem damaligen Österreich eine "unpolitische" Vereinigung zu gründen, bedeutete einen Eiertanz bis zu einem überpolitischen Schweben in der Höhe vornehmer Gesinnung, die die wenigsten zu erreichen befähigt oder auch nur gewillt waren. Die "Katholen" waren den "Evangelen" spinnefeind, die Nationalen den Sozialdemokraten und alle den Juden, dies schon damals im Rassengedanken. Sie waren vom Studium her darin gebunden, wollten beileibe den männlichen Kollegen nicht an Tüchtigkeit der Gesinnung nachstehen, übertrafen sie oft an Engherzigkeit ihrer Vorurteile und an Ängstlichkeit in bezug auf den internationalen Gedanken der Verbrüderung und Hilfsbereitschaft unter Gleichstrebenden. Freilich war es viel leichter, mit den Schwestern in Japan oder Australien gut Freund zu sein als mit den Tschechinnen oder gar mit den Kolleginnen der nächsten Gasse. "Hart im Raume stoßen sich die Dinge." Die Stipendien, die von der International Federation verteilt wurden, lockten allerdings alle gleichmäßig an, ebenso die Freude, mit den Ausländerinnen hier oder im Ausland zusammenzutreffen. Tatsächlich war das Council Meeting, das 1927 in Wien abgehalten wurde, ein Höhepunkt der Verbandstätigkeit. Alle Teile wetteiferten, es reizvoll zu gestalten. Die Versammlungen durften im Dekanatssaal stattfinden, bei der ersten feierlichen Begrüßung waren Rektor und Dekan anwesend, der Rektor Molisch auch bei der geselligen Vereinigung, die Helene und ich zu Hause veranstalteten. Die große Menge bedeutender, heiterer, liebenswürdiger und, was von den männlichen Gästen mit besonderer, überraschter Genugtuung bemerkt wurde, hübscher, fescher Frauen entzückte alle Anwesenden. Als wir, unser elf, zur Hauptversammlung nach Genf fuhren, 1931, war es zwar äußerlich sehr nett, u. a. gab uns der damalige österreichische Gesandte beim Völkerbund, Pflügel, dem ich anstandsmäßig unsere Anwesenheit gemeldet hatte, einen reizenden kleinen Abend, im ganzen aber war der Aufenthalt durch schnöde, kleinliche Intriguen der Sekretärin, Prof. Patzelt, vergällt, und immer unerfreulicher wurde die Leitung des Verbandes durch die Verlogenheit der [117/(118)] Nationalen Mitglieder, voran Patzelt, dann Mecenseffy, List-Ganser, Thalmann u. a. Patzelt wollte sich um jeden Preis an meine Stelle setzen.

Der Gipfel der Widerwärtigkeit war die Vorbereitung der Dreißigjahrfeier des Frauenstudiums an der Wiener Universität, bei der die katholischen und nationalen Mitglieder sich in so unanständiger Weise gegen den Verband stellten, dem sie doch angehörten, daß das Rektorat ihre Machenschaften zurückwies und sie in letzter Minute zwang, den Verband heranzuziehen. Nur an meiner Gutmütigkeit, oder vielmehr an dem Gedanken, diese Feier nicht zu zerstören, lag es, daß sie überhaupt zustande kam. Minderwertig genug fiel sie aus. Schließlich hatte ich es über und trat zurück. Darauf zerfiel der Verband in die disparaten Teile, die nur durch meine Bemühung zusammengehalten worden waren, jedem Teil seine Vertretung im Vorstand zu sichern. Die Mitgliederzahl ging erheblich zurück, und 1938 wurde er selbstverständlich aufgelöst. Ich hatte mich schon nach meinem Rücktritt fast ganz zurückgezogen. Aber die Internationale Vereinigung hat sich bewährt. Sie stand mir im Unglück bei (vgl. Kap. 29). Von den hiesigen Mitgliedern habe ich Jahr und Tag keines mehr gesehen.

Zur Gründung des deutschen Verbandes habe ich viel beigetragen. Die spätere Vorsitzende, Dr. Agnes Zahn, hatte meine besondere Sympathie. Sie war als Delegierte in Wien, und wir betrieben die Aufnahme des Deutschen als dritte Verhandlungssprache in Sitzungen und Berichten. Mit Erfolg.

Als Vorsitzende des Verbandes kam ich auch mit anderen Frauenbünden in Berührung, vor allem mit dem Internationalen Frauenbund. Bei einer großen festlichen Tagung, die etwa sechshundert Frauen in Wien vereinigte und der zu Ehren auch wir etwa hundert Personen bei uns sahen, lernte ich Gertrud Bäumer kennen und die von dieser rührend betreute, damals schon im höchsten Greisenalter stehende Helene Lange, bei anderer Gelegenheit Gertrud Woker.

Eine unerwartete Quelle von Widerwärtigkeiten erwuchs mir aus dem Cottage-Lyzeum. Diese erste Mädchenmittelschule nach modernem Zuschnitt im Cottage war von Dr. Goldmann gegründet, einer Frau, die viele gute Anregungen zu geben, aber auch nicht im entferntesten zu organisieren verstand. Sie zerstörte in ihrer Hast, was sie eben geschaffen, um anderes an die Stelle zu setzen. Sie hatte in ihrer Laufbahn verschiedene Schwierigkeiten zu überwinden. Zunächst wurde ihr Schweizer Doktorat ohne vorausgegangene Matura in Wien nicht anerkannt. Ihr Fall war, soviel ich mit einiger Bestimmtheit annehmen kann, der Anstoß zur Aufhebung dieser Schweizer Doktorate. Ich sprach nämlich einmal mit Meyer-Lübke über sie und dabei ziemlich wegwerfend von ihrem "Zürcher Doktorat". Meyer-Lübke, selbst Zürcher und Zürcher Doktor in großen Ehren, war sichtlich verletzt und verlangte nähere Begründung. Ich sagte, es sei doch verbreitet, daß die Schweiz an Ausländer billige Doktorate vergebe; das [(118)/119] schade ihr nichts, da die Ausländer in der Schweiz keine Anstellung erhielten, und bereichere den Fremdenverkehr. "Nanu!!" sagte Meyer-Lübke, "- da muß ich doch -!" Und nach einiger Zeit erfuhr ich, daß diese Doktorate sistiert worden waren.

Dr. Goldmann konnte aber auch nicht Direktorin der Schule sein, deren Inhaberin sie war, weil sie keine Lehramtsprüfung abgelegt hatte. Sie mußte also einen Direktor anstellen, dem sie als Lehrerin selbst unterstand. Ihr Unterricht in Geschichte wurde gerühmt. Sie führte nationalökonomische Gesichtspunkte ein - ihre Dissertation über Danziger Wirtschaftsgeschichte war das erste derartige von einer Frau behandelte Thema und sehr geschätzt - man mußte ihr eine überdurchschnittliche Begabung zuerkennen. Über dem Durchschnitt war aber auch ihre Zerfahrenheit und Unpünktlichkeit. Sie verstand sich sehr gut auf die Auswahl netter Menschen zu ihrem Verkehr, besaß große Wohnkultur, ihr gastfreier Tisch war anmutig gedeckt. Man kam gern zu ihr. Da lud sie zum Beispiel ein paar Freunde ein, verschrieb sich aber im Datum. Nun kam ein Teil am ersten Tage, genoß nach langem Warten auf die nicht abgemeldeten andern Besucher das vorbereitete Mahl, während diese letzteren am nächsten Tage anrückten, sie zufällig zu Hause trafen und mit größter Freude über die Lösung und mit anerkennenswerter Geschicklichkeit bewirtet wurden. Einmal, eine Karlsbader Kur brauchend, begegnete ich ihr, als ich eben zum Frühstück nach Hause ging. Sie lud mich dringend für den nächsten Morgen zum Frühstück zu sich, und ich kam auch wirklich zur angesetzten Stunde - gegen halb neun - zu ihr. Zunächst mußte ich ein paar Minuten warten, weil sie sich verspätet hatte. Wir saßen aber noch nicht lang beim Frühstück, als das Telephon heftig klingelte. Es stellte sich heraus, daß sie seit acht zum Unterricht in der Schule sein sollte, was ihr ganz entfallen war. Sie flog hinunter. Was Wunder, daß die Lehrerinnen ihr Beispiel nachahmten und die Kinder sich die Wartezeit durch Lärmen oder Spielen vertrieben? Sie brachten einen Ball mit, zerbrachen den Beleuchtungskörper, und Dr. Goldmann beklagte sich in herzbewegenden Worten über die Unzuverlässigkeit der Schulaufsicht.

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Die Mädchenmittelschulen waren damals privat. Der Elternverein beschwerte sich öfters über die mangelnde Disziplin in der Schule. Schließlich nahm ein Teil der Eltern ihre Kinder heraus und vereinigte sie, fünf Gassen weiter, in einer neuen Schule vom gleichen Typus. Einige Lehrer beteiligten sich an dem Exodus. Goldmann, vollkommen haltlos, ohne eine Elternversammlung einzuberufen, kam eines Morgens in die Schule, schickte, mitten im Monat, Kinder und Lehrer nach Hause, erklärte die Schule für aufgelöst und fuhr über Land. Sofort traten die betroffenen Eltern zusammen, darunter Riki Kobler und Prof. Radermacher, gründeten ein Aktionskomitee und luden mich zum Beitritt ein. Ich war [119/(120)] keineswegs ein "Schulexperte", wie sie annahmen, aber es lag in meinem Sinne, meinem Bezirk sein Bildungsinstitut zu erhalten. Die Aufgabe interessierte mich. Die Sitzungen waren sachlich und kurz, die daraus sich ergebenden Verhandlungen allerdings um so langwieriger. Goldmann wollte Konzession und Inventar teuer verkaufen, da es ihr einziges Besitztum vorstellte, und gleichzeitig ganz idealistisch alles dem Cottage erhalten wissen. Das Endergebnis war, daß sie uns, den Rettern ihrer Schule, so viel als möglich auszupressen trachtete. Kam man zu ihr, so überfiel sie den Besuch mit einem Schwall endloser Vorwürfe, erklärte uns schließlich alle für Betrüger und Diebe, stellte die uns ungünstigsten Zahlungstermine fest und wollte dann wieder als Lehrerin angestellt werden. Sie drang in mich, ihr beim Landesschulrat eine staatliche Pension zu erwirken, auf die sie Anspruch habe, im Hinblick auf ihre Verdienste um das Schulwesen. Tatsächlich ging ich einmal hinauf, erfuhr aber, daß man dort eine sehr abfällige Meinung von ihr hegte. Sie hätte die Begabung, sich die besten Lehrkräfte auszusuchen, und die andere, diese Lehrkräfte in wenigen Monaten zu verbrauchen, usf. Goldmann glaubte mir nicht, beschimpfte mich und alle anderen in diese Angelegenheit Verwickelten, und nach viel Ärger und Quälerei gab ich sie schließlich auf.

Leichter war die mir übertragene Verhandlung über eine neue Direktorin. Von allen mi[r] bekannten Schulfrauen schien mir, da Josefine Weissel fest gebunden war, Cornelie Benndorf die tüchtigste. Ihre stark deutschnationale Gesinnung war mir zwar bekannt, ich suchte sie aber dennoch auf. Es traf sich gut, daß sie, die sich ihren Unterhalt verdienen sollte, gerade in einer ihrer Begabung gar nicht angepaßten Beschäftigung stand und sich sehnlich eine Schulstellung wünschte. Ich hatte kaum den Zweck meines Besuches erwähnt, als sie höchst erfreut mit beiden Händen zugriff. Ich fragte, ob sie imstande wäre, eine bedeutende Anzahl jüdischer Schülerinnen zu ertragen. Sie sagte: Eine Mädchenmittelschule sei ohne solche gar nicht denkbar, und Kind sei Kind. So wurde sie Direktorin und ich Vorsitzende der neuen Elternvereinigung.

Ich war das einzige Mitglied, das weder durch ein Kind noch durch eine Angestellte direktes Interesse an der Schule hatte. Die mich Wählenden fanden gerade darin eine Gewähr für gänzliches Darüberstehen und Aufgehen in den höheren Gesichtskreis der Schulaufgabe. Nun gab es zwar langwierige Sitzungen, in denen die Eltern ihre zum Teil sehr unreifen Meinungen über Schulfragen äußern durften, es gab allerhand Schwierigkeiten zu überwinden. Aber der Einblick in den Schulbetrieb war fesselnd, ich konnte bei verschiedenen Schulstunden anwesend sein und verhielt mich, wie immer als Präsidentin, streng neutral. Nach kurzer Zeit hatte die Schule ein andres Gesicht und bekam einen andren Ruf. Prof. Benndorf stand zunächst täglich vor dreiviertel acht am Haustor, die Zuspätkommenden festzustellen. Nach drei Wochen waren Lehrer und Schüler zur Pünktlichkeit erzogen. Nach zwei Jahren lief alles in Ordnung, und [(120)/121] Benndorf bat mich um Verlängerung des Ferienurlaubes, den sie in England verbringen wollte. Ich gab ihn ihr.

Nach den Ferien wartete ich auf eine Vorbesprechung vor der ersten Elternsitzung. Nach einer Weile erfuhr ich, daß die Elternvereinigung sich reorganisiert und einen aus ihrer Mitte zum Vorsitzenden gewählt habe, Prof. Frisch, der mir zufällig im Katalogzimmer der Universitätsbibliothek seine Wahl erzählte. Ich drückte mein Bedauern aus, daß man vergessen habe, mich zu verständigen, was ihn sichtlich in Verlegenheit setzte. Direktor Benndorf teilte mir später mit, sie sei mit dieser Veränderung bei ihrer Rückkehr überrascht worden, und besaß den Takt, das gutzumachen, was die anderen, aus unbekannten Gründen, verabsäumt hatten: Sie dankte mir für meine Bemühungen um das Zustandekommen der Schule und versicherte mir, ich wäre der angenehmste Vorgesetzte gewesen.

Einmal hatte ich ein wissenschaftlich-pädagogisches Duell mit ihr, das mich sehr interessierte. Die antifranzösische Nachkriegsstimmung zeitigte die Absicht einer Veränderung der Schulordnung: Französisch und Englisch sollten im Schulplan Stellen tauschen, Englisch die erste Fremdsprache mit sechsjähriger Unterrichtsdauer sein, dagegen Französisch mit vierjähriger die zweite. Der Neuphilologische Verein hatte seine Meinung auszusprechen. Benndorf, die Referentin, bat mich, gnädig mit ihr umzugehen. Ihr Referat war schwächlich. Sie betonte, daß die Änderung nicht politische, sondern praktische Gründe habe: Es wären jetzt in Wien so viele neue Bankinstitute, die den Schulentlassenen Stellungen böten, aber nur wenn sie Englisch beherrschten. Vom pädagogischen Standpunkt aus empfehle sich Englisch, weil es um soviel leichter sei und schon nach wenigen Stunden Lehrerfolge verzeichnen lasse, die den Lernmut der Kinder anfeuern. Die französische Literatur biete unendlich weniger als die englische, die französischen Kultureinflüsse beschränkten sich auf Toilette und Menu, von England hätten wir den Sport. Englisch sei das Stammverwandte, Französisch das Artfremde. Da für den Gegenstand, der immer eine wichtige Rolle im Schulbetrieb spielt, viele Reden und Gegenreden zu erwarten waren, setzte Vorsitzender Luick die Redezeit auf zehn Minuten fest. Ich erwiderte: Die Meinung, daß eine solche Veränderung unpolitisch sei, beruhe auf Selbsttäuschung. Hätten wir zur Zeit, wo der Ruf "Gott strafe England" erschallte, den englischen Unterricht aufgehoben, so käme in diesem Sommer kein Kind zur Matura, das ein Wort Englisch beherrschte. Ebenso könne der Umschlag mit den Banken in den nächsten acht Jahren eintreten. Wenn es nach praktischen Gesichtspunkten gehen solle, wäre uns Österreichern der Balkan näher, wo nur Französisch oder Italienisch, oder Argentinien, wo nur Spanisch Wert hat. Die Mädchenmittelschule sei aber überhaupt keine praktische Fachschule, sondern eine Bildungsschule, sonst müßten wir auch Geometrie durch [121/(122)] Schnittzeichnen ersetzen und Chemie durch Kochen. Vom pädagogischen Standpunkt aus sei Französisch als erste Sprache schon wegen des Zwanges zum festen Artikulieren für Wiener Kinder eine ausgezeichnete Schulung, um weniger schlampig Deutsch zu sprechen. Je schwerer die Sprache, desto aussichtsloser der Lehrerfolg bei verkürzter Stundenzahl. Die leichten Lehrerfolge im Anfang des englischen Unterrichtes beruhten nur darauf, daß die Denknachlässigkeit der Kinder bei der Struktur des Englischen weniger in Erscheinung trete als im Französischen, wo der Sprecher "akkordieren", also im Bewußtsein haben muß, wovon er spricht. Gerade darum sei Französisch für den Anfangsunterricht pädagogisch wertvoller. Was die französischen Einflüsse auf das Deutschtum anbelange, so möchte die Referentin selbst wohl kaum die erste klassische Dichterperiode der Deutschen missen, die in so hohem Grade Übersetzungsliteratur war, oder die Gestalt Friedrichs des Großen, der, ganz "Franzose", der Begründer des preußischen Typus geworden. Von den Franzosen kämen her: der Marienkult, die Kreuzzüge, die Gotik, die Form des absoluten Königtums, die mittelalterliche Dichtung. Durch die Franzosen erst seien uns die rationalistischen Gedanken der Engländer und zuletzt die Aufklärung, die Revolution, das Abwerfen mittelalterlicher Bande zugekommen. Denn die Franzosen, doch übrigens in nicht geringem Maße unseres Stammes, seien eben unsere geographischen Nachbarn. Eine Skizze der deutschen Geschichte könne über Jahrhunderte gehen, ohne England zu erwähnen, aber über keine fünfzig Jahre, ohne Frankreich. Das Kämpfen, das Rivalisieren sei ein starkes und sehr befruchtendes, weil reibungsvolles "Miteinander". - Ich fügte an, daß ich gern noch auf etwas hingewiesen hätte, was bei der Frage des französischen Unterrichtes nie erwähnt würde, fürchte aber, die Zeit schon überschritten zu haben, und setzte mich. Ettmayer sagte, das würden sie aber gerade gern hören, und so brachte ich vor, was ich lange im Sinne hatte, die Ausweitung gerade des französischen Unterrichtes in nationaler Bedeutung. Weniger Grammatik und Literatur, mehr Kultur-Sachwort-Namengeschichte. Was haben die Deutschen den Franzosen gegeben von den ersten Siedlungen angefangen, an Kulturwörtern und -sachen, bis zur Romantik und zu Nietzsche? Worin liegen denn die Gegensätze, wie überbrückt man sie? Mit einem Wort: die deutschen Kinder sollten lernen, sich den Franzosen gegenüber als Stammverwandte zu fühlen, den Haß als Bruderhaß zu erkennen und, durch Erfassen ihrer Eigenart, ihr dem deutschen in vieler Beziehung so nahes Empfinden zu verstehen. Es sei symptomatisch, daß zum Beispiel Romain Rollands Band "Antoinette" (im "Jean-Christophe") vielfach als "unfranzösisch" beurteilt werde, als ob ein Deutscher überhaupt berechtigt wäre, Gefühl und Darstellungsweise eines Franzosen als unfranzösisch zu bezeichnen, nur weil der Deutsche ebenso empfinde. - Ich wußte, daß die Rede, die auch bei den Anglisten Beifall fand, durchaus ein Schlag ins Wasser war. Die [122/(123)] Einführung des Englischen, die Zurückstellung des Französischen war beschlossen. Mit einer Stimme Majorität ging der Antrag im Neuphilologischen durch. Selbstverständlich wirkte sich die neue Bestimmung auch in der Universität aus, da sich die Zahl der französischen Lehramtskandidaten dadurch verringerte.

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Manche Kämpfe sind im Augenblick ärgerlich, gehören aber in der Erinnerung eher in eine heitere Rubrik. Dahin gehören die Erfahrungen mit dem Neuphilologischen Verein. Dessen hauptsächliches Ziel war Pflege der Verbindung zwischen Mittelschule und Hochschule. Er gab gute Vorträge und stand hoch in Ansehen. Sobald wir unser zwei Doktoren waren (Rösler und ich) und eine Handvoll Mädchen die Mittelschullehrerprüfung an der Universität abgelegt hatten, machte ich eine Eingabe an den Vorstand (Vorsitzender Hofrat Schipper), mit der Bitte um Aufnahme, da wir den satzungsmäßigen Bedingungen der Mitgliedschaft nunmehr entsprächen. Die Bombe saß. Schipper, stets einwandfrei in der Form, berief den Vorstand ein, der einstimmig erklärte, die Aufnahme sei unmöglich, da ja die Satzungen nur männliche Mitglieder ins Auge faßten. Mit Ausdrücken lebhaftesten Bedauerns teilte mir Schipper das Ergebnis mit, fügte aber die herzliche Einladung für alle akademischen Frauen bei, die Sitzungen zu besuchen, an den Diskussionen teilzunehmen und Vorträge zu halten.

Die erste Frau, die von dem letzteren Rechte Gebrauch machte, war Helene. Die Lösung genügte uns nicht. Zusammen mit der außerordentlich sprach- und lehrbegabten Josefine Weissel (später Direktor der Schwarzwaldschulen und Lehrkraft ersten Ranges), deren Vater an den Bestrebungen der Jugend lebhaften Anteil nahm und als Rechtsanwalt unterstützte, beschlossen wir eine Sezession. Wir wollten einen neusprachlichen Verband gründen, der, weitherziger wie die alten Herren drüben, auch Männern Zutritt gewährte, mit einem Klubraum und Bibliothek versehen, zugleich als Lehrerauskunftei dienen sollte. Der Verein wurde gegründet. Unmittelbar vor der gründenden Versammlung erfuhr ich zu meinem Schrecken, daß ich die Präsidentin sein müsse. Ich hatte keinen Dunst von öffentlichem Reden, von einer Geschäftsgebarung. Aber schon war die Sitzung eröffnet, die Wahl vollzogen. Ich steckte mitten in großer Arbeit; die nach meiner Empfindung welterschütternde Wortstellungslehre war eben abgeschlossen, die Habilitationsschrift im Zuge. Ich kümmerte mich um nichts anderes. Wir hatten wenig Geld, infolge dessen eine recht kleine Bibliothek, allerdings ein Klublokal, aber fast keine Mitglieder. Die Sache drohte, unrühmlich in nichts zu versickern. Da kam eine merkwürdige Wendung. Sowie Schipper von der Gründung eines Gegenbundes Wind bekam, witterte der Weitsichtige Gefahr für seine Lieblingsschöpfung: Wir gruben ihm den Zufluß junger Kräfte ab, wir stempelten sie zum alten Eisen. Das durfte nicht sein. Flugs war möglich, was vor einem Jahr unüberwindlich schien: die Satzungen [123/(124)] wurden geändert und auf weibliche Mitglieder ausgedehnt. So konnten wir als solche in den Verein einziehen, und der einzige Unterschied zu früher war der, daß wir bei der Eröffnung der Sitzung nicht mehr gesondert begrüßt wurden.

Der Gegenverein, nun gänzlich gegenstandslos, mußte aufgelöst werden. Wie ich mich dieser Aufgabe unterzog, war für den neben mir den Vorgang überwachenden Dr. Edmund Weissel noch späterhin eine Quelle der Belustigung. "So rasch und energisch sollten es die Männer machen." Ich teilte in zwei Worten die Tatsache mit, erklärte den Verein für aufgelöst und schloß die Versammlung, die kaum fünf Minuten gedauert hatte. "Sie hätten doch wenigstens fragen müssen, ob jemand das Wort ergreifen will", sagte er. "Wozu? Am Ende hätte wirklich einer sich bemüßigt gefühlt, zu sprechen, und es wäre doch ein überflüssiges Gerede gewesen." Später habe ich dann Vorsitzen und Geduld haben gelernt.

(S. 99-124)
[Es folgen die Kap. 24 und 25.]

Anfang des Eintrags
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Lebensfreude:
Kapitel 26: Wissenschaftliche Arbeit

Die letzten Wurzelfäserchen wissenschaftlicher Betätigung reichen in das Jahr 1893 zurück. Wir hatten mit Mussafias gemeinsam oberhalb des Marktes Aussee die herrlich gelegene Villa Seri gemietet. Sie übersah die ganze Gebirgspracht, aus dem Garten konnten wir Invaliden auf ebenem Wege in wenigen Minuten die vielbesuchte Meierei der "Wasnerin" aufsuchen, und in der Ausseer großen Welt sein. Mussafia gab damals die "Altlyoneser Legenden" heraus. Die Korrekturbogen warf er in den Papierkorb, aus dem ich sie heimlich an mich brachte. Ich lernte daran Altlyonesisch. Als er zufällig daraufkam, erwies er mir einmal die hohe Ehre, ihm beim Kollationieren behilflich zu sein. Ich war nicht wenig stolz, einen Druckfehler zu entdecken; auch schlug ich eine Schreibbesserung vor, die er zwar nicht annahm, aber als einsichtsvoll bezeichnete, und an die er eine seiner beliebten Auslassungen über die "Schlimmbesserung" der Texte gerade durch gescheite Schreiber knüpfte. "Vous avez la bosse", sagte er mir, knüpfte aber nur die Hoffnung daran, ich werde, auf dem Sopha liegend, Freude und Zerstreuung an alten Texten finden.

Meine erste Arbeit fällt in das erste Universitätssemester, da Meyer-Lübke auf Seminararbeiten Gewicht legte. Er verlas gleich bei der ersten Seminarübung eine Reihe von [143/(144)] Themen, die ich am liebsten alle genommen hätte. Nachdem ich den älteren Semestern die erste Auswahl gelassen hatte, kam an mich die grammatische Beschaffenheit französischer Ortsnamenbezeichnungen, an Hand der Pariser Straßennamen. Ich war natürlich zunächst vollkommen ratlos, nach welchem Prinzip ich vorgehen sollte, biß mich langsam durch bis zu einer zweckentsprechenden Einteilung und kam auf die Probleme der Ortsnamenforschung, die mich seitdem immer gefesselt hat.

Ich bin der Meinung, daß wissenschaftliche Begabung sich in zwei Fähigkeiten äußert: Die erste ist das Sehen von Problemen, die zweite die Energie in der Durchführung der Beweise - überall unerläßlich, in besonderem Maße aber bei philologischer Betätigung. Der Unbegabte sieht keine Aufgaben: "Alles ist schon gemacht." (Im Unterschied zu künstlerischer Betätigung. Hier darf grundsätzlich jeder jedes Motiv von neuem aufnehmen. Es fragt sich nur, was er daraus macht. Hier kennzeichnet sich die Arbeit des Unterbegabten durch Entlehnung und Anlehnung.) Dem Dilettanten fehlt das Sitzfleisch für die Ausarbeitung seiner Idee. Sein Wille reicht nicht für fachgemäße Vorarbeit. "Dilettantismus", sagte Prof. Brückner (Geograph) in einer Fakultätssitzung, "ist das Erreichenwollen hoher Ziele ohne Kenntnis der notwendigen Mittel." Bis zu einem gewissen Grade gehört zu der Begabung eine eigenartige Findigkeit, aus allem sich irgend Darbietenden das zur eigenen Arbeit in brauchbarer Beziehung Stehende zu erfassen und zu verwerten. Man spricht oft vom "Finderglück". Das ist ein Korrelat zur Arbeitsbefähigung. Rösler prägte in der Studienzeit das Wort, es wäre bei mir "ein parti pris, überall etwas zu lernen". (Weil ich die langweiligen Haulervorlesungen besuchte, aus denen man "sich doch nichts holen könne".) Davon verschieden ist dann allerdings der "glückliche Zufall", auf etwas gerade im richtigen Augenblick und nicht etwa ein halbes Jahr später zu stoßen. So kam ich einmal am Semesterbeginn aus Versehen statt zu Hauler zu Bormanns Vorlesung. Eugen Bormann, der vortreffliche, als große Autorität seines Faches (Epigraphik, Paläographie, römische Geschichte) anerkannte Gelehrte, war eine etwas spaßhafte Erscheinung und durch seine bekannte Zerstreutheit eine komische Figur. (Ich kann es mir nicht versagen, ein paar Beispiele festzuhalten. Auf dem Katheder gab es in jedem Hörsaal ein altmodisches Tintenfaß aus weißem Porzellan, das zu Semesterbeginn gefüllt, nach Weihnachten nachgefüllt und erst nach Semesterschluß ausgewaschen wurde. Eine dicke Tintenschlammschicht füllte es dann bis über die Hälfte. Darin fand der Saaldiener zu Ostern eine Uhr. "Die gehört dem Prof. Bormann", war der erste Gedanke. Und richtig. "Ich habe mich oft gewundert, wohin sie so plötzlich verschwunden war", sagte der über den Fund sehr Erfreute. - Einmal bat ihn seine Gattin, er möge ein Armband zum Juwelier tragen - sie wohnten in Klosterneuburg -, und Bormann versenkte es in seine Aktentasche. Nach einiger Zeit fragt ihn seine Frau, ob denn das [(144)/145] Armband noch nicht abzuholen sei. "Armband? Was für ein Armband?" Frau Bormann beschreibt es. "Ach, das war von dir? Das habe ich plötzlich in meiner Tasche gefunden, zu Tode erschrocken, wie da so etwas hineingeraten sein kann, und sofort als Fund auf die Polizei getragen." - Viel belacht wurde seine Führung in Carnuntum, als der Kaiser einmal auf eine Stunde hinkam. Bormann sollte im Museum führen - eine Viertelstunde -, ein anderer im Gelände, beim Amphitheater usw. Wie immer beim Kaiser war alles auf die Sekunde pünktlich geregelt. Bormann empfängt den Landesherrn am Tor des Vorgartens und beginnt seine Aufgabe mit der Erklärung eines römischen Meilensteines. "Wie Majestät wissen ..." - Der Kaiser macht eine verneinende Gebärde. "Ach, das wissen Majestät nicht?" fragt Bormann erstaunt und holt weiter aus. Nach zwei Sätzen fragt er zwischendurch: "Wissen Majestät?", und da der Kaiser lächelnd abwehrt: "Ach, das wissen Majestät auch nicht?" Und holte noch weiter aus. Die Herren des Gefolges wurden unruhig, der Adjutant schob sich hinter den Kaiser und machte Bormann Zeichen mit der Uhr. Der war in seinem Stoff und bemerkte nichts. Die Viertelstunde war längst um, ehe der Kaiser auch nur bis an die Schwelle des Museums gelangen konnte, und der Besuch mußte abgebrochen werden.)

Ehe ich Zeit hatte, meinen Irrtum gewahrend, den Saal wieder zu verlassen, war er auch schon heruntergerannt, händigte mir einen Textabzug aus und nötigte mich zum Sitzen. So hörte ich einige Einzelheiten, die ich gerade für die am nächsten Tage stattfindende Seminarinterpretation prächtig brauchen konnte.

Meine Arbeit über die Ortsnamen fiel befriedigend aus, ohne irgend etwas Neues beizubringen. Immerhin teilte ich die Benennungen nach bestimmten Gesichtspunkten ein, stellte das Wachstum der einen und das Abnehmen der anderen Benennungsweise historisch und statistisch fest, unterhielt mich sehr gut und lernte viel. Ich konnte die Arbeit späterhin im Kolleg verwenden.

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Im zweiten Semester arbeitete ich nach eigner Wahl eine Anregung aus dem ersten, dem neuprovenzalischen, Seminar aus. Ich übersetzte ein Gedicht von Bertran de Born ins Neuprovenzalische und betrachtete in den Anmerkungen prinzipielle Unterschiede zwischen beiden Sprachperioden. Die kleine Studie gefiel Meyer-Lübke, und er regte mich an, sie an Mistral zu schicken, dem es damals durchaus neu sein mußte, Gegenstand eines Universitätskollegs zu sein. War doch Meyer-Lübke einer der ersten, der das durchführte, sehr im Widerspruch zu Mussafia, der das Neuprovenzalische als Mistrals "Kunstsprache" nicht ernst nahm. Vergeblich wandte ich ein, daß die altprovenzalischen Dichter auch eine "Kunstsprache" geschaffen hätten. Er blieb bei der Ablehnung. Mistral erwies sich der Ehrung durchaus nicht gewachsen. Er antwortete nicht. Als ich 1906 nach Avignon kam, [145/(146)] suchte ich ihn auf. Er war ein auffallend schöner Mann (damals nicht weit von siebzig) und fühlte sich als solcher. Er gehörte zu den Sehenswürdigkeiten von Avignon. Im Tabakgeschäft neben dem Museum erhielt man die Auskunft, wo er zu besichtigen sei, entweder vor einem Kaffeehaus auf dem Hauptplatz oder vor dem Bahnhof. Er erinnerte sich meiner damaligen Sendung, wußte aber wenig zu sprechen.

Den folgenden Sommer verbrachten wir auf der Mendel, und in der Hängematte auf einer von köstlichem Duft erfüllten blumigen Wiese ließ ich mir von Kindern, unbeschäftigten Hausknechten, Schweinehirten, Schullehrerinnen Proben der nonesischen Mundart zutragen. Das Abhören von Mundarten kam damals erst auf. Ich hatte keine Ahnung, wie andere es anfingen. Mit Gartners rätoromanischer Grammatik bewaffnet, zog ich aus. Das übrige überließ ich dem Zufall. Ich sammelte ein überreiches Material, denn ich hatte großen Zulauf. Nicht nur wegen der Merkwürdigkeit des Unternehmens und der großen Umgänglichkeit des gutmütig-liebenswürdigen Volksschlages: ich zahlte 10 Heller für jede Unterredung. So kamen mir nicht nur die Formen der Mundart, sondern auch Rätsel, Lieder, Märchen zu. Am nettesten war das Erlebnis mit dem Kuhhirten, der mich bat, seinen Stall zu besuchen. Auf einem Brettchen an der Wand fand ich einen Ariost. Eines Tages fragte ich ihn, ob er nicht noch mehr Geschichten wüßte, das verneinte er mit dem bemerkenswerten Satze: Er wüßte wohl noch einige, aber die könnten das Ohr einer Dame beleidigen. Er schickte einen Kollegen. Wie der aber den Mund aufmachte, sagte ich ihm, er wäre ja nicht aus dem Val di Non, sondern aus dem Val di Sol. Er sah mich starr an. Woher ich das wisse? Er konnte nicht fassen, daß ein Fremder den Mundartunterschied erkannte. Die überaus umfangreiche Arbeit, die ich dann im dritten Semester ausarbeitete, ist zum Teil im Druck erschienen, allerdings nicht unter meinem Namen. Der viel jüngere Kollege Battisti, der sich mit der systematischen Erforschung der italienischen Mundarten einen guten Namen gemacht hat, bat mich um das Material, verwertete es, gab das Manuskript nie mehr zurück, bemerkte aber, meine Einleitung mit der vergleichenden Darstellung des Nonesischen, Trientischen, Mailändischen usw. sei für ein drittes Semester eine ganz erstaunliche Leistung gewesen, wenn auch der große Ascoli fünfundzwanzig Jahre früher schon dasselbe gesagt hatte, was mir aber unbekannt war. Es machte mir immer mehr Freude, selbst zu finden als zu lesen.

Im vierten Semester gab es Übungen an La Fontaine. Ich erschrak, als ich es las. Wird das langweilig sein! Es war aber sogar sehr kurzweilig. Jeder mußte eine Fabel bearbeiten, ihr Motiv durch alle Vorläufer und Nachfahren verfolgen, und es gab spannende Arbeit. Ich bekam die "Landmaus und die Stadtmaus", unterhielt mich und plagte mich und brachte nichts Neues bei. Im fünften Semester hatten wir rumänisches Seminar, und ich fand es nun angezeigter, meine [(146)/147] Arbeit aus dem Seminarstoff selbst zu wählen. Schon in einer der ersten Übungen bot sich das Problem des Possessivpronomens der dritten Person Singularis. Ich stürzte mich darauf, angstvoll, ein andrer Seminarist werde es mir wegschnappen. Aber es dachte keiner daran. Als sich mir eines Tages der Knoten löste, fuhr ich von der Ottomane wie von einem Freudenstrahl getroffen auf. Es war das erste derartige Erlebnis.

Ich habe bei jeder Studie nach bester Einsicht, nach bestem Gewissen gearbeitet. Ob es etwas tauge, wußte ich nie. Ich konnte es nicht besser, oder vielmehr nicht anders machen. Als ich Mussafia, der seinerzeit eine maßgebende Arbeit über Rumänisch verfaßt hatte, nach einem sonst in Wien nicht vorhandenen rumänischen Buche fragte, öffnete er einen Kasten und hieß mich alles heraus- und forttragen, unter der einzigen Bedingung, den ihm unnützen Kram nie wieder zu bringen. Darunter waren aber für mich sehr wertvolle Schätze. Er fragte, was ich eigentlich arbeite, und ich skizzierte ihm den Grundgedanken. "Das ist das Merkwürdigste oder das Tollste, was ich je gehört habe. Aber es wird das Tollste sein." Er sah die Studie erst ein, als Meyer-Lübke sie schon beurteilt hatte. Ich ging ziemlich zaghaft zu der Besprechung, zu der dieser mich vorlud. Er fragte nach dem Grunde meiner Anordnung. "Weil ich selbst so auf den Sachverhalt gekommen bin", antwortete ich. Das wäre gewiß biographisch sehr interessant, meinte er, wissenschaftlich aber empfehle es sich doch besser, nicht übers Dach, sondern durch die Tür ins Haus zu kommen. Ich sollte, nach Einbeziehung der Mundarten, die ganze Studie auf den Kopf stellen und sie dann an Gröber, für die "Zeitschrift für Romanische Philologie", schicken. Ich war sprachlos. Das war die größte Ehre, die einem Romanisten zuteil werden konnte. Ich rannte nach Hause und zu Helene, die ich endlich, im Keller beschäftigt, fand, und schrie ihr glutübergossen die Nachricht zu. Es war so überraschend, daß sie zunächst an einen übertriebenen Scherz glaubte.

Die Dialektstudien waren schwer und mühsam. Endlich war ich fertig, und nun ließ Mussafia sich vorlesen. Seine erste Bemerkung war: "Wer, glauben Sie, kann denn Rumänisch?" Alle Beispiele müßten übersetzt werden. Das bedeutete eine vollkommen neue Abschrift, und da ich an schweren Handschmerzen litt, sogar die Linke zum Schreiben herangewöhnen mußte, eine üble Geduldprobe. Erst im sechsten Semester war ich fertig. Diese Studie eröffnete meine Beziehungen zu Gröber, der mir mit größter Güte und Liebenswürdigkeit entgegenkam. Es gab ein Scherzwort über die Romanisten am Rhein: "Der in Bonn (Wendelin Foerster) ist grob, aber der in Straßburg ist Gröber." Ich habe das nie feststellen können.

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Das "rumänische Possessivpronomen" erschien 1901. Mehr als das freundliche Echo, das von den Empfängern der Sonderabzüge zurückschallte, freute mich eine Nachricht aus Berlin. [147/(148)] Freund Peter Rona erzählte von dem Gespräch mit einem ihm fremden Herrn über den Wandel der Zeiten in bezug auf die Frauenschriftstellerei. Sonst, sagte der Herr, hätten die Frauen außer Liebesromanen allenfalls über das Großreinemachen oder Obsteinkochen u. ä. geschrieben. Kürzlich sei ihm nun in der ersten deutschen Fachschrift eine durchaus ernstzunehmende Abhandlung über ein ganz heikles Thema begegnet, vortreffliche Arbeit, die ganz und gar den Stempel der Meyer-Lübke-Schule zeige. Übrigens stamme sie auch aus Wien. "Heißt sie Elise Richter?" fragte Peter schmunzelnd. "Dann stimmt es ja." - "Den Stempel der Meyer-Lübke-Schulung an der Stirn tragen" erschien mir damals ein weit bedeutungsvolleres Lob als Originalität, ein Ehrenzeichen, das mich von den anderen absonderte.

Die rumänische Studie war übrigens nicht meine erste Veröffentlichung. Am Schlusse des sechsten Semesters hieß es, sich für die Dissertation zu entscheiden, und ich warf mich mit wahrer Begeisterung auf die Wortstellung. Zunächst wurde bestimmt: spanische Wortstellung. Ich beschaffte mir die ältesten spanischen Texte, vor allem das "Fuero juzgo", und verlebte wonnevolle Wochen in Venedig. Wir verbrachten den Morgen bei den Sehenswürdigkeiten, in der Stadt, dann kam die Collazione in unserem kleinen Hotel San Marco hinter der Kirche, so daß wir gerade vom Fenster aus auf die herrlichen berühmten Pferde sahen. Der Wirt, von der besten, gemütlichsten italienischen Art, setzte einen Triumph darein, uns täglich eine andere Art Risotto oder Maccaroni vorzusetzen. Nach diesem Genuß fuhren wir auf den Lido, damals - besonders im August, September - ein ganz stiller Aufenthalt. Es gab Hütten, aber nur wenige Reihen. Wir mieteten unmittelbar am Meere eine geräumige Capanna, in deren Kasten eine ganze Bibliothek, Malkasten, Kleider und Hängematte verstaut werden konnten. Von der Meerbrise geschaukelt, lag ich im Schwimmkleid in der Hängematte mit meinem Folianten und genoß den Eintritt in die Welt der neuen Aufgabe. Bald zeigte es sich mir, daß Spanisch doch nicht in der Luft hänge, daß ich ins spanische frühmittelalterliche Latein tauchen mußte. Und nun kam eine Entdeckung nach der andern: Ich drang ins Vulgärlatein tiefer und tiefer zurück und kam schließlich bei der ältesten lateinischen Inschrift an, die wir besitzen, und die enthielt eine "romanische" Wortstellung. Nun war es klar, daß es keine "spanische", sondern nur eine allgemein-romanische Untersuchung werden konnte, daß die romanische Wortstellung sich aus der lateinischen und innerhalb der lateinischen entwickelt hat. Daraus ergab sich dann die Aufgabe, die Beweggründe der Veränderung festzustellen. Das Thema wurde immer reichhaltiger. In den portugiesischen "Monumenta Portugaliae historica" fand ich bei diesen Studien unter andern reizvollen Geschichten auch die portugiesische Version der Learsage, die den Anglisten bisher entgangen war und die ich Hoops für die "Englischen Studien" einsandte. Diese sehr kleine Miszelle - Text mit Übersetzung und wenigen Anmerkungen - war meine erste [(148)/149] Veröffentlichung. Die Korrektur kam in der Promotionswoche (1901) und machte mir solchen Eindruck, daß ich mir die Adreßschleife zum Andenken aufhob. Das freudige Interesse an Korrekturen ist mir durchs ganze Leben ungeschwächt geblieben. Korrektur geht vor aller Post, und wäre es das Wichtigste.

Gleich nach der Promotion holte ich mir das Wortstellungsmanuskript zurück, um es zu erweitern und zu vertiefen. Das Buch erschien erst Anfang 1903. Nach meiner späteren Einsicht blieb eigentlich damals das Wichtigste ungesagt. Ich beschäftigte mich noch oft mit dem reizvollen Thema, zum Beispiel in "Grundlinien der Wortstellungslehre" (1922); eine vollständige Bearbeitung, wie ich sie jetzt richtig finde, habe ich nur in meinem vorletzten Kolleg (1937/38) gegeben.

Das Wortstellungsbuch brachte mir zum ersten Male in größerem Ausmaße die so wohlschmeckende carne di lodola. Den Reigen eröffnete Heinzel, der mir, in den letzten Februartagen - schönstes Geburtstagsgeschenk! - schrieb, er hätte viel daraus gelernt. Dann kam die Zustimmung Toblers und anderer. Die wichtigste war die Gröbers, der an Meyer-Lübke schrieb, seit seiner (Meyer-Lübkes) Dissertation über das romanische Neutrum sei keine Dissertation von so umfassender Bedeutung auf den Tisch gelegt worden. "Schade, daß sie nicht in Amerika lebt, da würde sie auf das Buch hin Professor werden." Ich stand vor dem Bücherrückgabeschalter in der Universität, als Meyer-Lübke an mich herantrat und mir von dieser Äußerung Mitteilung machte. Ich sah sie als ein hingeworfenes Hölzel an und fragte, ob ich es wagen dürfte, die Dozentur anzustreben. Er war so ohne Bedenken einverstanden, daß ich glaube, er hatte schon selbst daran gedacht. Sofort entwarf er den Schlachtplan. Das Nächste müsse natürlich sein, daß ich eine Habilitationsschrift verfasse, und ohne lange Überlegung griff ich zu dem Thema "Ab im Romanischen".

Wortgeschichtliche Arbeiten waren damals nicht neu, aber die Geschichte eines Indeklinabile selten. Der sprachpsychologische Hintergrund zog mich an. Ich fand die von Tobler geheiligte Ansicht, daß "Ab" im Romanischen nicht enthalten sei, unbegründet. Der Kampf mußte ebenso behutsam wie wohlvorbereitet angegangen werden. Die Arbeit selbst lief ohne alle Hindernisse fort und fesselte mich mächtig. Ich war ganz Freude. Wesentlich schwieriger waren die Korrekturen. Meyer-Lübke las die Korrekturen seiner Schützlinge regelmäßig mit, weil er sich dafür interessierte, daß Anfängerungeschicklichkeiten und kleine Schnitzer vermieden wurden, an die sich die Referenten so gern hängen. Mussafia aber las grundsätzlich nie fremde Korrekturen, und es war daher eine besondere Auszeichnung, wenn er sich sie zeigen ließ. Schon bei der Wortstellung ging es hart zu. Sein schreckliches "Das verstehe ich nicht", das gleichbedeutend war mit "Das ist doch ein Unsinn", tönte mir später beim [149/(150)] Schreiben immer noch im Ohr. Er wollte sich nicht darein finden, daß Wortstellung in erster Linie auf der Domäne der Sprachpsychologie liege, fand Abschweifungen, wo ich Grundlage baute usw. Ich hoffte nun, daß ein Gebiet wie "Ab" ihm weniger Anlaß zu grundsätzlicher Ablehnung geben werde. Aber weit gefehlt. Wozu er eine Korrektur lesen und "sehr schön" dazu sagen solle? Das hätte ja gar keinen Wert. Er las als advocatus diaboli, ließ kein Wort neben dem anderen, bohrte jeden Satz an, ob er nicht irgendwo anfechtbar sei, machte den Stoff zu seinem eignen und legte den Maßstab an, nach dem er selbst die Arbeit gebaut hätte. Eine Rechtfertigung, überhaupt einen Einspruch, duldete er nicht. "Nehmen Sie sich das nach Hause, überlegen Sie es sich, ein Gespräch hierüber ist nicht nötig. Übrigens schreiben Sie nur, was Sie sich selbst gedacht haben." Mitunter war die Lage besonders kritisch, wenn er eine Korrektur Meyer-Lübkes anfocht und widerlegte. Da gab es allerdings keine andere Lösung, als mit Hintansetzung allen Respektes seiner eignen Meinung zu folgen. Sah mich Mussafia ganz zermürbt von seinen Angriffen, so erklärte er sein Vorgehen: Er untersuche alles, ob noch eine Stecknadelspitze in eine Lücke treffe. Was dann niet- und nagelfest sei, das sei wahres Gut der Wissenschaft. Übrigens solle ich mir keine grauen Haare wachsen lassen, mein Buch werde den größten Beifall haben, denn niemand werde es je wieder so genau lesen wie er.

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Er selbst war in seiner Ausdrucksweise ungemein zusammengefaßt und rügte alles Weitschweifige. Da zog ich bei der Beweisführung von ital. da aus ab auch einige Beispiele für de heran, das, so wenig wie da, die Dopplung des folgenden Konsonanten bewirkt. Das strich er weg. "Wenn Sie alles anführen wollen, was keine Konsonantendopplung herbeiführt, können Sie ein Buch schreiben, so groß wie die Welt." Charakteristisch für seine eigne Arbeits- und Denkweise waren zwei Momente: An einem viel umstrittenen Punkte der Arbeit fehlten ihm Beweise aus dem Altfranzösischen. Ich hatte keine gefunden. "Dann durften Sie das nicht aufstellen." Nach einem Vierteljahr fand ich den ersten Beleg und schickte ihn ihm sofort. "Dann hätten Sie mit der ganzen Veröffentlichung warten müssen, bis Sie ihn haben." So machte er es, und wenn es zwanzig Jahre währte. Das zweite Mal bei der Darlegung, daß frz. avec in ältester Zeit nur adverbial und erst dann präpositional gebraucht wird. Da war er entzückt. Das hätte textkritischen Wert. Dafür könne man das ganze übrige Buch in Kauf nehmen. Ich lernte unter Schmerzen bei seinen Korrekturen, aber ich trug unvergeßliche Lehren heim. Die größte Schwierigkeit bei diesem Buche war dann die Widmung, die den Lehrern gelten sollte. Mussafia erklärte sofort, ihm allein könne ich das Buch nicht widmen, und mit Meyer-Lübke zusammen schien ihm die Gabe zu klein. Meyer allein, das stelle ihn selbst in falsches Licht. Ferner: ein zu einer Prüfung eingereichtes Buch den Prüfern widmen, sei eine captatio benevolentiae. Also lieber jemandem ganz außerhalb Stehenden, dem Andenken des [(150)/151] kürzlich verstorbenen Gaston Paris. Dazu hatte ich keine Lust. Ich fragte Meyer-Lübke, der unbedenklich (für beide) annahm. Tobler schrieb von meinem mutigen Vorstoß, der ihn so ziemlich überzeugt habe. Das Buch wurde im Herbst dem Dozenturgesuch beigelegt (1904). Eine wahre Arbeitsgier packte mich. Ich meinte, ich müsse zerspringen, wenn ich dem Produktionsdrang nicht alle Ventile öffne.

Die nächste größere Arbeit beschäftigte sich mit der weitverzweigten Wortsippe bur(d). Es galt nun, die verschiedenartigsten Untersuchungen durchzuführen, wie es den Wortgeschichtler oft trifft. In wildem Schneegestöber, mit rot vom Winde zerschnittenen Wangen kämpfte ich mich zur Hochschule für Bodenkultur hinauf, grundlegende Studien über die verschiedensten Rohrarten und andere Pflanzen zu machen, und hochbefriedigt von da zu Meyer-Lübke, ihn über meine Entdeckungen auf dem laufenden zu halten. Um über burrire, "Trompeten der Elephanten", eine klare Vorstellung zu gewinnen, fuhr ich nach Schönbrunn ins Elephantenhaus, das wochentags im Winter ein überaus friedliches Idyll bot. Die Elefanten rührten sich nicht. Ich zog den Wächter ins Gespräch, was man wohl tun könne, daß sie brüllten. Er kitzelte den einen ein wenig am Schwanz, worauf ein etwas murrendes Geräusch erfolgte. Das Ergebnis bestand einzig in dem Trinkgeld an den Wärter. Um so lauter brüllten (vor Lachen) die Kollegen, als ich auf dem nächsten Kneipabende meine Forschungsabenteuer schilderte.

Es kamen schließlich so verschiedenartige Verzweigungen der Wortbedeutung heraus, daß die Tabelle, die ich darüber machte, ein viele Seiten breites "Tableau" ergab, eine gediegene Aufgabe für Holzhausen, den Herausgeber der Schriften der Akademie der Wissenschaften, in denen bur erschien. Helene sagte, das alles enthaltende bur sei das große Weltei, und das gab wieder Veranlassung zu einem künstlerisch wohlgelungenen Scherz Martha Friedländers. Diese begabte Bildhauerin, damals noch in ihren Anfängen, war die Gattin des Professors der Chemie Paul Friedländer, des Sohnes von Ludwig Friedländer. Er war ein stiller Mann, der sehr schön musizierte. Von seiner wissenschaftlichen Tätigkeit weiß ich nur, daß er die chemische Mischung des antiken Purpurs wieder aufgefunden hat. Seine lebhafte, liebenswürdige Frau und die reizenden Kinder machten den Verkehr angenehm, und da Frau Friedländer mich zu modellieren wünschte, saß ich ihr. Sie führte die Büste auch in Marmor aus, aber gelungen war sie nicht. Desto mehr Talent zeigte der auf bur bezügliche Scherz. Nach beendigter Sitzung bat sie, noch allein an dem Modell arbeiten zu können. Als wir später dazu kamen, fanden wir, am Busen der Büste, wie ein Brustbouquett, einen vortrefflich modellierten Drachen, der das Weltei in den Pranken hält. Auf das Ei war bur eingeritzt. Wir erhielten es jahrelang im Glaskasten, bis es endlich zerfiel. [151/(152)]

Während ich auf die Bestätigung der Venia wartete, kreisten die Gedanken unaufhörlich um das ersehnte Ziel. Welche Vorlesungen könnte man halten? Und wie sie anordnen? Da die Bestätigung immer wieder in nebelhafte Fernen gerückt wurde, überkam mich die Ermattung, die Resignation. Ich räumte alle Kollegienpläne weit fort, "wie die Leiche eines toten Kindes", und beschloß eine andere Arbeit, die Herausgabe eines Textes, zu dem ich rein zufälligerweise in Beziehung getreten war, als ich einen Beleg für ab im "Godefroy" aus einer ungedruckten Dichtung "Séjour d'honneur" des Octovien de Saint-Gelais fand. Das 15. Jahrhundert hat mich immer weniger interessiert als seine Vorgänger, ich haßte von je allegorische Dichtungen. Dennoch hatte ich mir eine Kopie der 15.000 Verse des "Séjour" anfertigen lassen und stürzte mich nun kopfüber in das Studium. Die Abschrift erwies sich als das Machwerk eines gänzlich unfähigen, verantwortungslosen Dilettanten, sie war unbrauchbar. Hingegen hatte Octovien die erste französische Versübersetzung von Aeneas Silvius (Piccolomini, Papst Pius V.) reizender Novelle "De duobos amantibus, Lystoire de Euryalus et Lucresse" verfaßt, ebenfalls unzugänglich in ihren sechs Inkunabeln (Wien, Paris, London). Ich begann zunächst mit Euryalus, und mußte nun den ganzen Dornenweg der Druckvergleichung, der Druckfehlervergleichung usw. durchwandern, eine Arbeit, die mir nicht nur nicht lag, sondern im höchsten Grade zuwider war, ja, ich empfand sie als unwürdige Quälerei. Zudem erwies sie sich viel anstrengender als meine andern Studien. In Paris, sehr gefördert von dem Direktor der Handschriftenabteilung der Bibliothèque Nationale, dem Historiker Ormond, mußte ich die schwer entzifferbaren Krakel der Akten aus dem 14. bis 15. Jahrhundert lesen, um Octoviens Familiengeschichte zu verfolgen. Schon rein äußerlich strengte mich die Arbeit in dem sehr eleganten Arbeitszimmer an, in weiten großen Armstühlen, zwar aus rotem Brokat, aber in denen, wenn man doch den kostbaren Akt auf dem Tisch liegen hatte, der Rücken gänzlich ununterstützt blieb, eine für mich gefährliche Stellung. Am liebsten arbeitete ich in der Mazarine, wo ich der einzige Leser war. Täglich mußte ich mich in das Arbeitsbuch einschreiben. Einmal äußerte ich dem Beamten mein Erstaunen darüber. Er lächelte: "Sehen Sie, wir haben geringen Zuspruch, und es besteht die Gefahr, unsere Dotation zu verringern. Da ist es für uns sehr wichtig, zwanzig oder dreißig Arbeitstage nachweisen zu können." Der Aufenthalt in Paris erschöpfte mich. Endlich brach ich ihn ab - die Hauptsache war ohnehin in London zu tun -, und wir fuhren über die schönen Loire-Schlösser nach Cognac, dem Geburtsort, und Angoulême, dem Bischofsitz Octoviens. Ich suchte dort den Direktor des kleinen Museums auf, der ganz begeistert darüber war, daß sich jemand dorthin verirrte und gar über den alten Octovien arbeiten wollte. Er überbot sich an Zuvorkommenheit, schenkte mir einen lebensgroßen Gipsreliefkopf Octoviens, der uns auf der Weiterfahrt ein beschwerlicher [(152)/153] Reisegenosse wurde, führte uns den ganzen Tag herum, so daß ich, ohne das geringste wissenschaftliche Ergebnis, halbtot vor Ermüdung hinsank. Den nächsten Tag fuhren wir nach La Rochelle, in der Absicht, am Meer auszuruhen und zu baden. Da hatten wir allerdings nicht mit dem Ozean gerechnet. So reizend abends der kleine Hafen vor unseren Fenstern lag, morgens waren alle Schiffe auf dem Trockenen. Das Wasser hatte sich gut eineinhalb Kilometer zurückgezogen. An Baden war erst spät am Nachmittag zu denken. Dazu eine drückende Hitze. Wir packten zusammen und fuhren nach dem nächsten etwas höher gelegenen Örtchen, wo ich vierundzwanzig Stunden schlief, ehe wir die Wanderung in die Bretagne antraten, die in St. Malò endete. Wie ein Alp lag die Arbeit auf mir. Da erreichte mich die Nachricht von der Bestätigung. Flugs vergrub ich die Manuskript-Mappen in den fernsten Winkel und begann meine Tätigkeit.

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Aber die viele aufgewendete Mühe wollte ihr Recht, ihren Lohn. 1913 nahm ich die Arbeit wieder auf, in Wien, Paris und London, mit dem Aufwand aller Energie. Denn es waren noch schwere Hindernisse zu überwinden. Die wichtige Anthitus-Bearbeitung galt für verschollen. Ich ging der letzten Spur nach und erspähte ein Exemplar in englischem Privatbesitz, erhielt die Erlaubnis, es einzusehen, und erfuhr zugleich, daß am nächsten Tag die ganze Bibliothek verpackt würde, da der Besitzer, Charles Fairfax Murray Esqu., soeben nach Florenz übersiedle. In Anbetracht meiner Verzweiflung, stellte mir Mr. Murray das Exemplar zu dreitägiger Benützung im British Museum zur Verfügung. Der folgende Tag war Sonnabend, an dem die Bibliothek um elf Uhr sperrte. Wir fuhren nach Oxford, wo ich in der Bodleiana in fliegender Hast arbeitete, denn die Bibliothek hatte Ferien, und ihre Benützung auf zwei bis drei Vormittagsstunden wurde mir nur durch besondere Begünstigung zuteil. Am Montag ging es dann mit äußerster Anspannung an den Anthitus. Abend mußte ich fertig sein. Ich kopierte und kollationierte und fuhr zu dringendster Erholung auf die normannischen Inseln. In Wien bei der Ausarbeitung stellte sich heraus, daß aus der achtzeiligen Schlußstrophe, die das Anagramm "Anthitus" enthält, eine Zeile ausgefallen war, wodurch die nicht unwichtige Besprechung der Autorschaft unter den Tisch fiel. Von der Beschämung und Bestürzung kann sich nur eine Vorstellung machen, wer Ähnliches selbst durchlebt hat. Kein Suchen nützte. Ich mußte die Adresse Mr. Murrays ausfindig machen und ihn zu der nicht zu unterschätzenden Mühe veranlassen, aus den noch nicht ausgepackten Kisten das Miniaturbändchen herauszufischen und die Oktave nochmals zu kopieren. Keine andere Arbeit hat mir so viel lästige Plage verursacht und so geringe Freude bereitet wie diese. Von Guernsey mußten wir viel früher weg, als mir erwünscht war, weil sonst die Flugverhältnisse den Termin der Abreise gar zu sehr verzögert hätten. So kam [153/(154)] ich wieder in die Reibemühle nach Paris zu den letzten Arbeiten, diesmal im Bücherraum der Bibliothèque Nationale, wo mir erst nach längerem Kampf das Vergleichen von fünf Büchern gleichzeitig gestattet wurde. Ich erholte mich den ganzen Winter nicht von dieser Sommerreise und wünschte daher, im Sommer kein Kolleg zu halten. Meyer-Lübke meinte aber, das wäre Wasser auf die Mühle derer, die vom Strohfeuer der Frauen sprachen. Und so interpretierte ich aus den Fahnen Octovien und dazu Villon, in einem Kolleg über das 15. Jahrhundert, mich selbst von der sprachlichen und literarischen Bedeutung dieses Wendepunktes überzeugend. Der Krieg brach aus. Der Widerhall der Arbeit war weit geringer als der meiner andern Schriften.

Durch das Studium Octoviens kam ich zu unserem Exlibris. Ich wollte nur einen Blick auf seine Heroidenübersetzung werfen, die erste in französischer Sprache, und kam dabei - ganz zufällig - an den Prachtband, eine der schönsten Handschriften der Nationalbibliothek mit ganzseitigen Miniaturen aus der Rouenneser Schule. Das "schreibende Weib" erschien mir sofort als das für uns vorgeschaffene Buchzeichen. Es war schwer, unter den übrigens in durchaus gleich gehaltenem Stile gekleideten Gestalten die schönste zu wählen. Schließlich siegte Hypermnestra sogar über Helena. Die in Weiß und Schwarz mit Goldverzierung gekleidete Gestalt sitzt am goldenen Tische vor goldnem Wandschmuck auf weiß-schwarz gemusterten Fliesen; der Blick öffnet sich auf grün-goldene Gartenlandschaft.

Der Einrichtung auf ein Exlibris unterzog sich Alfred Cossmann mit seinem ganzen Geschick. Es ist eines seiner schönsten geworden. Bemerkenswert vor allem die Anbringung der Schrift an Stelle des Wappenzeichens Carls VIII. Das oben eingefügte Gaya scienzia war schon längst eine Art Motto für mich. Stammt es gleich aus Nietzsche, hatte es mir doch eine andere Bedeutung. Nicht Nietzsches "Fröhliche Wissenschaft" meinte ich, sondern die frohe, froh machende, von Erdensorgen befreiende und erlösende Wissenschaft.

Inzwischen hatte ich eine andere Studie angefangen, die eigentlich den Rest meines Lebens ausfüllen sollte, die über den "Inneren Zusammenhang in der Entwicklung der Romanischen Sprachen", 1909, erschienen 1911 als Beitrag der Meyer-Lübke-Festschrift, aber sie ist auch enthalten in "Wie wir sprechen", den Volkstümlichen sechs Vorträgen (Aus Natur und Geisteswelt, ganz besonders in der zweiten Auflage dieses Bändchens, 1922), in meinen phonetischen Untersuchungen und Kollegien. Das war in der Tat das Weltei, das ich da ausbrüten wollte: Der Gedanke, daß in der Sprache das Artikulatorische, das Empfindungs-, das Gedanken-, das Ausdrucksmoment nur verschiedene Faktoren der einen Sprechabsicht seien, so daß die getrennte Beobachtung uns nicht in Zweifel lassen dürfe über die Einheitlichkeit des sprachlichen Prozesses. Meyer-Lübke schrieb mir darüber, meine Arbeit wäre um mehrere Generationen verfrüht. Es werde noch unendlicher Forschungen bedürfen, und auf den [(154)/155] verschiedensten Gebieten, ehe der Wahrheitsbeweis für diesen Gedanken angetreten werden könne. Das schien mir allzu skeptisch. Ich selbst glaubte es noch einwandfrei darlegen zu können, trotz aller Lücken, deren ich mir nur zu sehr bewußt war. Ich hatte mich damals von den herrschenden Herbarth-Paulschen Anschauungen noch nicht genug freigearbeitet, mit Wundt befand ich mich in Widerspruch, ohne feste eigne Grundsätze gewonnen zu haben, von Phonetik - das fühlte ich am deutlichsten - wußte ich viel zu wenig. Ich fragte um verschiedene Einzelheiten bei Physiologen an, einmal bei Prof. Durig, mit ganz ungenügendem Erfolg. Meine Anschauung über musikalische Sprachen steckte auch noch in der Schulüberlieferung. Nur in der Wortstellungsfrage und allem, was sich daraus erschließen ließ, stand ich auf eignem Grund und Boden und in der Beurteilung des Lateinischen im Verhältnis zum "Vulgär"lateinischen. Ich beabsichtigte die im Inneren Zusammenhang angedeutete "Geschichte der Romanismen im Lateinischen" zu schreiben, und zwar als Gesamtgeschichte der Sprache, in Form einer lateinischen Chrestomathie, die von den ältesten Inschriften ausgehend, alle Äußerungen umfassen sollte, mit denen die volkstümliche Sprache sich von der "klassischen" Überlieferung scheidet - bis zu den romanischen Sprachen herauf. Ein außerordentlich großes Material aus dem "Corpus Inscriptionum" liegt noch unbearbeitet neben dem ganz gewaltigen, das ich für Vorlesungen verwendete. Von der Chrestomathie sind nur wenige Blätter fertig. Die chronologische Phonetik des Französischen ist auch nur ein Beitrag zu diesem groß gedachten Werke, für das mein Leben sich als zu kurz erwiesen hat. Ja, hätte ich die vierzehn Jahre zur Verfügung gehabt, um die ich zu spät zum Studium kam! Es zeigte sich wieder - eine Beobachtung, über die Leon Kellner mich zu necken pflegte -, daß noch nichts von dem vorgearbeitet war, was ich brauchte. Die bisherige Phonetik gab das nicht, was meine Theorien voraussetzten.

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Es war nicht ganz die Schuld dieser Theorien. Die neu einsetzende Experimental-Phonetik, besonders die experimentelle Psychologie haben mir viele wertvolle Bestätigungen meiner Vorahnungen gebracht. Als die zweite Auflage von "Wie wir sprechen" vorbereitet wurde, bot mir Teubner an, das phonetische Kapitel von andrer Hand machen zu lassen, da es nicht mehr auf der heutigen Höhe der Wissenschaft stehe. Ich lehnte nicht nur die Mithilfe ab, sondern schlug Teubner vor, aus dem früheren ersten Kapitel ein eigenes Buch zu schreiben, worauf er gern einging, die "Lautbildungskunde" (1925), die sehr gute Aufnahme gefunden hat. Ich teilte das Gebiet der Phonetik in die mir klar gesonderten drei Gebiete: I. die rein physikalische Lehre vom Schall als einem akustischen Phänomen, das als solches vom Willen des Hervorbringenden nicht mehr abhängt: Die Klangfarbe, die Höhe, die Schallkraft des Lautes als Schall. II. die physiologisch-anatomische Lehre von den Organen als [155/(156)] Hervorbringer der Laute, also die Lehre von den Möglichkeiten der Hervorbringung. III. die psychische Lehre von der wirklichen Hervorbringung der Laute, vom Artikulieren als psychophysischer Funktion. Also Lautphysik, Lautphysiologie und - Anatomie, Lautpsychologie. Die Phonetik, so erfaßt, ist das Grundgebäude der Sprachwissenschaft, auf dem sich alles übrige aufbaut.

Ich beabsichtigte mit der Lautbildungskunde eine Einführung in die weitverzweigten Probleme unserer Wissenschaft. Ist der erste Teil ihr einziger rein naturwissenschaftlicher, so schließt der dritte einerseits die Lehre von der Hirnrinde, andererseits die Kenntnis - und die Erkenntnis der Ursachen - von synchronischen und diachronischen Sprachvorgängen ein. Das Schönste, was mir über mein Büchlein zu Gehör kam, sind die Worte Schuchardts, dem es gewidmet ist, das wäre "ein als Büchlein verkleideter Foliant".

Die volle Ausführung des "Zusammenhang"gedankens, die ich in einer "Systematischen Sprachbetrachtung" zu geben beabsichtigte und auf die ich verschiedentlich hingewiesen habe, ist mir nicht beschieden gewesen. Hier hat das Schicksal ausgeführt, was mir als Kind einmal gedroht hat. Ich hatte nämlich - ohne jedes Vorbild in der Umgebung -, die Gewohnheit, bei Tisch den besten Bissen für zuletzt zu lassen, von der Torte die Glasur, vom Grießschmarrn die Rosinen, die ich sorgfältig sammelte. Welcher Schrecken, als mir einmal das Dienstmädchen den Teller forträumen wollte, auf dem noch die Rosinen lagen! Laut aufschreiend hielt ich ihn mit beiden Händen fest. Die zusammenfassende Arbeit, in der der Innere Zusammenhang alles sprachlichen Geschehens seinen vollen Ausdruck bekommen hätte - die Rosinen der Lebensarbeit -, war mir nicht vergönnt. Der Teller wurde abgeräumt, die Mahlzeit als beendet angesehen. Vielleicht die beste Skizze meines Stoffes scheint mir der Genfer Vortrag "Über die Einheitlichkeit der Sprechabsicht und die Mannigfaltigkeit ihrer Äußerungen". Hier ist die Akzentfrage in ihrem psychologisch-artikulatorischen Wert klar hingestellt.

Eines bemerkenswerten Umstandes möchte ich gedenken. 1905 veröffentlichte Morf eine vortreffliche Studie - die Besprechung des ihm gewidmeten Festbandes (Archiv für Neuere Sprachen und Literaturen 6 XV). Rund fünfundzwanzig Jahre später kam ich darauf, daß er über die Rolle des Akzentes darin Worte sprach (S. 451 ff.), die der Ausgangspunkt meiner Untersuchung sein konnten. Und doch habe ich damals nicht den geringsten Eindruck von dieser Stelle gehabt, und auch Meyer-Lübke, mit dem ich über die Neuerscheinung sprach, erwähnte sie nicht, erfaßte die zukünftige Bedeutung nicht. Die Zeit für diese Sprachauffassung war noch nicht da. Soll man hier von Perseverieren des Gelesenen sprechen? (Vgl. meine Studie über Unterbewußte Vorgänge im Sprachleben.) In den dreißiger Jahren des Jahrhunderts kam ich auch darauf, wie nahe meine Arbeit mit denen von Baudouin de [(156)/157] Courtenay zusammenhängt, die rund siebzig Jahre früher erschienen sind. Ich schrieb ein paar Zeilen an den uralten Herrn. Fast umgehend kam die Antwort von der Hand seiner Tochter. Wie sehr er sich über meine Zuschrift gefreut hätte, wäre er nicht - am Tage vor deren Ankunft - verschieden.

Der kleine Band "Fremdwortkunde" von 1922 ist in letzter Linie aus den "germanisch-romanischen Kulturbeziehungen" entstanden, einem Kolleg der ersten Jahre, eine Lehnwortkunde, die ich im Kriege schrieb, deren Druck sich aber beträchtlich verzögerte. Ich machte die Korrekturen 1918, während ich wegen des Nachlasses nach Tante Pauline oft oben in der leeren Wohnung weilen mußte. Heutzutage ist von den sehr zahlreichen guten Kritiken nur eine interessant: Man freue sich an der echt deutschen Gesinnung der Verfasserin. Das Büchlein befaßte sich auch mit den Triebfedern des Fremdwörtergebrauchs und war schließlich wieder nur ein Teilabschnitt des großen Werkes, dem keine sprachliche Äußerung entgehen durfte.

Es lag nicht nur in meiner Natur, sondern auch in der außerordentlichen Grundlage, die meine wissenschaftliche Erziehung mir gegeben hatte, daß ich mich nicht zu wissenschaftlichen Phantasien hinreißen ließ. Nicht als ob die Wissenschaft der Phantasie entraten könnte. Der Wissenschaftler hat, wie der Künstler, die Vision seines Werkes, das erste Schauen, das nicht selten eine Art heiligen Erschauerns ist. Aber dem Künstler steht es frei, die Vision in die Gestalt realer Wirklichkeit zu kleiden, es sei mit dem Wort, mit dem Pinsel, mit dem Meißel, oder ganz auf dem Boden der Phantasie zu bleiben. Wissenschaft dagegen ist das Streben nach objektiver Wahrheit, das ist: nach einer Erkenntnis, die auch den Köpfen anderer als wahrer Sachverhalt einleuchtet. Sie beruht auf Sachkenntnis, die Kenntnisse führen zur Erkenntnis der Dinge (= im weitesten Sinn, der Denkobjekte) und zur Erkenntnis ihrer Zusammenhänge. Der "Innere Zusammenhang" ist nichts anderes als eine nach vielem Sinnieren angenommene Verdeutschung von "Causalnexus". Das kausale Denken ist uns, wie Spengler im "Untergang des Abendlandes" fesselnd ausführt, das Hauptkennzeichen des modernen Abendländers. Das Erspüren der Zusammenhänge ist jedoch nicht selten der Phantasie allein vorbehalten. Ohne Phantasie arbeitet kein wahrer Wissenschaftler, aber seine Beweisführung darf nicht im Bereich der Phantasie steckenbleiben. Er muß festen Boden unter den Füßen haben, sonst "phantasiert" er, und seine Ausführungen, so anziehend sie sein mögen, bleiben wissenschaftlich unfruchtbar.

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Diese Art zu arbeiten kennzeichnete die sogenannte "idealistische Neuphilologie", die Vosslers Namen trägt. Vossler war der weitaus begabteste Romanist der Generation nach Meyer-Lübke (er war kaum zehn Jahre jünger als dieser). Er empfand eine Verknöcherung, [157/(158)] eine traurige Altersverkalkung in dem Streben nach tüchtigen Vorkenntnissen, wie Meyer-Lübke sie von jeder Untersuchung forderte und die ihm einen lästigen Zwang, eine Beschneidung der Flügel bedeuteten. Nicht mit Unrecht. Seine Flüge zu höchst anziehenden Ergebnissen waren unmöglich, wenn man ihm mit "Pedanterie" nachwies, daß sein Voraussetzungen falsch waren. Daß Vossler mit seiner ungewöhnlich schönen Darstellungsgabe und seinen geistreichen Gedanken immer anregte, macht ihn in gewisser Hinsicht für junge Gemüter gefährlich, und so berief ihn Meyer-Lübke nicht nach Wien, zur Nachfolge Mussafias, zu meinem lebhaften Bedauern. Er wäre nicht nur eine Zierde und eine große Anziehungskraft der Universität gewesen, er selbst hätte sich neben Meyer-Lübke - und dieser neben ihm - etwas anders entwickelt. Vossler gestand einmal, als wir über Vulgärlatein sprachen (wir trafen uns in Leonstein am Wörthersee, als Gäste Leo Spitzers), mehr oder weniger eindeutig, daß er kein Material habe. Mit anderen Worten, er beherrschte den Stoff nicht, über den er - übrigens höchst anregend - schrieb. Ebenso ermangelten seine anziehenden Charakteristiken des Französischen eines festen Bodens. In literarischen Interpretationen, wo eine persönliche Auffassung jedem gestattet sein muß, empfand man das weniger. Seine Charakterbilder provenzalischer Troubadoure zum Beispiel haben an sich künstlerischen Wert. Sehr übel war es aber mit seiner Schule bestellt, die weniger darstellungsbegabt, mit zügelloser Phantasie vollkommen unbegründbare Aufstellungen als neue Wissenschaft ausgaben. Nichts lernen ist ja so bequem - bis zu dem Augenblick, wo man etwas beweisen soll. Vosslers Hauptnachbeter war Eugen Lerch, der aber später, durch sehr pflichttreue Studien, ein ganz anderes wissenschaftliches Profil erwarb und nur gelegentlich an Phantasien hängen blieb, die gänzlich haltlos sind. Es machte mir sehr Spaß, daß Lerch in einem überaus freundlichen Artikel zu meinem sechzigsten Geburtstag entdeckte, ich wäre ja fast eine idealistische Neuphilologin.

Der Krieg forderte im Studium selbst Gegenwartsrechte. Ich studierte in der Hofbibliothek die reichlichst einlaufende Kriegsliteratur, besonders der Franzosen. Im Kolleg las ich - eine vollständige Neuerung - neuestes Französisch an Hand von Zeitungsausschnitten. Der Gegensatz zur älteren Sprache wurde festgelegt, im Wortschatz, in der Syntax, in der Dichtung usw. Daraus entstand ein größerer Beitrag für "Das Archiv für das Studium Neuerer Sprachen", dessen Herausgeber, Prof. Schultz-Gora mir sehr wohlgesinnt war. Als ich das hoch aufgeschwollene Manuskript an ihn schickte, erschrak ich selbst und entschuldigte mich bei ihm. "Welcher Segen!" antwortete er, "und wie freue ich mich, daß er meine Zeitschrift bereichert." Nach mehreren Jahren regte Prof. Kuttner (Berlin) an, diese Aufsätze - in zwei Jahrgängen - sollten vereinigt als Buch erscheinen. Schultz-Gora war einverstanden, der Verleger nicht dazu bereit. So veranlaßte mich Kuttner, das Bändchen bei Velhagen und Klasing [(158)/159] zu verlegen (1934). Ich arbeitete die Studie natürlich um und konnte dabei feststellen, daß viele der Neuerungen von 1915/16 im Jahre 1932 schon nicht mehr zum "Neuesten" gehörten. Auch die Untersuchung über Boche fällt in die erste Kriegszeit.

Finanzielle Not der Nachkriegszeit war es eigentlich, die mich veranlaßte, der Aufforderung E. E. Messings zu folgen, einen Beitrag für seine handelswissenschaftliche Zeitschrift "De Spiegel van Handel en Wandel" (Rotterdam) zu liefern. Ich dachte damals an eine Mittelschulstelle, und Dr. Goldmann bot mir eine in ihrer Schule an. Ich bemerkte, daß ich doch keine Lehramtsprüfung abgelegt hätte, worauf sie sich bei Landesschulinspektor Reitterer nach der Möglichkeit meiner Anstellung erkundigte. Reitterer sagte, bei jemandem, der schon so viele Lehramtskandidaten ausbilden geholfen, würde man ohne weiteres von der Formalität absehen. Leute wie ich könnten der Schule nur willkommen sein. Die Wahrheit war aber, daß ich nie französisch sprechen gelernt hatte und mich daher selbst für den Unterricht nicht geeignet hielt. Zudem war die Bezahlung äußerst gering und Helene sehr gegen die Kraftvergeudung. So kam der Vorschlag Messings äußerst gelegen, und ich habe tatsächlich nie von einer Arbeit so viel Honorar bezogen wie von der für den "Spiegel". Es mußte natürlich ein Thema aus der Sachwortkunde sein. Zufällig warf Helene hin "Tabaktrafik". Ich fing es auf und begann damit die mühsamste Arbeit, die ich je gemacht. Durch vier Jahre beschäftigte sie mich. In der Direktion der Tabak-Regie stand mir eine reichhaltige Bibliothek zu alleiniger Verfügung, "allein" auch in dem Sinne, daß ich die Schlüssel ausgeliefert bekam und in den eisigkalten, verstaubten Räumen selbständig zu hantieren hatte. Wäre ich beim Herunterholen der Bände von der Leiter gefallen, es hätte viele Stunden gedauert, ehe mein Abgang bemerkt worden wäre. Im Verlaufe der Arbeit besuchte ich auch die Ottakringer Tabakfabrik und nahm sämtliche Fachausdrücke auf. Ich bearbeitete am wenigsten das Geschichtliche, das vielfach studiert worden ist, wohl aber das Wort Tabak und alle andern Rauchwörter, die Ausdrücke für die Blätter, die Bereitung, Verpackung, Benennung der Sorten; die Untersuchung des Wortes Zigarre nötigte zu einem Einblick in die zentralamerikanischen Sprachen, die Untersuchung von Tabagie führte auf die nordamerikanischen Indianersprachen usw. Endlich das Wort Trafik, das ich ganz aus den Akten des 17./18. Jahrhunderts herausfischte. Es war ein hartes Stück Arbeit. Als sie endlich fertig vorlag, überbrachte ich einen der mir zur Verfügung gestellten fünf Abzüge der Direktion der Tabak-Regie. Die Beamten der Übernahmskanzlei konnten nicht fassen, daß jemand etwas bringe, ohne etwas zu verlangen. Nach wenigen Tagen aber bekam ich einen schmeichelhaften Dank der Direktion und eine willkommene Gegengabe: einen Karton mit etwa 500 Zigaretten. Dieser Arbeit verdanke ich die Einladung zum Amerikanistenkongreß in [159/(160)] Rom. Wie bei jeder Sachwortarbeit war der Einblick in die verschiedensten Tätigkeitsbetriebe und gesellschaftlichen Sitten schließlich sehr lohnend.

In dieselbe Reihe gehört die Studie über Bajadere, die mich nach Indien führte, und bei der ich auch eine neue Quelle zu Goethes Gedicht fand. Ich wollte das Ganze im "Archiv für Neuere Sprachen und Literaturen" drucken, wohin es - germanistisch und romanistisch zugleich - gut paßte. Aber mein Gönner Schultz-Gora war von der Leitung zurückgetreten, und sein Nachfolger, Gerhard Rohlfs, schrieb mir in seiner burschikosen Weise, er hätte gar keinen Platz, ich solle meine Bajadere "anderswo tanzen lassen". Da teilte ich den Aufsatz, sandte die Goethequelle an Alois Brandl, den Herausgeber des germanistischen Teils des "Archivs", und der gab sie sofort in Druck, daß sie im Goethejahr erschien. Den romanistischen, wortgeschichtlichen Teil brachten die "Neueren Sprachen".

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Die Chronologische Phonetik des Französischen hat mich viele Jahre beschäftigt. Bei meinem auf "Entwicklung" gerichteten Sinne war es natürlich, daß mir die sogenannte "historische" Grammatik nicht genügte. Es konnte mir nicht entgehen, daß sie ja gar nicht historisch war, und ich wagte schon 1908, in meiner Besprechung von Meyer-Lübkes "Historischer" Darstellung des Altfranzösischen, in aller Bescheidenheit auf diesen Umstand hinzuweisen. Meyer-Lübke hatte in einem Anhang von zwei Seiten die Chronologie der lautlichen Vorgänge skizziert. Aber seine eigentliche Darstellung der sprachlichen Entwicklung sah von der chronologischen Grundlage vollkommen ab. Er selbst antwortete mir diesbezüglich, das Buch würde für die Studierenden sonst zu schwer. Also wie bei der Aussprache von lat. cei: Die Gelehrten wissen, daß man k zu sprechen hat, tun es aber nicht, weil ts ihnen altgewohnt ist. Die Jungen lernen wieder ts usf. Niemand hatte sich noch an die eigentlich naheliegende Aufgabe gewagt, die sprachliche Entwicklung wirklich historisch darzustellen, wobei doch natürlich die Chronologie die Grundlage abgeben mußte. Es war mir unerträglich, sprachliche Ereignisse so vorzutragen, daß der - oft um Jahrhunderte - spätere Prozeß vor dem früheren zur Sprache kam, nur weil man zuerst alle Vokale, dann alle Konsonanten durchzunehmen gewohnt war. Ich versuchte daher schon in den zwanziger Jahren ein französisches Kolleg nach wirklich historischer Methode. Ich verwendete dazu die phonetischen Wandtafeln und erklärte so die Veränderungsvorgänge. Die Hörer sagten, jetzt hätten sie die Vorstellung von lebendigen Vorgängen bekommen.

Mit großer Hingabe ging ich an die Arbeit, die ganz ungewöhnliche Schwierigkeiten bot, so daß ich sehr bald begriff, warum sich noch niemand an sie gemacht hatte. Es galt nicht nur, mit größter Umsicht kein irgend erreichbares Zeugnis zu übersehen; ich wußte natürlich von vornherein, daß die angenommene Reihenfolge jeden Augenblick durch eine neu aufgefundene [(160)/161] Inschrift einer Umordnung gewärtig sein müsse. Die Anordnung selbst wollte auf dem Papier viel schwerer zustande kommen als auf der Tafel, oder überhaupt mündlich. Ich stürzte mich im vollen Bewußtsein der Tollkühnheit hinein, ich wünschte, diese Bresche zu schlagen, in der Überzeugung, daß gerade die - unvermeidlichen - Irrtümer und Mißgriffe die Kollegen und die folgende Generation zur Besserung aneifern und so das Werk fördern werden. Ich sprach einmal mit Ettmayer darüber, der sich sehr freute, daß jemand sich dieser Aufgabe unterziehe. Ich sagte ihm, ich komme mir vor wie Curtius Rufus (ich hatte im Unterbewußtsein eine Regung, daß das mit "Curtius Rufus" nicht ganz in Ordnung sei. Aber auch Ettmayer, in seiner scherzhaften Erwiderung, bemerkte offenbar im Augenblick nicht die Verwechslung mit Marcus Curtius), der mit Todesmut in den Abgrund springt, damit das Volk gefördert werde. "Dann werden Sie also in die Geschichte der Romanistik als Curtia Alba eingehen", lachte er.

Ich wünschte jede Veränderungsphase der Wörter mit anderen Typen gedruckt. Der so verständnisvoll entgegenkommende Niemeyer lehnte dies wegen der ungeheuerlichen Druckkosten ab, und ich mußte wieder zu den verpönten "Sternen" greifen. Hingegen sorgte er, daß ich am Weihnachtsabend (1934) das erste Exemplar in der Hand hatte. Helene baute es mir auf.

Gerade wegen der jahrelangen Bemühung um dieses Buch war es mir besonders ans Herz gewachsen. Das Manuskript durfte nie nahe vom Fenster liegen, im Falle irgendeiner politischen Unruhe (vgl. Kap. 29), jeden Abend nahm ich es mit ins Schlafzimmer. Meine erste Sorge war es, die Freiexemplare ins Ausland, vor allem nach Amerika zu schicken, damit in dem immer näher drohenden Kriegsfalle doch ein paar Zeugen dieser Bestrebung der Vernichtung entgingen. Nachdem ich die Arbeit auf zehn bis zwölf Bogen geschätzt hatte, ergaben sich fast zwanzig. So galt es, nach Kräften Platz sparen. Das hatte zur Folge, daß vieles unverständlich blieb und in einem längeren Aufsatz von Nachträgen und grundsätzlichen Erklärungen (ZRPh) nachgeholt werden mußte. Allerdings hatte ich vieles auch deshalb nicht ausgesprochen, weil ich keine Polemik gegen Meyer-Lübke eröffnen wollte, mit dem ich nun in so vielen Punkten nicht übereinstimmte. Vieles habe ich in dem 1939 erschienenen Referat über die Gamillscheg-Festschrift nachgetragen, als Erwiderung auf Gamillschegs eingehende Besprechung.

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Nach der chronologischen Phonetik kamen hauptsächlich phonetisch-psychologische Studien an die Reihe, das "Psychische Geschehen und die Artikulation", die "Unterbewußten Vorgänge im Sprachleben" u. a. Zu ersterem Aufsatz mußte ich die Werke von Ottmar Rutz studieren, und es reizte mich, diesem eine Karte zu schreiben, die ich nur E. Richter [161/(162)] unterschrieb, mit der Bitte, aus meiner Schrift meine Veranlagung zu deuten. Er antwortete umgehend, erkannte zwar nicht mein Geschlecht, aber einige Charakterzüge, wenn auch keineswegs alle, u. a. setzte er mich nicht in den Wagnertypus, sondern in den Bismarcktypus, was mir ja nur recht sein konnte, aber gegen die Sicherheit seiner Diagnose sprach.

Mehr lautpsychologisch war "Länge und Kürze", rein phonetisch die letzte Arbeit "Über die italienischen ć- und ŝ-Laute", die ich im Phonogrammarchiv mit Hilfe rückwärtslaufender Schallplatten ausführte. Es war ganz lustig, die Sprecher ausfindig zu machen und die Platten aufzunehmen, das Abhorchen aber ziemlich abspannend, wie ich es in der Arbeit selbst beschrieben habe. (Über das politische Schicksal, das mich bei der Ausarbeitung ereilte, vgl. Kap. 29.) In den letzten Jahren wurde ich sehr durch die Schriften des Padre Agostino Gemelli gefördert, Professor der Psychologie an der katholischen Universität in Mailand, der über große Apparate verfügt und mir nicht nur seine Oszillogramme zur Verfügung stellte, sondern auf meinen Wunsch hin eine ganze Reihe neuer aufnehmen ließ, die ich zur Länge-Kürze-Studie verwendete. Bei seinem Aufenthalt in Wien hielt er einen Vortrag in der Phonetischen Gesellschaft, in "deutscher" Sprache. Er hatte zwar jahrelang in Deutschland studiert, war der Sprache aber so wenig mächtig, daß Luick, Ettmayer, ich ihm immerzu mit Wörtern aushelfen mußten. Er sagte zum Beispiel: die menschliche und die weibische Stimme (statt männlich und weiblich). Zur Besprechung meiner Wünsche bezüglich der Kurven lud er mich zu sich, und ich mußte mich um halb neun Uhr früh im Franziskanerkloster einfinden. Im Istituto di Cultura Italiano hielt er einen literarisch-politischen Vortrag in italienischer Sprache, dessen Inhalt mich gar nicht interessierte, um so mehr aber der Brio, die Macht des Pathos, mit der er, ein begeisterter Mönch, wohl die Vorstellung von der Überredungskunst seiner geistlichen Vorfahren erwecken konnte.

Meine kleineren Arbeiten lassen sich in zwei Gruppen teilen: die mehr wortgeschichtlichen, wie bureau oder Chez-chaise, und die über Homonymie, bei denen ich mich so sehr gut unterhielt, und die syntaktisch-sprachpsychologischen, wie "Zur Geschichte des Reflexiven Ausdrucks", die "Syntax der Inschriften und Aufschriften", oder "Impressionismus-Expressionismus-Grammatik". Bei letzterer lernte ich eigentlich erst im Verlauf der Ausarbeitung insbesondere durch Helenens Einwürfe den Unterschied von Impressionismus und Expressionismus in der Sprache, so daß ich nicht nur den Titel, sondern die ganze Arbeit nach scheinbarer Beendigung zu ändern hatte. Viel Freude machte mir die "Stoffgestaltung" bei Chretien de Troyes.

Ein sehr großer Teil meiner Arbeitszeit ging auf Besprechungen, eine mir sehr angenehme Tätigkeit. Von 301 Nummern der Bibliographie, die Helene mir anfertigte, sind 164 Referate. Bei dem ersten allerdings war ich nicht wenig zaghaft. Ich hatte den Eindruck, daß der Verfasser, [(162)/163] Rudolph Dittes, mir so weit überlegen sei, daß ich gar nicht an ihn herankönne. Mit der Zeit gewann ich eine Technik, die die Arbeit sehr abkürzte. Ich bezeichnete mir mit einem Striche am Rande das Hervorhebenswerte, mit zweien das Widerspruch Erweckende und auf einem Zettel die Seitenzahlen. Dann wurden beide Reihen ausgearbeitet. Ich habe grundsätzlich nie einen Tadel unbegründet oder ohne Besserungsvorschlag ausgesprochen. Wo ich nichts Besseres wußte, schwieg ich. Bücher, die man nur abfällig beurteilen kann, lehnte ich ab. Insbesondere einmal eines, das Gamillscheg mich zu besprechen aufforderte, bei dem es sich um Plagiate handelte. Damit mochte ich nichts zu tun haben. In den letzten Jahren suchte ich mir die Bücher selbst aus und regte die verschiedenen Herausgeber der Zeitschriften zur Besprechung an. Ich hatte ja schon viele Jahre hindurch gar keine andere Möglichkeit, mir ein Buch zu verschaffen. Dazu kamen dann allerdings die Zusendungen mit Bitte um Besprechung. Ich habe jedes zu besprechende Buch vollständig durchgelesen, und wenn es tausende Seiten hatte.

Was die Kritik anbelangt, die an mir geübt wurde, habe ich im ganzen nur ein Gefühl innigsten Dankes zu sagen. Im allgemeinen interessierte mich jeder Tadel, da man immer etwas daraus lernen kann: Jedes Mißverstehen hängt zum mindesten an irgendeinem Häkchen ungeschickter Darstellung. Lob hingegen schien mir gänzlich wertlos, wenn es nicht von Übergeordneten herkam. Von anderen war es mir mehr als gleichgültig.

Wie die volkstümlichen Vorträge eine anregende Aufgabe boten, so auch volkstümliche Aufsätze. Beiträge in Tageszeitungen waren auch darum beliebt, weil sie unendlich besser honoriert wurden als irgendeine fachwissenschaftliche Veröffentlichung. Allerdings waren sie ja immer das Ergebnis längerer Studien, die nur eben dem anderen Rahmen angepaßt wurden. Sehr gern hätte ich eine stehende "sprachwissenschaftliche Ecke" zur Verfügung gehabt. Das "Fremdenblatt" brachte sie versuchsweise, ging aber bald darauf ganz ein. "Aus der Werkstatt der Sprachforschung" konnte eine gute volkstümliche Einführung in die Probleme der Sprachwissenschaft ergeben (Neues Wiener Tagblatt). Zumeist waren die Beiträge literarischen Inhalts (Barbusse, Rolland, A. France, Blois, Ariost u. a.), einmal schrieb ich für die Wiener Zeitung eine Zusammenfassung über Mussolini aus der prächtigen "Enciclopedia Italiana". Mitunter äußerte ich mich über andere Gegenstände, so einmal "Über die Wiedereröffnung der Hofbibliothek" (Neuordnung des Dienstes), gelegentlich über Frauenfragen. Außer den schon genannten Zeitungen war "Radio Wien" beliebt, damals eine gute und geachtete halbwissenschaftliche Zeitschrift. Sie konnte es halbwegs mit dem seinerzeit von Ludo Hartmann redigierten "Wissen für alle" aufnehmen, in dem ich den Vortrag über die Lanvalsage abdruckte. [163/(164)]

Die feste Willensstählung, zu der ich erzogen war, machte, daß mich die Unlust, die "unüberwindliche" Ungeduld bei den Durchführungsarbeiten mit ihrer unvermeidlichen Belastung an Schwierigkeiten niederer Art und Langeweile, verhältnismäßig selten niedergedrückt hat. Die Arbeitslust war unbesiegbar. Es gab keine noch so schönen Ferien, von denen ich nicht nur gern, sondern oft sehnsüchtig zur Arbeit heimkehrte. Der Segen der "Beschäftigung, die nie ermattet" hat sich voll und ganz bei mir ausgewirkt. Sie war Trost und Stütze in Krankheit, Sorge, Not, Bekümmernis. Sie war in der Tat das Ideal, das treu bleibt.

(S. 143-164)
[Es folgen die Kap. 27 und 28]

Anfang des Eintrags
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Lebensleid:
Kapitel 29: Soziale und politische Geschicke

[...]

In schmerzhaftester Anteilnahme erlebten wir den Zusammenbruch. Das Erstaunliche war, daß eine siebenhundertjährige Institution wie das Kaisertum und die Dynastie in sich zusammenfiel, ohne daß ein Gewehrhahn gespannt, daß auch nur eine allerkleinste Demonstration versucht wurde. Sie waren weg, als ob sie nie dagewesen wären. Die Trostlosigkeit dieser Zeiten, das Rückfluten tapferster Krieger, die bei der Heimkehr auch noch beschimpft und ihrer letzten Rechte beraubt wurden, der Zerfall des Reiches, die Armseligkeit und zum Teil Niedrigkeit der neuen Verhältnisse, die rohe Anmaßung der heraufkommenden Partei, es liegt ein schwarzer Nebel über dem Ganzen. Alles brach über uns herein: nie gekannte Armut, Krankheit, Hunger, Kälte, Finsternis, Beschimpfung des Vaterlandes durch geradezu leidenschaftliche Erklärung der Kriegsschuld auf altösterreichischer Seite - die Sozialdemokraten erhofften sich dadurch bessere Friedensbedingungen -, die Verwahrlosung der Stadt, Zunahme des Bettels, Unmöglichkeit, [193/(194)] Dienstpersonal zu bekommen, alles, was nur ersonnen werden kann, das Leben zu erschweren und zu verbittern.

Nichts blieb unversehrt als das Ideal der eignen geistigen Arbeit und die Kunst. Als ich nach dem Umsturz zum ersten Male wieder den Musikverein betrat, war die altgewohnte Draperie mit dem Kaiseradler an der Hofloge entfernt, in der - jetzt "Regierungsloge" - sich einige schäbige Würdenträger der neuen Herrschaft breit machten. Es war eine Gedenkfeier für die Gefallenen, Brahms' Requiem kam zur Aufführung. Neue Verhältnisse, neue Gesichter, neue Machthaber. Nur einer der von allen Schicksalen unbetroffene Überlebende: Brahms. Die Wiener bekamen, wie ein damaliges Scherzwort ausdrückte, die Revolution in der Hypnose. Und so kamen auch die Frauen nicht nach gesunden, zielbewußten Kämpfen zum Wahlrecht. Vielmehr war einer der ersten politischen Akte der Sozialdemokratie die politische Gleichberechtigung der Frau. Notwendigerweise mußte von jeher der soziale Gedanke auch die Arbeiterin umfassen. Nun gewann die neue Macht einen großen Zuwachs an Schlagkraft und an Stimmen durch Verleihung des aktiven und passiven Wahlrechtes an die Frauen. Zunächst sollte man denken, daß dieser Zuwachs allen Parteien gleichmäßig zugute kam und daher der Vorteil für die Sozialdemokraten nicht so überraschend gewesen sei. Dem war aber nicht so, denn die Sozialdemokraten hatten ihre Mitglieder durch jahrzehntelangen Drill so fest geschult, daß jedes Mitglied bedingungslos sämtliche weibliche Familienangehörige der Partei zubrachte. Bei denkenden Menschen, die ihr eignes Urteil haben, ist ein solcher Drill von vornherein unmöglich. Die Bürgerlichen, die Intelligenzler, zeichneten sich stets durch Eigenbrötelei aus; Vornehmheit der Gesinnung führte zur Duldung verschiedener Meinungen, und so kam es, daß die neuen politischen Rechte politische Unterschiede ins Herz der Familie trugen, wo mitunter drei verschiedene Parteien vertreten waren. Die Sozialdemokraten bemühten sich um den "geistigen Arbeiter", allen voran Ludo Hartmann, der unter dem alten Regiment trotz bedeutender Verdienste seinen Weg nicht hatte machen können. Er beging seinerzeit ostentativ die Fünfundzwanzigjahrfeier seiner Dozentur, wobei er selbst eine launige, natürlich revolutionär angehauchte, Festrede hielt. Nun wurde er sofort Professor und war der wissenschaftliche Exponent der neuen Macht.

Es hätte, bei meiner sozialen Gesinnung, sehr nahe gelegen, mich der sozialdemokratischen Partei anzuschließen. Was mich hinderte, war der zur Schau getragene antibürgerliche Zug ihrer Politik. Darin lag eine ausgesprochene Verlogenheit: so gut wie alle Führer waren bürgerlicher Herkunft, hatten den Segen bürgerlicher Verhältnisse kennengelernt, verdankten ihnen ihre Ausbildung und ihre Laufbahn. Die Lehre, daß der Bürgerliche der Feind des Arbeiters sei, war eine böswillige Erfindung, die aber allgemein Glauben fand. Als ich später [(194)/195] einmal in einer Versammlung die Rolle der Bürgerlichen im Befreiungskampf der Arbeiter schilderte, war des Staunens kein Ende. Meine Vorstellung von "Gleichheit", so weit überhaupt möglich, war: Hebung des Proletariats zu Bürgerlichkeit. Ihre Parole dagegen war: Proletarisierung aller. Sie waren Proletarier und haben zur allgemeinen Proletarisierung nach Kräften beigetragen.

Sowie die Vorbereitung zu Neuwahlen eingeleitet wurde, bildete sich in der höheren Intelligenz eine neue Partei, die an Stelle der abgelebten und in Mißkredit gefallenen Liberalen Partei (der "Judenliberalen") treten sollte, eine bürgerlich-freiheitliche Partei, die Wettstein, Franz Klein u. a. zu ihren Kandidaten gewann, von Prof. Bernatzik ins Leben gerufen, bald alle bürgerlichen Intelligenzen in sich vereinte und die nun auch mich zur Mitarbeit einlud. Es war mir selbstverständlich, daß keine Frau sich der politischen Tätigkeit entzog. Nicht nur aus der Empfindung, daß Rechte auch Pflichten einschließen, sondern in dem Drang, wie immer mitzuhelfen, daß aus dem Chaos ein erträglicher Zustand erwachse. Czernin drückte es einmal so aus: Die Männer hätten es so schlecht gemacht, daß die Frauen mit Recht hoffen durften, es besser zu fördern.

Man vergaß dabei eines: die weitaus meisten Frauen waren politisch ungeschult. Nur die Sozialdemokraten hatten stets "Familienanschluß" bei allen ihren Veranstaltungen, und daher waren Frauen und Mädchen schon von Kind auf an gewisse Reden, Redensarten, Schlagwörter gewöhnt. Sie saßen ihnen im Blut. Jeder und jede konnte jederzeit aufstehen und eine entsprechende Rede halten, allerdings ohne das eigne Denken dabei im geringsten in Anspruch zu nehmen. Aber für die Wahlreden vor dem gewohnten Publikum war es ganz einerlei, ob ein Mann oder eine Frau die gewohnten Reden führte, auf die auch gewohnheitsmäßig der laute Beifall erscholl. Die bürgerlichen Frauen mußten erst "erzogen" oder ganz einfach "abgerichtet" werden. Ich war Feuer und Flamme, für die Wahl Wettsteins zu werben. Schon verlautete es, daß er dann Unterrichtsminister werden würde. Man mußte lernen, zunächst in der Bezirksleitung zu diskutieren, eine "Frauenschaft" zu gründen und zu leiten, selbst in Werbeversammlungen zu reden. Es war ganz gut, daß mich die Kreisleitung meine "Jungfernrede" in einem schwach besuchten Gasthaus in Grinzing halten ließ, wo ich mir den ersten Schock des ins kalte Wasser Steigenden holte. Einige wenige Leutchen saßen friedlich bei ihrem Glase Wein, der Versammlungsleiter sprach ein paar Worte, in denen er mich als Wahlwerberin vorstellte, und dann legte ich los. Kein größerer Unterschied als zwischen einer Vorlesung vom Katheder aus und einer Wahlrede am Tisch im Weinhause. Dort die Stoffbeherrschung und das Fluidum zu der Hörerschaft, die gewillt ist, zu hören, hier die Neuheit des Themas und das Bewußtsein, daß den Anwesenden meine Rede eher störend als [195/(196)] notwendig war. Ich sprach kurz und wirkungslos. Nur daß ein Mann, mehr vom Weine als von meiner Rede in gehobener Stimmung, auf mich zukam und mit etwas unsicherer Zunge sagte: "Es hat mich sehr gefreut, wirklich es hat mich sehr gefreut." Die Empfindung war nicht gegenseitig, aber was blieb mir übrig, als die dargebotene schwielige Hand zu drücken?

Innerhalb der Partei - welche immer das war - mußte man jeden Standes- und Bildungsunterschied übersehen lernen. In meinem Bezirksvorstand waren ein Rauchfangkehrermeister und ein Milchgreißler, letzterer ein wichtiges Mitglied wegen der in seinen Kreisen möglichen Propaganda. Die politische Gesinnung sollte das brüderliche Band um uns schlingen. Sie ist diese Wirkung schuldig geblieben.

Ich lernte nicht nur von anderen Rednern, ich lernte "Parteidisziplin", und in meiner Lust, mich nützlich zu machen, verschmähte ich grundsätzlich auch kleine Handlangerdienste nicht. So lernte ich den Parteibetrieb kennen. Eines Abends sagte mir ein Bezirksobmann, Baumeister Bauduin, wir würden Wettstein bestimmt durchbringen. Am Tage vor der Wahl werde man in dem großen Barackenspital Grinzing jedem Einwohner 2 Kronen in die Hand drücken und sich so die Stimmen sichern. Ich schäumte. Er erklärte, daß das bei jeder Wahl so gemacht werde. Sofort stellte ich Bezirksvorsteher Schönwetter, den Wahlvorsitzenden meines Wahlbezirkes zur Rede. Ich war gewillt, augenblicklich und zwar öffentlich, und mit Begründung meines Schrittes, aus der Partei auszutreten. Er beruhigte mich, das sei leeres Geschwätz. Er selbst war ein beschränkter, aber sehr anständiger Mann. Er versicherte mir, daß er als erster austreten würde, wenn unanständige Dinge in der Partei vorgingen.

Der Ausgang der Wahlen bezeugte, daß sie durch keine Unredlichkeit beeinflußt waren: Wettstein fiel durch. Er war ein vortrefflicher Redner für Universitätskreise, kein "Tenor" für Werbeversammlungen. Er bedauerte die verlorene Zeit und erklärte: Niemals wieder. Das Listenwahlsystem war äußerst verzwickt. Fiel der Listenführer, so selbstverständlich seine ganze Gefolgschaft. Wir waren sehr enttäuscht. Die ganze schöne Partei hatte nicht einen Kandidaten durchgesetzt. Auch Franz Klein nicht, den alten Parlamentarier, einen der angesehendsten Juristen. Ludo Hartmann, der im selben Wahlkreise mit ihm kandidierte und ein Übermaß von Stimmen auf sich vereinte, erklärte, hätte er eine Ahnung gehabt, daß Kleins Wahl unsicher sei - es handelte sich um fünfzig bis sechzig Stimmen -, so hätte er hundert Leute aus seinen Getreuen beordert, für Klein zu stimmen. So viel lag ihm an dem wertvollen Mitarbeiter.

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Nach der Niederlage hieß es: Nun erst recht! Organisieren, Truppen ausbilden, von den Sozialdemokraten lernen, die durch Jahrzehnte durchfielen und langsam von einem Abgeordneten bis zur führenden Partei herangewachsen waren. Unsere Partei hatte sich als viel [(196)/197] zu exklusiv, zu klein, zu "fein" erwiesen. Sie verschmolz nun mit einer andern freiheitlichen Partei, die zwar nicht zu fein, aber auch zu klein war, mit der demokratischen Partei. Wir hießen jetzt "Bürgerlich-demokratische Arbeitspartei", und Graf Ottokar Czernin, den es in seiner Muße nicht duldete und der von den ihn umwerbenden Sozialdemokraten nichts wissen wollte, mit den Christlich-Sozialen in gegenseitigem Haß lebend, zu einer mittleren Partei strebte, wurde unser Oberhaupt. Nun hatten wir wenigstens einen geschulten Diplomaten, einen politischen Fachmann an der Spitze. Er hatte durchaus keinen leichten Stand: Die einen verdächtigten ihn als innerlichen Monarchisten. Er sagte einmal, er leugne nicht, daß ihm als Regierungsform die konstitutionelle Monarchie die einzig richtige erscheine; aber zu einer Monarchie gehöre vor allem ein Monarch, und da kein Monarch vorhanden, sei er Republikaner und werde der Republik die Treue halten. Die anderen verurteilten den abtrünnigen Monarchisten. Einige fanden ihn zu liberal, andere zu konservativ - warum er nicht von vornherein zu den Christlichsozialen gehe, wo seine Standesgenossen wären? Tatsächlich hatte Czernin unter letzteren Feinde, weil er eben nicht christlichsozial war. Am meisten entwürdigten sich nach meiner Meinung die, die ihn anfeindeten, weil er ein Graf war. Der könne es ja nicht ehrlich mit ihnen meinen, er benütze die Partei nur als Sprungbrett. Vergebens bemerkte ich, daß der so Sprechende den Grafen an sich um so viel höher einschätze als sich selbst, denn seine Anschauung drücke schließlich die Gesinnung aus: Wenn ich ein Graf wäre, ginge ich mit Leuten wie mir nicht um. Das half natürlich nichts. Ich zählte dadurch nur zu der Gruppe derer, die sich tatsächlich die größte Ehre aus dem Grafen machten, glücklich, "de se frotter le ventre" contre un aristocrate pur sang. Schließlich gab es dann noch etliche, die sich freuten, einen Grafen nunmehr als ihresgleichen zu behandeln, und eine Vertraulichkeit zur Schau trugen, die den Beobachter komisch und Czernin selbst erstaunlich berühren mußte. Über den Grafen kamen also in Wahrheit die wenigsten hinweg, und keiner von diesen Demokraten bemerkte, wie undemokratisch er dachte.

Ich wurde nun in den Parteivorstand berufen und wohnte viel höheren, zum Teil sehr fesselnden Besprechungen bei. Ich bekam den Auftrag, eine Schulgesetzreform auszuarbeiten. Die Wahl des Fachkomitees stand mir frei. Ich forderte Wettstein zur führenden Person auf. Er hatte eigentlich keine Lust dazu, gab aber "mir zuliebe" nach, und wir arbeiteten zu viert ein neues Schulgesetz aus, das dem Ideal näher gekommen ist als irgendein anderes. Ich habe den Entwurf später oft zurückerbeten, aber leider nicht erhalten. Ich erinnere mich hauptsächlich an die Lösung der Religionsfrage. Jeder Schüler sollte zum Religionsunterricht verhalten sein, aber nur bis zu vierzehn Jahren. Wettstein sagte, das eigentliche Kreuz mit [197/(198)] dem Religionsunterricht beginne, wenn die Kinder halbwüchsig und von den Gegenständen der Oberklassen stark in Anspruch genommen seien. Niemandem wäre noch eingefallen, Religionsunterricht in Gesellenkursen, Fachschulen u. a. zu fordern. Wenn also für alle andern Christenmenschen der Religionsunterricht bis zum vollendeten fünfzehnten Jahre genüge, warum nicht für die Schüler der Mittelschulen? Dies war die richtige Mitte zwischen dem Standpunkt der Christlichsozialen und dem der Sozialdemokraten, die den Religionsunterricht in der Schule verboten.

In der folgenden Wahlperiode sprach ich oft über das Schulprogramm. Da war ich nun wieder in meinem Fahrwasser. Einmal konnte ich sogar einen wirklichen Erfolg verzeichnen. Wir veranstalteten eine "Monsterversammlung" im Theatergebäude des "Kolosseum" (1920), mit fünf Sprechern, darunter der ausgezeichnete Redner Prof. Hofmeister, selbstverständlich Czernin. Der Raum faßte mehr als 2.000 Personen, auf den Galerien saßen Sozialdemokraten, mit der Aufgabe, die Versammlung zu stören. Wir Sprecher standen auf der Bühne des Theaters, und so betrat ich damals den doppelt abschüssigen Boden. Als ich von der Neuen Schule sprach, riefen die Störer gleich "Hoch Glöckel!". Ich erwiderte aber ruhig hinauf, daß die Reform zwar von Glöckel ins Leben gesetzt, aber in vieljähriger Arbeit am grünen Tisch von Bürgerlichen ersonnen worden sei usw. Ich wandte mich gegen das Verbot des Religionsunterrichtes, das einen ebenso harten Zwang von links darstelle wie der frühere Zustand von rechts. Wenn die Schule ihre Säle und die Zeit innerhalb des Stundenplanes einräume für Singen, Fechten, Stenographie u. a., so wäre nicht gut verständlich, warum man gerade auf die Religion nicht Rücksicht nehmen sollte. Damit wurde auf die mittlere Stellung unsrer Partei in diesem Punkte hingewiesen, die ihre Daseinsberechtigung eben gerade darin fand, daß sie den Unzufriedenen von rechts sowie denen von links Aufnahme bot. Ich erntete großen Beifall, mehr als für irgendeine wissenschaftliche Leistung, und noch nach Monaten, als mich einmal der nunmehrige Nationalrat Czernin zu einer Besprechung in seine Wohnung - im Palais Auersperg - lud, kam zuerst die Gräfin, eine sehr schöne Frau, herein und beglückwünschte mich zu meinem mutigen Auftreten. [...]

(S. 193-198)
[Es folgt das Ende von Kap. 29 sowie die Kap. 30 und 31.]

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Lebensfreude:
Kapitel 32: Zusammenfassung

Messe ich nun zusammenfassend die Waagschalen von Freude und Leid gegeneinander ab, so kommt noch eines in Betracht, das aber allerdings das Zünglein an der Waage darstellt. Das ist [(238)/239] die persönliche Einstellung zu dem, was das Schicksal eben schickt. Mir ist eine Gabe zuteil geworden, für die ich nicht genug dankbar sein kann, eine bis ins Feinste verästelte Genußfähigkeit. Durch sie habe ich die dargebotenen Werte des Daseins in hohem Maße würdigen können, und zwar im Augenblick des Erlebens, nicht erst im nachhinein, wie die meisten Menschen (Ja, damals war ich glücklich!). Ich muß aber auch einsehen, daß viel Leid nichts anderes ist als das notwendige Korrelativ der Freude. Man zittert nicht so um Kranke, wenn man sie nicht so liebt. - Chi ama, trema. - Der Verlust der teuern Toten könnte ja nicht so intensiv sein, wäre der Reichtum im Umgang mit ihnen nicht so groß gewesen. Der Kampf um die Dozentur zermürbte die Nerven, weil das Ziel so über allen Ausdruck erstrebenswert schien - und war. Der Schmerz um das Vaterland und der Ingrimm über das Bestreben, uns der Heimat zu berauben, entsprechen dem Grade der Verwurzeltheit mit dem Boden, der Liebe zu dem idealsten aller Besitze. So ist unsagbares Leid der Gradmesser für unsagbare Reichtümer. Es ist die letzte Aufgabe der Selbsterziehung, sich an diese zu halten, nicht an jenes. - "Wie gern würde ich ein Kolleg über 'Lebenskunst' von Ihnen hören", schrieb mir Helene Adolf am 18. August 1940, "das Sie nie gelesen und immer gelehrt haben."

Wenn ich die Summe des Lebens ziehen soll, so möchte ich sagen: Als Mensch habe ich unendlich mehr empfangen als gegeben: Kunst, Natur, Liebe - ich kann nur dankbares Genießen als Gegenleistung anführen. Als Lehrer habe ich mehr gegeben als empfangen, wenn ich mir auch bewußt bin, nicht selten vom Fluidum des Mitgehens der Hörer getragen worden zu sein. Aber ich habe keine Schüler im wirklichen Sinne des Wortes. Wenn ich allerdings die Freude am Beruf betrachte, so hat er mir Unsägliches gebracht. Als Wissenschaftler? Das unermeßliche, von den erlesensten Geistern im Laufe der Jahrtausende aufgehäufte Gut hat sich in seinem ganz unausschöpfbaren Reichtum über mich ergossen, und ich habe - vielleicht? - dafür ein kleines Haferkörnchen, mehr Samen als Frucht, hinzugefügt. Ich habe viel gewollt, aber in der Wissenschaft gilt nicht, wie in der Ethik, das Voluisse. Ich schätze meine Leistung so ein - möge sie dem objektiven Beurteiler nicht zu aufgebläht erscheinen! Die Wortstellung entwicklungsgeschichtlich zu erfassen, war ein neuer Gedanke, der mit der Zeit auch durchdringt. Meine Darstellung war ungenügend. Der Gedanke von der Einheitlichkeit aller sprachlichen Äußerung war neu, die Darstellung durchaus ungenügend. Die Forderung, dem Gedanken zum Siege zu verhelfen, bleibt aufrecht. Die Einführung der Perseveration in die unterbewußten Sprachkräfte war gut und, zwar auf kleinem Raume, aber doch genügend skizziert für weitere Nutzbarmachung. Die Chronologische Phonetik war kein neuer Gedanke, aber eine mutige Tat, und wird zur [239/(240)] Erweiterung der Kenntnisse beitragen. Die Einführung der "Lautpsychologie" in die Phonetik ist fruchtbar, und meine Dreiteilung der Phonetik verdiente mehr Nachfolge, als ihr bisher zuteil geworden. Alles übrige ist anständiges Mittelgut, dessen Daseinszweck über kurz oder lang erfüllt scheint, wenn es in der Weiterarbeit der anderen aufgegangen ist.

Mit den Buchbesprechungen habe ich manchen Dank geerntet. Mein Bestreben war dabei, den edlen Ton früherer Zeiten weiter zu überliefern.

Als Frau habe ich jedenfalls so viel gegeben als empfangen. Ich empfing den Weg, was gewiß nicht gering zu schätzen ist, aber ich ging ihn, und hier darf ich wohl sagen, in vorbildlicher Weise. Denn ich war mir bewußt, daß von dem ersten Eindruck der Maturantin, der Studentin, der Dozentin, viel abhing. Ich gab den Frauenrechtlerinnen das erste Beweisstück, auf das sie sich stützen konnten, eben weil ich alles Frauenrechtlerische und "Kriegerische" ganz vermied und mich rein sachlich vorarbeitete.+ In der Geschichte der Frauenbewegung wird daher mein Name eine gewisse Bedeutung behalten.

Sehr leidvoll gewiß, aber auch sehr freudvoll, kampfbewegt, reich an Inhalt war dieses Leben. Es war wert, gelebt zu werden.

28. Mai 1940
27. Juni 1940
23. Juli 1940
9. Oktober 1940.

+ Soeben lese ich das schöne Wort von Marie Ebner-Eschenbach: Ich bin der Meinung, daß wir (Frauen) schweigen sollen und nicht durch Geschrei und Geschreibe, sondern durch unser Tun so manchen Irrtum, der über uns im Schwange ist, besiegen. (An Freiherrn E. du Mont, 20. Dez. 1879) A. Bettelheim, Marie v. E.-E.

(S. 238-240)



Quelle: Richter, Elise: Summe des Lebens. Hrsg. v. Verband der Akademikerinnen Österreichs. Wien, WUV-Universitätsverlag, 1997: 33-36, 99-124, 143-164, 193-198, 238-240. (leicht modifiziert) (an, ws, gbb)

Wir danken Frau Dr. Ingrid Nowotny (Präsidentin des Verbands der Akademikerinnen Österreichs), Frau Christa Wille (Österreichische Nationalbibliothek) sowie Frau Mag. Sandra Illibauer-Aichinger (Universitätsverlag Wien) sehr herzlich für die Genehmigung zur Veröffentlichung auf unserer Seite.

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Elise Richter: Ergänzungen


Von 1922–30 war Elise Richter Vorsitzende des von ihr gegründeten "Verbandes der akademischen Frauen Österreichs".

Kleine Literaturauswahl:

  • Berühmte Frauen 2. Dreihundert Porträts. Hrsg. v. Susanne Gretter und Luise F. Pusch. Frankfurt am Main; Leipzig, 2001.
  • Christmann, Hans Helmut: Frau und 'Jüdin' an der Universität: Die Romanistin Elise Richter (Wien 1865 – Theresienstadt 1943). Mainz, 1980.
  • Lexicon grammaticorum: Who's Who in the History of World Linguistics. Hrsg. v. Harro Stammerjohann et al., Tübingen, 1996.
  • Renzi, Lorenzo: "Elise Richter (1865–1943).", In: Studi Goriziani 65 (1987): 99–111 (italienisch).
  • Woodbridge, Benjamin M. Jr.: "A Bibliography of the Writings of Elise Richter." In: Romance Philology 26 (1972): 342–360 (auch in E.R.: Kleinere Schriften zur Allgemeinen und Romanischen Sprachwissenschaft. Ausgew., eingel. und komm. v. Yakov Malkiel. Innsbruck, 1977: 583 ff.).


Zusammengestellt von Gabriele Beck-Busse.



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Webadressen Elise Richter

Unser Dank geht an Prof. Dr. Robert Tanzmeister und Thierry Elsen (beide Wien) für die Hinweise zu den Links.



Zusammengestellt von Kirsten Süselbeck und Angelika Tauche-Eller.



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Elise Richter: Lehrer und Förderer


Wilhelm Meyer-Lübke

† am 4. Oktober 1936 zu Bonn [1].

Von Elise Richter (Wien).

In dem sich eben schließenden ersten Jahrhundert, seit Diez mit seiner romanischen Grammatik die Romanistik als selbständige Wissenschaft begründete, war auf linguistischem Gebiete kein Ereignis von so weittragender Bedeutung als das Erscheinen der 'Grammatik der Romanischen Sprachen' [2] von Meyer-Lübke. Hier waltete ein neuer Geist, hier sah man zusammengefaßt und auf die Romanistik angewendet, was in fünfeinhalb Jahrzehnten an wissenschaftlichen Fortschritten und Eroberungen zu verzeichnen war. Schon die Dissertation [3] des kaum Zweiundzwanzigjährigen hatte größtes Aufsehen erregt. Man bestaunte die Stoffülle nicht weniger als die Stoßkraft in den Folgerungen. Wie bei frühreifen Begabungen so häufig, hat auch Meyer-Lübke mit seinem Erstling seine ganze wissenschaftliche Persönlichkeit offenbart. Da ist die einzigartige Stoffbeherrschung: Er übersah die Romania nicht nur geographisch bis in ihre verstecktesten Winkel [4], mit Berücksichtigung der Nachbargebiete, so daß er nach und nach auch die Randsprachen [5] in den Kreis seiner Betrachtung zog, sondern auch zeitlich vom Altlateinischen [6] her - für ihn ging jede romanistische Arbeit vom Lateinischen aus - bis in die modernste Gegenwart. Seine Grammatik bezeichnete einen Markstein in der Geschichte der Romanistik.

Obwohl Meyer-Lübke durchaus Selbstdenker war, obzwar seine schöpferische Phantasie in originellen Flügen bisher verborgene Zusammenhänge erschaute, und obzwar er fast immer Eigenbau betrieb, stellten seine Werke - von den umfangreichsten bis zur kleinen Miszelle - stets ein Kompendium der Wissenschaft dar. Denn alles was Zeitgenossen und Vorgänger erarbeiteten, war ihm gegenwärtig, wurde kritisch gesichtet und seinem Geiste einverleibt. Nicht, daß er ein Eklektiker war, der ein Mosaik von Zitaten bringt. Er nahm mit der ihm eignen Raschheit des Erfassens alles in sich auf, was ihm wissenschaftlich brauchbar schien und verarbeitete es dann selbständig. Diez kannte weder Lautphysiologie noch Sprachgeographie noch Sachwortkunde; auch die Sprachpsychologie war noch nicht geboren. Meyer-Lübke hat diese und andere Gebiete, vor allem noch die Orts- und Personennamenkunde, die modernen Mundarten, systematisch in den Kreis seiner Tätigkeit einbezogen, und jede seiner Arbeiten gibt eine gedrängte Zusammenfassung des augenblicklichen Standes der Romanistik.

Sein Blick war auf die Gesamtheit der Erscheinungen gerichtet. Für ihn gab es keine Studie am Einzelnen. Er ordnete es ein in den Kreis der Sprachgemeinschaft, wie diese in die Sprachengruppe, zu der sie gehört. Er beurteilte es in Beziehung auf das Ganze und bedachte bei seiner Erklärung, inwiefern es zu den übrigen Eigentümlichkeiten der Sprache in dem betreffenden Zeitpunkt stimmte. Das war der Ausgangspunkt für seine so häufige Ablehnung angesetzter lateinischer Substrate, die zu den wirklich vorhandenen lateinischen Formen im Widerspruch stehen. Diese Rücksichtnahme auf die zeitlich und örtlich feststellbaren Sprachgepflogenheiten, die Forderung, bei jeder einzelnen Deutung und bei jedem Ansatz auf den ganzen Habitus einer Sprache einzugehen, mit einem Worte das, was wir heute als Untersuchung des phonologischen Bewußtseins innerhalb eines bestimmten Sprachzustandes bezeichnen, übte er von jeher, ohne sich übrigens mit der neuen Wissenschaft der Phonologie noch zu befassen.

Während unter seinen Händen jede Untersuchung zur gemein-romanischen und zur allgemein sprachwissenschaftlichen wird, kennt er auch keine Einschränkung in bezug auf den Stoff selbst. Das Wort schwebt nicht frei in der Luft: Der Ortsname hängt mit der geographischen Lage, mit der Siedlungsgeschichte [7], dem Kulturgrade der Siedler zusammen; die Sachbezeichnung mit der Sache [8] usw. Es gibt kein Sondergebiet der Sprachforschung, das er nicht betreten hätte. Im Buche über das Katalanische [9] sind alle diese Forschungsmethoden noch deutlicher als in der 'Französischen Grammatik' [10] in den Dienst der Sprachbetrachtung gestellt.

So stark seine Faust im Zusammenballen der Elemente war, so kritisch sein Geist für das Zusammengehörige oder Nichtzusammengehörige. Der aufs Ganze gerichtete Blick war um so empfindlicher für die Verschiedenheit der scheinbar gleichen Vorgänge innerhalb dieses Ganzen. Der kaum Fünfundzwanzigjährige trat in seinen vulgärlateinischen Vorlesungen an der Sorbonne gegen die von Gaston Paris vertretene Meinung von 'der romanischen Diphthongierung' auf. Er leugnete, daß sie in die vorromanische Zeit zu versetzen sei, wies vielmehr nach, daß die Diphthongierung in jedem einzelnen Gebiete der Romania unabhängig vom andern als durchaus selbständige Entwicklung vor sich gehe [11]. Nicht anders hat der Vierundsiebzigjährige in der Untersuchung über lat. f im Baskischen (Archiv 166) aufgezeigt, daß das span. und das gaskogn. h < f unabhängig von dem Baskischen seien. Er rechnet mit der Polygenese, 'd. h. damit, daß dieselben Ergebnisse an verschiedenen Punkten ganz unabhängig voneinander erscheinen', was Schuchardt mit 'Elementarverwandtschaft' bezeichnete (S. 68). In der Anordnung des Stoffes wirkte er im höchsten Grade erzieherisch, wie denn bei seiner scharf gezeichneten und bruchlos einheitlichen Persönlichkeit der Forscher und der Lehrer untrennbar sind. Nicht als ob er je einen fertigen Lehrsatz ausgesprochen hätte. Er gab grundsätzlich nie etwas Fertiges, was als Dogma gedeutet werden konnte. 'Dogma und Wissenschaft sind zwei unvereinbare Gegensätze. Dogmatische Darstellung, die dazu verleitet, das Gebotene hinzunehmen, ohne sich Rechenschaft zu geben, warum es so und nicht anders ist, ist geradezu die Verneinung wissenschaftlichen Geistes ... Dogmatisch vorgetragene Sätze ... sind eine tote Belastung des Gedächtnisses ... sie haben den moralischen Fehler, daß sie ... den Schein der Wissenschaft erwecken, wo bare Unwissenschaftlichkeit vorliegt', sagt er in der als Schulbuch gedachten Französischen Grammatik S. X. Er betonte mündlich wie schriftlich stets die Ungelöstheit der Probleme, den nur zeitweiligen und nur annähernden Wert aller Erklärungen. 'Eine völlige Übereinstimmung (in wissenschaftlichen Ansichten) ist natürlich kaum zu erreichen, das liegt in der Natur unserer Wissenschaft, die dem subjektiven Abwiegen immer einen gewissen Spielraum gibt [12].' (Brief vom 12. Juni 1935.) Er setzte nie seine eigne Meinung an den Anfang. Er ließ alles vor den Augen des Lesers oder Hörers erstehen. Er begann mit der Feststellung der schon vorhandenen Theorien - nicht wenig schwierig für die Hörer, die doch den Stoff gar nicht kannten! - und beleuchtete das Für und Wider an den Tatsachen, die er mit dem ihm eignen Überblick über jedes Gebiet in reichlicher Fülle brachte, aber mit viel kritischerem Blick für das nicht Zugehörige und das Entbehrliche als Schuchardt, dessen Sachwortforschung er so charakterisiert [13]: '... eine starke Betonung der Bedeutung der Wörter, der gemäß bei begrifflicher Übereinstimmung Zusammenhänge gesucht und angenommen werden, auch wenn zeitliche und räumliche Verhältnisse oder die Form der Wörter es vollständig auszuschließen scheinen ..., die Freude an etymologischen Massen, ... die Zusammenstellung von lautlich ähnlichen und begrifflich sich nahestehenden Wörtern, die sich über die ganze Romania und darüber hinaus erstrecken ... ... Auch hier ist Schuchardt der Mann mit dem weitschauenden Blick, der es aber verschmäht, das individuelle Leben des einzelnen Wortes zu studieren und es danach zu beurteilen.' Gerade das war eine grundlegende Forderung Meyer-Lübkes.

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Das Fußen auf Tatsachen, verbunden mit der kritischen Siebung des Materials, ist ein Hauptkennzeichen seiner Methode, und je älter er wurde, desto bewußter und schärfer übte er sie. Der kritische Zweifel bewirkte, daß er, wo er nicht klare Sicht hatte, lieber schwieg. Daher sind in der dritten Auflage des REW verschiedene Nummern weggefallen, die in der ersten und zweiten aufgenommen waren. Die Jüngeren haben noch nicht gelernt, Meyer-Lübkes Schweigen zu deuten. Da bei ihm Übersehen oder Unkenntnis ausgeschlossen ist, besagt das Schweigen eine Warnung vor annoch unwegsamem Gebiete. Er, den Mussafia in seinen Anfängen einen die Tatsachen überfliegenden wilden Stürmer nannte, wollte nun mehr und mehr sicher gehen. Er sah die Aufgabe der Wissenschaft in der Förderung objektiver Erkenntnis und die Objektivität verankert in den Tatsachen, die eben jedermann selbst untersuchen könne. Zwischen Dichtung und Wissenschaft bestehe der Unterschied, daß erstere mit Fug und Recht subjektiv sein könne, letztere nicht. Daher war ihm alles Phantasieren über wissenschaftliche Dinge ohne Stützung auf ein Beweismaterial zuwider. 'Es liegt ja im Zug der Zeit, daß der Einfall, die Phantasie und die Intuition alles, der Beweis auf sachlicher Grundlage nichts gilt. So schreibt jeder seinen Stiefel, überzeugt die andern nicht, sucht auch nicht zu überzeugen, weil er keine Beweismittel hat, anerkennt denn auch nicht, wenn man etwas beweisen will, weil ihm das Verständnis fehlt [14].' Meyer-Lübke legte grundsätzlich den Tatsachenvorrat vor und, indem er ihn sichtete, indem er klarlegte, was in Wahrheit gar nicht zum Stoffe gehöre und warum nicht, indem er den Schutt von seiner Baustätte wegführte, schuf er ein säuberliches Arbeitsgebiet. Oft hat nur die Anordnung des Materials schon einen Ausblick auf den Weg freigegeben, auf dem zu einem Ziele, zu einer Lösung zu gelangen war. Das Endurteil überließ er dem eigenen Denken eines jeden. Allerdings ist nicht jeder in der Lage, sich ein abschließendes Urteil zu bilden, z. B. über das Katalanische (sein letztes selbständiges Buch mit dem so charakteristischen durchaus schwebenden Schlusse). Darin liegt z. T. die Schwierigkeit seiner Schriften. Und darin lag die Schwierigkeit seines Unterrichtes: Das Endurteil, das 'man bequem nach Hause tragen' kann, gab er grundsätzlich nicht. Er war ein Feind des Bequemen. Jeder sollte selbst denken lernen. Außerdem war er trotz des Reichtums der Beweisstücke immer knapp. Sein gedrängter Stil gewährte nur selten die ästhetischen Ruhepausen, die durch eine schöne Wendung oder Füllung die Aufmerksamkeit entlasten und ihr gestatten, ein wenig Atem zu schöpfen.

Seine Arbeitsweise ist ferner erklärt und gekennzeichnet durch den Umstand, daß er von der Indogermanistik herkam, die ihn schon auf der Schulbank beschäftigte - er brachte auf die Universität [15] Kenntnisse und Einblicke mit, die keineswegs jeder am Ende der Studien von ihr heimträgt - er war durch und durch Sprachvergleicher und Sprachhistoriker, von Anfang an, wie schon im ersten Bande der Romanischen auch in seiner Italienischen Grammatik. In ihr bot er als erster ein Bild der historisch betrachteten Sprachzustände auf dem ganzen Gebiete des Italienischen - Lingua und Mundarten [16]. Sie ist noch immer die einzige historische Grammatik des Italienischen. Hier ist nun allerdings folgendes zu bemerken. Meyer-Lübke hat als erster den Versuch einer wirklichen geschichtlichen Darstellung der Sprache gemacht (Bd. I der Grammatik, S. 523ff. und Frz. Gr. Anhang II). Er hat die Aufgabe voll erkannt, freilich auch ihre Schwierigkeiten. Zu einer wirklichen Geschichte irgendeiner Sprache ist er nicht mehr gekommen. Aber die Mitteilung über ein Kolleg, das er 1923/24 hielt, deutet darauf hin, daß er auf dem Wege war: 'Ich lese frz. Lautlehre, diesmal alles durcheinander: tonlose, betonte Vokale, Konsonanten, aber möglichst historisch ... und suche dabei zu zeigen, wie die politischen Verschiebungen die Vorbedingungen für die Verschiedenheiten der sprachlichen Entwicklung in den verschiedenen Gegenden Frankreichs sind' [17]. Mit der Ausführung eines solchen Buches wäre er der schon 1911 an ihn ergangenen Aufforderung [18] nachgekommen. Jedoch drängten sich andere Aufgaben in den Vordergrund. So sind zwar alle seine Arbeiten historisch, aber seine historischen Grammatiken sind nicht im wahren Sinne entwicklungsgeschichtlich. Der beschreibend-physiologische Standpunkt gibt bei allen den Einteilungsgrund.

Davon abgesehen, ist die Französische Grammatik in ihrem Aufbau ungemein fesselnd und neuartig: das zielbewußte Streben nach Erklärung des neufranzösischen Zustandes, die Voranstellung der äußeren Geschichte, die Einbeziehung der Orthographie, die Stellung des Wortes im Satze als Voraussetzung aller Veränderung und v. a. Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit - auch im Einbekennen der eignen Irrtümer - forderte und leistete er unbedingt. An Mohls geistvoller 'Introduction à la chronologie du latin vulgaire' tadelt er, 'daß er mit glänzendem Darstellungstalente die Tatsachen in einer seiner These zugeschnittenen Form vorzuführen versteht' (ALL XI, S. 598) ... 'daß der Vf. sein linguistisches Material in ganz eklektischer Weise benutzt, d. h. immer nur bringt, was zur Begründung seiner Auffassung paßt, das Entgegenstehende verschweigt' (599). ... 'Ich habe mir nie eine Idee über das Vulgärlateinische gebildet und dann die Tatsachen geordnet in der Absicht, meine Idee zu beweisen; ich bin immer erst von den Tatsachen ausgegangen und habe daraus Schlüsse gezogen' usw. (602). Er sah, mit einem Wort, Sachkenntnis als erste Voraussetzung einer wissenschaftlichen Arbeit an. So erzog er seine Leser, so seine Schüler. Diese Sachkenntnis mußte aber aus der Quelle geschöpft sein. Kenntnisse aus zweiter. Hand erkannte er nicht an.

Haßte er das 'Phantasieren' in wissenschaftlichen Dingen, so war er doch keineswegs phantasiearm. Seine wissenschaftliche Phantasie tritt uns wohl in keinem Buche mit größerer Anziehungskraft und hinreißenderem Schwung entgegen als in der 'Einführung', ohne Frage seinem originellsten Werke. Hier breitet er einen bunt gewebten Teppich von Problemen aus, die er z. T. neu in unsere Wissenschaft hereinbrachte. Hier stellt er das Gebiet der Sprachwissenschaft so weltenweit dar, als es wirklich ist. Sein Wörterbuch ist die praktische Anwendung aller wissenschaftlichen Methoden auf allen Teilgebieten der Linguistik. Das Wort 'Etymologie' erscheint hier als die Zusammenfassung kultur- und geistesgeschichtlicher, psychologischer und anderer Forschungsergebnisse. Das Wörterbuch, besonders in der dritten Auflage, ist ein Werk, das die Leistungsfähigkeit eines einzelnen zu übersteigen scheint.

So weit die Sprachwissenschaft reicht, so weit erstreckte sich sein Interesse: Von oskisch-umbrischen Formen zu gallischen Personennamen, von psychologisch-syntaktischen Problemen (z. B. von der affektischen Wurzel des 'intensiven' Infinitivs im Litauischen [Idg. F. 14, 1903]) zum Dreschflegel, von klimatischen Fragen zu Sitten und Lebensanschauungen [19]. Und da schließlich alles in dieser Welt verhaftet ist, gab es eigentlich wenig, das seine Teilnahme nicht erweckt hätte. In künstlerischen Dingen war sein Urteil weniger intuitiv als in linguistischen. Es lag immer die Gefahr nahe, jene diesen nutzbar zu machen. Das empfand er wohl, und seine ehrfurchtsvolle Scheu vor wahrer Dichtung ist am besten gekennzeichnet durch den Ausspruch, er schäme sich, aus Dante Beispiele für die Syntax zu pflücken. Soweit aber das Ästhetische ein Element des Sprachlichen darstellt, beschäftigte es ihn lebhaft. Voßlers ästhetischem Prinzip als Ursache der Sprachveränderung trat er ganz bei [20].

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Ästhetisieren war ihm allerdings ebenso verhaßt wie das Theoretisieren in linguistischen Dingen, das 'allzu leicht in das rein Akademische ausarten [21]' könne. Zu rein künstlerischem Genuß des Lesens kam er nur selten. Dazu war die Fülle seiner Obliegenheiten zu groß.

Seine Arbeitskraft war staunenerregend, und die Summe seines Lebenswerkes zu ziehen, ist in Kürze unmöglich. Doch sei hier noch besonders darauf hingewiesen, daß er zum erstenmal das Rumänische in allen Teilen der Grammatik grundsätzlich neben den anderen Sprachen behandelt hat [22], das Sardische als gesonderte Sprache erkannte, nebenbei einen Abstecher ins Frühneugriechische (die Ausgabe des Simon Portius) machte [23], daß er mehrere zusammenfassende Schriften verfaßte, wie die Darstellung der romanischen Sprachen in der 'Kultur der Gegenwart' oder die Romanistik in der Festgabe für Schmidt-Ott, daß er endlich eine ausgedehnte Herausgebertätigkeit entfaltete ('Wörter und Sachen', 'Germanisch-romanische Monatsschrift', 'Sammlung romanischer Elementar- und Handbücher'), wobei er nicht nur selbst wichtige Beiträge lieferte, sondern gern mit Rat zur Verfügung stand. Zu alledem kommt nun erst die Lehrtätigkeit, der er mit ganzer Seele zugetan war und die ihm die größten Erfolge brachte.

Seine Methode beim Lehren war genau dieselbe wie beim Schreiben. Jedes Kolleg wie jedes Seminar war vergleichend und historisch, ob er vom Neuprovenzalischen, Neurumänischen, Neuportugiesischen oder vom Altsardischen, Altspanischen, Vulgärlateinischen ausging. Die Beschreibung eines Sprachzustandes lag ihm nicht. Er war kein Lehrer für Anfänger, deren Gehirnzustand er sich nicht vorstellen konnte. Er setzte immer zuviel voraus, sogar für einen Mussafia, der in Meyer-Lübkes Erstlingsarbeiten Anstoß an der Wendung Bekanntlich ... nahm. Da käme ein junger Mensch, sage die neuartigsten Dinge und wolle den Alten unterschieben, daß sie das längst wissen müßten. 'Mir ist das gar nicht bekannt, ich habe es überhaupt noch nie gehört.' Dann baute er eine Brücke, wo Meyer-Lübke geflogen war, prüfte nach und - war einverstanden. Meyer-Lübke hatte aus der Vogelschau irgendeinen Zusammenhang erfaßt und nahm sofort an, er müsse auch jedem anderen ohne weiteres Beweisverfahren einleuchten.

Trotz aller Schwierigkeiten riß er die Hörer mit in den Schwung seines Denkens. Sein Unterricht ist jedem, der ihn genossen hat, ein unvergeßliches Erlebnis geblieben [24]. Er schoß in den Saal - meistens sehr spät - die Tür fiel mit mächtigem Bums ins Schloß, er stürmte auf das Katheder, wie ein Feldherr vergangener Zeiten eine 'Position nahm'. Das Kollegienheft flog auf das Pult - eine reine Formalität, denn seine Handschrift, für andere so gut wie gar nicht, war für ihn selbst auch kaum entzifferbar: er benützte es nie. Die Fülle seiner Mitteilungen ergoß sich in freier Rede, während er auf dem Geländer saß oder an der Tafel stand. Er sprach sehr rasch, mit stark schweizerischem Anklang - auch beim Gebrauch der romanischen Sprachen - , die Worte kollerten aus dem Munde. Ebenso rasch bewegten sich die Hände an der Tafel. Die Rechte warf die Hieroglyphen hin, die die Linke ebenso schleunig wegwischte, um neuen Beispielen Platz zu machen. Mit gespanntester Aufmerksamkeit mußte man ihm folgen, um nur einen Teil des Gebotenen in Sicherheit zu bringen. Die Anfänger schrieben phonetisch nach und brachten dann in heilsamer Nacharbeit den Sinn heraus, zumeist nur mit Hilfe der älteren Semester, die für ihn durchs Feuer gingen. 'Wenn er uns um Mitternacht aufs Dach der Universität bestellt, um chinesisch vorzutragen, gehen wir natürlich hin', sagte einmal einer. Der Ruf seiner unvergleichlichen Bedeutung wurde von einer Studentengeneration der anderen überliefert, so daß die Neulinge sofort alle die Vorlesungen belegten, für die sie gänzlich unreif waren. Sie arbeiteten sich mühsam ein, oder besser: sie arbeiteten sich herauf. Studenten, die in allen anderen Fächern und im weiteren Leben herzlich unbedeutend gewesen sind, vermochte er über ihr normales Niveau zu heben. Gerade weil er sich nicht zu ihnen herabließ; er zwang sie ein wenig zu sich empor, und weil sie über sich selbst hinaus kamen, weil sie in die Atmosphäre eines höheren wissenschaftlichen Lebens tauchten, blieben die Stunden bei ihm ein Lichtpunkt ihrer Erinnerung. Das Geheimnis seiner unwiderstehlichen Wirkung als Vortragender war ans Katheder gebunden. Ganz er war er nur als Lehrer in der Reihe der Vorlesungen. Die ihn im Einzelvortrag hörten, konnten keine Vorstellung davon gewinnen. Er bedurfte des Zusammenhanges mit der Hörerschaft. Ein 'Publikum' aus verschiedenen Gesellschafts- und Bildungsschichten, ein Publikum ohne die Voraussetzung des Wunsches nach ehrlicher, ernstlicher Belehrung lähmte ihn. Eine gewisse Schüchternheit erfaßte ihn, wie er selbst bekannte, ein Unbehagen, das er in der kurzen Spanne eines Vortrages nicht überwinden konnte. Er mußte der Bereitheit zur sachmäßigen Hingabe sicher sein, die er dann in so hohem Grade zu entfachen vermochte. Das gelang ihm durch die Erfülltheit von dem Gegenstande. Er selbst war nicht nur vollständig bei der Sache; während er vortrug, hatte man den Eindruck, es gäbe jetzt gar kein Problem als eben dieses und überhaupt keine andere Aufgabe auf der Welt, als sich damit zu beschäftigen. Er suggerierte seinen Hörern diese Teilnahme in dem Maße, daß sie alle erschwerenden Nebenumstände überkamen, daß sie ganz da waren, wo er sie haben wollte. Von ihm ging das geheimnisvolle Fluidum aus, das in glücklichen Fällen Sprecher und Hörer umfließt, eine Naturerscheinung wie Telepathie u. ä. Die farbige Lebendigkeit, die geistvolle Durcharbeitung seines Vortrags erweckte immer wieder den Glauben an einen eben jetzt stattfindenden Einfall. Tatsächlich gab es ja wohl auch kein 'altes' Kolleg bei ihm, und so originell wie in seinen Büchern war er naturgemäß stets in seinen Kollegien, aus denen meist die Bücher erwuchsen, so die Wortbildungslehre, die 'Einführung', die allerdings für Studenten eher eine 'Ausführung' bedeutete. Aus literarischen Vorlesungen in Bonn ergab sich die Erecstudie [25]. 1926/27 las er ein Kolleg als Vorarbeit zur Neuordnung der Lautlehre, die neben der dritten Auflage des Wörterbuches den Abschluß seines Lebenswerkes bilden sollte [26]. Und auch sein letztes Kolleg, das zu Weihnachten 1935 abgebrochen wurde, behandelte 'grundsätzliche Fragen der Sprachveränderung' [27] als Vorbereitung für die Lautlehre, an die er noch im Juli 1936 dachte.

Für die Begabten war das Studium bei ihm eine Quelle wahren Genusses. Da sein ganzes Bestreben dahin ging, sie zum Selbstdenken zu bringen, freute er sich jeder selbständigen Meinungsäußerung. Er unterstützte gelegentlich den Gegenredner mit Beispielen, die dieser nicht kannte. Und wenn der nun schon anfing siegessicher zu sein, kam er mit den Gegenbeweisen und leuchtete kräftig in die Frage hinein. Meldete man ihm, daß man zu einem anderen Resultat zu kommen scheine, als er selbst angegeben, war er um so lebhafter dabei. 'Das schad't ja nichts, wenn Sie anderer Meinung sind. Aber Sie müssen mich ganz gründlich widerlegen, so daß ich überzeugt bin.' Alles Bonzentum war ihm fremd. Seine überragende Begabung war ihm so selbstverständlich, daß er sie nie und vor niemandem ausspielte. Er drängte seine Meinung nicht auf, er sprach sie nicht einmal immer aus. Er begründete sie mit Tatsachen. Nach den Seminarübungen bei ihm haben alle Teilnehmer noch nach Jahren Heimweh gehabt.

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Er befürwortete von jeher die Unterrichtsreform, wonach die Vorlesungen reichlich verringert und durch seminaristische Übungen ersetzt werden sollen. Meinte aber allerdings, daß viele Studenten dafür zu wenig befähigt und die Anforderungen dann für alle zu groß wären. Er ging darüber hinweg, daß auch nicht alle Lehrer in der Lage sind, seminaristisch zu unterrichten. Für viele ist das Vortragen, ohne auf Fragen eingehen zu müssen, nicht nur bequemer, sondern sogar das einzig Mögliche.

Seine Geduld wie seine Teilnahme waren unerschöpflich. Für seine Schüler hatte er immer Zeit, und sie machten reichlich Gebrauch davon. Auf ihn paßte das Sokratische Wort vom Geburtshelfer der Erkenntnisse. Als Führer der Fortgeschrittenen zeigte er eine besondere pädagogische Begabung. Beim Besprechen der Arbeiten [28] verriet er nie etwas Positives, brachte die Studierenden aber dennoch dazu, 'von selbst' auf den Weg zu kommen, den er wünschte. Sie glaubten, selbständige Entdeckungen zu machen und merkten erst an seinem verkappten befriedigten Lächeln über die Freude an ihren Funden, daß es für ihn keine Funde waren. Der Umgang mit der Jugend war ihm so sehr Bedürfnis, daß er auch nach der Emeritierung noch Vorlesungen gehalten hat.

Er war keineswegs ein unangenehmer, aber allerdings ein strenger Prüfer, insofern er viel forderte. Man bereitete sich eben vor, empfand es als eine Art geistigen Adels, sein Schüler zu sein. Die meisten haben ein gewisses Gepräge seiner Schulung beibehalten, so verschiedenartig ihre Wege auch später waren. Als es noch weniger Hörer gab, wußte er von jedem, was er irgend einmal gelernt hatte und forderte es bei der Prüfung ein. Für seine ganze Art kennzeichnend ist der Vorfall, daß er einmal mit seinem Stoffe zu früh fertig wurde, den Studenten frei stellte, was sie in den vier fehlenden Vorlesungen hören wollten, und, da diese nach langer Qual der Wahl sich auf Südostfranzösisch einigten, noch vier Semester später Fragen daraus stellte. Er verlangte für das Doktorat gründliche Kenntnisse in drei romanischen Sprachen (nach Wahl) und einen Überblick über die gesamte Romania, für die Lehramtsprüfung vor allem Syntax seit dem 16. Jahrhundert. Er sorgte dafür, daß man innerhalb der vierjährigen Studienzeit alles hören konnte. Er kümmerte sich um eine gute Abwechslung im Vorlesestoff jedes Semesters. Vor der Ankündigung der Vorlesungen sprach er mit jedem Dozenten - er hatte in Wien eine bisher nie dagewesene Anzahl herangebildet -, was er zu lesen gedenke. Er zwang nicht, er riet und vermittelte. Ja er richtete fallweise seine eigne Ankündigung nach den Fähigkeiten der Jüngeren. Er könne doch leichter ein anderes Kolleg wählen als der Anfänger, der noch nichts in Vorrat habe.

Als Dekan 1905/6 (in Bonn 1923/24) und als Rektor 1906/7 hatte er Gelegenheit, sich als tatkräftigen, umsichtigen Verwaltungsbeamten zu zeigen, der durch diplomatische Geschicklichkeit in der Zusammenstellung der Kommissionstagesordnung die Erledigung beschleunigte. Für Angelegenheiten, die ihn persönlich interessierten, lud er zur Hälfte Gegner der Sache, um bei gänzlicher Unparteilichkeit sich seines Erfolges desto mehr freuen zu können.

Seine Beobachtungsgabe war ungewöhnlich scharf. Wen er einmal gesehen hatte, den kannte er zeitlebens nach dem Äußeren, dem Namen, den Arbeiten, den Eigenheiten seines Wesens. Ihm entging an Menschen wie an Einrichtungen weder das Gute noch das Böse noch das Lächerliche. Er sah alles. Scherzhaft rühmte er den großen Vorteil, den ihm die Natur mit seinen ungleichen Augen verliehen habe (er schielte). Es sei ungemein bequem, ohne Kopfbeuge gleichzeitig nach rechts und nach links sehen zu können, in die Nähe und in die Ferne. Er hörte aber auch alles und erzählte mit Ergötzen, wie er in seinem Rektorjahr eine Demonstration vereitelte, nur dadurch, daß er aus unwahrscheinlicher Ferne die Verabredung dazu hörte.

Als aufrechter Mann ließ er keinerlei Vorurteile an sich heran. Ein begabter, anständiger, pflichteifriger Mensch konnte sicher sein, bei ihm gut anzukommen. Er kannte kein Ansehen der Person und - was am Ende des vorigen Jahrhunderts bedeutungsvoll war -auch nicht des Geschlechtes. Die Frauen haben an ihm einen wahren Förderer gehabt, weil er bei gleichem Recht sofort auf die Pflichtgleichheit und auf die Gleichheit des Maßstabes hielt. Von allen Rücksichten auf 'die Leute' fühlte er sich vollkommen unabhängig. 'Böse Zungen finden immer etwas: sich nach ihnen richten, heißt ihnen zuviel Ehre antun und - nützt nichts' [29]. - 'Ich habe mein ganzes Leben lang nie gefragt, wie wird gedeutet, was ich tue, sondern ist es richtig, was ich tue' [30].

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Er war keine problematische Natur. Sein Weg war vom Gymnasium her vorgezeichnet. Fünfzehnjährig kauft er sich antiquarisch die Syntax von Diez, siebzehnjährig studiert er die ersten zwei Bände des Archivio glottologico. Aber er hielt sich zu wenig begabt für eine Dozentur, und da er zum Mittelschullehrer keine Berufung fühlte - man kann sich ihn auch schwer als solchen vorstellen -, strebte er die Bibliothekarslaufbahn an, zu der er übrigens, selbst von der Schrift abgesehen, nicht besser geeignet war. (Brieflich 4. III. 1928.) Aber sein Schicksal erfüllte sich reibungslos. Den Vierundzwanzigjährigen, der nach Paris ging, um zu studieren, bestellte Gaston Paris als Vortragenden für Vulgärlatein an der Sorbonne, und damit war er in dem einzig für ihn tauglichen Fahrwasser. Obzwar ein gütiger Hausvater und teilnehmender Freund, lag sein Leben doch umschlossen im Forschen und Lehren. Waren hierfür die Bedingungen gegeben, so kümmerte ihn weiter nichts, und er stimmte allem anderen zu. Lebhaft in seinem Forschungs- und Lehreifer, ist er doch kein eigentlich temperamentvoller Mensch gewesen. Selten hat man ihn zornig gesehen. Die Stimmung ging nicht mit ihm durch. Persönliche Neigung oder Abneigung spielte bei seinem Urteil nicht mit [31]. Einer seiner hervorstechendsten Charakterzüge war die Fähigkeit, immer gesammelt zu sein für das, was er eben vorhatte. Hiermit ist auch die Erklärung für seine umfassende Tätigkeit gegeben. Nichts konnte ihn ablenken. Besprach er mit einem Studenten dessen Arbeit, so störte es ihn nicht im mindesten, wenn das zweijährige Töchterchen eintrat und, mit ernsthafter Miene erklärend, 'sie müsse hier abstauben', ihm wie dem Studenten mit dem Puppenbesen über das Gesicht kehrte. Er lächelte dem Kinde zu, ohne einen Augenblick das Gespräch zu unterbrechen, und forderte dieselbe unerschütterliche Fassung von seinem Gegenüber. Ebenso unentwegt kam er auch dem Berufe nach, als ihm der Tod sein Söhnchen entriß. Nur von dem Kinde sprechen wollte er nicht. Wie denn überhaupt seiner Mitteilsamkeit in wissenschaftlichen Dingen äußerste Verschlossenheit in persönlichen gegenüberstand (dem, 'was hinter der äußeren Ruhe seines Alemannenschädels vorgeht', schrieb einmal seine Gattin). In der Zeit seiner Hochblüte lebte er ziemlich einförmig; in späteren Jahren haben die häufigen großen Reisen nach Spanien, Portugal - er war Gastprofessor in Coimbra 1926/27/28 - nach Schweden, nach Baltimore - wo er eine Vortragsreihe hielt (1928) -, nach Rumänien und England (1930) viel Anregung gebracht und viel Kraft aufgezehrt.

Bis in das späte Alter hinein gab es für ihn bei der Arbeit weder Schwierigkeit noch Ermüdung. Als Vierziger eignete er sich in wenigen Wochen solche Kenntnisse der keltischen Sprachen an, daß er Keltisch als Nebenfach prüfen konnte [32]. Als Fünfziger nahm er zur Vorbereitung für ein spanisches Kolleg in die Sommerferien arabische Grammatiken und Texte mit, da ihm Arabisch schon immer gefehlt habe. Im Herbst verfügte er darüber. Nicht weit von sechzig lernte er Baskisch. Sein Hirn arbeitete in anderem Maßstabe als das der meisten Menschen. Seine Assoziationsbahnen beförderten, was immer da kommen mochte, sofort an den richtigen Platz, verknüpften es mit dem Zugehörigen, so daß es ein für allemal gebrauchsbereit zur Verfügung stand. In seinem Kopfe war Ordnung. Sein Gedächtnis versagte nie. Sein ungeheures Wissen und der Überblick über alle Zusammenhänge waren immer gegenwärtig. So kam es, daß die Frageorgien der Schüler ihm eine angenehme gymnastische Übung bedeuteten und ausgesprochen willkommen waren. Den Fachgenossen jedes Grades - von der höchsten Autorität bis zum letzten Anfänger - bot sein Gespräch eine unvergleichliche, nie abreißende Quelle der Anregung. Er war nicht ein Romanist, er war die verkörperte Romanistik. Man kann sich vorstellen, daß er ein anderes Fach erwählt hätte, da er aber dieses ergriff, ist die Romanistik ohne ihn undenkbar. Er war ihr zentraler Punkt. Von ihm nehmen seit rund 40 Jahren alle linguistischen Arbeiten ihren Ausgangspunkt. Man schlägt im 'Meyer-Lübke' nach, um von ihm 'abzustoßen', sowohl die, die nur in dem von ihm vorbereiteten Boden ein wenig gärtnern wollen, als die, die selbständig weiter zu bauen, nicht am wenigsten, die ihn zu widerlegen oder zu verkleinern beabsichtigen. Wenn man eine Statistik machen könnte, wie oft das M.L. in den Arbeiten beider Hemisphären auftritt, würde sich zahlenmäßig erweisen, welchen Einfluß er ausgeübt hat. Ungewöhnlich groß war die Schule, die sich um ihn sammelte, seine Anregung reichte weit über die Grenzen der Romanistik. Es war eine große Epoche der Linguistik, die er z. T. selbst heraufgeführt und der er seinen Stempel aufgeprägt hat. Daß diese Epoche zur Neige ging, erkannte er selbst am besten: Auf einen Wellenberg folge notwendig ein Wellental. Die wissenschaftlichen Interessen wenden sich anderen Zielen zu. Mit der Ermüdung, über die er in den letzten Jahren klagte - die Vollendung der dritten Auflage des Wörterbuches lastete auf ihm wie nie früher eine Aufgabe; allerdings ist es in vieler Hinsicht ein neues Werk -, kam auch der übelste Feind aller Arbeit: der Zweifel an ihrer Wichtigkeit, ihrer Notwendigkeit [33]. So wünschte er nach fast fünfundfünfzigjähriger Tätigkeit eigentlich Ruhe. Er sah mit Freude das Neuland, das die Wissenschaft immerzu erobert, aber er selbst betrat es nicht mehr. Er berichtet z. B. von der Erweiterung des Programms von 'Wörter und Sachen' im Sinne Humboldts. 'Das paßt den reinen Lautschiebern nicht, aber ich denke, es wird weitere Kreise anziehen. Ich bin natürlich zu alt, um noch selbsttätig mitzuwirken, aber noch nicht alt genug, um die Wichtigkeit der Erweiterung nicht einzusehen' (3. III. 1933). Er bedauerte seine 'Rückständigkeit'. Aber 'das Älterwerden hat den Vorteil, daß man doch nicht alles kann, was man einst träumte. Da kommt es auf ein mehr oder weniger nicht mehr an' (19. V. 1935). Er selbst machte unter seine Tätigkeit einen Strich. Eine Arbeit über Geschlechtsbezeichnung bei Lebewesen war im März 1936 vollendet bis auf Kleinigkeiten, 'die mich normalerweise nur einen Tag Arbeit kosteten' (29. V. 1936). Sie ist unvollendet geblieben. Es ging zu Ende, mehr ein Versiegen der Kräfte, als ein schmerzhaftes Ringen mit dem Tode. Er entschlief mit einem Lächeln auf den Lippen. Sein Werk wirkt fort, sein Name lebt.


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Fußnoten:

  1. Geboren wurde Wilhelm Meyer von Stadelhofen als Sohn eines Landarztes am 30. Januar 1861 zu Dübendorf bei Zürich. Sein Urgroßvater war Oberstkommandant von Zürich in verantwortungsvoller Zeit, sein Verwandter Konrad Ferdinand Meyer. 1889 vermählte er sich mit Hermine Lübke, einer Märkerin († 1933), deren Namen er nach Schweizer Sitte dem seinen anfügte.     [zurück]
  2. 1890, 1895, 1899. Jeder Band wurde mit dem Diezpreise gekrönt. Der Registerband folgte 1902.     [zurück]
  3. 'Die Schicksale des lateinischen Neutrums im Romanischen' 1883.     [zurück]
  4. Vgl. seine letzten Studien: 'Die Schicksale des lateinischen L im Romanischen', Ber. Sächs. Ak. Wiss. 1934, Bd 86,2, 'Zur Geschichte von lat. Ge, Gi und J im Romanischen', Vox Romanica I, 1936 (abgeschlossen 1935).     [zurück]
  5. Zuerst die keltischen, z.B. 'Die Betonung im Gallischen', SAW, 143, 1901, zuletzt Baskisch (seit 1916), dem er mehrere Studien widmete, u. a. 'Lat. f im Baskischen, span.-gaskogn. h aus lat. f. Eine grundsätzliche Studie' (Archiv 166).     [zurück]
  6. Von seinen lateinischen Untersuchungen sind die wichtigsten etwa: 'Über o und u im Lateinischen' und 'Mamphur' (Philolog. Abhandlungen für Heinrich Schweizer-Sidler, 1891), 'Die lateinische Sprache' in Gr. Gr.2, 'Zu den lateinischen Glossen' (Wiener Studien 25, 1903). Durch mehrere Jahre besorgte er den Bericht über lateinische Sprache in Vollmöllers Jahresbericht.     [zurück]
  7. Vgl. - um nur auf entlegenere Arbeiten zu verweisen - 'Die Ziele der romanischen Sprachwissenschaft' (Rektoratsrede, Wien 1906), 'Germanisch-romanische Wortbeziehungen' (Untersuchungen und Quellen zur germanischen und romanischen Philologie, Johann v. Kelle dargebracht I, 1908).     [zurück]
  8. Der Auftakt war 'Aufgaben der Wortforschung', GRM I, S. 634 ff., 1909. Die Zeitschrift 'Wörter und Sachen' wurde von ihm mitbegründet und reichlichst mit Beiträgen aus den verschiedensten Beobachtungsgebieten gespeist.     [zurück]
  9. Das Katalanische. Seine Stellung zum Spanischen und Provenzalischen, sprachwissenschaftlich und historisch dargestellt. 1925.     [zurück]
  10. Historische französische Grammatik, 1908. 4. u. 5. Aufl. 1934.     [zurück]
  11. Vgl. 'Zentripetale Kräfte im Sprachleben' (Festschrift für Phil. Aug. Becker, 1922, S. 126).     [zurück]
  12. Vgl. auch Lat. f im Baskischen usw., S. 68.     [zurück]
  13. Hugo Schuchardt, Ein Nachruf (Almanach der A. W., Wien 1927, S. 247 ff., im S. A. S. 6).     [zurück]
  14. Brieflich 4. III. 28.     [zurück]
  15. Er studierte in Zürich bei Schweizer-Sidler, in Berlin außer bei Tobler bei Johannes Schmidt.     [zurück]
  16. 1890. Die Übersetzung, von M. Bartoli und Giacomo Braun, 1901 u. ö., 'Grammatica storico-comparata della lingua italiana o dei dialetti toscani', ist für die Studenten handlicher eben durch das Weglassen der anderen Mundarten, freilich aber in ihrem wissenschaftlichen Werte beschnitten.     [zurück]
  17. Brief vom 1. Januar 1924. Da Meyer-Lübke in den letzten Jahren nur Notizzettel schrieb und diese - wie auch die früheren Kollegienhefte - vernichtet hat, ist keine Spur davon vorhanden.     [zurück]
  18. Z. f. östr. Gymn. 1911, S. 432ff. Meine Chronologische Phonetik (Beih. 82 ZRPh) gab Veranlassung zu einem lebhaft teilnehmenden Briefwechsel und dieser zur Veröffentlichung der Nachträge (ZRPh 56, S. 604ff). Es ist nur natürlich, daß die Lautlehre am frühesten veraltet ist, in bezug auf die Anordnung wie auf das Lautphysiologische. In letzterer bekannte er sich schon 1911 als nicht produktiv.     [zurück]
  19. Vgl. die Besprechung von Voßlers Erwägungen über den Zusammenhang von Ideenveränderung (= neuer Weltanschauung) und Sprachveränderung, in der Schmidt-Ott-Festgabe, S. 237.     [zurück]
  20. Archiv 166, S. 61.     [zurück]
  21. 'Das Katalanische', S. VII.     [zurück]
  22. Das rumänische Institut, das mit Hilfe der rumänischen Regierung 1911 in Wien gegründet wurde, war sein Werk und unterstand seiner Leitung. Es ging im Kriege unter. Ein bleibendes Denkmal ist der Band 'Mitteilungen des Rumänischen Institutes an der Universität Wien', den Meyer-Lübke herausgab und mit einem Beitrage eröffnete.     [zurück]
  23. Ausgabe der vulgärgriechischen Grammatik des Simon Portius vom Jahre 1638 (erschienen 1889 als 78. Heft der Bibliothèque de l'École des Hautes Etudes) mit ausführlichem grammatischem und historischem Kommentar, der mit zu dem Besten gehört, was über die Entwicklung des Neugriechischen geschrieben worden ist.     [zurück]
  24. Die folgende Darstellung bezieht sich naturgemäß auf seine Wiener Zeit (1890-1915), wo er bald den Höhepunkt seines Lebens und Schaffens erreichte.     [zurück]
  25. ZFSL XLIII, S. 129-188. In diesen späteren Jahren machte er eine literarische Wandlung mit. Nicht nur, daß er überhaupt eine literarische Untersuchung unternahm, er äußerte einmal: 'Es ist erfreulich, wie von allen Seiten an Stelle der Quellenforschung die Beurteilung des Kunstwerkes als solches, nach seinem Aufbau, nach seiner Stellung in der Zeit, in die es gehört, tritt. Ich meine, das hätte voraufgehen, dann erst die "Sagenforschung" einsetzen sollen. Viele unnötige Theorien hätte man sich ersparen können und die ewigen Streitigkeiten, ob die kymrische oder die franz. Bearbeitung älter sei, hätten sich leichter beilegen lassen, wenn man zunächst jedes Werk für sich und aus sich betrachtet hätte. Daher glaube ich, daß, auch wenn man im einzelnen Ihnen nicht beistimmt, doch Ihr Aufsatz einen bedeutenden Fortschritt bedeutet. Zenker wird wohl anderer Ansicht sein.' (6. X. 1918.)     [zurück]
  26. Brief vom 20. Februar 1925.     [zurück]
  27. Brief vom 24. Dezember 1935. Vgl. dazu den gedankenreichen Vortrag 'Vom Ursprung der romanischen Sprachen'. Der Titel dieses letzten Kollegs war 'Grundlinien der französischen Sprachwissenschaft' (freundliche Mitteilung von Herrn Dr. Buscherbruck).     [zurück]
  28. Da gelegentlich gegen Meyer-Lübke der Vorwurf erhoben wurde, er hätte seinen Hörern mit Vorliebe Dissertationen aus der Lautlehre aufgenötigt, sei erwähnt, daß zwischen 1894-1913 von 84 nur 16 aus der Lautlehre vorhanden sind, im ganzen 50 rein linguistische, 21 literarische, 13 aus Mittelgebieten. (Vgl. Vollmöllers Jahresbericht 1904-1912.) Meyer-Lübke wünschte, daß der Dissertant sein Thema selbst wähle und gab die Bahn vollkommen frei.     [zurück]
  29. Brieflich 31. V. 1904.     [zurück]
  30. Brieflich 20. II. 1915.     [zurück]
  31. Sehr bezeichnend seine Einstellung zu G. Paris, dessen Persönlichkeit er zuhöchst einschätzte und über den er doch späterhin (1919) äußerte, es sei erstaunlich, wie wenig von dessen Auffassungen übrigbleibe. In der Epentheorie stand Meyer-Lübke ganz und gar auf der Seite von Bédier-Becker.     [zurück]
  32. Zwei Studenten hatten bei dem damals jungen Privatdozenten Rudolf Much durch mehrere Semester Keltisch studiert, und Much war mit Hingabe bei ihrer Ausbildung, um Keltisch als Prüfungsgegenstand durchzusetzen. Nach der damaligen Prüfungsordnung durfte aber ein Privatdozent auch dann nicht prüfen, wenn er der einzige Vertreter des Faches war. Meyer-Lübke unterstützte die Sache in der Fakultät, jedoch mit dem Erfolge, daß er die Prüfung selbst übernehmen mußte. Der Kollege Meyer-Lübke habe einen so breiten Rücken, daß man ihm das Keltische ruhig aufbürden könne, sagte ein Fakultätsmitglied.     [zurück]
  33. Zum Teil natürlich durch Kriegs- und Nachkriegszustände hervorgerufen.     [zurück]


Quelle: Richter, Elise: Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft. Innsbruck, Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, 1977: 515-528. (leicht modifiziert) (an, gbb)

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Adolf Mussafia.

Zur 25. Wiederkehr seines Todestages. [1]

I.

Die Romanistik begeht heute einen doppelten Gedenktag: fünfundzwanzig Jahre seit dem Hinscheiden Adolf Mussafias und, fast auf den Tag, siebzig Jahre, daß die Lehrkanzel für Romanistik an der Wiener Universität für Mussafia gegründet wurde.

Der Weg zu dieser Lehrkanzel hat etwas Romanhaftes. Geboren am 15. Februar 1835 zu Spalato, wo er das Gymnasium besuchte, kam Mussafia, siebzehnjährig, nach Wien, um Medizin zu studieren. Die Wahl war denkbar unglücklich. Mussafia hat zeitlebens Ekel vor Krankheit, Widerwillen vor Kranken und Grauen vor der Leiche empfunden. Er floh aus dem Seziersaal, in dem er fast ohnmächtig wurde, und inskribierte nur zum Schein weiter, im ganzen sechs Semester. Er brachte sich mit Stundengeben fort und entwickelte so am praktischen Unterricht seine angeborene Lehrbegabung.

Seine Methode war, vom Einfachsten auszugehen, von da die nächstliegenden Kenntnisse anzubahnen und, in einer großen Spirale zurückkehrend, denselben Punkt von höherem Gesichtskreis aus zum zweiten Mal und schließlich ein drittes Mal auszubauen. Nach dieser Methode hat er seine Italienische Sprachlehre geschrieben, die seinen Namen in weiteste Kreise trug. Für die Mehrzahl der Menschen ist der große Mussafia "der von der Grammatik" geblieben [2]. In der Tat ist sie langlebig. Sie ist 1927 zum 34. Male aufgelegt worden.

Vereinzelt hörte er Vorlesungen an der philosophischen Fakultät, vor allem zogen ihn die italienischen Übungen an, die zwei "Lehrer" abhielten, der Titularprofessor Freiherr v. Fornasari-Verce und der Lehrer Ponisio. Beiden war der jugendliche Danteschwärmer von vornherein überlegen. Bei der Erklärung einer Dantestelle, die dem Vortragenden nicht recht gelingen will, meldet er sich zum Wort, und seine klare, einleuchtende Darlegung, verbunden mit der ihm angeborenen ausgezeichneten Rednergabe, wirken so mächtig, daß der Ministerialsekretär Dr. Giov. Battista Bolza [3] auf ihn aufmerksam wird, und so kann der verdorbene Mediziner 1855 an der Universität italienischen Unterricht geben. Zunächst als Privater. Aber 1856 rühmt der Dekan - Miklosich - dem Ministerium die gründlichen Kenntnisse und den großen Eifer des Herrn Mussafia, und er wird (unbesoldeter) "zweiter Lehrer für italienische Sprache und Litteratur, zur Ausbildung von deutschen und italienischen Lehramtskandidaten für Gymnasien mit italienischer Unterrichtssprache". Er hat seine Tätigkeit bald so erweitert, daß er schließlich (1859/60) "Historische Grammatik der italienischen Sprache mit besonderer Berücksichtigung der anderen romanischen Sprachen", ferner "Einleitung in die Laut- und Formenlehre des Italienischen", "Lektüre und Erklärung von Dante's Paradiso", "Quellen und Elemente der göttlichen Komödie" vortrug. Im Sommersemester 1860 "Analyse des de Monarchia", "Purgatorio", "Michel Angelo als Dichter", "Italienische Grammatik für Anfänger".

Es ist ganz fesselnd, zu sehen, was das Vorlesungsverzeichnis sonst noch für das Studium der neueren Sprachen bot: Weitere 6 Stunden Italienisch; Französisch: "Grammatik und Syntax" mit deutschem Vortrag (3 Stunden), "Französische Literatur" mit französischem Vortrag, an Sonn- und Feiertagen und am Samstag (2 Stunden), "Elementargrammatik für Anfänger, mit Übersetzungen" (2 Stunden), Stilistik und Literatur mit französischem Vortrag (2 Stunden). Ferner 3 Stunden Spanisch. Außerdem, was man in späteren Zeiten der Monarchie erstaunlicherweise vermißte, 6 Stunden "Böhmisch" ("Grammatik", "Stil", "Literatur") und Polnisch. Für das Englische waren im ganzen nur 4 Stunden vorgesehen.

Mussafia erzählte selbst, wie die Dinge sich weiter entwickelten. Er habe seinem Gönner Bolza den glühenden Wunsch geäußert, mit Hilfe eines Stipendiums bei Diez studieren zu können. Die Antwort war: kein Stipendium, aber - die außerordentliche Professur. Es habe ihn ein Schwindel gepackt, über das Glück und über die Unmöglichkeit, es zu ergreifen: Er wisse doch nichts. Worauf Bolza sehr ruhig gesagt habe: "Aber Sie werden schon lernen". Als Mussafia die außerordentliche Professur, zunächst probeweise, auf drei Jahre erhielt, gab es einen großen Romanisten in Wien, der in seiner scheuen Zurückhaltung zum Lehramt ganz unbefähigt, in stillster Insichgezogenheit fast fünfzig Jahre als Beamter der Hofbibliothek (1819-1866) eine hervorragende wissenschaftliche Tätigkeit entfaltete, Ferdinand Wolf. Mussafia, der 1858 als "Hilfsarbeiter" in die Hofbibliothek eintrat, hatte Gelegenheit, diesem ausgezeichneten Mann näherzutreten, dem er mit einem in edelstem Stil geschriebenen Nachruf ein wissenschaftliches und menschliches Ehrenmal gesetzt hat [4].

Von einem unmittelbaren Einfluß Wolfs auf Mussafia ist nicht viel nachzuweisen. Mussafias wissenschaftliche Laufbahn beginnt schon früher und in ganz selbständiger Form. Es lohnt sich, gerade auf diese ersten Veröffentlichungen näher einzugehen, nicht nur weil sie schwerer zugänglich und ganz vergessen sind, sondern weil sich aus der Betrachtung dieser Erstlinge seine ganze Entwicklung darlegen läßt.

Dr. G. B. Bolza, selbst dem Studium der Sprache und Literatur ergeben, förderte die italienisch-deutschen Kulturbeziehungen durch die Herausgabe einer Zeitschrift "Rivista Viennese" (1838ff.), in der sowohl italienische als deutsche Dichtungen mit nebenstehender Übersetzung erschienen, z. B. 1838 I Halm's Einakter "Camoens", Gedichte von Grillparzer einerseits, und Ugo Foscolo's "Sepulcri" andrerseits [5]. Noch wichtiger war die 1854 gegründete, in Mailand erscheinende "Rivista ginnasiale e delle scuole tecniche", das Gegenstück zu der "Zeitschrift für die oesterreichischen Gymnasien". Hier forderte Bolza zu einer Untersuchung auf, wie der Plural bei Städtenamen zu bilden sei. Der zwanzigjährige Autodidakt Mussafia schickt die beste Antwort ein [6]. Er beginnt mit der Feststellung: Wenn Ortsnamen im Plural zu gebrauchen sind, so sollen sie auch die pluralische Form haben. Die Frage ist aber, können Ortsnamen im Plural gebraucht werden? Er vertieft also nicht nur die Frage, er bringt folgenden, für seinen alles erfassenden Geist so kennzeichnenden Satz: Beim Aufstellen einer grammatikalischen Regel sind zu berücksichtigen: Die Gesetze des gesunden Menschenverstandes, die Bedürfnisse des Ohres, die Analogie, die Autorität der Schriftsteller und die der Sprechenden. Danach untersucht er nun und kommt zu dem Ergebnis: Handelt es sich um zwei oder mehrere Konkrete, wie Vienna (Austria) und Vienna (Provence), so ist der Plural selbstverständlich. In dem angeführten Mustersatz "non v' ha ... due Rome" ist hingegen logisch der Plural geleugnet. Folglich müßte der Singular stehen. Aber, die Welt der vorgestellten Dinge hat ihre Pluralität wie die der wirklichen. Ich bilde mir in der Vorstellung zehn Städte wie Rom und sage folglich mit Recht Ho più cara Spalato mia che non dieci Rome. Die obige Unterscheidung ist zu subtil, als daß sie im Sprachgebrauch durchführbar wäre, und außerdem müssen wir mit dem Gesetz der Harmonie rechnen. Denn die Logik fordert etwas anderes als das Ohr, das, besonders im Italienischen, ein allmächtiger Herrscher ist. Nach pluralischen Wörtern wie due usw. verletzt der Singular das Ohr und zwar am meisten bei -a Ausgang, am wenigsten bei -e. Er führt nun Beispiele von maßgebenden Schriftstellern an und schließlich Urteile aus dem Munde von Sprechern [7]. Hier kommen hauptsächlich Toscaner in Betracht, da die meisten andern den Auslaut abstoßen. Aber der rein theoretische - gar nicht volkstümliche - Satz non v' ha due Rome kann nicht als Beispiel genommen werden, vielmehr muß man die Wendungen der Umgangssprache erlauschen wie die leidenschaftlichen che mi cale di cento Firenzi oder non vi do il mio paese per dieci Milani. Schließlich wird noch für den Fall eines Mißklanges wie due Triesti oder einer Zweideutigkeit wie due Lioni die Notwendigkeit einer anderen Wendung erwähnt.

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Weiter Gesichtskreis, Sachkenntnis, feines Sprachgefühl, zurückhaltende Bescheidenheit. Die kleine Untersuchung kann heute so gut bestehen wie vor 80 Jahren.

Seine zweite Arbeit ist 1856 "Del dittongo rinforzativo nella lingua italiana" [8]. Hier fällt die Bezeichnung auf, die zugleich ein Licht auf die Sprachbetrachtung der Zeit wirft, der ja phonetische Kenntnisse abgingen. Mussafia nennt den Diphthong "verstärkend", weil er dadurch entsteht, daß ein Vokal sich einem akzentuierten kurzen Vokal gesellt, um ihn zu verstärken". Im übrigen zeichnet sich die Untersuchung durch Sorgfalt, genaue Kenntnis des Stoffes, Vorsicht in der Deutung aus, besonders aber durch Aufteilung aller sprachlichen Vorgänge in zwei Gruppen, von denen die eine unter "legge fonetica" begriffen wird, die andere unter "regola". Die Regel ist das Ergebnis von Studien und logischen Ableitungen, grammatikalische Lehre, praktische Sprachbeherrschung, z. T. nach einem konventionellen System, das von einem Volke angenommen ist, "um so viel näher der Vollkommenheit als es vernunftgemäßer ist". Das Gesetz hingegen ist Sache des Instinktes, der organischen Beschaffenheit. Es ist die Vergleichung der Vorkommnisse bei verschiedenen Völkern, es sucht Gründe, mehr philosophischer Natur, über Bildung der Laute, sucht Zusammenhang der Erscheinungen und gibt Befriedigung des Geistes, perchè ogni verità scoperta, quale essa sia, è al nostro spirito di nuovo conforto - einer der wenigen allgemeinen Sätze, die sich in Mussafias Lebenswerk finden lassen.

1857 betritt er mit einer fast 100 Seiten langen Besprechung von P. Fanfani's Decameronausgabe das Gebiet der Textkritik, deckt mit meisterlicher Sicherheit und Überlegenheit Irrtümer der Ausgabe, textliche Verböserungen, Interpunktionsfehler auf und ist - er selbst.

In einem zunächst rein berichtenden Aufsatz über Diez' kritischen Anhang zum Wörterbuch, 1859 [9], wagt er zum Schluß, "der freundlichen Aufforderung Diez' Folge leistend, ein paar Deutungen aus seiner Muttersprache" beizubringen und übertrifft Diez. Daneben verteidigt er Diez' Herleitung von dîne, disne < deceno zu decoenare mit zurückgezogenem Akzent gegen Littré's Vorschlag disjejunare.

Sehr beachtenswert ist auch, daß er in der Italienischen Sprachlehre (1860) der Wortstellung mehr Platz einzuräumen gedenkt, ebenso wie der Wortbildung, einer "selbst in den umfangreichsten Grammatiken mit Unrecht vernachlässigten Lehre [10].

In Wahrheit hatte Mussafia also nicht nur bereits hervorragende Befähigung zum Lehrfach bewiesen, sondern er konnte auch schon auf eine Reihe von Arbeiten zurücksehen, die nach der heutigen Ausdrucksweise genommen, eine durchschnittliche Dissertations- und Habilitationsschrift tatsächlich bei weitem übertrafen. Die ungewöhnliche Bescheidenheit, mit der er selbst sich der Professur nicht würdig erachtete, ist nicht das wenigst Bemerkenswerte an ihm, "noi, cui la pochezza dell' ingegno e la mancanza d' autorità impongono l' obbligo di non pronunciare alcuna [asserzione] senza puntellarla di prove" schreibt er Riv. ginn. III S. 7. In dem Ministerialakt [11], der ihn zur außerordentlichen Professur vorschlägt, wird er als ein Mann von nicht gewöhnlichem Talent, von besonderer Bescheidenheit und Solidität des Charakters geschildert. Seine literarischen Leistungen im linguistischen Fach zeichnen sich durch eine noch von keinem Italiener erreichte Gründlichkeit und Tiefe aus; sei doch diese ganze Wissenschaft deutschen Ursprungs und den Italienern bisher nicht zugänglich gewesen. Die italienische Sprache stehe der deutschen an Bedeutung nicht nach. Die wissenschaftliche Pflege der romanischen Literaturen an der Universität entspreche den Anforderungen der Gegenwart.

Es bedeutet ein bemerkens- und dankenswertes Verständnis der Unterrichtsverwaltung für den wissenschaftlichen Wert des neuen Faches und nicht minder verständnisvolles Vertrauen in die Fähigkeiten des akademisch nicht geschulten Jünglings, daß sie die Professur einrichtete. Der damalige Leiter des Unterrichtsministeriums war Beust.

Von praktischer Bedeutung war die Professur - nach wie vor - nur für die Ausbildung der italienischen Lehramtskandidaten. Erst 1868 wurde Französisch obligates Lehrfach an Realschulen.

Mussafia trat nun zu Miklosich, Vahlen, Pfeiffer, Bonitz, Eman. Hoffmann in einen hervorragenden Kreis. Wie sehr er das in ihn gesetzte Vertrauen rechtfertigte, zeigt das Vorlesungsverzeichnis, in dem alsbald "Rolandslied", "Provenzalisch", "die ältesten romanischen Schriftdenkmäler" auftauchen, vor allem aber die Reihenfolge seiner Schriften [12]: 1861 u. a. "Difese d'un illustre" [13], die Aufsehen erregende Boccaccio-Schrift, 1862 "Beiträge zur Geschichte der romanischen Sprachen" (darin die grundlegende Abhandlung "Die Präsensbildung im Italienischen" [14], "Eine italienische Bearbeitung der Sieben Weisen Meister" [15], 1862-1863-1864 die Handschriftlichen Studien [16] "Über die Quellen der altspanischen Vida de S. Maria Egipciaca" [16], 1864 "Altfranzösische Gedichte aus venezianischen Handschriften" [17], "Monumenti antichi" [16] usw. Dazu seit dem Ende der 50er Jahre die große, überaus fruchtbringende kritische Tätigkeit. Er verfolgte alle Neuerscheinungen in der ihm eignen Weise: er zergliederte jede Arbeit bis aufs letzte, half überall nach, wo der Verfasser versagte und lieferte oft die bei weitem wichtigere Arbeit, die wirkliche Lösung der gesetzten Aufgabe. Die Zahl seiner Veröffentlichungen von 1860-1870 beträgt nicht weniger als 114. Als Mussafia noch im Laufe der 60er Jahre sich den Wunsch erfüllte, Diez kennen zu lernen, und, in seinem stürmischen Temperament auf ihn zustürzend, ihm die Hand küßte, war Diez nicht wenig erstaunt über die Jugendlichkeit des Mannes, der ihn selbst schon in manchen Punkten überholt hatte und in der ersten Reihe der Fachgenossen stand. Er hatte nach der Fülle und der Reife seiner Werke einen alten Herrn erwartet.

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Mussafia entwickelte sich vielleicht gerade darum so rasch und ebenmäßig, weil er ganz auf sich selbst gestellt war, weil seine Natur ohne jeden äußeren Einfluß und Eingriff ihren eignen Gesetzen gemäß wuchs. So wie seine Schrift sich innerhalb fünfzig Jahren kaum verändert hat, wie sein Äußeres in der Jünglingszeit älter, im Mannesalter jünger schien als er war, so ist auch seine innere Persönlichkeit rasch zu voller Entfaltung gelangt und dann unverändert geblieben, von überraschender Reife in den Anfängen, von unveränderter Frische am Ausgang. Was Mussafias wissenschaftliche Kennzeichnung ausmacht, sind durchweg Eigenschaften, die sich nicht erwerben lassen, sondern die angeboren sein müssen.

Da war zunächst sein scharfer Verstand. Derselbe Mann, der im Leben ein leidenschaftliches Geblüt hatte - er lachte, daß die Bänke schütterten, weinte und schrie, wenn er Schmerzen hatte; kam ein Brief, der ihn ärgerte, so zerriß er ihn in tausend Stücke, so daß es nachher mitunter schwierig war, ihn zu beantworten - derselbe Mann war der kühlste, beherrschteste Denker. Sein Denken war streng folgerichtig. Keine Gefühlsaufwallung lenkte es ab. Er dachte seinen Gedanken zu Ende, baute sein Gebäude mit so lang und wohlgezielten Hammerschlägen, daß nichts es ins Wanken brachte. Hypothesen liebte er nicht. Wo er nicht mit beiden Füßen auf festem Boden stand, trat er nicht hin. Alles mußte klar, sicher, fest begründet, wahr sein. Er beneidete die Mathematiker um die absolute Unanfechtbarkeit, ihrer Aufstellungen: Sei eine Gleichung richtig, so könne sie niemand anfechten, sei sie falsch, könne niemand mehr für sie eintreten. In der Philologie dagegen schleppen sich anerkannt irrige Meinungen immer weiter fort. Sein ganzes Streben ging danach, die objektive Wahrheit, den Tatbestand so zu ergründen, daß nicht zweierlei Meinungen darüber möglich wären. Bei ihm gibt es keine Denkfehler wie keine Druckfehler und keine Schreibfehler. Sein unendlich tiefes und ausgebreitetes Wissen, sein schier unfehlbares Gedächtnis lassen keine Irrtümer sich einschleichen. Daher das Autoritative seiner Leistung. Man griff ihn kaum je an, noch widersprach man ihm. Er bot keine Angriffsflächen. So manche seiner Aufstellungen sind später mit neuen Methoden anders erklärt worden. Die Aufstellungen selbst sind, aus den Quellen in eigner Forschung geschöpft, so unanfechtbar, daß die Nachkommenden auf ihnen wie auf unverrückbaren Grundsteinen gebaut haben. Und man kann dieses Bild auch noch weiter ausführen: Wie die Grundsteine unter dem Gebäude verschwinden, so ist auch er, "aufgearbeitet", dem heutigen Geschlecht nicht mehr so sichtbar und weniger lebendig als sein Verdienst um die Wissenschaft erwarten ließe.

In strengster Selbstzucht wachte er über sich. Er hatte keine Eile. Er ließ seine Arbeiten nicht nur Wochen oder Monate, sondern Jahre und Jahrzehnte liegen. Die Hast der andern begriff er nicht. Es lag ihm auch gar nichts daran, wenn eine Arbeit, die er jahrelang zurückhielt, weil ein Punkt ihm nicht genügte, inzwischen von einem anderen gemacht wurde. Stimmte sie mit ihm überein, so war er zufrieden, denn das bedeutete Sicherheit. War sie unbefriedigend, so gab es eine Besprechung. Überflügelte sie ihn in einem oder dem andern Punkt, lobte er sich, daß er mit seiner schlechteren Behauptung still zu Hause geblieben war.

Zu dieser Geistesschärfe kam eine lebhafte Phantasie [18], die ganz im Dienste der Wissenschaft stand. Er dichtete dem Dichter nach, lebte sich in ihn und in die gedichteten Gestalten, in seine Zeit, seine Kultur, seine Sprachgepflogenheit ein, so daß er mit divinatorischem Blick das erkannte, was die Überlieferung schuldig blieb. Was hat hier stehen müssen? Kann die Zofe, kann Ivain das gesagt haben?

In wie vielen Fällen hat er die Genugtuung erlebt, daß eine später aufgefundene Handschrift seine Vermutung als die tatsächlich richtige erwies! Er kannte von den seither neu aufgekommenen Zweigen der Wissenschaft weder "Formprobleme", noch "Kulturkunde", "Einfühlung" oder "philosophische Stilistik". Nicht einmal ihre Namen gab es. Aber er übte sie. Seine Arbeitsmethode ist davon erfüllt.

Die dritte Haupteigenschaft war die unermüdliche Ausdauer, die sich nie genugtuende Sauberkeit und Genauigkeit bei der Kleinarbeit. "Filigranarbeit" hat sie Meyer-Lübke [19] genannt. Man könnte hinzufügen, Filigranarbeit unter dem Mikroskop. Mit dieser dreifachen Begabung war Mussafia zur Textkritik geboren, und in der Tat hat er sie als die Krone der Philologie angesehen, der alle übrigen Glieder der Wissenschaft zu dienen hätten. Er ist einer der bedeutendsten Textkritiker aller Zeiten gewesen.

Nimmt man die oben genannten linguistischen Arbeiten, die "rumänische Vokalisation" (1868) [20], die "Darstellung der romagnolischen Mundart" (1871) [21] und die "Präsensbildung im Romanischen" (1883) [22] aus, so läßt sich sein ganzes Schaffen aus der Textkritik ableiten, erscheint aus ihr geflossen. Denn der oft [23] als sein größtes linguistisches Meisterwerk betrachtete "Beitrag zur Kunde der norditalienischen Mundarten" [24] geht ja auch auf Texte zurück.

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Um den Text zu beurteilen, muß man ihn vor allem restlos verstehen. Daher jeder Textausgabe die Darstellung der Mundart beigegeben wird: Das Altmailändische bei Bonvesin [25], das Altneapolitanische des Regimen Sanitatis [26], das Altkatalanische der "Sieben Weisen Meister" [27] usw. Er geht von dem bestimmten Text aus, beschreibt seinen Gebrauch, in phonetischer, syntaktischer, stilistischer Beziehung.

Zum Verständnis des Textes gehört die Sachkunde. Mussafia hat keine neue Richtung der Philologie lebhafter begrüßt als Schuchardt's Vorschlag eines romanischen Museums. An die Seminarbibliothek sollten sich ausgedehnte Schauräume anschließen, in denen Trachten, Waffen, Hausrat, Pferdeaufzäumung, Haus- und Burgmodelle, Musikinstrumente usw. zu sehen wären. Zum mindesten hätte er große Bildwerke zur Stütze der Interpretationskollegien gewünscht. Denn zur Erklärung der "Realien" in jedem Text verwendete er viel Zeit. Man sollte sich doch ein wirkliches Bild der Zustände machen können. In Ermanglung alles dessen begrüßte er erfreut - das Erscheinen von Klöpper's Reallexikon (1898-1902).

An den Text schließen sich Quellenforschung und Motivgeschichte und endlich die Gruppierung der mannigfachen Bearbeitungen an, wie er z. B. in den "Studien zu den mittelalterlichen Marienlegenden" [28] einen ungeheuerlichen Stoff bewältigte. Er hat seine textkritischen Grundsätze niemals methodisch dargelegt, aber wer seine Arbeiten zur Hand nimmt, kann sie daraus ablesen. Nur den Satz von der lectio difficilior erläuterte er oft bei Textübungen und prägte den Hörern den Grundsatz ein, daß der Text aus sich selbst gebessert werden solle, erst wenn dies unmöglich sei, aus dem Dichter und nur im äußersten Falle aus dem dem Dichter nächststehenden Kreise. Konjekturen sind nur annehmbar, wenn alle anderen Hilfsmittel versagen. "Le congetture più sagaci e più ingegnose non valgono un buon manoscritto." [29]

So sehr Mussafia das Gesamtgebiet der romanischen Litteraturen mit ihren gegenseitigen Beeinflussungen übersah, hat er eine rein literaturgeschichtliche Arbeit nur ein einziges Mal vorgelegt, "Die Italienische Literatur Dalmatiens" [30], worin er einen vollständigen Überblick der Volks- und Kunstdichtung seiner Heimat gibt.

Es liegt in Mussafias Veranlagung, daß er, wie er sich aus sich selbst in seltener Geschlossenheit und Einheitlichkeit entwickelte, auch späterhin nicht so leicht zu beeinflussen war. Die neu aufkommenden Richtungen der Wissenschaft fanden ihn nicht bereit, ohne weiteres mitzugehen, auch die nicht, die ihrem Wesen nach geeignet waren, die Textkritik zu fördern. Vor allem hätte ihn die Sprachgeographie reizen müssen. Es läßt sich aber nicht nachweisen, daß er sich dafür erwärmt hätte. Er war ein feinsinniger Syntaktiker und Stilist und feinfühligster Deuter dichterischer Seelenschilderungen. Daß er aber damit das Gebiet der Psychologie betrat, leuchtete ihm nicht ein; daß die Wortstellung ganz und gar auf Psychologie beruhe, leugnete er. Und ebensowenig empfand er, daß die ästhetische Betrachtung und tatsächlich philosophische Zergliederung von Dichtungen, wie die Canzonen Guinizellis und Dantes - von der Komödie gar nicht zu reden - philosophische Schulung voraussetzten. Ihm war die Erkenntnis instinktiv, aus innerer Gleichgerichtetheit mit seinen Dichtern aufgegangen, und er meinte, daß allzu viele Nebenwissenschaften den Geist verbilden und auf Seitenwege führen würden. Als die Zeitschrift für romanische Philologie zum ersten Mal eine Abbildungstafel brachte - zur Untersuchung über "Nomi romanzi del collare degli animali da pascolo" [31] des ihm befreundeten Grafen C. Nigra, damals italienischem Botschafter in Wien -, war er zwar erstaunt, aber erfreut, und sowohl die bezeichnungs- als die bedeutungsgeschichtlichen Arbeiten, also Wortgeschichte im weitesten Sinn, fesselten ihn, ohne daß er je dieses Gebiet betreten hätte. Auch vulgärlateinische Studien schätzte er hoch ein, hat aber kaum je welche getrieben und die romanisch-lateinischen Dokumente wenig durchsucht. Die Erforschung der lebenden Mundart stieß ihn zunächst durchaus ab, und er bestritt ihren wissenschaftlichen Wert. Wie wenig aber seine Abwehr des Neuen auf eigensinnigem Verschließen beruhte, ist daraus ersichtlich, daß er schließlich - mit seiner letzten Arbeit - auf das Abhören der lebenden Mundart einging. Veranlaßt durch Schädels Buch über die Mundart von Ormea, ließ er sich, als er den Winter 1901/02 in San Remo verbrachte, den Schullehrer von Ormea kommen, um Schädel's Aufstellungen nachzuprüfen. Die geplante Besprechung dieses Buches, die Mussafia von einer neuen Seite gezeigt hätte, ist nicht mehr ausgereift.

Mussafia hatte den größten Widerwillen vor dem Betreten schon begangener Pfade. Es ist gewiß kein Zufall, daß er, gerade weil Ferdinand Wolf sich in erster Linie mit der spanischen und portugiesischen Literatur beschäftigte, zunächst hauptsächlich auf italienischem, provenzalischem und altfranzösischem Gebiet arbeitete. Er mochte nicht nur immer auf neuen Wegen gehen, er wollte auch keine Weggenossen.

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Wurde es auf einem Arbeitsfelde gar zu lebhaft, so blieb er weg. Dies war mit ein Grund - nicht nur die alte Vorliebe -, daß er sich schließlich ganz auf Textkritik zurückzog. Als er begann, war ein großer Teil der Romanistik Neuland. Es war, wie er selbst einmal äußerte, damals leichter ein Pfadfinder zu sein. Er schuf die Wissenschaft und wuchs mit ihr. Daher der vollständige Überblick über die gesamte Arbeit, der dem Nachfahrer nicht mehr möglich ist.

Er wollte unter gar keinen Umständen sich selbst, aber ebensowenig den Gedanken irgend eines anderen wiederholen. Daher erklärt es sich, daß er nie ein zusammenfassendes Werk geschrieben hat. Er verhöhnte die, die "aus zehn Büchern ein elftes" machten und verurteilte aufs heftigste jede Arbeit aus zweiter Hand.

Wenn er nun am Ende seiner Laufbahn nicht in demselben Maße die Führung in der Hand hatte, wie am Anfang, so liegt das nicht daran, daß er selbst zurückgegangen war, sondern daran, daß die zweite und dritte Generation von Romanisten, die er heranwachsen sah, andere Wege ging als die seinen, daß diese Wege nicht durch die Gebiete führten, auf denen er Meister war. Mehr und mehr wandte sich das Interesse von der Beschreibung alter Sprachzustände, von der Erforschung der Texte ab, der Sprachgeschichte, der Beobachtung der lebenden Mundart zu. Mit einem Wort, aus der Philologie wurde Sprachwissenschaft, von der die Literaturwissenschaft, "die Geistesgeschichte", sich scharf zu sondern begann. Mussafia sprach zwar seine Befriedigung darüber aus, daß die Wissenschaft immer neue Wege suche, um zur Erkenntnis zu gelangen, äußerte jedoch kurz vor seinem Ende [32], heutzutage beginne jeder eine neue Methode, aber nirgends werde etwas aufgebaut. An sprachwissenschaftlichen Untersuchungen schätzte er schließlich das am meisten, was - sekundär - auch für textkritische Bestimmung Wert haben konnte.

II.

Wie das Leben eines Gelehrten auch ein Stück Geschichte der Wissenschaft, spiegelt das Leben eines Altösterreichers ein Stück Geschichte von Österreich. Als Mussafia nach Wien kam, war es kein Problem, ein italienischer Österreicher oder ein österreichischer Italiener zu sein. Er lernte erst in Wien Deutsch, das er - Aussprache und Artikel ausgenommen - in Sprache und Schrift meisterhaft beherrscht hat [33]. Seine Laufbahn war nicht anders als die irgend eines Wiener Staatsbürgers. Kein Hindernis stellte sich auf ihren Weg. Ja, sie war in jeder Beziehung glänzend. Seine außerordentliche Professur wurde 1863 definitiv und 1867 in die ordentliche Professur umgewandelt. Für das Dantewerk zum Jubiläumsjahre [34] erhielt er die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft und weiter dann im Laufe der Jahre alle Auszeichnungen, die einem Gelehrten zuteil werden konnten [35]. Nachdem er 1864 in den Vorstand der Deutschen Dantegesellschaft berufen worden, eröffnete sich ihm schon 1866 die Wiener Akademie der Wissenschaften. Das Doktorat erhielt er 1869, und zwar auf folgende Weise:

Die Rigorosenordnung wurde erneuert und erweitert. Es sollten mehr Prüfer herangezogen werden, darunter Mussafia. Da es aber nicht gut anging, jemanden zum Rigorosenprüfer zu bestellen, der selbst kein Doktorat besaß, schlug das philosophische Doktorenkollegium der Universität vor (20. Mai 1869), Mussafia das Doktorat zuzuerkennen. Dieser Vorschlag wurde in der Professorensitzung der philosophischen Fakultät vom 22. Mai 1869 angenommen, und am 27. Juni genehmigte der Kaiser die vom Unterrichtsministerium vorgeschlagene Ernennung zum Ehrendoktor. Eine feierliche Ehrenpromotion fand nicht statt.

Von 1858-1876 war Mussafia Beamter der Hofbibliothek, liebte aber nur die Studien in den Handschriften, nicht die ihm auferlegte Bücherbeschreibung und Zettelordnung, die er arg vernachlässigte. Später erzählte er einmal, er habe absichtlich Unordnung in die Zettel gebracht, um sich die lästige "zeitraubende" Arbeit vom Halse zu schaffen. Und seine Vorgesetzten brachten dem wissenschaftlichen Vorteil, den seine Tätigkeit der Hofbibliothek einbrachte, so volles Verständnis entgegen, daß sie ihn ruhig gewähren ließen. Er stieg bis zum Ammanuennis II. Klasse auf.

Er war nicht nur mit intensivstem Zugehörigkeits- und Verantwortungsgefühl Mitglied des Lehrkörpers, sondern ein ausgesprochen bürokratischer Zug seines Wesens machte, daß es ihn mit Stolz erfüllte, Staatsbeamter zu sein. Das war für ihn keine Begleiterscheinung, sondern eine Hauptsache, und er fügte sich bewußt als Glied in das größere Ganze. Er war bodenständig in Wien.

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Im Jahre 1872 hat er zwei Berufungen abgelehnt, eine nach Florenz und eine überaus ehrenvolle nach Straßburg, wo die neugegründete Universität mit besonderem Glanze eingerichtet werden sollte. Mussafia widerstrebte es, seinen ihm sehr nahe stehenden romanistischen Freunden, vor allem Gaston Paris gegenüber, "ausgespielt" zu werden; und ebenso sehr, "sich für etwas, das er aus Gesinnung getan habe, bezahlen zu lassen", bemerkte er später einmal. Daher begnügte er sich mit so geringfügiger Erleichterung seiner Lage in Wien, daß der die Angelegenheit führende Minister Stremayer seine Forderungen als "sehr bescheiden" bezeichnet. Er fügt hinzu, daß ein Ersatz in bezug auf die wissenschaftliche Persönlichkeit Mussafias innerhalb Österreichs ausgeschlossen und mit Rücksicht auf seine eigenartige Vielseitigkeit überhaupt nicht in genügender Weise zu finden wäre und rühmt außer den hervorragenden wissenschaftlichen Verdiensten die seltene Ehrenhaftigkeit des Charakters, seine tadellose und durchaus taktvolle Haltung, unermüdeten Eifer und wahre Liebe für seinen Beruf.

Das Gleichgewicht wurde erst im Laufe der 90er Jahre gestört, als die italienische Studentenschaft sich mehr und mehr der irredentistischen Bewegung hingab. Mussafia stand naturgemäß immer in naher Beziehung zu den italienischen Studenten, die ihn als ihren besonderen Vertreter betrachteten. Seine Stellung war nun nicht leicht. Er teilte die irredentistische Gesinnung nicht - aus der innersten Überzeugung, daß es den italienischen Gebieten unter österreichischer Herrschaft besser erginge, als wenn sie zu Italien gehörten, teilte aber andrerseits den Wunsch der jungen Leute nach der italienischen Universität, die ja früher bestanden hatte, und deren Errichtung (in Triest oder Roveredo) ihm geeignet schien, durch Befriedigung gerechtfertigter Ansprüche den Unzufriedenen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Als er nun 1901 zum Mitglied des Herrenhauses ernannt wurde, schloß er sich dem Mittelblock, unter Führung des Fürsten Schönburg, an und trat 1902 (29. Mai) in warmen Worten für die italienische Universität in Triest ein. Da er mit dem damaligen Unterrichtsminister - dem klassischen Philologen Wilhelm v. Hartel - gut befreundet war, dürfte er schon in privaten Gesprächen seinen Einfluß geltend gemacht haben. Jedenfalls kannte er den bei der Regierung herrschenden Widerstand und hielt seine Rede mit dem Bewußtsein, daß sie nur eine Gebärde, keine Tat sein konnte. Hartel erwiderte umgehend, daß sich der Errichtung neuer Universitäten leider kaum überwindbare finanzielle Schwierigkeiten in den Weg stellten, sei es doch bisher nicht einmal möglich gewesen, die bestehenden Hochschulen in der wünschenswerten Weise auszugestalten [36]. Mussafia mußte sich damit begnügen, den italienischen Studenten sein gegebenes Wort erfüllt zu haben. In der Gedenkrede auf Mussafia, die Ascoli im Reale Istituto Lombardo di scienze e lettere am 15. Juni 1905 hielt (Rendiconti Ser. 11, Vol. XXXVIII) besprach er dieses Ereignis als tragico episodio und sagte "finito ch' ebbe dì parlare sî trovò cosî affranto da dovere abbandonar l' aula prima che vi risonassero le gelide risposte che tutti sappiamo". Mussafia kannte die Antwort, ehe sie gegeben war, und wußte, daß im Herrenhaus keine politischen Schlachten geschlagen wurden. Wenn er sich sofort nach seiner Rede entfernte, war es nicht innerliche Zermürbung, sondern physische Ermüdung durch die schon viele Stunden dauernde Sitzung. Wenn ihm also das ganze Erlebnis gewiß nahe ging, so war er doch nicht so niedergebrochen, wie dies von italienischer Seite dargestellt wurde. Schmerzlicher als der von vornherein feststehende Ausgang dieses einmaligen Auftretens im Herrenhause berührte ihn die Aufforderung, sich in keinem Kolleg des Italienischen als Vortragssprache zu bedienen. Er hatte nämlich die Gewohnheit, ab und zu ein Kolleg über italienische Literatur in italienischer Sprache zu halten, wie er als Lektor dazu beauftragt gewesen war, und er liebte es, sich im Schwung und in der Schönheit seiner Sprache zu sonnen. Nun erkannte er wohl, im Hinblick auf den damals alles beherrschenden Sprachenstreit in der Monarchie, die Berechtigung der Verordnung an, die den deutschen Charakter der Universität zu wahren abzielte. Gewiß sollte der Anglist nicht englisch sprechen. Es fiel ihm auch nie ein, französische Literatur französisch vorzutragen. Aber gerade weil er sich als Österreicher fühlte und Italienisch als eine innerhalb der Monarchie gleichberechtigte Sprache ansah, war er verletzt. Die Auffassung indessen, die sich nach seinem Tode verbreitete, er hätte in Verbitterung Österreich den Rücken gekehrt, um seine Tage in Italien zu beschließen, entspricht nicht den Tatsachen.

Mussafia war schon als Kleinkind krank gewesen - er selbst glaubte an Skrofulose -, so daß er im Wägelchen gefahren werden mußte. Kaum 35 jährig, überfiel ihn unheilbare Krankheit - ein eigenartiges Rückenmarksleiden -, das ihm zu fast steten Qualen mehr oder weniger große Bewegungsunfreiheit brachte. Nur seiner überaus entsagungsvollen Lebensweise und seiner kräftigen Natur war es zu danken, daß er doch ein so hohes Alter erreicht hat. Im Dezember 1903 stellten sich aber unter heftigsten Schmerzen Lähmungserscheinungen ein, so daß er die Vorlesungen abbrechen musste [37] und sich fortan darauf beschränkte, Seminarübungen bei sich zu Hause abzuhalten. Im Sommer 1904 suchte er Roncegno auf, mit so geringem Erfolge, daß er im September in Riva, wo er zur Nachkur weilte, nicht die Möglichkeit ins Auge fassen konnte, seine Tätigkeit im Oktober wieder aufzunehmen. Da es ihm nicht schicklich schien, wenige Monate vor dem 70. Geburtstag um Urlaub anzusuchen, reichte er das Gesuch um Pensionierung ein. Es wurde abgelehnt. Er bekam vielmehr in schmeichelhaften Worten den Bescheid, daß die Behörde auf ihn als aktives Mitglied der Fakultät nicht verzichte, ob er nun lese oder nicht. Diese Entscheidung erfreute ihn sichtlich, nicht zum wenigsten deshalb, weil sie ihm die Möglichkeit der Heimkehr offen ließ. Die ganzen folgenden Monate schwankte er fortwährend zwischen dem Entschluß, in voller Form - wie lange geplant, mit einem Petrarcakolleg - vom Lehramt zu scheiden und dem anderen, in einem südlichen Klima einen halbwegs erträglichen Zustand zu finden. Von den zu Ehren seines 70. Geburtstages veranstalteten Huldigungen [38] maß er den aus Wien kommenden größte Bedeutung bei. Ja, noch Ende April 1905 durchzuckte ihn der Gedanke an die Heimkehr, aber sein Los war schon entschieden. Er erlag seinen Leiden am 7. Juni 1905 zu Florenz, wohin er sich nach längerem Schwanken begeben hatte, und das zwar klimatisch nicht entsprach, wo ihm aber die edelste liebenswürdigste Gastfreundschaft den Aufenthalt verschönte. Im Verkehr mit den alten, von ihm so hochgeschätzten Freunden Pio Rajna, Parodi, Mazzoni, Villari u. a. verlebte er angeregte Stunden. Dem Abgeschiedenen wurden ungewöhnliche Ehren zuteil. Es ist symbolisch, daß die Frage der Heimkehr noch über dem Toten nicht entschieden war. Dem ersten Impuls der Witwe entsprechend, sollte er in die Heimat gebracht werden, an die Stätte seines Wirkens. Auf dem stimmungsvollen hochgelegenen Friedhof von Trebbiano fand die Einäscherung statt und die Asche kam nach Wien. Späteren Einflüssen und Überlegungen folgend, änderte Frau Mussafia dann ihre Ansichten über die letzten Wünsche des Verblichenen, der, wie so viele Kranke, aus Scheu vor letztwilligen Verfügungen keine geäußert hatte, und so wurde die Asche schließlich in Florenz auf dem Cimitero degl' Inglesi beigesetzt. Wer Mussafia gekannt hat, wird nicht im Zweifel sein, daß er über den letzten Aufenthaltsort seiner irdischen Überreste nur eine ironische Äußerung zur Hand gehabt hätte. Das, worauf es ankam, das geistige Nachwirken, war an keine Landesgrenzen gebunden.

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III.

Wenn Mussafia die Rückkehr nach Wien scheute, so war es nur zum Teil die Angst vor dem rauhen Winter und verschiedenen äußerlichen Schwierigkeiten. Im Vordergrund stand das Bedenken wegen seiner Vorlesungen. Trotz der Verwüstung, die die Krankheit in ihm anrichtete, war seine Urteilsschärfe bis zuletzt so groß, daß sie die Florentiner Freunde in Erstaunen setzte. Und vor seinem eignen Urteil bestand er nicht mehr. "Anständige Vorlesungen kann ich nicht mehr halten, ein matter Abschluß meiner Lehrtätigkeit würde mich kränken", schreibt er im Februar 1905. Also lieber ganz fernbleiben. In Wien sein und das Amt vorzeitig nicht mehr ausfüllen, wäre ihm unendlich bitter gewesen. Denn das Amt war ihm heilig. Er liebte seine Lehrtätigkeit aus ganzer Seele. In früheren Jahren äußerte er oft, er werde sie nie aufgeben: nach der Pensionierung werde er als Privatdozent weiter lesen. Unter ärgsten Schmerzen ließ er sich in die Universität bringen. Saß er dann auf dem Katheder, vergaß er alles Leid, und dem frischen lebensvollen Vortrag konnte niemand anmerken, daß er einem so siechen Körper abgerungen war.

Mussafias Lehrtätigkeit ist kaum weniger bedeutend als seine gelehrte Forschung. Er war in einer Beziehung ein hervorragender Lehrer, in andrer - scheinbar - gar keiner. Er selbst nannte sich einen Schulmeister und Pedanten und meinte, nicht umsonst wäre die philologische wie die pädagogische Begabung in seiner Familie. Er konnte sich gar nicht genug tun, den Stoff immer wieder frisch anzuordnen, um ihn den Hörern leichter zugänglich zu machen. Mitunter trug er im Kolleg zwei und dreimal dasselbe vor, wenn er meinte, eine noch einfachere, noch übersichtlichere Darstellung gefunden zu haben.

Denn, wie es seinem die Tatsachen klar erfassenden Verstande gemäß war, überschätzte er die Durchschnittsbegabung der Hörer nicht. Er sah vielmehr ohne jede Beschönigung ihre Schwäche und war eifrigst darauf bedacht, zu helfen und den Weg zu ebnen. Wie er es einmal von Arragot gelesen, suchte auch er sich zu Semesterbeginn die dümmsten Gesichtszüge unter seiner Hörerschaft aus und redete so lange auf sie ein, bis sie sich verständnisvoll aufhellten. Es war unmöglich, bei ihm nichts zu lernen. Ein pädagogisches Meisterwerk war sein für erstes Semester berechnetes Einführungskolleg ins Altfranzösische an der Hand des Alexiustextes. Da rollte er die Wissenschaft wie einen bunten Blumenteppich vor den Neulingen auf. Die lautlichen Veränderungen, Formen, Wortbildung, Redewendungen, Syntax, Kulturkunde, literarische Quellen, ästhetische Vermerke, Metrum und Assonanz, die Gesamtheit der möglichen Beobachtungen brachte er in so einfacher und eindringlicher Weise vor, daß der auf solche Art Eingeführte nach zwei Monaten mitten im Altfranzösischen stand. Auch der Humor kam kennzeichnenderweise zu Wort. Es machte ihm selbst immer wieder Spaß, darauf hinzuweisen, wie sehr der laudator temporis acti ("Bons fut li siecles al tens ancienur"!) fehlgreife, wenn er als Beispiel gerade die Zeit Noahs heranziehe, wo doch die Welt so schlecht war, daß Gott sie wegschwemmen mußte. Zu der in diesem Stile ausgeführten Erläuterung der ersten zwei bis drei Strophen brauchte er etwa fünfundzwanzig Vorlesungen. In der zweiten Hälfte des Semesters wurde er aber dann doch fast mit dem ganzen Gedicht fertig, da er alles schon einmal Vorgekommene überging. Er setzte nämlich vollständige Mitarbeit der Hörer von Stunde zu Stunde voraus.

Trotz seiner Stoffbeherrschung, seiner Redegewalt und seines Gedächtnisses wies er mit Entrüstung die Vorstellung von sich, eine Vorlesung aus dem Stegreif zu halten. Es wäre gewissenlos, die Studenten den Zufälligkeiten einer solchen Vorlesung auszusetzen. Er äußerte sich einmal, er habe nie eine Zeile drucken lassen, die er nicht hätte im Kolleg vorbringen können. Damit drückte er den höchsten Grad von verantwortungsbewußter Zuverlässigkeit aus. Er dachte den Stoff immer wieder frisch durch und trug sorgfältig jede neue Errungenschaft in seine Hefte ein. Ereignete es sich dann - und es ereignete sich mindestens einmal im Semester - daß er das Kollegienheft zu Hause vergessen hatte, störte ihn das allerdings wenig. Denn er konnte sich so sammeln, daß ihm kaum eines der vielen Beispiele fehlte, die er gern brachte.

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Er wußte aus Erfahrung, daß er beim Improvisieren weitläufig wurde; er strebte aber nach möglichster Kürze und Schlagkraft des Ausdrucks. Das Hauptgewicht legte er allerdings auf Deutlichkeit. Nie hätte er im Kolleg irgendeine technische Wendung gebraucht, ohne sich zuerst zu vergewissern, ob sie auch jeder verstehe. Die Gepflogenheit junger Forscher, neue oder gar selbstgeprägte Ausdrücke zu benützen, ohne sie ausgiebig zu erklären, tadelte er auf das Schärfste. In einem Buch wäre es schon unerfreulich, im Unterricht aber ein lächerlicher Mißgriff. Denn was könnte lächerlicher sein als die Gestalt auf dem Katheder, die drauflos spricht, ohne sich darum zu kümmern, ob die, die unten sitzen, wirklich folgen können.

Er führte seine Lehren auf breiter Grundlage vor. Las er z. B. Lautlehre, so brachte er sämtliche Belege aller erbwörtlichen Entwicklungen. Er hatte gar nicht die Absicht, mit dem Stoff fertig zu werden. Es sei keine Schule. Der Privatfleiß des Hörers sollte nicht ausgeschaltet sein. Andrerseits las er nie "was im Büchel steht". Das könne ja jeder für sich lernen. So wie er nie ein zusammenfassendes Werk geschrieben hat, so gab er auch kein zusammenfassendes Kolleg. Er umgrenzte den Stoff eng: Nie las er etwa die Geschichte der altfranzösischen Literatur, oder auch nur die Geschichte der altfranzösischen Epik. Er brauchte ein Semester für das Karlsepos und wurde damit nicht fertig. Kündigte er die "Vita Nuova" an, so erklärte er drei oder vier Kanzonen. Aber der ganze Dante war darin. Er ging immer vom Tatsächlichen aus, von einer Einzelerscheinung, und ordnete einen gewaltigen Stoff in wohlabgezieltem Aufbau darum an.

Die grundsätzliche Teilung in Form und Inhalt des Sprechens schwand immer wieder unter seiner lebensfrischen Darstellung. Er unterbrach die philosophische Durchleuchtung des Textes, um eine sprachliche Form zu erklären, und in der Lautlehre, ganz besonders natürlich in der Syntax, floß Systemzwang, Wortgeschichte, Bedeutungs- und Bezeichnungswandel ein, ein Füllhorn von Gaben.

Sein eigentliches Gebiet blieb das Mittelalter. Er las zwar anfänglich auch Manzoni und bis zuletzt Leopardi, aber die zeitgenössische Literatur nach Manzoni hat er im Kolleg nicht behandelt. Moderne französische Literatur, die bei der Lehramtsprüfung in ausgiebigem Maße gefordert wurde, hat er nie gelesen [39]. Bei linguistischen Vorlesungen und auch sonst nahm er auf die moderne Sprache stets Rücksicht und meinte einmal, es sei tatsächlich ganz gleich, ob man vom Rolandslied ausgehend bis an die Neuzeit komme, oder von einer Nummer des Figaro ausgehend zu den Anfängen hinuntersteige. Jedoch hat er das letztere nie getan.

Sein Hauptaugenmerk war auf die Ausbildung der Lehramtskandidaten gerichtet. Schon 1866 hatte er sich dem Unterrichtsministerium dafür zur Verfügung gestellt. "Es würde mir zur größten Freude gereichen", schreibt er [40], "Lehrer auszubilden". Seit dem Jahre 1871 hielt er regelmäßig Seminarübungen für Lehramtskandidaten [41]. Sein ganzes Streben ging auf Hebung des Sprachunterrichtes an Mittelschulen, also vor allem auf Hebung des Lehrerstandes.

Ganz vortrefflich ist seine diesbezügliche, jetzt wenig bekannte Schrift über den "Unterricht an Realschulen. Italienische Sprache als Unterrichtssprache" [42]. Hier entwirft er den Lehrplan des Sprachunterrichtes in der Muttersprache und gibt u. a. folgende, noch immer sehr beherzigenswerte Richtlinien:

Der ganze Lehrkörper (nicht nur der Lehrer, der Sprache und Literatur unterrichtet!) soll sich ausschließlich reiner Hochsprache bedienen. Der Sprachlehrer soll die Mundart seiner Schüler, vor allem die phonetischen Eigenheiten der Mundart genau studieren, um von da aus die Ausspracheschwierigkeiten zu überwinden, die sich bei der als neue (zweite) Sprache zu erlernenden Hochsprache ergeben. Er muß ihnen systematisch den Weg zur reinen Aussprache ebnen. Dazu muß er selbst den Unterschied zwischen reiner Aussprache und Mundart inne haben. Was nun aber die "Lingua" selbst anbelangt, die unterrichtet wird, soll sie nicht stelzende literarische Sprache, sondern ein vernünftiges Gemisch von zentralitalienischer Umgangssprache und literarischer Sprache sein. Die ersten Jahre dienen dem Erlernen der Umgangssprache, in den zwei letzten sollen poetische und veraltete Formen mit einbezogen werden. Gerade die Realschüler, deren weitere Laufbahn von humanistischen Interessen wegführt, sollen ausgiebigen literarischen Unterricht erhalten. Auf gutes Lesen und freies Sprechen ist besondere Übung zu verwenden. Der Lehrer benütze die Gelegenheit, durch Hinweise auf Sprachverwandtschaft, Etymologien, Bedeutungswandel u. a. den Unterricht zu würzen. In bescheidenem Maße. Vor allem hüte er sich, ungenaue Angaben zu machen. Er sage lieber nichts, als etwas, das nicht genau der Wahrheit entspricht.

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Da Mussafia die Hebung des Lehrerniveaus erst anbahnte, mußte er auch die Anforderungen bei der Lehramtsprüfung entsprechend streng gestalten. Er war der Meinung, daß der Lehrer gewisse grundlegende Kenntnisse, und zwar in genügendem Ausmaß, so sicher inne haben müsse, daß keine Aufregung, kein Prüfungsfieber ihnen etwas anhaben könne. Da schrien dann die Durchgefallenen über Bosheit des Prüfers. Mit Unrecht. Mussafia kannte keine persönliche Bosheit, so wenig er für jemanden, der ihm nahe stand, blind eingenommen war. Er kannte nur das Ziel der Lehrerausbildung, und darin war er unerbittlich. Es ist oft bemerkt worden, daß er bei der Prüfung der Doktoranden viel nachsichtiger war als bei der Lehramtsprüfung. Das erklärte er so: Der Doktor sei eine private Person, seine wissenschaftliche Untüchtigkeit schade nur ihm selbst. Aber der Lehramtskandidat werde zu einer öffentlichen verantwortungsvollen Stellung entlassen. Seine Unwissenheit, Unsicherheit, Unfähigkeit sei geeignet, einer ganzen Reihe von Schülergenerationen zum Unsegen zu gereichen, die Schule, den Lehrerstand zu schädigen. Die Universität bliebe dauernd für diesen Schaden verantwortlich.

Dazu kam dann noch die andere Erwägung: Die Lehramtsprüfung schreibt einen schweren, aber fest umschriebenen Lernstoff vor, der bewältigt werden kann. Die Rigorosenordnung jedoch, meinte er, fordere mehr als innerhalb der vier Studienjahre geleistet werden könne. Die gesamte romanische Philologie - Sprachen und Literaturen - und dazu ein zweites Fach, "das ginge in keinen Schädel". Im Verhältnis zu dem, was also der Rigorosant keinesfalls wissen könne, wäre das, was er wirklich wisse, so wenig, daß es auf ein bißchen mehr oder weniger auch nicht mehr ankäme. Er erwog sehr ernstlich die Teilung in französische oder italienische usw. Sprache und Literatur. Denn die Teilung Linguistik-Literatur verurteilte er sehr. Es entsprach seinem innersten Wesen, daß er vertieftes und abgerundetes Wissen in einem Gebiet einem "weiten Horizont mit nichts drin" vorzog. Außerdem konnte er sich eine solche Trennung praktisch gar nicht vorstellen. Ein Linguist, der nicht jede Periode der vergangenen Zeit genau kenne, sei keiner, die Überlieferung seines Arbeitsstoffes liege doch eben in der Literatur. Ohne Kenntnis der Stileigentümlichkeiten des Dichters sei auch die Sprache nicht zu beurteilen. Der Linguist müsse also zugleich Literarhistoriker sein. Der Literarhistoriker aber seinerseits könne ohne gründlichste sprachliche Kenntnisse überhaupt nicht gedacht werden.

Damit ist jedoch Mussafias Haltung den Doktoranden gegenüber noch nicht erschöpfend erklärt. Bei der außerordentlich großen Reihe von Schülern, die er für das Lehramt ausbildete, ist die Zahl der von ihm geschaffenen Doktoren ganz erstaunlich gering. Und "Schule" in der wissenschaftlichen Bedeutung des Wortes hat er überhaupt nicht gemacht. Schüler in diesem engeren Sinne waren eigentlich nur Wendelin Foerster und Urban Jarnick der Ältere [43]. Er regte niemanden zur wissenschaftlichen Arbeit und zum Doktorat an. Er redete eher ab. Vielfach hat man zur Erklärung entschuldigend seine Krankheit angeführt: Er mußte die Studenten von sich fernhalten und er konnte keine Dissertationen und Seminararbeiten überwachen aus Selbsterhaltungstrieb, weil er - der seit dem Jahre 1876 nur noch ein Auge hatte und also über wenige Stunden tägliche Arbeitszeit verfügte - lieber an seine eigne Arbeit denken mochte.

Das ist sicher unrichtig. Bei seiner Auffassung der Amtspflicht und bei seiner vollen Hingabe an den Lehrberuf hätte er unter allen Umständen Zeit und Kraft gefunden, das als notwendig und ersprießlich Erkannte durchzuführen. Niemals hat er an die Möglichkeit gedacht, die Kollegarbeit hinter die Forschungsarbeit zurückzustellen. Das Kolleg ging unter allen Umständen vor. Wenn er keine Doktoren ausbildete, so lag das in seiner vollen Überzeugung, daß der Forscher nicht ausgebildet werden könne wie der Lehramtskandidat, sondern daß er seinen Weg selber finden müsse. Eine wirkliche Begabung arbeite sich durch, ohne Anregung, ohne daß man sie am Gängelbande führe. Die Heranbildung von Halb- oder Minderbegabten aber verabscheute er. Eine Arbeit ohne voll selbständiges Ergebnis, die die Wissenschaft nicht wirklich um irgendeinen Punkt bereichert, ist zwecklos und wird besser gar nicht gemacht. Wen nicht innerster Drang zur Forschung treibt, der soll diese heiligen Hallen gar nicht betreten. Daß jemand seinen Namen unter eine Arbeit setzen dürfe, deren Stoff er so häufig nicht selbst gewählt, deren Methode er nicht aus eignem ergriffen, ja für die ihm noch sonst irgendwelche Hilfe zuteil geworden, mißbilligte er aufs entschiedenste. Gibt es nur alle zehn Jahre einmal einen berufenen Gelehrten, so soll es eben auch nur alle zehn Jahre einen Doktor geben. Dieser akademische Grad sollte nicht verwässert werden, er sollte lieber, wie in Frankreich, den Abschluß der wissenschaftlichen Laufbahn bilden, statt wie bei uns, die Schwelle.

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Er stand vermutlich auch auf dem Standpunkt, den viele Mittelschuldirektoren - objektiv mit Recht - einnehmen, daß der Lehrer den Schwerpunkt seiner Leistung, Genugtuung, Befriedigung in der Schultätigkeit finden solle, nicht exzentrisch in wissenschaftlicher Arbeit, die die Schultätigkeit zur Beschäftigung zweiten Grades herabdrücke. Die Lehrtätigkeit sei ein so wertvoller Beruf, daß der sie Erwählende keine andere Betätigung brauche. Ganz gewiß aber sollte jeder Lehrer tunlichst verhindert werden, den Schein der Wissenschaftlichkeit zu suchen, hinter der nichts steckt.

Wenn also Mussafia niemanden zum "Doktorieren" anregte, so folgte er einer innersten Überzeugung. Auch war er ein viel zu feiner Menschenkenner, um nicht zu wissen, daß Widerspruch einen wirklich festen Willen nur kräftigt. Wer sich vom Doktorat abreden ließe, wäre sicher nicht wert, es zu machen.

Aus all dem erklärt sich nun auch, warum er kein Führer für Fortgeschrittene war, er, der die größte Sorgfalt auf die Heranbildung der Anfänger verwendete. Die Anfänge muß .jeder wissen, und der systematische Unterricht kann hier dem Enkel das jahrelange Suchen der Väter und Großväter ersparen. Er bestrebte sich ferner, die Schüler zum geraden Denken und vor allem zum selbständig Urteilen zu erziehen. So wie er selbst keinen Autoritätenzwang ertrug, so übte er ihn nicht nur nicht aus, sondern lobte mit besonderem Nachdruck, wenn ihm eine gut begründete eigene Meinung entgegengehalten wurde. Gelegentlich stellte er absichtlich eine schiefe Frage. Die Hörer, unter der Suggestion seiner Persönlichkeit stehend, beantworteten sie blindlings und fielen herein. Nun beleuchtete er ihren Mangel an Kritik. Sie hätten doch bemerken müssen, daß die Frage unrichtig gestellt war. Bei der nächsten Seminarübung begann er dann einmal: "Sein Sie auf Ihrer Hut, ich werde Sie aufs Glatteis führen." Nun schmunzelten alle, daß der alte Herr sich so verraten habe. Mussafia fragte diesmal ganz gerade. Die "Gewarnten" glaubten aber recht klug zu sein, indem sie die Fragestellung verwarfen und fielen abermals herein. "Warum denken Sie nicht selbst? Jeder Mensch kann sich irren. Man darf sich auf niemanden verlassen ohne selbst geprüft zu haben." Solcher Art lockerte er den Boden. Der Fortgeschrittene sollte auf eignen Füßen gehen. Wer es nicht vermochte, sollte wegbleiben. Dabei übersah er allerdings, daß die Begabungen ja verschieden sind, daß die allerwenigsten - naturgemäß - irgend mit seiner eignen vergleichbar, auf äußere Förderung verzichten können, daß es Aufgabe des Lehrers ist, bei ihren Erstlingen Geburtshelferdienste zu verrichten, und daß diese Hilfsleistung nicht selten dankenswerte Früchte erzielt. Es entging ihm, daß das wissenschaftliche Arbeiten durch systematische Übung bis zu einem recht hohen Grade anerzogen werden kann, und daß daher Seminararbeiten guten Zweck haben. Statt dessen war er ihr abgesagter Feind. Er ging einmal so weit, sie "groben Unfug" zu nennen. Der Student habe in seinen acht Semestern knappste Zeit, allgemeine, grundlegende Kenntnisse zu sammeln. Er solle sich noch nicht zersplittern. Er solle sich als Anfänger und Schüler empfinden. Die Seminararbeiten aber förderten vorzeitigen Gelehrtendünkel.

Ein pädagogischer Mangel, dessen Mussafia sich sehr wohl bewusst war, bestand darin, daß er kein "pädagogisches" Gespräch führen konnte, worin dem Fragenden ein Fingerzeig gegeben aber das meiste verschwiegen, dem eignen Finden vorbehalten bleibt. Wenn man zu guter Stunde an ihn herantrat, sagte er alles und endigte dann wohl mit der Form: "So, jetzt wissen Sie's. Aber Ihre Arbeit ist das nicht." Da er diese Methode der Förderung selbst nicht für richtig fand, schloß er sich meistens vor privaten Fragen ganz ab. Gelegentlich benutzte er sie als Anregung, im Kolleg darüber zu sprechen, wo alle es lernen und je nach ihrer Fähigkeit Vorteil daraus ziehen konnten. Gespräche mit ganz jungen unreifen Leuten liebte er eingestandnermaßen nicht. Verworrene, unzulängliche Meinungen mochte er nicht anhören. Dazu war er, besonders wenn er von Schmerzen geplagt war, zu ungeduldig. Im Seminar oder auch bei Prüfungen zog er es dann wohl vor, selbst zu sprechen, so daß er schließlich in den Ruf eines überaus bequemen Prüfers kam. Allerdings zu Unrecht. Wen er achtete, an den legte er einen ziemlich hohen Maßstab.

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Hatte aber ein angehender Romanist seinen Weg gefunden, und kam er mit einer fertigen Arbeit zu ihm, so förderte er ihn in einem für seine physische Leistungsfähigkeit geradezu rührenden Ausmaß. Hierbei befolgte er eine überaus heilsame, allerdings auch recht schmerzhafte Methode. Ein leichthin lobendes Durchlesen, meinte er, der gar kein sparsamer Lober war, hätte in diesem Falle gar keinen Zweck. Noch viel weniger war er geneigt, dem Anfänger oder gar dem eignen Schüler milde Nachsicht zuzubilligen. Er legte, gerade umgekehrt, den allerhöchsten Maßstab an. Er warf sich auf die Arbeit wie der grimme Feind, rüttelte an allem, versuchte alles zu widerlegen, zweifelte jede Schlußfolgerung an. Er stellte sich - wie bei jeder Kritik, die er schrieb - auf den Standpunkt, daß er nun die Aufgabe zu bewältigen habe und maß die Ergebnisse, die vor ihm standen, an seinen eignen Erfahrungen. Was dann niet- und nagelfest blieb, erklärte er als sicheres Gut der Wissenschaft. Danach könne man den Wert der Arbeit einschätzen. Ein wahrer Steinhagel von Verbesserungen, Anklagen, Beanstandungen ging auf den nieder, den er durch eine so gründliche Behandlung auszeichnete. Auch an ironischen Bemerkungen fehlte es nicht, die unter Umständen pädagogisch wirksamer, weil dauernder im Gedächtnis, waren, als alles übrige. So bemerkte er einmal bei Gelegenheit eines Beispiels, das als "Gegenbeweis" gedacht war:

"Wenn Sie alles anführen wollen, was zu Ihrer Aufstellung nicht paßt, können Sie ein Buch schreiben, so groß wie die Welt. Denn fast die ganze Welt paßt nicht dazu." Da er nun, wie erwähnt, Diskussionen nicht liebte, verbat er sich schon zu Beginn der Unterredung jede Verteidigung des eignen Standpunktes. Man sollte sich seine Zurechtweisungen nach Hause nehmen, auf sich wirken lassen und nur, wenn man sich sie ganz zu eigen gemacht, verwenden. Denn niemand solle seinen Namen unter etwas setzen, was nicht wirklich sein Eigen wäre.

Schon der erzieherische Einfluß, den er zielbewußt übte, war, wie man sieht, nicht gering. Außerdem aber wirkte er noch gewaltig unabsichtlich, einfach durch sich selbst.

Da war die vorbildliche Pflichttreue, die verantwortungsbewußte Genauigkeit und Sicherheit aller Angaben, das unentwegte Eindringen bis in die letzten Falten des Problemes, das zur Erörterung stand, es mochte ein Text sein oder eine Wortgeschichte oder eine Etymologie. Bei ihm mußte alles Hand und Fuß haben, und die grelle Beleuchtung, in die er manche Behauptungen rückte, heilte die Hörer von der Neigung oder mindestens Duldung nebelhafter Aufstellungen. So zergliederte er z. B. die Ableitung von altfranz. touoil = massacre, das mit touaille = Handtuch auf dasselbe Grundwort zurückgehen sollte. Mit ernstester Miene begann Mussafia, die sprachliche Einstellung der Menschen und die möglicherweise eintretenden Umstände zu suchen, in denen "handtücheln" die Bedeutung "sich erschlagen" annehmen könne. Was aber heute unmöglich wäre, dürfte man auch nicht in vergangenen Sprachperioden voraussetzen. Ein Grundsatz, der noch in jetziger Zeit durchaus nicht immer als selbstverständlich beobachtet wird.

Da war die Ehrfurcht vor dem Text, der Dienst am Dichter, den er vor matter, den Gedanken abschwächender Übersetzung schützte, immer alles ohne jede Wortklauberei und Kleinlichkeit.

Die fanatische Wahrheitsliebe und das Fehlen jedes Eigensinnes und Eigendünkels, womit er sich befliß, zuzugestehen, daß er sich geirrt und ein andrer das Bessere gefunden habe, - diese Grundlage der "wissenschaftlichen Anständigkeit", die jeden Menschen verpflichte, einen Fehler möglichst bald selbst einzugestehen und selbst richtigzustellen. Hierzu kam die bereitwillige Anerkennung fremden Verdienstes. Er stand zu hoch, um neidisch zu sein.

Da war der ungeduldige Widerwillen gegen fahrige, unbedachte Antworten und das verächtliche Entziehen des Wortes bei ungenügender Vorbereitung.

Da war die unerschütterliche Liebe zur Wissenschaft, die ein fast 40 jähriges Siechtum vergoldete und nie vor ihm die Waffen streckte. Wohl überkam Mussafia, der seine Arbeit in früheren Jahren als "Unterhaltung", als "Gymnastik des Geistes" bezeichnet, als "Kleinkrämerei", "an Wert einem Schachspiel vergleichbar" ironisiert hatte, im späteren Alter die Skepsis über den Wert der philologischen Forschung. Man konnte ihn in solchen Stunden der Niedergeschlagenheit nicht besser zur bejahenden Lebensanschauung zurückbringen, als indem man ihm scheinbar recht gab oder gar der hingeworfenen Absicht zustimmte, seine Arbeit ganz aufzugeben. Sofort fuhr er auf und verbot solche Reden. Sie empörten ihn im Innersten, wie eine Lästerung.

Da war endlich die hoheitsvolle Würde, mit der er sich umgab, und die trotz des jovialen Tones, den er mitunter anschlug, Formfehler weder sich noch anderen gestattete. Es wird in der großen Zahl seiner Schüler wohl kaum einer gewesen sein, in dem diese Eindrücke nicht lebenslang gehaftet und - mindestens unbewußt - befruchtend gewirkt haben.

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IV.

Im persönlichen Verkehr gab es dann noch einen anderen Mussafia. Der besaß eine solche Dosis unversieglichen Humors, daß bei seinem Ende die nächststehenden Freunde nicht den Eindruck hatten, hier wäre ein furchtbares Leiden zur Ruhe gekommen, sondern aller Frohsinn des Lebens sei erloschen. Als Kind war er so voll von lustigen Einfällen, daß die gesunden Spielgenossen sich um den im Wägelchen Sitzenden scharten und ihre Spiele nach seiner Eingebung einrichteten. Ein gutes Stück Kind blieb in ihm. Wie so häufig, waren auch hier Genialität, und Naivität gepaart. Er konnte sich, vom Sonnenschein angefangen, an allem und jedem freuen, was Natur und Kunst zu bieten vermögen. Von der derbsten Posse bis zur feinst-ironischen Wendung entging ihm im Leben wie in der Dichtung kein heiterer Zug. So oft er sie auch vorgetragen hatte, lachte er doch immer wieder über die komischen Stellen der alten Dichtungen. Und er lachte ansteckend. Einen Witz zu schlucken, wenn er ihm auf die Lippen kam, gelang ihm nur im Kolleg. Im geselligen Verkehr war er als boshaft verschrieen, weil er scherzhafte Bemerkungen gelegentlich auf Kosten anderer machte. Aber die Freude, die er über die Teufelsmaske empfand, beweist allein, daß es nur eine Maske war. Auch war er nachher selbst bemüht, darzutun, es sei ihm ja nur um die scherzhafte Wendung zu tun gewesen. Innerlich beherrschte ihn die Güte eines vornehmen, unantastbaren Charakters. Im gewöhnlichen Sinn des Wortes war er kein gefälliger Mensch. Sein Beamtengefühl widersetzte sich allen "außertourlichen" Vorgängen, und er hütete sich vor Protektion. So hat er einzelne Personen vor den Kopf gestoßen, während er Schüler und Kollegen, soweit sie "sachlich" in seiner Lehrtätigkeit inbegriffen waren, nachdrücklich förderte. Dankbarst eingedenk empfangener Freundlichkeiten, pflegte er sich mit Erwiderung nicht viel zu plagen. Er wechselte zwischen gemütlich liebevoller Teilnahme auch an kleinsten Tagesereignissen und unnahbarer Abgeschlossenheit, zwischen Frohsinn, ironischer Skepsis und düsterem Ingrimm, zwischen ritterlicher Liebenswürdigkeit und schroffer Abweisung. Ein überaus anregender Plauderer und scharfer Durchleuchter der verschiedensten Denkgebiete, war er der Mittelpunkt jeder Geselligkeit. Bei größter physischer Unbeholfenheit und Ungeschicklichkeit hatte er doch Anmut. Es ging ein Zauber von ihm aus, den seine imponierende Bedeutung als Gelehrter und Lehrer nicht zu erklären vermöchte, es war der Zauber einer Vollnatur, einer hervorragenden, durchaus eigenartigen Persönlichkeit.

Wien.

Elise Richter.


Nachweise.

Verzeichnis der Schriften Adolf Mussafias in "Bausteine zur Romanischen Philologie", Festgabe für Adolf Mussafia, 1905, Halle.

Über Mussafia als Lehrer vgl. meinen Nachruf in Vollmöller's Krit. Jahresber. IX, IV, 48-56 (1909), für die äußeren Daten z. T.: Geschichte der Universität Wien, 1898, S. 354 ff.

Für die Verleihung des Doktorates: gütige Mitteilung aus dem Archiv der Universität, durch Herrn Archivar Dr. Fritz Reinöhl.

Für das weitaus meiste persönliche Mitteilungen Mussafias und Selbsterlebtes, wie es sich bei fünfzehnjähriger Freundschaft und achtjähriger Schülerschaft im persönlichen und regen brieflichen Verkehr ergeben hat.

Von den überaus zahlreichen Nachrufen ist die schon erwähnte Charakterzeichnung Meyer-Lübke's (Wiener Zeitung 11. Juni 1905) die treffendste. Erwähnt seien noch M. Friedwagner (Czernowitz), Neue Freie Presse Juni 1905, Dr. B. Dimand, ebd. 8. Juni 1905, Paul Meyer (Romania 1905).

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Fußnoten:

  1. Gedenkrede, gehalten im Neuphilologischen Verein, an der Universität Wien, 28. November 1930.     [zurück]
  2. Italienische Sprachlehre in Regeln und Beispielen, für den ersten Unterricht bearbeitet von Ad. Mussafia, Dozenten der italienischen Sprache und Literatur an der K. K. Universität zu Wien. 1860 Wien. Bis zur 26. Auflage von ihm selbst bearbeitet, übergab er die 27. u. ff. Dr. Edgardo Maddalena 1904.     [zurück]
  3. G. B. Bolza, geb. 1801 in Menaggio, † 1869 zu Wien, war seit 1826 im Unterrichtsministerium tätig, seit 1850 Ministerialsekretär, Verfasser verschiedener Werke über ital. Literatur und eines "Handbuches der italienischen Sprache". Vgl. C. v. Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich.     [zurück]
  4. Zur Erinnerung an Ferdinand Wolf. Wien 1866.     [zurück]
  5. Bemerkenswert ist auch die Veröffentlichung von mundartlichen Texten, z. B. in I/1 sizilianische und mailändische, in I/2 (1839) genuesische. In II (1840) erschien: "Onomatopee italiane".     [zurück]
  6. Risposta al Quesito: Qual è la forma plurale dei nomi di città, borghi o villaggi, che nel singolare escono in o ed e a cagione d'esempio nelle seguenti proposizioni: Non v' ha due Milan, due Firenz, a quel modo che si dice: Non v' ha al mondo due Rome (Rivista Ginnasiale II, S. 753 ff. 1855).     [zurück]
  7. Vor allem von Florentinern, "dovendo io cui ancora non fu dato di bere ad Arno, giurare nelle parole altrui" 756.     [zurück]
  8. Riv. Ginn. III S. 692-720.     [zurück]
  9. Wiener Zeitung Nr. 326, S. 5459 ff. und Nr. 327, S. 5479 ff.     [zurück]
  10. Einleitung, S. III.     [zurück]
  11. Für die Erlaubnis, in einige Mussafias Lebenslauf berührende Akten Einblick zu nehmen, sei hier dem Unterrichtsministerium aufrichtiger Dank ausgesprochen.     [zurück]
  12. Das vollständige Verzeichnis seiner Schriften befindet sich in "Bausteine zur Romanischen Philologie, Festgabe für Adolf Mussafia", Halle 1905, S. I-XXXIX.     [zurück]
  13. Wien, Holzhausen.     [zurück]
  14. Sitzungsber. der Wiener Akademie der Wiss.     [zurück]
  15. Jahrb. f. R. E. Lit. IV.     [zurück]
  16. Sitzungsber. der Wiener Akademie der Wiss.     [zurück]
  17. Wien, Gerold.     [zurück]
  18. In jüngsten Jahren hatte Mussafia auch gedichtet. Er wachte aber sorgfältig darüber, daß diese Spuren sich verwischten. Nur "Una Storiella", die erste italienische Übersetzung von Schneewittchen, in "Letture di Famiglia" V, 1856, gezeichnet Arturo Bonelli, durfte in die Bibliographie aufgenommen werden.     [zurück]
  19. "Adolf Mussafia", Wiener Zeitung, 1905, 11. Juni.     [zurück]
  20. Sitzungsber. d. Ak. Wiss. Wien LIX.     [zurück]
  21. Ebd. LXVII.     [zurück]
  22. Ebd. CIV.     [zurück]
  23. So besonders von Schuchardt, z. B. in der Festschrift "Hugo Schuchardt an Adolf Mussafia" 1905, Graz.     [zurück]
  24. Denkschriften der Akad. Wiss. Wien, 1873, Bd. XXII.     [zurück]
  25. "Darstellung der altmailändischen Mundart nach Bonvesins Schriften" 1868, ebd. LIX.     [zurück]
  26. "Mittheilungen aus romanischen Handschriften I, Ein altneapolitanisches Regimen Sanitatis", 1884, ebd. CVI.     [zurück]
  27. Denkschriften der Ak. Wiss. Wien, 1876, Bd. XXV.     [zurück]
  28. I-V. 1886-1898, Sitzungsber. Ak. W. CXIII, CXV, CXIX, CXXIII, CXXXIX.     [zurück]
  29. "Sul testo di alcune prediche di Fra Giordano. Lettera di A. M. ad E. Narducci" (Propugnatore V), 1872 (S. 1).     [zurück]
  30. Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild, Bd. X, Wien 1891.     [zurück]
  31. ZRPh. 1903, Bd. 27, S. 129 ff.     [zurück]
  32. Brief vom 20. März 1905.     [zurück]
  33. Ein Restchen seiner dalmatinischen Aussprache haftete auch seinem Italienisch an. Seine Hörer warteten schon immer darauf, wenn er mit großem Nachdruck vom "geschlossenen o" sprach.     [zurück]
  34. "I codici della Divina Commedia che si conservano alla Biblioteca imperiale di Vienna e alla reale di Stoccarda", Sitzungsber. Ak. Wiss., Wien, XLIX, 1865.     [zurück]
  35. Daran möge sich die Erwähnung zahlreicher Ehrungen im Ausland schließen. Mussafia war Mitglied der meisten gelehrten Gesellschaften und Inhaber hoher Orden, die er in einer alten Zigarrenschachtel zu verwahren pflegte. Der Zweck der Ordenverleihung, meinte er einmal, ist erfüllt, wenn die, die sie nicht bekommen haben, sich darüber ärgern.     [zurück]
  36. Neue Freie Presse, 30. Mai 1902.     [zurück]
  37. Das ungeahnterweise letzte Kolleg hielt er am 9. Dezember 1903 über das Wettemotiv, das er durch alle Literaturen verfolgte.     [zurück]
  38. Es sei vor allem der Festband "Bausteine zur Romanischen Philologie", Halle 1905, mit seinen internationalen Beiträgen erwähnt und Schuchardt's schon oben genannte Huldigungsschrift. (Vgl.Anm. 23.)     [zurück]
  39. Zur Ausgestaltung des Unterrichtes wurde daher Ferdinand Lotheissen (seit 1871 Privatdozent) 1881 a. o. Prof. für neufranzösische Literatur. Durch seinen 1887 erfolgten Tod war der Platz frei, auf den Mussafia dann 1890 Meyer-Lübke bringen konnte, den er sofort nach Erscheinen des ersten Bandes der Romanischen Grammatik für Wien sichern wollte.     [zurück]
  40. Gesuch vom 8. Nov. 1866 um Umwandlung der a. o. Professur in die ordentliche, da an den deutschen Universitäten schon o. Professuren für die Romanistik bestünden.     [zurück]
  41. Näheres über die Entwicklung des Seminars vgl. Vollmöllers Rom. Jahresbericht, Bd. IX, IV, S. 16.     [zurück]
  42. Verordnungsblatt für den Dienstbereich des Ministeriums für Cultus und Unterricht (15. Okt. 1881), Stück XX, N.38. Auch unter dem Titel Programma per l' insegnamento della lingua italiana nelle scuole austriache in cui la lingua d' istruzione è l'italiana. Wien, k. k. Schulbücherverlag 1881.     [zurück]
  43. In den neunziger Jahren aber, als Meyer-Lübke die studentische Ausbildung von ganz entgegengesetzter Seite her leitete, war das Interesse für Textkritik in den Hintergrund getreten. In bezug auf die Wiener Doktoranden konnte man seitdem nur von der Meyer-Lübke-Schule sprechen.     [zurück]


Quelle: Kleinere Schriften zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft. Innsbruck, Innsbrucker Beiträge zur Sprachwissenschaft, 1977: 447-471. (leicht modifiziert) (an, gbb)

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  • Adolf Mussafia: Zur 100. Wiederkehr seines Todestages [pdf]


Wir danken Thierry Elsen für den Hinweis auf diesen Link.

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