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| Brigitte Schlieben–Lange: Leben und Schaffen |
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Das Denken verordnen. Über die Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000). Mitsamt einer kurzen Reflexion über den Nutzen der Variable "Geschlecht" in der Linguistik. Dem heutigen Idealbild der modernen Frau, die Familie und Berufskarriere zu vereinen weiß, hat Brigitte Schlieben-Lange wohl entsprochen: mit 27 Jahren war sie bereits promoviert, mit 31 Jahren bekleidete sie ihren ersten Lehrstuhl für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft in Frankfurt/Main. 1991 wurde sie zur Nachfolgerin des berühmten romanistischen Sprachwissenschaftlers Eugenio Coseriu in Tübingen berufen. Während sie die Sprachwissenschaft mit bahnbrechenden Monographien revolutionierte und verschiedenste Ämter bekleidete, erzog und versorgte sie nicht weniger als vier Kinder. Viele Nachrufe auf die anno 2000 mit 57 Jahren sehr jung verstorbene Sprachwissenschaftlerin rühmen ihre Doppelrolle als Wissenschaftlerin und Mutter. In einer Gedenkfeier in der Stiftskirche am 22.06.2001 sagte z.B. Peter Koch (Tübingen): "Uns fehlt eine Frau, die uns in beeindruckender Weise vorlebte, wie man mit vollem Einsatz zugleich Wissenschaftlerin, Familienmutter und so vieles andere sein kann." (Koch 2001). Wolfgang Raible (Freiburg) hob in seinem Nachruf der Heidelberger Akademie der Wissenschaften hervor, dass Brigitte Schlieben-Lange, obwohl sie zugleich die Mutterrolle meisterte, "doch nie auf einen 'Frauenbonus' angewiesen" gewesen sei (Raible 2001). Möglicherweise wäre Brigitte Schlieben-Lange ihre Idealisierung als überdurchschnittlich leistungsfähige Frau, die es ganz alleine und allem zum Trotz schafft, unangenehm gewesen, denn sie war keine Person, die sich gern hätte in gesellschaftliche Idealbilder einpassen lassen: Sie war eine Querdenkerin, eine, die hartnäckig und unerlässlich ihren ganz eigenen Blickwinkel verteidigte. So hätte sie wohl heute auch an den aktuellen hochschulpolitischen Entwicklungen einiges auszusetzen gehabt: Peter Koch wies in der erwähnten Rede auch darauf hin, dass Brigitte Schlieben-Lange in Fragen der Hochschullehre "für eine Entschleunigug plädierte, die entgegen den schikanösen Tendenzen gegenwärtiger Hochschulpolitik, wieder Freiräume für die Reflexion freigesetzt hätte." "Wie ich sie oft sagen hörte", erinnert sich Koch, "stellte sie sich einen Dienstherrn vor, der uns Professoren dazu verdonnerte, mindestens einen Tag in der Woche 'nur zu denken'." (Koch 2001). Bekannt wurde Brigitte Schlieben-Lange zunächst durch ihre Einführungen in die Soziolinguistik (1973) und die Pragmatik (1975), die auch ins Spanische, Italienische und Japanische übersetzt wurden. Dass Brigitte Schlieben-Lange die Form der "Einführung" wählte, um nicht nur einen Überblick über bereits Beschriebenes, sondern auch über von ihr selbst gewonnene Erkenntnisse zu bieten, und dies in einer angenehm klaren und deutlichen Sprache, zeigt, wie sehr es ihr am Herzen lag, ihr breites Wissen an die Studierenden weiterzugeben. Jedoch nicht in der Bedeutung, die sie der Lehre beimaß, sondern auch in ihren Forschungen selbst äußert sich, wie wichtig Brigitte Schlieben-Lange das Thema Bildung war. Ihr Gesamtwerk macht deutlich, dass die Beschäftigung mit Sprache auch immer eine Beschäftigung mit dem Wissen der Sprecher über Sprache und somit mit Wissen und Tradierung von Wissen überhaupt, also Bildung, ist. Ihre Auffassung der Organisation des Sprechens in "Diskurstraditionen" in ihrem Hauptwerk "Traditionen des Sprechens" (1983) stärkt die Idee, dass Sprache nicht unabhängig von gesellschaftlich gewachsenen Sprechtraditionen und somit dem Wissender Sprecher um diese erforschbar ist. Da die Sprechtraditionen und die Unterscheidung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit für Brigitte Schlieben-Lange eine fundamentale Rolle in Prozessen der Sprachentwicklung spielen, ist auch die Frage des Zugangs der Sprecher zu Bildung sowie die Positionen und Rollen der sprechenden Individuen in der Gesellschaft für ihre Sprachtheorie immer wieder von Belang. Aber Brigitte Schlieben-Lange ist nicht nur an der Variable Bildung interessiert, weil sie als Faktor von Sprachentwicklungen die Erkenntnisse über Sprache erweitert. Vielmehr ist auch umgekehrt die Beschäftigung mit Sprache wichtig, weil diese Instrument im Bildungsprozess ist. So verharrt zum Beispiel Brigitte Schlieben-Langes Beschäftigung mit dem Katalanischen und dem Okzitanischen nicht, wie in der aktuellen Sprachwissenschaft oft üblich, in einem einseitigen Parteiergreifen für die "aussterbenden Sprachen", sondern problematisiert den Zwiespalt zwischen dem Ideal der Aufklärung, durch Spracheinheit bürgerliche Partizipation und Bildung zu ermöglichen auf der einen, und der Toleranz gegenüber sprachlicher und kultureller Diversität und dem Recht auf Besonderheit auf der anderen Seite. Ihre Darstellung rückt also nicht so sehr die Sprachen an sich als vielmehr ihren Nutzen für die sprechenden Individuen in den Mittelpunkt. Auch in ihrem letzten Werk "Idéologie, révolution et uniformité de la langue" (1996) beschäftigt sich Brigitte Schlieben-Lange mit einem Bildungsideal: sie untersucht das Denken der als "Idéologues" bekannten Gruppe von Spätaufklärern, die es sich nach der französischen Revolution zum Ziel setzten, ein ideologiekritisches Bildungsprogramm zu entwerfen. Dieses sollte insbesondere die Lehrenden darüber aufklären, dass sprachliche Zeichen und Konzepte verschiedene Kombinierung erfahren können und dies dazu führt, dass die Wirklichkeit unterschiedlich kategorisiert und beleuchtet wird. Dies und die Einsicht der "Idéologues", dass auch in der Wissenschaft die Ideen in ein bestimmtes Licht gerückt werden können, mag Brigitte Schlieben-Lange fasziniert haben, da auch sie selbst sich immer wieder dazu veranlasst sah, die eigne Disziplin kritisch zu überdenken. Dies ist zum Beispiel auch in ihren wenig umfangreichen und auch weniger bekannten Studien zum Thema "Sprache und Geschlecht" der Fall. Hier macht sie darauf aufmerksam, dass die frühe Sprachwissenschaft die Frage der "Frauensprache" allzu biologistisch anging. Sowohl in ihrem Artikel "Frauen – eine 'Hauptstörvariable' der Variationsforschung" in der Festschrift für Wolfgang Pollak (Bandhauer/Tanzmeister 1985) und dem zusammen mit Konstanze Jungbluth verfassten Eintrag im Lexikon der Romanistischen Linguistik (2001) ist diese Kritik nicht so sehr polemisch als eher auf elegante Weise implizit formuliert. Beide Texte weisen zunächst darauf hin, dass die frühe Dialektologie mit Vorliebe Frauen als Informanten auswählte, da man herausgefunden hatte, dass diese traditionelle Sprechweisen länger beibehalten. Zu Anfang des Jahrhunderts stellte man dann jedoch fest, dass die These, dass Frauen durchweg eine konservative Sprache vorweisen, nicht zu halten sei. In einigen Studien kam man zu dem Ergebnis, dass Frauen innovationsfreudiger sprachen als Männer.1 Dass man dies mit Erstaunen feststellte – zum Beispiel in einer von Schlieben-Lange/Jungbluth angeführten weltweiten (!) Befragung zu "Le langage des femmes" in der Zeitschrift "Orbis" (Schlieben-Lange/Jungbluth 2001: 333) – kann nur daraus resultieren, dass man die Weiblichkeit und das weibliche Sprechen mehr essentialistisch interpretierte als gesellschaftlich gewachsen und somit von "den Frauen", egal welchen Alters, welcher Herkunft und gesellschaftlicher Position, als homogener Sprechergruppe ausging. Gegen die Gefahr solcher Verallgemeinerungen, zu denen allerdings schon allein der in der Sprachwissenschaft übliche Begriff "Frauensprache" verleitet, siedeln Schlieben-Lange/Jungbluth ihre Stellungnahme zum Thema innerhalb der Rollentheorie an und stellen klar: Sprache ist ein Gefüge von traditionellen sprachlichen Modi oder –moderner ausgedrückt– von Varietäten, die überliefert werden und gerade deshalb gemeinsam sind (Coseriu 1974). Die diesen Prozess tragenden Subjekte sind weiblichen oder männlichen Geschlechts: nicht ihre biologische Zugehörigkeit, sondern die differenzierte Zuordnung bestimmter Aufgaben und der damit verknüpften Rollen konstruiert gesellschaftlich die Geschlechter. (Schlieben-Lange/Jungbluth 2001: 332) Aufgrund des "Zusammenwirken[s] mehrerer Faktoren im Umkreis der Geschlechtsvariable" (334) spricht Schlieben-Lange in ihrem Aufsatz von 1985 von der "Hauptstörvariable Geschlecht". Dass es dem Forscher so schwer fällt dieses Zusammenwirken zu entschlüsseln, liegt daran, dass die Variable Geschlecht keine feste Größe ist, sondern von kulturell geformten Zuschreibungen abhängig ist und sich somit zu jenen Variablen von Ort zu Ort, im Wandel der Zeit und situationsbedingt, in verschiedener Weise positioniert. Die Ergebnisse von soziolinguistischen Untersuchungen, die die Variable "Geschlecht" einbeziehen, müssen also im gesellschaftlichen Kontext interpretiert werden und andere Faktoren wie Schichtzugehörigkeit, Alter, Beruf oder Tätigkeitsbereiche nicht nur mit einbeziehen, sondern ihre vielschichtigen Korrelationen mit der Variable "Geschlecht" erkennen. Dies blieb in vielen bisherigen Untersuchungen jedoch aus: Anscheinend erfolgt die Zuordnung bestimmter Merkmale zur Variable Geschlecht oft ohne ausreichende Berücksichtigung der den Rollen zugrundeliegenden Kommunikationsbedürfnisse, die nicht notwendigerweise, aber sehr wohl aufgrund der historisch gewachsenen Verhältnisse mit der Zugehörigkeit zu einem Geschlecht korrelieren. (ebda. 335) Es mag daher zu fragen sein – dies bleibt jedoch in den Beiträgen Brigitte Schlieben-Langes unausgesprochen – inwieweit es überhaupt sinnvoll ist, Untersuchungen zu Sprachvarietäten und Sprachwandel an der Variable "Geschlecht" festzumachen.2 Da die Gruppe der "Frauen" nun einmal keine homogene ist, wäre zu überlegen, ob statt von einer dichotomen Einteilung in "Männersprache" und "Frauensprache", von einem Sprechen auszugehen ist, dass durch vielfältigere und komplexere gesellschaftlichen Rollen bestimmt wird, die Individuen (unter anderem aufgrund ihres Geschlechtes) innehaben. Angesichts der aktuellen Tendenz des öffentlichen Diskurses, erneut auf einer durchaus auch biologistisch definierten Trennung zwischen Männern und Frauen zu bestehen, und der Gefahr, dass solche Sichtweisen auch in die Wissenschaft "überschwappen", sollte man sich nicht nur der Überlegungen von Brigitte Schlieben-Lange zum Thema Sprache und Geschlecht, sondern auch ihrer Auffassung über die Bedeutung der Bildung entsinnen und Lehrenden wie Studierenden das Denken verordnen. Kirsten Süselbeck
Literatur
Fußnoten
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Quelle: Süselbeck, Kirsten. Das Denken verordnen. Über die Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000). Mitsamt einer kurzen Reflexion über den Nutzen der Variable "Geschlecht" in der Linguistik. In: ciberablog 14.7.2008. (leicht modifiziert) (ks, mk) |
| Brigitte Schlieben–Lange: Veröffentlichungen |
| Schriftenverzeichnis Brigitte Schlieben-Lange |
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Nachrufe, Würdigungen
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Der Tagesspiegel ![]() Die Sprache der Revolution. Zum Tod der Romanistin Brigitte Schlieben-Lange. Eine der produktivsten deutschen Geisteswissenschaftlerinnen Die Romanistin Brigitte Schlieben–Lange, Nachfolgerin ihres Lehrers Eugenio Coseriu auf dem Tübinger Lehrstuhl für romanische Sprachwissenschaft, ist kurz vor ihrem 57. Geburtstag in Frankfurt gestorben. Das akademische Deutschland hat eine seiner bedeutendsten Frauen verloren. Begonnen hat sie ihre glänzende wissenschaftliche Karriere mit soziolinguistischen Untersuchungen der "kleinen" romanischen Schwester–Sprachen Katalanisch und Okzitanisch, eine frühe Liebe, zu der sie immer wieder zurückgekehrt ist. Jenseits der Romanistik ist sie aber vor allem durch ihre beiden Einführungen in die Soziolinguistik und in die Pragmatik bekannt geworden, mit denen sie in den siebziger Jahren zur Überwindung oder Ausweitung der "Systemlinguistik" beitrug, zu der sie allerdings durch ihre Studien zur Semantik ein bedeutendes Wort zu sagen hatte. Der jakobinische Kultusminister Sie hat aber nicht nur durch die pragmatische und soziolinguistische Erweiterung moderne theoretische Errungenschaften in die historische Perspektive der romanischen Sprachwissenschaft eingebracht, sie hat überhaupt die traditionellen Grenzen der Sprachwissenschaft überschritten: hin zu einer philosophisch instrumentierten Geschichte von Wissens–Systemen. Den Kern ihres weit ausgreifenden, umfangreichen wissenschaftlichen Werkes – sie war eine der produktivsten Geisteswissenschaftlerinnen der letzten dreißig Jahre – machen dabei gewiss ihre Arbeiten zu sprachlichen, sprachphilosophischen und epistemologischen Problemen der Französischen Revolution aus. Bahnbrechend war ihr Aufsatz über die Sprachpolitik des Abbé Grégoire, des jakobinischen "Kultusministers", den sie 1976 in der damals ganz jungen Zeitschrift "lendemains" veröffentlichte. Von dort führt der Weg über ihr Hauptwerk "Traditionen des Sprechens" (1983) zu ihrem letzten, französisch geschriebenen Buch "Idéologie, révolution et uniformité de la langue" (1996). Dieses Buch ist die Summe eines von ihr geleiteten Forschungsprojekts zu den "Idéologues", jener Gruppe von aufgeklärten Philosophen und Wissenschaftlern, die die Revolution initiiert und fortgesetzt haben. Was sie bei diesen Forschungen zur Französischen Revolution zutiefst bewegt hat, war nicht nur die vergangene französische Situation, sondern vielmehr eine grundsätzliche Problematik der modernen Menschheitsentwicklung überhaupt, nämlich der Gegensatz zwischen einer politischen und geistigen Entwicklung im Sinne der universalen Aufklärung einerseits und einer sprachlichen und kulturellen Situation, die durch Diversität und "Rückständigkeit" – also Tradition, Heimat, Nähe, lokale Identität – gekennzeichnet ist: Die Bevölkerung Frankreichs sprach zur Zeit der Revolution acht verschiedene Sprachen (sie tut das teilweise immer noch), ganz abgesehen von den Dialekten des Französischen selbst, und nicht das kultivierte Französisch der Elite, und sie war weitgehend analphabetisch, bäurisch, christlich, "unaufgeklärt", weit entfernt vom rationalen Raffinement der "philosophes" in Paris. Die besondere Stimme Wie sollen da Demokratie und Aufklärung Verbreitung finden, woher soll die res publica mündige Bürger, citoyens, nehmen, wenn diese sprachlich und geistig überhaupt nicht dazu befähigt sind? Wie versöhnt man die beiden legitimen kulturellen Ansprüche, den Anspruch auf Fortschritt und Bildung (das heißt Schreiben und Lesen) und den Anspruch auf kulturelle und sprachliche Verschiedenartigkeit (und damit auf die eigene, besondere Stimme)? Der Streit zwischen Universalität (Katholizität) der Vernunft und Partikularität der Herkunft wird verschärft durch den Gegensatz von Schriftlichkeit und Mündlichkeit. Gleichzeitige Bewunderung für das generöse und fortschrittliche Licht der Aufklärung und Sympathie für die Wärme der Tradition sind der Kern und das Motiv des wissenschaftlichen Werks von Brigitte Schlieben–Lange. Die Versöhnung von Fortschritt und Tradition scheint auch das Movens ihres Lebens gewesen zu sein, mit allen Problemen und Konflikten, die dieser Gegensatz gerade für eine Frau mit sich bringt. Sie hat ebenso intensiv ihre wissenschaftliche Karriere gemeistert – sehr jung war sie Lehrstuhlinhaberin in Frankfurt, später in Tübingen, sie war Dekanin, Vorsitzende der einschlägigen Berufsverbände, Mitherausgeberin der Zeitschrift für Linguistik und Literaturwissenschaft, Mitglied der Heidelberger Akademie, Gastprofessorin in Brasilien und den USA usw. – wie sie sich ihrer großen Familie, ihren Freunden und ihren Schülern gewidmet hat: Licht und Wärme. Ein bewundernswertes Leben ist viel zu früh zu Ende gegangen. Jürgen Trabant |
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Quelle: Trabant, Jürgen: "Die Sprache der Revolution. Zum Tod der Romanistin Brigitte Schlieben-Lange. Eine der produktivsten deutschen Geisteswissenschaftlerinnen." In: Der Tagesspiegel (19. September 2000): 28. (leicht modifiziert) (cm, gbb) |
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Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik (2000) Fortz chauza es que tot lo major dan Am 14. 9. 2000 ist Brigitte Schlieben-Lange nach schwerer Krankheit gestorben. Sie war nicht einmal 57 Jahre alt. Dieses Heft der 'Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik' ist das letzte unter ihrer Herausgeberschaft. Es war vereinbart, daß die vier Herausgeber selbst einen Beitrag dazu schreiben sollte. Sie konnte den eigenen nicht mehr ganz vollenden; wir haben ihn mit dem Einverständnis und der Hilfe ihrer Kinder dennoch aufgenommen. Ergänzt werden die vier Beiträge durch einen Aufsatz von Walter Erhart. Die Einleitung zu diesem Heft konnte sie nicht mehr schreiben, und es erschien uns nicht richtig, sie durch einen der andern Herausgeber hinzutun zu lassen. Brigitte Schlieben-Lange wurde am 25. September 1943 in Stöttham am Chiemsee geboren. Von 1962 bis 1965 hat sie in München Romanistik und Germanistik studiert, anschließend in Aix-en-Provence Romanistik und allgemeine Sprachwissenschaft. Ab 1966 war sie in Tübingen, wo sie ihre Studien in Romanistik, Germanistik und allgemeiner Sprachwissenschaft mit Staatsexamen und Promotion (bei Eugenio Coseriu) abgeschlossen hat. Gegenstand ihrer Dissertation waren das Katalanische und das Okzitanische, jenen beiden Sprachen, denen auch in den folgenden dreißig Jahren ihre besondere Liebe unter den vielen Idiomen der Romania gegolten hat. Damals begann sich in der Sprachwissenschaft zusehends der Gegensatz zwischen einer 'harten', ausschließlich mit Problemen der Grammatik befaßten, und einer 'weichen', an den unterschiedlichsten Aspekten des sprachlichen Verhaltens interessierten Richtung auszubilden - ein Gegensatz, der sich inzwischen zu einer fatalen Kluft verfestigt hat. Das war ihrer Denkweise völlig zuwider. So gilt denn ihre Dissertation gleichermaßen grammatischen wie soziolinguistischen Problemen dieser beiden Sprachen. Die Titel ihrer ersten beiden Bücher, beide 1971 erschienen, bringen diese Spannweite schön zum Ausdruck: Okzitanische und katalanische Verbprobleme. Ein Beitrag zur funktionellen synchronischen Untersuchung des Verbalsystems der beiden Sprachen (Tempus und Aspekt) und Okzitanisch und Katalanisch - Ein Beitrag zur Soziolinguistik zweier romanische Sprachen. Damals war sie 28 Jahre alt und seit einem Jahr Assistentin am Romanischen Seminar der Universität Freiburg. Drei Jahre später wurde sie als Ordentliche Professorin für Romanische Philologie an die Universität Frankfurt berufen, wo sie in den nächsten siebzehn Jahren eine wahrhaft staunenerregende Wirksamkeit entfaltete in Forschung, Lehre, Verwaltung und im kulturellen Leben über die Universität hinaus. Glasklar noch steht mir ein Tag vor Augen, wo sie, nach einem Seminar über 'Argumentationstheorie', das wir damals gemeinsam hielten, fünf Stunden lang als Dekanin eine Fakultätssitzung leitete und mit bewundernswertem Geschick die notorisch zerstrittenen Gemüter zu gemeinsamen Beschlüssen bewegte, anschließend mit ihrer 'Ente', unentwegt diskutierend, in scharfer Fahrt durch den Frankfurter Norden nach Bad Vilbel kurvte, wo sie mit ihrem Mann und ihren vier Kindern lebte und wo wir an diesem Abend bis zwei Uhr nachts weiterdiskutierten. Es gab kein Thema, das sie nicht interessierte, kein Thema, zu dem sie nicht hätte etwas Kluges sagen können. Das unablässige Interesse am Neuen ist nicht das einzige, was die guten Wissenschaftlerin, den guten Wissenschaftler ausmacht, aber sie ist die erste Voraussetzung, und Brigitte Schlieben-Lange hat sie in reichem Maß besessen. Als sie im Jahre 1991 einen Ruf nach Tübingen erhielt, hat sie sehr gezögert, denn eigentlich hat es ihr in Frankfurt, dieser nicht eben einfachen Stadt mit einer auch nicht einfachen Universität, sehr gefallen. Außerdem hat jeder dort sie geliebt. Aber der Wunsch, noch einmal etwas Neues zu versuchen, vielleicht auch die Idee, ihrem Lehrer Coseriu nachzufolgen, haben sich als stärker erwiesen. Aber es war nur ein Wechsel im Ort, nicht in der Art ihres Wirkens - coelum non animum mutant qui trans maria currunt. In einem der Seminare, die wir noch in ihrer Frankfurter Zeit gemeinsam veranstaltet haben, ging es um das 'turn taking'-Verhalten in kleinen Gruppen; es war dies ein Seminar mit kleinen Projektstudien, und eines der Ergebnisse, von Studenten in einer schönen empirischen Untersuchung ermittelt, war, daß jene, die im Mittelpunkt einer Gruppe stehen, oft selbst nur wenige eigene 'turns' haben; aber alle wenden sich mit ihren 'turns' an sie. So war es bei Brigitte Schlieben-Lange in Frankfurt, so habe ich es auch bei gelegentlichen Besuchen in Tübingen erlebt: sie hat mehr zugehört als selbst geredet, aber jeder spürte, daß sie der Mittelpunkt war. Sie war mehrfach Dekanin, Vorsitzende verschiedener wissenschaftlicher Verbände, Fachgutachterin und Mitglied zahlreicher Ausschüsse der DFG, Gründungssenatorin der Universität Erfurt, Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, zuletzt Prorektorin der Universität Tübingen. Aber keines ihrer vielen Ämter hat sie nach meinem Eindruck so sehr beschäftigt wie das der Frauenbeauftragten der Universität Tübingen (1994 - 1996). Ich weiß nicht, was ihre Erfahrungen waren, sie konnte und wollte nicht darüber reden, aber zumindest hin und wieder müssen sie niederschmetternd gewesen sein. Sie hat acht Bücher und etwa 140 wissenschaftliche Aufsätze veröffentlicht und 37 größere und kleinere Sammelbände herausgegeben. Hinzu kommen etwa 100 Rezensionen, Lexikonartikel, Übersetzungen aus mehreren romanischen Sprachen und sonstige 'kleinere Arbeiten'. Ein gutes Dutzend weiterer Aufsätze hat sie unvollendet hinterlassen. Ihre Arbeiten decken ein weites Spektrum von Themen ab, aber dieses Spektrum ist zugleich von bemerkenswerter Geschlossenheit, und es ist kaum möglich, einzelne Teilgebiete zu isolieren. Es gibt jedoch gewisse leitende Themen, die sie über viele Jahre hinweg verfolgt hat. Schon genannt wurde die Beschäftigung mit Struktur und Entwicklung des Katalanischen und des Okzitanischen. Ein weiteres wesentliches Thema ist die historische Pragmatik, der sie zahlreiche Aufsätze und ihr 1983 erschienenes Buch Traditionen des Sprechens. Elemente einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung gewidmet hat. Ein drittes ist die Sprachenpolitik während der französischen Revolution und, damit verbunden, der 'Idéologues', um die es in ihren beiden letzten Büchern Idéologie, révolution et uniformité de la langue (Lüttich 1996) und Idéologie: Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozeß (Heidelberg 1999) geht. Aber dieses Heraussondern einzelner Themen gibt ein falsches Bild; ihre Arbeitsgebiete waren nicht klar getrennt, weder inhaltlich noch zeitlich. Vielleicht wird es ihrer Denkweise mehr gerecht, wenn man sich einen kleinen, beliebigen Ausschnitt ihrer Veröffentlichungen, beispielsweise die aus dem Jahr 1995, anschaut: In den letzten Jahren hat sich ihre Aufmerksamkeit wieder verstärkt grammatischen Problemen zugewandt; der Aufsatz mit Harald Weydt über Deiktika in den romanischen Sprachen ist der Auftakt zu einem großen Vorhaben, dem in letzter Zeit ihr besonderes Interesse gegolten hat, dem Projekt 'Lokale und temporale Deixis in den romanischen Sprachen - Geschichte und Variation'. Es steht im Rahmen des von ihr mitbegründeten Tübinger Sonderforschungsbereichs 'Linguistische Datenstrukturen' - eines Sonderforschungsbereichs, in dem versucht wird, neueste Erkenntnisse der theoretischen Linguistik und solide philologische Tradition zusammenzubringen. Das hat ihr gefallen. Zur 'Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik' ist sie im Jahre 1981 gekommen, als Rul Gunzenhäuser aus dem Kreis der Herausgeber ausschied. Alle folgenden Hefte bis zum Wechsel der Zeitschrift zu Metzler im Jahre 1995 sind in ihrem Dienstzimmer geplant worden, zunächst in Frankfurt, ab 1991 in Tübingen. Vieles hat sich in dieser Zeit geändert, drei Dinge sind gleichgeblieben: ihr Dienstzimmer war immer ein wenig chaotisch, den Kaffee hat sie selbst gekocht, weil die Treffen stets am Samstag waren, und die Atmosphäre war wunderbar. Es ist nicht immer ganz einfach, eine Zeitschrift herauszugeben, die ausschließlich Themenhefte hat. Autoren müssen gesucht und aufgefordert werden; manche sagen ab (bemerkenswert selten), aber auch jene, die zusagen, können ihre Zusage nicht immer einhalten. Deshalb muss man mehr anfordern als endlich gedruckt werden können; manchmal aber fällt keiner aus, oder es fallen zuviele aus. Die Beiträge sind zu lang oder zu kurz, oder einfach nicht gut und müssen abgelehnt werden. Oder sie sind sehr gut, kommen aber zu spät. Dann können sie nicht, wie bei einer anderen Zeitschrift, einfach ins nächste Heft genommen werden. Andere, die unaufgefordert eingereicht sind, sind sehr gut, passen jedoch nicht zu den gerade geplanten Themen. Das macht zwar nicht die Planung schwierig, wohl aber ihre Umsetzung. Die Planung selbst war immer ein großes intellektuelles Vergnügen, an dem außer den Herausgebern immer ein oder zwei Verlagsvertreter beteiligt waren. Gewöhnlich wurde von den Herausgebern reihum ein gutes Dutzend Themen vorgeschlagen, die kritisch diskutiert, bewertet, umformuliert und schließlich auf vier pro Jahr zusammengestrichen wurden. Die Hefte, die Brigitte Schlieben-Lange betreut hat, zeigen wiederum ihre außerordentliche Kreativität und Breite. Ich stelle sie hier in der Reihenfolge ihres Erscheinens zusammen: 1981: Sprache und Literatur in der Französischen Revolution Der Vorschlag für das vorliegende Heft ist in der gemeinsamen Diskussion entstanden; es ist ihr letztes geworden. SIE hat gelebt, sie hat ihr Bild in die lange Kette der Geschlechter eingeprägt, ihre Sprossen gehen mit hinunter in dem Strom der Zeit. Von den Toten redet man nur Gutes, weil es der Brauch ist. Von Brigitte Schlieben-Lange kann man nur Gutes reden, weil sie eine überragende Wissenschaftlerin und ein wundervoller Mensch war.Wolfgang Klein |
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Quelle: Klein, Wolfgang: "Statt einer Einleitung: Brigitte Schlieben-Lange zum Gedenken." In: Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 120 (2000): 5-10. (gbb, ks, mk) |
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Deutsche Gesellschaft für Sprachwissenschaft (Dezember 2000) Nachruf Brigitte Schlieben-Lange verstarb am 14. September 2000, nicht einmal 57 Jahre alt. Ihr Tod bedeutet eine kaum faßbare Zäsur, das Ende einer außergewöhnlich reichen wissenschaftlichen Arbeit und einer exemplarischen Tätigkeit als akademische Lehrerin. Als die DGfS im Jahre 1978 in Frankfurt am Main gegründet wurde, gehörte Brigitte Schlieben-Lange als einzige Frau zu den 23 Gründungsmitgliedern. Zu dieser Zeit hatte sie bereits seit vier Jahren den Lehrstuhl für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt inne - sehr jung und als eine der sehr wenigen Professorinnen. Im gleichen Jahr lehnte sie einen Ruf an die TU Berlin ab, 1991 folgte sie dann einem Ruf auf den Romanistik-Lehrstuhl ihres Lehrers Eugenio Coseriu in Tübingen, den sie bis zuletzt innehatte. 1995 erfuhren ihre wissenschaftlichen Leistungen eine besondere Anerkennung durch die Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Nach einem Studium der Fächer Romanistik, Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie in München, Aix-Marseille und Tübingen wurde Brigitte Schlieben-Lange 1970 bei Coseriu mit der Arbeit Okzitanische und katalanische Verbprobleme promoviert. Sie gehörte zu den wenigen intensiven Forschern und aktiven Kennern der kleinen Sprachen der Romania, insbesondere des Katalanischen und Okzitanischen, so daß sie nicht nur seit den Anfängen der Soziolinguistik faszinierende Feldforschungen dazu betreiben, sondern auch mit Glanz in diesen Sprachen z.B. bei akademischen Prüfungsverfahren wie Disputationen Opponenten-Rollen wahrnehmen konnte. Europäische Mehrsprachigkeit war ihr ein Anliegen - historischen und gegenwärtigen Monolingualisierungstendenzen zum Trotz. Es interessierten sie besonders die Bedingungen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit für die Varietätenbildung und Sprachentwicklung sowie die historischen Veränderungen kommunikativer Praxis im Gefolge gesellschaftlichen Wandels. Neben ihren Standardwerken Soziolinguistik 1973 und Linguistische Pragmatik 1975 wies sie mit der Monographie Traditionen des Sprechens 1983 und mit ihrem großen Projekt zur Uniformierung der Sprache in der französischen Revolution (Idéologie, revolution et uniformité de la langue 1996) und zur Konzeption der Einheitswissenschaft bei den französischen Spätaufklärern (Ideologie: Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozeß 2000) einer historischen Pragmatik neue Wege. Brigitte Schlieben-Lange war eine tatkräftige Forscherin, höchst anregende und kooperative Kollegin, eine faszinierende Lehrerin und humorvolle Gesprächspartnerin, zugleich eine engagierte Hochschulpolitikerin, zuverlässige Gutachterin - unter anderem bei der DFG und für die ZS der DGfS - und international anerkannte Wissenschaftlerin sowie, keineswegs zuletzt, Gattin und Mutter von vier Kindern. Die DGfS hat mit ihr eine herausragende Persönlichkeit verloren. Angelika Redder, Erste Vorsitzende der DGfS |
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Quelle: Nachruf der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschaft auf |
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Peter Koch 22.6.2001 Gedenkfeier Brigitte Schlieben-Lange
Stiftskirche Es gehört zur Topik einer jeden Gedenkrede, die Unersetzlichkeit des oder der Verstorbenen hervorzuheben. Im Falle unserer Kollegin und Freundin Brigitte Schlieben-Lange ist dies alles andere als ein bloßer Topos. Wir erleben ihre Unersetzlichkeit tagtäglich, ganz unmittelbar im universitären Alltag. Uns fehlt diese Forscherin, deren Ideenreichtum und Interessenspektrum geradezu atemberaubend waren. Uns fehlt die Querdenkerin: Querdenkerin im wissenschaftlichen Bereich, wo für sie Interdisziplinarität gleichermaßen wie innerdisziplinäre Vernetzung eine Selbstverständlichkeit war; Querdenkerin aber auch im hochschulpolitischen Bereich, wo sie für eine Entschleunigung plädierte, die, entgegen den schikanösen Tendenzen gegenwärtiger Hochschulpolitik, wieder Freiräume für die Reflexion freigesetzt hätte. Wie ich sie oft sagen hörte, stellte sie sich einen Dienstherrn vor, der uns Professoren dazu verdonnerte, mindestens einen Tag in der Woche "nur zu denken". Uns fehlt die Diskutantin, die, bei welchem Thema auch immer, stets das Wesentliche erkannte und, notfalls auch kritisch, herausarbeitete. Uns fehlt die Sprachwissenschaftlerin, die solide philologische Tradition und modernste Theorie zu vereinigen wusste, die neuen Trends nicht nachlaufen musste, sondern sie selbst setzte. Uns fehlt die Romanistin, die wirklich eine war, in der Breite der von ihr überblickten Sprachen, in ihrer Liebe zu diesen Sprachen und ihren Heimatländern und in ihrer Überzeugung von der Richtigkeit des vielsprachigen romanistischen Ansatzes. Uns fehlt die Lehrerin, die ihre Schüler und Schülerinnen zur kritischen Textlektüre und Offenheit anhielt. Sehr wohl erinnere ich mich noch daran, wie sie auf einem gemeinsamen Wochenendseminar sich vehement gegen das von studentischer Seite geäußerte Ansinnen wandte, wir Dozenten möchten doch den Teilnehmern eine definitive Lösung des Problems an die Hand geben, das sie "mit nach Hause nehmen" könnten. Uns fehlt die Anregerin, die nun schon mehr als eine Generation von jungen Romanisten und Romanistinnen für Soziolinguistik, Pragmatik und Gesprächsanalyse, für Mündlichkeit und Schriftlichkeit, für die Sprachproblematik in der Französischen Revolution, für Sprachphilosophie und linguistische Historiographie, - für das Okzitanische und insbesondere das Katalanische zu begeistern vermochte. Mir fehlt die Partnerin unseres gemeinsamen Mittwochabend-Kolloquiums, das nicht nur für die teilnehmenden Examenskandidaten, Doktoranden und Habilitanden, sondern in unserem gegenseitigen Austausch auch für mich unendlich befruchtend war. Uns fehlt die Kollegin, die bis an die Grenzen der Erschöpfung ein Übersoll in der Lehre, in den Prüfungen, als Gutachterin und in der Selbstverwaltung erbrachte. Uns fehlt die besonnene Stimme, die auch in schwierigen Situationen am Seminar oder in den Gremien stets zu vermitteln wusste. Uns fehlt die Frau, die uns in beeindruckender Weise vorlebte, wie man mit vollem Einsatz zugleich Wissenschaftlerin, Familienmutter und so vieles andere sein kann. Uns fehlt die Freundin, die das Leben in seiner ganzen Fülle genoss und diese Freude gern mit uns teilte. Das einzige, was uns Linderung verschafft, ist die Tatsache, dass vieles von dem, was ihr wichtig war, weitergeführt wird. Mit unendlichem Engagement haben Schüler von Brigitte Schlieben-Lange Ende März/Anfang April dieses Jahres das von ihr selbst noch geplante Internationale Kolloquium Idéologie, Grammaire Générale, Ecoles Centrales, begleitet von der ausgezeichnet komponierten Ausstellung Les enfants sauvages, les enfants sages im Institut Culturel Franco-Allemand, vorbereitet und durchgeführt. Es war ein äußerst gelungenes Kolloquium, das die internationalen Größen der Forschung zu den Idéologues, hier in Tübingen versammelte - ganz im Geiste der Verstorbenen. Durch Brigitte Schlieben-Langes Tod blieb innerhalb der Tübinger SFBs Linguistische Datenstrukturen ein Projekt über lokale und temporale Deixis verwaist, das von ihren Schülern in großer Selbständigkeit und mit außerordentlicher Zielstrebigkeit fortgesetzt wird. Schließlich werden wir heute Nachmittag an ein denkwürdiges Tübinger Ereignis anknüpfen, das ganz von Brigitte Schlieben-Lange geprägt war: Am 10. Dezember 1997, eingebunden in eine studentische Streik- und Protestbewegung, die damals die deutschen Unis belebte, hielt sie hier in der Stiftskirche ihren bemerkenswerten Vortrag Humboldts Idee der Universität im Lichte seiner Sprachtheorie. Diese Gedanken sind aktueller denn je. Wir hoffen auf eine fruchtbare Diskussion. |
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Herr Prof. Dr. Peter Koch (Tübingen) hat uns freundlicherweise seinen Text zur Verfügung gestellt. Vielen herzlichen Dank! |
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Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000)Brigitte Schlieben-Lange starb am 14. September 2000 kurz vor ihrem 57. Geburtstag. Wir verlieren in ihr einen wunderbaren Menschen, eine weitsichtige Gelehrte, eine begabte Rednerin, eine engagierte Streiterin für hochschulpolitische Belange insgesamt und für eine größere Präsenz der Frauen an der Universität im besonderen, eine charismatische Lehrerin und im besten Sinne parteiische Doktormutter, eine Weise. Ihre Kindheit verbrachte sie in München. Sie studierte Romanistik, Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie in München, Aix, Marseille und Tübingen, wo sie 1970 promovierte. In Tübingen orientierte sie sich vor allem an Eugenio Coseriu, der die Sprachwissenschaft in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg entscheidend geprägt hat. In ihrer Studienzeit knüpfte sie auch viele Freundschaften, die sie ihr ganzes Leben über zu pflegen verstand. Anschließend war sie bei Hans Martin Gauger Assistentin in Freiburg. In dieser Zeit wurden ihre Zwillinge geboren. Bereits 1974 mit gerade einmal 31 Jahren bekleidete sie als eine der wenigen Professorinnen einen Lehrstuhl für romanische Sprachwissenschaft in der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt a.M. Dort wurden auch ihr Sohn und ihre jüngste Tochter geboren. 1991 folgte sie dem Ruf auf den Tübinger Lehrstuhl für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft, einem der renommiertesten und bestausgestatteten Lehrstühle für Romanistik in Deutschland. Hier trat sie das Erbe ihres Lehrers Eugenio Coseriu an. In ihrer unkomplizierten, niemals nachtragenden Art teilte sie selbstverständlich die Pfründe in räumlicher und personeller Hinsicht mit ihm. 1995 wurde sie in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften aufgenommen, 1999 zur Prorektorin der Eberhard-Karls-Universität Tübingen ernannt, ein Amt, das sie angesichts ihrer schweren Krankheit nicht mehr angetreten hat. An ihrer Stelle hat Veronika Ehrich diese Aufgabe übernommen. Bis zuletzt ging sie ihrer wissenschaftlichen Arbeit nach. Sie hielt die Geschicke des Lehrstuhls und der dort beheimateten Projekte in der Hand, redigierte und diktierte bis zum Schluß Artikel zu Themen, die ihr- besonders am Herzen lagen. Zu ihrer Beerdigung trafen sich sehr viele Freunde, Nachbarn und Kollegen. Sie begingen die Feierlichkeiten ihrem Wunsch entsprechend mit Musik und einer deftigen bayrischen Brotzeit. Alle sind sich darin einig, daß sie viel, viel zu früh gestorben ist. Brigitte Schlieben-Langes besondere Stärke lag in der Verbindung verschiedener Perspektiven - beruflich wie privat, wobei diese Sphären bei ihr immer miteinander verwoben waren. Sie strebte alles auf einmal an: beruflichen Erfolg, eine stabile Ehe, eine große Familie. Wer ihr wissenschaftlich nahe stand, war auch privat willkommen. Gespräche - das war für sie ein Schlüsselbegriff, der Schlüsselbegriff. Diskursiv meisterte sie das Leben in allen Bereichen. Und sie verstand es, Gespräche zu führen wie kaum ein anderer. Sie konnte Harmonie stiften, aber auch Differenz ertragen, ja die in anderen Perspektiven liegende Dynamik positiv einbinden. Ihre Stimme war gefragt bei der Arbeit in den verschiedenen universitären Gremien bis in die höchsten Ebenen, bei eher informellen, hochschulpolitischen Gruppen wie dem Österberg-Kreis und bei der Vorbereitung oft gewagter Kooperationsprojekte. Nicht zuletzt ihren integrierenden Fähigkeiten ist so manches Projekt am Hochschulstandort zu verdanken. So war sie an den Vorbereitungen für den in Tübingen eingerichteten Sonderforschungsbereich Linguistische Datenstrukturen maßgeblich beteiligt. Auch ambitionierte Austauschprogramme zwischen Hochschulen in Deutschland und Europa, ja in der ganzen Welt wurden von ihr ohne jegliche Berührungsängste konzipiert. Das deutsch-brasilianische Austauschprogramm zur Konzipierung nationaler Sprachgeschichten, das die diachronen Forschungsprojekte zur Rekonstruktion des brasilianischen Portugiesisch begleitet, verbindet beispielsweise die Hochschulstandorte Leipzig, München, Tübingen, Sao Paulo, Londrina, Santa Catarina und Recife. Ihr Ansehen beschränkte sich weder räumlich noch fachlich, sie war nicht nur im Land, in den romanischen Ländern, in Europa, in Süd- und Nordamerika bekannt für ihre Arbeit als Romanistin - zuletzt hatte sie in Saint Louis (U.S.A.) unterrichtet - sondern auch für ihre Entwürfe zur Sprachwissenschaft insgesamt. Mit einem besonderen Blick für neue Denkansätze und einem nie erlahmenden Forschergeist erweiterte Brigitte Schlieben-Lange den Gegenstand der Soziolinguistik und der Pragmatik um ihre historische Dimension.1 Sie stritt engagiert für eine Universität im Humboldtschen Sinne. Im Zentrum dieses Konzeptes steht die Auffassung der Wissenschaft als eines unabgeschlossenen Prozesses: die offene Frage steht höher als die gesicherte Antwort, energeia, nicht ergon. Dieser Geist lebte an ihrem Lehrstuhl. In ihren Seminaren und besonderes im Kolloquium leitete sie zum freien Denken an. Die Atmosphäre der Großzügigkeit und Toleranz verbunden mit einer eisernen Lesedisziplin anspruchsvoller, vor allem philosophischer Literatur war so attraktiv, daß auch Wissenschaftler und angehende Wissenschaftler anderer Disziplinen regelmäßig teilnahmen. In diesem Klima konnten originale, ja originelle Gedankenexperimente unternommen werden, die oft im besten Sinne interdisziplinär angelegt waren. Brigitte Schlieben-Lange vertrat eine pluralistische, traditionell breit angelegte Auffassung von Romanistik. Im Chor der Stimmen sollten auch die kleineren Sprachen ihren Platz finden. Sie selbst hatte zu katalanischen und okzitanischen Themen gearbeitet, mehrere an ihrem Lehrstuhl betreute Dissertationen widmen sich ebenfalls katalanischen Themen.2 Aber auch die anderen kleinen Sprachen sind vertreten. Oberengadinisch,3 Galicisch,4 Ladinisch,5 Portugiesisch6 und Brasilianisch7 eine zwar nicht kleine, aber von der deutschen Romanistik doch bisher stiefmütterlich behandelte sprachliche Varietät. Viele sind Grenzgänger zwischen den Disziplinen: Musik und Okzitanistik,8 Rhythmus und Sprache,9 Kultur- und Sprachwissenschaft,10 andere Wissenschaftlerinnen setzen lateinamerikanische Schwerpunkte.11 Neben den Arbeiten zum Sprachkontakt und -konflikt,12 sind außerdem eine ganze Reihe von Doktorarbeiten im Kontext ihrer Projekte zur Französischen Revolution entstanden: Die ideoloques und ihre Rezeption in Europa.13 Die im Zusammenhang mit dem Vorhaben zu den Ecoles Centrales stehendenDissertationsvorhaben sind noch nicht abgeschlossen.14 Auch die Arbeiten zu den iberoromanischen Sprachen in Diachronie und Synchronie, die ein besonderes Augenmerk auf die Texttraditionen richten, stehen noch aus.15 Brigitte Schlieben-Lange hat ihre Schüler angeleitet, das Leben in seiner Gesamtheit nicht aus dem Blick zu verlieren. Nach der Beschäftigung mit dem Besonderen, sollte die Situierung im sprachlichen, sozialen, weltlichen Kontext geleistet werden, der unaushaltbare Kontrast zweier Wahrheiten durch das Hinzufügen eines dritten Elementes dynamisiert werden. Eine einheitsöde Schule hat sie sich nie gewünscht. Aber eine Schulung, wie Gedanken zu entfalten wären, wie man dem anderen zuhören lernt, wie scheinbar ausweglose Gedankenexperimente doch noch gelingen können, wie Offenheit und Toleranz, aber auch Großzügigkeit gegenüber anderen Verhaltens- und Denkweisen für alle fruchtbar gemacht werden können, das hat sie nicht nur vorgelebt, sie hat uns dazu angeleitet und diese gemeinsam durchlaufene Schulung verbindet uns unabhängig von unseren Standorten in Deutschland und auf der ganzen Welt. Es wird nicht leicht sein, in der Reibung mit institutionellen und anderen Widerständen ihren Geist wachzuhalten. Möge es uns gelingen, gemeinsam mit alten und neuen Mitstreitern, das begonnene Werk, den unabgeschlossenen, von ihr wesentlich geprägten Prozeß in ihrem Sinne fortzuführen. Konstanze Jungbluth (Tübingen)
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Quelle: Jungbluth, Konstanze: "Nachruf / Obituary / Nécrologie." In: Beiträge zur Geschichte der Sprachwissenschaft 11 (2001): 175-179. (gbb, ks, mk, hb) |
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Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (2001)
Brigitte Schlieben-Lange
(25.9.1943 - 14.9.2000) Nach einem Studium in München, Tübingen und Aix-en-Provence promovierte Brigitte Schlieben-Lange mit 27 Jahren in Tübingen. Mit 31 Jahren wurde sie auf einen Lehrstuhl für romanische Philologie an der Universität Frankfurt berufen. 1991 kehrte sie als Nachfolgerin ihres Doktorvaters und wichtigsten akademischen Lehrers, Eugenio Coseriu, nach Tübingen zurück. Seit 1995 war sie Mitglied der Heidelberger Akademie. Kurz vor Vollendung ihres 57. Lebensjahrs starb sie, nach einem Jahr des Leidens an einer Krankheit, die gemeinhin mit 'heimtückisch' umschrieben wird. Hinter diesen nüchternen Daten verbirgt sich das reiche Leben einer bemerkenswerten Wissenschaftlerin, zugleich Mutter von vier Kindern und doch nie auf einen 'Frauenbonus' angewiesen. Prägend war für sie die strukturalistische Unterweisung bei Eugenio Coseriu in Tübingen: Der sprachwissenschaftliche Strukturalismus faßte in Deutschland erst in den sechziger Jahren mit großer Verspätung Fuß, und Coseriu - damals aus Südamerika nach Europa zurückgekehrt - war einer seiner erfolgreichsten Vertreter. Mit ihrer Ausrichtung auf die synchronische Analyse und das Funktionieren von Sprachsystemen war diese Disziplin u.a. eine notwendige Gegenreaktion gegen eine zuvor dominant historisch ausgerichtete Sprachwissenschaft. Mit dem Handwerkszeug, das sie in Tübingen erworben hatte, griff Brigitte Schlieben-Lange sofort weiter aus: Man kann Sprache nicht nur als System beschreiben. Als Mittel sozialer Kommunikation kann sie auch als 'Soziolinguistik' betrieben werden. Als 1973 die Schliebensche Einführung in die Soziolinguistik erschien, war das Interesse, das diese Disziplin der Sprachwissenschaft in Deutschland fand, insbesondere geprägt durch Basil Bernsteins Unterscheidung zwischen einem 'elaborierten Code' der Oberschicht und dem 'restringierten Code' einer sprachlich benachteiligten Unterschicht. Die besondere Resonanz in Deutschland verdankte sich dem Umstand, daß diese Lehre gut zu einer marxistisch inspirierten Zwei-Klassen-Theorie paßte. Der Schliebensche Beitrag bedeutete damals eine vollständige Versachlichung der Diskussion. Hier wurde - mit Coseriu - gezeigt, daß 'Sprache' stets in einem mindestens dreifach gegeliederten Varietätenraum steht: sie hat ihre Dialekte ('diatopische' Variation), ihre Soziolekte ('diastratische' Variation) und ihre verschiedenen Sprachstile ('diaphasische' Variation). Die Sprecher verfügen in jeweils verschiedener Weise in verschiedenen Situationen und in Abhängigkeit von ihrem fachlichen und sachlichen Wissen über die jeweils möglichen Varianten. Eine Zweiteilung in restringierte und elaborierte Formen der Sprache erwies sich aus dieser Sicht als krude Simplifizierung, mithin als völlig unzureichend für die Modellierung sprachlicher Realität. 1975 folgte eine ebenso wichtige Einführung in die sprachwissenschaftliche Pragmatik: Sprechen ist in Situationen und Kontexte eingebettet, Sprecher handeln, wenn sie sprechen, sie verfolgen mit ihren Äußerungen Intentionen und Ziele, und sie tun dies in einer Weise, die der jeweiligen Situation entspricht - so ist z.B. auch die Beschäftigung mit der Höflichkeit ein wichtiger Gegenstand der Sprachwissenschaft geworden. Beide Einführungen haben nicht nur zwei bzw. drei deutsche Auflagen erreicht, sie existieren auch in spanischer, italienischer und japanischer Sprache. Die nächste Phase in der Entwicklung war, daß Brigitte Schlieben-Lange in den achtziger Jahren den soziolinguistischen und den pragmatischen Ansatz auf die Sprachgeschichte ausdehnte und so die Opposition zwischen einer syn- und einer diachronischen Sprachwissenschaft auf einer höheren Ebene, derjenigen ganzer Texte, wieder überwand. 1983 erschien das Buch Traditionen des Sprechens. Elemente einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung. Es zeigt, daß Textgattungen in 'Traditionen des Sprechens' eingebettet sind, und daß Gattungstraditionen sich gerade auch durch die Tradierung bestimmter, gattungsspezifischer sprachlicher Formen auszeichnen. Die Fähigkeit, Texte einer bestimmten Gattung zu schreiben, erwächst aus langen Lernprozessen, in denen das sprechende oder schreibende Individuum sich die Regeln der Gattung nach und nach aneignet. Wie eine 1987 publizierte Arbeit zur volkssprachlichen Historiographie des romanischen Mittelalters zeigte, verändern sich solche Texttraditionen nur sehr langsam, sie zeigen aber in ihremWandel gerade auch die Veränderung der pragmatischen Einbettung, hier also der Absicht und der Geschichtskonzeption ihrer Verfasser. Solche Erkenntnisse waren und sind nicht nur für die Sprachwissenschaft von Interesse, sondern mindestens ebenso für die Geschichtswissenschaft. So hat z.B. die moderne Historiographie die - kompetent und gut geschriebenen - Berichte der spanischen Konquistadoren immer als erstklassige historische Quellen angesehen. Dabei handelt es sich bei der überhaupt nicht historiographischen Gattung der relación, der die Texte angehören, um Rechtfertigungsschriften gegenüber der spanischen Krone, die vor allem gesetzes- und vertragskonformes Verhalten belegen sollen, also den Eroberer immer im besten Licht zeigen müssen. Eine vierte Phase der Entwicklung von Brigitte Schlieben-Lange setzt ein mit der Beschäftigung mit den idéologistes (so ihre Eigenbezeichnung), einer Gruppe französischer Wissenschaftler der Spätaufklärung, die sich in den Jahren nach 1789 dem Ziel verschrieben hatten, ein Bildungsprogramm für alle zu entwerfen. 'Idéologie' bedeutet hier 'Ideenlehre': wenn wir wahrnehmen, konzeptualisieren wir und belegen diese Konzepte (Ideen) mit sprachlichen Zeichen. Es kommt darauf an, wie man diese Zeichen verwendet und miteinander kombiniert. Grammatik und Logik sind Teildisziplinen einer so verstandenen 'idéologie'. Sie sollten insbesondere Lehrern als Basiswissen vermittelt werden. Eine Synthese der langjährigen Beschäftigung mit diesem Thema bildet das Buch Idéologie, révolution et uniformité de la langue (1996), das zugleich zeigt, wie Napoléon, dem die Vorstellung einer gebildeten Masse nicht gefallen wollte, erfolgreich den Begriffen 'idéologie' und 'idéologues' - so nannte er sie - ihre heutige, den Intentionen der Schöpfer völlig entgegengesetze Bedeutung verlieh: Ziel der idéologistes war - im heutigen Sinn - gerade die Ideologiekritik. Im April 1998 hat Brigitte Schlieben-Lange in einem unvergessenen (und noch vor ihrem Tod in den Schriften der Akademie gedruckt erschienenen) Vortrag vor der philosophisch-historischen Klasse am Beispiel der idéologistes und ihrer Lehre nicht nur die Bedeutung einer allgemeinen Semiotik für die Wissenschaft erläutert, sondern auch gezeigt, wie 'Wissenschaft' als semiotischer Prozeß funktioniert: nicht nur mit Hilfe bestimmter 'Traditionen des Sprechens', sondern auch dadurch, daß man wichtige Begriffe besetzt, vorzugsweise solche, die zugleich ein Verfahren und einen Objektbereich abstecken (Phänomenologie, Hermeneutik, Empirismus, Rationalismus, molekulare Genetik), und daß man versucht, solche Begriffe oder, wie sie es nannte, 'Klassifikatoren' zur Bildung einer 'Schule' einzusetzen. Konkurrierende Richtungen versuchen dann, die entsprechenden Begriffe anders zu definieren, in andere Kontexte einzubetten, andere Relevanzgesichtspunkte zu setzen, also die Realität anders zu modellieren. Brigitte Schlieben-Lange hat mit jeder dieser Phasen ihrer wissenschaftlicher Entwicklung weiter ausgegriffen: von der Systemlinguistik mit romanistischem Gegenstand (Galloromania, Iberoromania, Lateinamerika, französisches Mittelalter) auf eine noch synchrone Soziolinguistik und Pragmatik. Deren Historisierung führte zu Beiträgen, die für die Textwissenschaften insgesamt, also auch die Literatur- oder die Geschichtswissenschaft, bedeutsam sind. Das Eingehen auf eine besonders interessante Umbruchsituation während und nach der französischen Revolution mündete in eine Semiotik, die man als Meta-Disziplin desWissenschaftsbetriebs selbst verstehen kann. Brigitte Schlieben-Lange war mit einer solchen Breite des Wissens und der Interessen ein ideales Akademiemitglied. Zugleich war sie völlig unprätentiös, natürlich, engagiert, mitreißend, kooperativ, fähig andere zu begeistern und sich selbst begeistern zu lassen. Kurz, eine wunderbare Frau. Die Antrittsrede in der Heidelberger Akademie zeigt, daß weitere Horizonte angedacht waren. Um so schmerzlicher ist der Verlust, den ihr früher Tod bedeutet. Wolfgang Raible |
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Quelle: Raible, Wolfgang: "Brigitte Schlieben-Lange (25.9.1943 - 14.9.2000)." In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2000, Heidelberg (2001): 124-126. [ohne Bild] (cm, gbb) Herr Prof. Dr. Raible (Freiburg) hat uns freundlicherweise seinen Text zur Verfügung gestellt. Vielen herzlichen Dank! |
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Revue de Linguistique Romane (2001) NÉCROLOGIE
Brigitte SCHLIEBEN-LANGE (1943 - 2000) Ayant fait des études à Munich, Tubingue et Aix-en-Provence, Brigitte Schlieben- Lange obtint son doctorat en linguistique romane à l'université de Tubingue. A l'âge de 31 ans, elle fut nommée professeur titulaire à l'université de Francfort. Dix-sept ans plus tard, elle revint à Tubingue, succédant à Eugenio Coseriu dont l'enseignement structuraliste l'avait marquée profondément. Quelques jours avant son 57e anniversaire, la mère de quatre enfants succomba à un cancer de l'intestin. Voilà les dates d'une biographie qui, dans leur sécheresse, cachent la très riche vie d'une scientifique exceptionnelle. Comme toute langue est un moyen de communication sociale, on peut, en la décrivant, aisément dépasser le côté strictement systématique pour faire, par exemple, de la socio-linguistique. Quand Brigitte Schlieben-Lange fit paraître, en 1973, son Einführung in die Soziolinguistik, la discussion allemande tournait autour d'une dichotomie établie par le britannique Basil Bernstein, entre un 'code élaboré' des couches supérieures et le 'code réstreint' qui caractériserait une couche sociale à la fois inférieure et défavorisée. Le fait que cette conception de Bernstein cadrait très bien avec une conception marxiste partageant le monde en deux classes avait été à la base d'une réception des plus fortes en Allemagne. Dans cette situation, Brigitte Schlieben-Lange souligna, en se servant, entre autres, d'idées émises par Coseriu, qu'une langue doit être vue dans un espace variationnel avec au moins trois dimensions. La langue comporte des dialectes (variation diatopique), des sociolectes (variation diastratique) ainsi qu'une gamme de styles comformes à la situation et au but de la communication (variation diaphasique). Les sujets parlants utilisent et réalisent, selon un savoir spécifique, telle ou telle variante. Dans cette perspective, une simple dichotomie s'avéra comme un moule peu apte à saisir et à modéliser la réalité linguistique. Il ne fallut attendre que deux ans pour que ce brillant début soit suivi d'une introduction à la pragmatique linguistique dont l'impact fut également fort. Nous parlons dans des situations et des contextes et, tout en parlant, nous réalisons des actes de langage reflétant, conformément à la situation, des intentions et des buts. C'est ainsi que par exemple l'étude des phénomènes de politesse a pu devenir un sujet important de linguistique tant historique que synchronique. Les deux introductions ont été réimprimées plusieurs fois et ont été traduites en espagnol, italien et japonais. Au début des années 80, Brigitte Schlieben-Lange élargit encore son champ d'intérêt, intégrant cette fois-ci l'histoire de la langue, tout en dépassant l'opposition entre une linguistique synchronique et une linguistique diachronique au niveau supérieur que constituent les textes entiers. En 1983, parurent ses Traditionen des Sprechens. Elemente einer pragmatischen Sprachgeschichtsschreibung. Dans cet ouvrage capital on apprend que les genres textuels s'inscrivent dans des "traditions discursives" et qu'ils se caractérisent par des formes linguistiques particulières. Notre faculté de produire des textes dans le cadre de tel ou tel genre présuppose des processus d'apprentissage très lents au cours desquels le sujet parlant ou écrivant acquiert peu-à-peu les régles du genre qu'il entend illustrer. Un autre travail, publié en 1987 et portant sur les textes historiographiques du moyen âge roman, montre avec quelle lenteur changent de telles traditions discursives. Une quatrième phase dans l'évolution scientifique de Brigitte Schlieben-Lange commença avec sa découverte des idéologistes, à savoir d'un groupe d'hommes de science du siècle des lumières qui s'était voué, après 1789, à réaliser un programme de formation et d'instruction publique. 'Idéologie' veut dire, dans ce contexte, 'science des idées' : en apercevant quelque chose, nous formons des concepts tout en désignant ces concepts avec des signes linguistiques. Il faut savoir comment utiliser et combiner ces signes. C'est pourquoi la grammaire et la logique étaient des parties intégrantes d'un tel programme d'idéologie qui était appelé à former un savoir de base pour les institutrices et les instituteurs. Le livre Idéologie, révolution et uniformité de la langue, écrit en français et publié en 1996, fut comme une synthèse des travaux faits, inspirés et dirigés par Brigitte Schlieben-Lange pendant de longues années dans ce domaine. Nous voyons, entre autres, que c'était la propagande de Napoléon qui réussit à renverser totalement la signification de 'idéologie', 'idéologues' : c'est que le but explicite de ces prétendus idéologues avait été la critique de ce qu'on appelle, de nos jours, 'idéologie'. Ce sont donc quatre mouvements qui caractérisent l'épanouissement des intérêts scientifiques de Brigitte Schlieben-Lange : partant d'une linguistique de la langue (dont l'objet était la Galloromania, la Romania ibérique, l'Amérique latine et le moyen âge français), elle accéda à une sociolinguistique et une pragmatique encore syncroniques. C'est l'élargissement de ces disciplines vers le passé qui aboutit à des contributions qui méritent l'intérêt de toutes les sciences basées sur les textes, notamment des sciences littéraires et de l'histoire. L'intérêt pour une situation de bouleversement après 1789 mena à une sémiotique qu'on peut comprendre comme une méta-discipline de toutes les sciences. Le petit livre Idéologie : Zur Rolle von Kategorisierungen im Wissenschaftsprozeß. [*] fut non seulement la dernière publication, mais peut-être aussi la plus mûre - et comme le testament - d'une grande scientifique qui n'avait jamais perdu son naturel, sa vivacité, son engagement, sa coopérativité, sa faculté d'enthousiasmer et son don de passionner autrui. Bref : ce fut une femme des plus remarquables que nous regrettons tous. Wolfgang RAIBLE
* Schriften der phil.-hist. Klasse der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Bd. 18 (2000). Heidelberg : Winter 2000. [zurück] |
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Quelle: Raible, Wolfgang: "Nécrologie. Brigitte Schlieben-Lange (1943 - 2000)." In: Revue de Linguistique Romane 65 (2001): 633-34. (cm, gbb) Wir danken Herrn Prof. Dr. Raible (Freiburg) herzlich für seinen Beitrag. |
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Zeitschrift für Katalanistik Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000) Wir trauern um Brigitte Schlieben-Lange, die am 14. September 2000, kurz vor Vollendung ihres 57. Lebensjahres, einem knapp ein Jahr zuvor ausgebrochenen Krebsleiden erlegen ist. Wir haben einen außergewöhnlichen Menschen verloren. Ihr Tod hinterläßt eine tiefe Lücke in der deutschen Wissenschaftslandschaft, er bedeutet für die deutsche Romanistik den Verlust einer ihrer herausragendsten Vertreterinnen und für die katalanische Sprachwissenschaft den ihrer exponiertesten deutschsprachigen Gelehrten; die Zeitschrift für Katalanistik verliert ihre engagierte Mitherausgeberin.
Die Herausgeber
Bibliographie (Auswahl)3 (1971a): Okzitanische und katalanische Verbprobleme. Ein Beitrag zur funktionellen synchronischen Untersuchung des Verbalsystems der beiden Sprachen (Tempus und Aspekt), Tübingen: Niemeyer. Johannes Kabatek; Tilbert D. Stegmann Fußnoten
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Quelle: Kabatek, Johannes; Stegmann, Tilbert D.: "Brigitte Schlieben-Lange (1943-2000)." In: Zeitschrift für Katalanistik 14 (2001): 7-14. (gbb, ks, mk) |
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Zeitschrift für Romanische Philologie (2001) Nachruf Prof. Dr. Brigitte Schlieben-Lange
(Peter Koch, Tübingen) Nach einem Jahr schwerer Krankheit verstarb am 14.9.2000 die romanistische Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange noch vor Vollendung ihres 57. Lebensjahres. Zu ihrem 50. Geburtstag hatten Schülerinnen und Schüler ihr eine - mehr informell gemeinte - kleine Festschrift Soziolinguistik und Sprachgeschichte [1] überreicht, die durch diesen frühen Tod nun einen ganz neuen Stellenwert erhält. Brigitte Schlieben-Lange studierte in München, Aix-Marseille und Tübingen die Fächer Romanistik, Germanistik, Allgemeine Sprachwissenschaft und Philosophie. Nach dem Staatsexamen und der Promotion bei Eugenio Coseriu in Tübingen (1970) wurde sie wissenschaftliche Assistentin am Romanischen Seminar in Freiburg/Breisgau. Bereits 1974 wurde sie - sehr jung und als eine der damals sehr wenigen Professor i n n e n - auf eine C4-Stelle für Romanische Philologie und Allgemeine Sprachwissenschaft an die Universität Frankfurt/Main berufen. 1978 lehnte sie einen Ruf an die Technische Universität Berlin ab. 1991 folgte sie - als Nachfolgerin ihres dortigen Lehrers - dem Ruf auf den Lehrstuhl für Romanische Philologie (Sprachwissenschaft) an der Universität Tübingen, wo sie bis zuletzt lehrte. Während in den neunziger Jahren gewisse Partialisierungstendenzen in der deutschen Romanistik nicht zu übersehen waren, verstand sich Schlieben-Lange als 'Romanistin' im umfassenden Sinne und unterstrich immer wieder, in der Forschung, in der Lehre, in der Hochschulpolitik und im Dialog mit anderen philologischen Fächern [2], die Modernität und Ergiebigkeit des traditionell breit angelegten Fachverständnisses der Romanistik, deren mittleres Abstraktionsniveau die Sprachwissenschaftler einerseits vor nationalphilologischer und/oder monolingualer Borniertheit, andererseits vor luftigen Theoriekonstruktionen fern jeder historischen Faktenkenntnis bewahrt. Schlieben-Langes Interesse innerhalb der Romania richtete sich außer auf die drei großen Sprachen Französisch, Spanisch und Italienisch ganz besonders auch auf das Portugiesische, das Katalanische und das Okzitanische. Ihr früh erwachendes wissenschaftliches Interesse am Okzitanischen und Katalanischen offenbart sich bereits in den beiden Buchveröffentlichungen dazu (1971a und b), die hohe fachliche Anerkennung fanden und sie als eine der in Deutschland wirklich wenigen guten Kenner(innen) dieser beiden romanischen Minderheitensprachen auswiesen. Später ist sie diesem Interesse in zahlreichen wichtigen Publikationen und in der Lehre immer wieder nachgegangen. [3] Vom Katalanischen hat sie ganz besonders viele ihrer Schüler zu begeistern gewusst. Unter anderem von der Minderheitenproblematik her erschloss sich Schlieben-Lange - innerhalb der Romanistik als eine der ersten - den Bereich der Soziolinguistik, zu dem sie mit ihrem Buch Soziolinguistik von 1973 ein interdisziplinär vielbeachtetes und sehr erfolgreiches Standardwerk verfasste (eine japanische Übersetzung erschien 1990, eine spanische 1997). Das Gleiche gilt für ihre - kurz darauf folgende - grundlegende, fachübergreifend viel rezipierte Einführung in die Linguistische Pragmatik von 1975 (italienische Übersetzung 1980; spanische Übersetzung 1987) - ein Gebiet, das sie stets in enger Wechselwirkung mit der Soziolinguistik gesehen hat. [4] Der Problemkomplex Soziolinguistik/Pragmatik wurde von und mit ihr in zahlreichen weiteren Publikationen und Tagungsakten behandelt. [5] Zum anderen machte Schlieben-Lange im Rahmen des Bereiches Soziolinguistik/Pragmatik gerade auch den (alltäglichen) Kontakt und Dialog zwischen Kulturen zum wissenschaftlichen Betrachtungsgegenstand. Zu Kultur- und Kommunikationskonflikten, zum Problem der Alterität hat sie aber nicht nur zahlreiche innovative Publikationen vorgelegt [6], sondern auch von ihrer jeweiligen deutschen Universität aus bei konkreten Projekten mit dem Deutsch-Französischen Jugendwerk, mit der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung und mit ausländischen Universitäten und Städten mitgewirkt. Schlieben-Lange hat nicht nur in entscheidender Weise dazu beigetragen, Soziolinguistik und Pragmatik in der Romanistik heimisch zu machen, sondern es ist ihr umgekehrt auch gelungen, diese dominant in angelsächsischen oder germanistischen Forschungskontexten betriebenen Disziplinen durch die Sachkenntnis der Romanistin methodisch zu bereichern, indem sie die Sprachenvielfalt, die Varietätenvielfalt und das reichhaltige historische Material romanischer Sprachen in die Diskussion einbrachte (dabei ist insbesondere an die neuartigen Wege zu denken, die sie bei ihren Überlegungen zu einer historischen Pragmatik [7] geht). Auch Grenzüberschreitungen zur Literaturwissenschaft waren dabei für sie ganz selbstverständlich. [8] In dieser Perspektive ergab sich nun aber auch ein völlig neuer Zugriff auf die Sprachgeschichte, den sie in zahlreichen Publikationen, insbesondere in ihrem wegweisenden, auch von einer Anlage her ganz ungewöhnlichen Buch Traditionen des Sprechens (1983) aufgezeigt hat. Zentral sind dabei die Thematik Mündlichkeit/Schriftlichkeit, die Rückbesinnung auf Bühlers und Coserius 'Umfelder' [9] und die sprachtheoretische Konzeptualisierung einer eigenen Kategorie 'Texttradition'. [10] Schlieben-Lange hat in den genannten Bereichen zum einen maßgebliche theoretische Entwürfe geliefert; zum anderen hat sie insbesondere zur Erforschung von Prozessen der Verschriftung [11] und der Grammatisierung (Kodifizierung) [12] von Sprachen sowie zu Phänomenen der 'Semi-Oralität' [13] ganz wichtige Beiträge geleistet. Sie hat dabei sowohl die Diskussion in Deutschland an den Stand der internationalen Diskussion herangeführt als auch ihre eigenen originellen Ideen "exportiert". Insbesondere der Mündlichkeit/Schriftlichkeit-"Boom" in den achtziger Jahren wäre ohne sie nicht zu denken. [14] Ein weiteres Forschungsgebiet, auf dem Schlieben-Lange Herausragendes geleistet hat, stellte schließlich die Geschichte der Sprachreflexion dar, wobei sich der ihr zu Gebote stehende weite philosophische und sprachtheoretische Horizont bewährte. Neben der mittelalterlichen Sprach- und Grammatiktheorie und der Frühzeit der Romanischen Philologie [15] galt ihr Interesse insbesondere der Sprachpolitik zur Zeit der Französischen Revolution und der Gruppe der sogenannten Idéologues als Vertretern der Sprachreflexion der Spätaufklärung. Die beiden letztgenannten Themen vereinigten sich in ihrer Monographie Idéologie, révolution et uniformité de la langue von 1996. [16] In diesem Arbeitsbereich haben sich intensive Beziehungen und gemeinsame Publikationsprojekte mit französischen Kollegen wie insbesondere mit Auroux, Guilhaumou und Maingueneau ergeben. Wichtige Erkenntnisse über das europäische Geistesleben der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vermittelte ein in diesem Forschungskontext angesiedeltes Frankfurter DFG-Projekt, dessen Ergebnisse in vier Bänden mit dem Titel Europäische Sprachwissenschaft um 1800 (Schlieben-Lange et al. 1989-1994) mit zahlreichen ausländischen Beiträgern veröffentlicht wurden und das auch im Ausland große Beachtung gefunden hat. Ein ebenfalls in diesem Umfeld entstandenes, neueres DFG-Projekt Diskursformation. Die Grammaire Générale an den Ecoles centrales läuft noch in Tübingen. Schlieben-Langes aktuellster Forschungsschwerpunkt betraf die Geschichte des Portugiesischen in Brasilien, einen hochaktuellen, noch wenig erforschten Bereich der historischen Varietätenlinguistik. Besonders intrigierte sie hier die noch bei weitem nicht geklärte Frage, auf welche Weise genau sich die mündlichen Varietäten des heutigen brasilianischen Portugiesisch herausgebildet haben und welche Quellen uns Aufschluss über diese Prozesse verschaffen. [17] Die Beschäftigung mit dieser Thematik war eingebettet in einen intensiven Austausch mit brasilianischen Universitäten. Eine Sammlung mit brasilianischen Übersetzungen wichtiger Aufsätze von ihr ist 1993 erschienen. Ein von ihr herauszugebender Brasilien-Sammelband war in Vorbereitung. Wie schon aus dem Gesagten ersichtlich ist, genoss Brigitte Schlieben-Lange im Ausland allerhöchstes Ansehen und war eine international sehr geschätze Kooperationspartnerin, die auch zu Gastprofessuren nach Brasilien, Spanien, Italien und in die USA eingeladen wurde. Dass sie zu den führenden Geisteswissenschaftlerinnen in Deutschland gehörte, braucht nicht eigens hervorgehoben zu werden. Seit 1980 war sie Mitherausgeberin der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik, seit 1994 Mitherausgeberin der Zeitschrift für Katalanistik. 1977-81 war sie Vorsitzende des Deutschen Romanistenverbandes, 1993/94 Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Semiotik. Im Rahmen der DFG hatte sie Gutachter-Funktionen in verschiedenen Ausschüssen inne. Sie war auch Mitglied im Gründungssenat der Universität Erfurt. Eine besondere Anerkennung ihrer wissenschaftlichen Leistungen erfuhr sie 1995 durch die Aufnahme in die Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Für Brigitte Schlieben-Lange war Linguistik nicht Arbeit, sondern reines Vergnügen. [18] Nur dies vermag die außerordentliche Kreativität ihres sprachwissenschaftlichen Denkens erklären. Bestechend war ihre Fähigkeit, über scheinbar einfache Fragen Innovationen in Gang zu setzen. Unbegrenzt schien ihre Arbeitskraft, und unglaublich - beinahe schon beängstigend - vielfältig waren ihrer Tätigkeitsfelder: als leidenschaftliche Forscherin und als mitreißende Lehrerin, aber auch als richtungweisende Wissenschaftorganisatorin und als Hochschulpolitikerin. Selbst vierfache, engagierte Mutter, setzte sie sich neben vielem anderen gerade für die Belange von Wissenschaftlerinnen in ihrer besonderen Arbeitssituation ein. [19] Dass man aus seiner Zeit mehr macht, wenn man sie, wie viele Frauen im Wissenschaftsbetrieb, ökonomisch einsetzen muss, war ihre feste Überzeugung. Brigitte Schlieben-Lange war, unbeschadet ihres extremen Arbeitseinsatzes, - und das kann der Autor dieser Zeilen als ihr unmittelbarer Kollege in den letzten (leider nur) vier Jahren wirklich beurteilen - ein ganz außergewöhnlich herzlicher und lebensfroher Mensch. Der Verlust für ihre Kollegen und Schüler, für die ganze Universität Tübingen, für die Romanistik, für die Geisteswissenschaft in Deutschland ist unermesslich.
Fußnoten
Auswahlbibliographie
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Quelle: Koch, Peter: "Nachruf Prof. Dr. Brigitte Schlieben-Lange." In: Zeitschrift für Romanische Philologie 117/4 (2001): 724-731. (Schriftbild leicht modifiziert) (cm, gbb) Unser Dank geht an Herrn Prof. Dr. Peter Koch (Tübingen), der uns freundlicherweise seinen Text zur Verfügung gestellt hat. |
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Förderprogramm Das Schlieben-Lange-Programm ist ein Förderprogramm des Landes Baden-Württemberg für Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kind. Finanziert wird es vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) sowie vom Europäischen Sozialfonds (ESF). Noch immer sinkt der Anteil von Frauen in der Wissenschaft mit steigender Qualifikationsebene. Das Programm unter dem Motto "Wo ein Kind ist, ist auch ein Weg" setzt sich daher zum Ziel, Frauen mit Kind die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie zu ermöglichen. Professor Dr. Frankenberg, Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst des Landes Baden-Württemberg erklärt: Wir möchten Möglichkeiten schaffen, dass die Entscheidung für die Wissenschaft keine Entscheidung gegen die Familie wird. Die Entscheidung der Frauen sollte für den Aufstieg in der Wissenschaft und damit gegen den Ausstieg getroffen werden. Um diesen Weg gehen zu können, wurde das "Schlieben-Lange-Programm" entwickelt, das exzellenten Wissenschaftlerinnen mit Kind die Möglichkeit gibt, ihre wissenschaftliche Qualifikation nicht unterbrechen zu müssen. Das Programm besteht in der zweijährigen Förderung von Promotionen, Habilitationen und künstlerischen Qualifikationsarbeiten. Die Fördermittel können für Lebensunterhalt, Kinderbetreuung, Forschungsprojekte, Sachkosten, Reisekosten oder wissenschaftliche Hilfskräfte verwendet werden. Förderlinie A richtet sich an Frauen mit Kind (oder die ein Kind erwarten)
Die Förderung soll dazu dienen, "eine Unterbrechung der wissenschaftlichen oder künstlerischen Qualifikation zu verhindern". Förderlinie B richtet sich an Frauen mit Kind
Die Förderung soll dazu dienen, "den Wiedereinstieg in eine wissenschaftliche oder künstlerische Weiterqualifikation, die familienbedingt unterbrochen wurde, zu ermöglichen". Förderlinie C richtet sich an Frauen mit Kind
Die Förderung soll dazu dienen, "eine Promotion berufsbegleitend durchzuführen", danach die Möglichkeit zu haben, eine Fachhochschul- oder Berufsakademieprofessur zu erlangen. Brigitte Schlieben-Lange wurde als Namensgeberin für dieses Programm gewählt, weil sie nicht nur eine renommierte und außergewöhnliche Wissenschaftlerin, sondern zugleich auch Mutter von vier Kindern war. Zudem setzte sie sich, vor allem in ihrer Zeit als Professorin für romanische Sprachwissenschaft an der Universität Tübingen (1991-2000), wo sie von 1994 bis 1996 auch Frauenbeauftragte war, für die Belange der Wissenschaftlerinnen ein. |
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Quelle: "'Wo ein Kind ist, ist auch ein Weg'. Schlieben-Lange-Programm. Förderung für Nachwuchswissenschaftlerinnen mit Kind." Broschüre vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst (MWK) und dem Europäischen Sozialfonds (ESF). [Link] (gbb, ks, mk, bh) |
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Preis Entstehung Der Brigitte-Schlieben-Lange Preis wurde vom Vorstand des Katalanistenverbands nach dem Vorbild des Georg-Rudolf-Lind-Förderpreises für Lusitanistik ins Leben gerufen. Er wird aus den Mitgliedsbeiträgen des DKV finanziert. Mit dem Preis soll nicht nur die Katalanistik in Deutschland gefördert, sondern auch Brigitte-Schlieben-Lange als Katalanistin gedacht werden. Brigitte Schlieben-Lange war nach der ersten Generation um Rudolf Brummer und Heinrich Bihler gemeinsam mit Georg Kremnitz und Tilbert Stegmann eine führende Figur der Zweiten Generation der deutschsprachigen Katalanisten.
"Brigitte-Schlieben-Lange"-Preis für Katalanistik des DKV 1. Ausschreibung (2002) Der Deutsche Katalanistenverband e.V. schreibt für 2002 zum ersten Mal einen Preis für eine auszeichnungswürdige Qualifikationsarbeit zur Katalanistik aus, der im Gedenken an die bedeutende katalanistische Sprachwissenschaftlerin Brigitte Schlieben-Lange benannt ist und durch welchen herausragende Studienleistungen junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler honoriert werden sollen. Der Brigitte-Schlieben-Lange-Preis ist mit 500 Euro dotiert und wird für eine Staatsexamens-, Magister- oder Diplomarbeit vergeben, die bisher unveröffentlicht ist, an einer Hochschule des deutschsprachigen Raums eingereicht worden ist und sich mit einem Thema aus der Katalanistik (oder unter komparatistischem Einbezug katalanischer Sprache und Kultur) befasst. Dissertationen und Habilitationsschriften können nicht vorgeschlagen werden. Das Thema der zu prämierenden Arbeit muss den Forschungsschwerpunkten Brigitte Schlieben-Langes zuzurechnen sein, zu denen u.a. die Soziolinguistik, die deskriptive Linguistik, die Minderheitenforschung, die Sprachphilosophie und die Erforschung der Gattungs- und Diskurstraditionen zählten. Vorschlagsberechtigt sind die betreuenden Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer; auch Selbstvorschläge der Verfasserinnen und Verfasser sind zulässig. Für die 1. Ausschreibung des Brigitte-Schlieben-Lange-Preises für Katalanistik kommen Arbeiten in Betracht, die zwischen dem 1.1.2000 und dem 31.12.2001 angenommen worden sind. Zur Bewerbung sind einzureichen:
Über die Vergabe des Preises entscheidet der Vorstand des Deutschen Katalanistenverbands e.V., wobei externe Gutachter hinzugezogen werden können. Bewerbungsschluss für die erste Vergabe des Brigitte-Schlieben-Lange-Preises für Katalanistik ist der 26. Mai 2002 (Datum des Poststempels). Die Entscheidung über die Vergabe wird den Bewerbern bis Ende September 2002 mitgeteilt. Mit dem Preis ist eine bis Ende 2003 kostenfreie Mitgliedschaft im Deutschen Katalanistenverband e.V. verbunden. Bewerbungen sind (per Post) zu richten an: Geschäftsstelle des Deutschen Katalanistenverbands e.V., Westfälische Wilhelms-Universität Münster, Romanisches Seminar, Bispinghof 3A. D-48143 Münster. Informationen im Internet unter www.katalanistik.de/premis.htm. Der Vorstand
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Quelle:
"'Brigitte-Schlieben-Lange'-Preis für Katalanistik des DKV. 1. Ausschreibung (2002)." In: Mitteilungen des Deutschen Katalanistenverbandes 41 (2002): 23f. |
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Festschrift Berkenbusch, Gabriele; Bierbach, Christine (Hrsg.): Soziolinguistik und Sprachgeschichte: Querverbindungen. Tübingen, Narr, 1994. |
| Brigitte Schlieben–Lange: Dokumente |
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